Die Türkei ist ein Kelim
Eindrücke von einer Türkeireise
Die Türkei ist so bunt, so einladend, so verschlüsselt, so archaisch, so modern, so lebendig und so kostbar wie ihre Webteppiche, die Kelims.
10.000 Jahre menschliche Siedlungsgeschichte
Ich stehe auf dem Hügel von Catal Hüyük, ungefähr 80 km südöstlich von Konya, und sehe in die Ausgrabungen hinunter. Tief haben sich die Archäologen in die übereinander liegenden Siedlungsschichten gegraben. Für einen Laien ergeben die kniehohen Mauern kein rechtes Bild, aber die Vorstellung, auf den Resten von 10.000 Jahren menschlicher Geschichte zu stehen, verursacht ein Kribbeln in den Fußsohlen. Erstaunlich ist, dass diese Ansiedlung von mehreren tausend Menschen kein Machtzentrum hatte, keine Burg, keinen Tempel und auch keinen außerhalb gelegenen Friedhof. Die Toten wurden den Geiern vorgeworfen und die Skelette dann im Boden der Häuser begraben. Verteidigungsmauern scheinen ebenso zu fehlen. (Catal Hüyük wurde 1958 entdeckt. Nach einer längeren Pause wurden die Grabungsarbeiten erst in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder aufgenommen.)
Die Häuser waren ineinander verschachtelt; man stieg über das Dach ein. Im Inneren fanden die Ausgräber derart viele Hinweise auf die Große Göttin, dass Catal Hüyük zu einem Mekka der Matriarchatsforschung wurde. Wandmalereien in roter, Lebenskraft evozierender Farbe. Ihr bekanntestes Abbild, heute im Museum für Anatolische Zivilisationen in Ankara, stellt sie als Herrin der (wilden) Tiere dar: Eine kleine Tonfigurine zeigt eine voluminöse, sitzende Frauengestalt, flankiert von zwei Panthern.
Die Symbolik des Kelims
Kelims werden von Frauen ohne Vorlage gewebt. Sie weben ihre Gedanken und Gefühle, ihre Traditionen und außergewöhnlichen Ereignisse hinein. Kelims lassen sich lesen wie Bücher. Wenn man lesen kann. Die Symbolik des Kelims folgt, wie jede Symbolik, dem Grundsatz der Entsprechung: wie oben, so unten. Allerdings ist ein Kelim als Ganzes mehr als die Summe seiner einzelnen Symbole.
Deshalb gibt es mehrere Lesarten: Die ineinander greifende Dekoration, die gleichsam in Bewegung zu geraten scheint, je nachdem, ob das Auge des Betrachters das Muster oder den Grund fixiert, zeigt den Glauben der Muslime an die Einheit in der Vielfalt und an die verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit. Ein liegendes S - das ist von dem Glück verheißenden chinesischen Drachen übrig geblieben, der über ganz Asien geflogen kam, um sich als magisches Schutzzeichen in den Webereien der Frauen niederzulassen.
Der Lebensbaum, oft mit Vögeln im Geäst, stammt noch aus den Zeiten, als die Turkvölker schamanistischen Religionen anhingen. Die Große Mutter, mächtige Göttin von alters her und in Anatolien seit dem Anfang der Zeiten heimisch, tritt uns jetzt auf den Kelims entgegen. Das Flügelmotiv verweist ebenfalls auf sie, vielleicht in ihrer Rolle als Totengöttin. Das männliche Prinzip, symbolisiert durch Widderhörner, darf auch nicht fehlen. Alles in stilisierter Form, erzwungen durch die Webtechnik einerseits und das islamische Bilderverbot andererseits.
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Oben Figurinen aus Catal Hüyük
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Unten Kelimmuster: Symbol der Großen Göttin mit in die Seite gestemmten Armen
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Weben als Sinnbild für das Schicksal
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Frauen weben ihre Geschichte in die Teppiche.
Hoher Besuch im Dorf, die Geburt eines Stammhalters, ein Todesfall: Die Weberin vermerkt das Vorkommnis wahrscheinlich durch irgendein Zeichen in dem Kelim, an dem sie gerade arbeitet. Dorf- und Nomadenkelims waren in erster Linie dazu bestimmt, in der Familie zu bleiben. Sie machten einen Großteil der Mitgift eines Mädchens aus. Hier konnte sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und damit der Familie Ehre machen.
Die Frauen haben das Muster im Kopf oder besser gesagt: im Bauch. Ihre Arbeit erfolgt aus einem intuitiven Wissen um Komposition und Farbgebung, darf aber andererseits die technischen Gegebenheiten nicht außer Acht lassen: Die Länge der Kettfäden zeigt die maximale Länge des Kelims an, und dem muss die Weberin dann ihr Muster anpassen. Sie arbeitet von links und sieht nur die ‚schlechte' Seite. Sie sitzt auf dem Boden vor einem einfachen Webstuhl, vor sich ein Gewirr von Kettfäden und Woll-‚fingern' in verschiedenen Farben (Knäuel würden sich wesentlich schlechter durch die Kettfäden führen lassen), die sie mit einer Geschwindigkeit, der das ungeübte Auge nur schwer folgen kann, teilt und ineinander verwebt. Und auf der Vorderseite, der Schauseite, entstehen währenddessen Muster von hoher Komplexität.
Kein Wunder, dass Weben immer als Sinnbild für das Schicksal verstanden wurde.
Das Paradies der Männer und das der Frauen
Ein anatolisches Dorf. Ringsum von der Sonne verbrannte, vegetationslose Hügelketten. Sie sind von Höhlen durchlöchert, die heute vor allem als Vorratskammern genutzt werden. Frauen in weiten Hosen und tief in die Stirn gezogenen Kopftüchern führen beladene Esel durchs Dorf. Männer reiten vorbei.
Durch eine offen stehende Tür sehen wir eine Frau am Webstuhl. Wir schauen ihr eine Weile über die Schulter. Sie drückt die Kettfäden auseinander, schiebt den farbigen Wollfinger hindurch, klopft den Schussfaden mit dem Webkamm fest. Und so fort. Die Frau begrüßt uns mit einem breiten Lächeln. Wir sollen doch Tee bei ihr trinken... Über eine Art Hühnerleiter steigen wir auf eine hölzerne Plattform, von der aus man ihre Wohnung betritt: eine Küche und ein Raum, der Schlafraum und gute Stube zugleich ist. Wir ziehen die Schuhe aus und setzen uns auf den mit Teppichen und Kissen ausgelegten Boden. Auf einem Tischchen in der Ecke stehen Telefon, CD-Spieler und ein Fernsehapparat, alles Zeugen der Tüchtigkeit von Sevgim, unserer Gastgeberin.
Während das Teewasser kocht, stellt sie einen Korb voll Walnüsse vor uns hin mit einem schweren Eisenklopfer als Nussknacker. Durch das Fenster kann ich ins Tal sehen. Dort ist es grün, ein kleiner Bach fließt unsichtbar durch die von ihm geschaffene Oase. Ich fühle mich wohl und keineswegs als Eindringling. Sevgim kommt mit einem Tee aus wild wachsendem Salbei.
Wir fragen, ob sie verheiratet sei. Nein, lacht sie, das hat nicht geklappt. An der Wand hängt ein Foto von ihr. Darauf trägt sie Tracht und lacht auch hier ihr freies, selbstbewusstes Lachen. Hat sich kein Mann in dieses Lachen verliebt? Oder lag es daran, dass viele Männer in der Stadt Arbeit suchen, und dass es für die Frauen im Dorf dann einfach nicht mehr genügend Männer gibt? Oder wollte sie vielleicht gar nicht unbedingt heiraten?
Als man einmal einen Mann fragte, wie er sich das Paradies vorstelle, fielen ihm nicht nur die verführerischen Huris ein, die jedem Gläubigen immer jungfräulich zur Verfügung stehen, sondern auch die neuesten Automodelle. Die Frauen, ebenfalls nach ihrer Vorstellung vom Paradies befragt, antworteten trocken: ohne Männer.
Kelim mit Widderhorn-Motiv. Aus zwei Teilen zusammengesetzt.
Besuch bei Nomaden
Kelims sind Nomadenteppiche. Ursprünglich - und bei wertvollen Stücken jetzt wieder - sind sie mit Pflanzenfarben gefärbt. Wurzelfarben, wie man hier sagt, haben je nach Standort und Mineralgehalt des Bodens unterschiedliche Farbintensität und entsprechend kann innerhalb eines Stücks die Farbe variieren. Webteppiche sind verhältnismäßig schmal, denn die Webstühle der Nomaden mussten ja transportiert werden. Wollte man ein breiteres Stück, wurden zwei oder drei Teile zusammengenäht. Oft passten sie in der Länge nicht ganz genau, manchmal stimmten die Muster nicht überein. Früher galt so etwas als Zeichen einer inferioren Kultur, gerade gut genug als Packmaterial für die als viel wertvoller geltenden, einer städtischen oder höfischen Kultur entstammenden Knüpfteppiche, unsere ‚Perserteppiche'. So jedenfalls wurde das im Westen gesehen - ein Paradebeispiel für kulturbedingte Missverständnisse.
Yanni Petsopoulos weist darauf hin, dass sich im Osten die Umhüllung immer dem Inhalt angepasst hat. So wurden kostbare Seiden als Einschlagtücher für Koranexemplare verwendet, und wer würde behaupten, dass es sich hierbei um bloßes ‚Verpackungsmaterial' handelte?
Die Wertschätzung der Flachgewebe hat sich mittlerweile geändert, wenn auch den Kelims immer noch das Flair ihrer nomadischen Herkunft anhaftet. Vollzeit-Nomaden gibt es in der Türkei nur noch sehr wenige. Das Osmanische Reich hatte bereits im 19. Jh. drastische Versuche unternommen, die Yörüken oder Türkmenen, wie sie in der Türkei genannt werden, sesshaft zu machen.
Heute gibt es noch zahlreiche Halbnomaden, die, wie die Familien, die wir in den Taurusbergen besuchten, während der Wintermonate Erdnussbauern in der Küstengegend sind und von Mai bis Oktober mit ihren Tieren in die Berge ziehen und in Höhlen leben. In Höhlen? Leben? Heute noch? Ja - aber mit Handy! Bis vor kurzem waren sie in dieser Einöde schwer zu finden. Von der ganz neuen, noch nicht geteerten Straße, die jetzt praktisch an ihrer Haustüre vorbeiführt, steigt man nun eine Böschung hinauf und findet dort, unterhalb der Granitkuppe, die wie ein Dach auf dem Hügel sitzt, eine natürliche Höhle neben der anderen, fast wie ein Reihenhaus neben dem anderen.
In jeder Höhle wohnt eine Großfamilie. Der Boden ist mit Kelims oder Filzteppichen ausgelegt. Die Bettdecken sind tagsüber in einer Ecke gestapelt und von einer Art Quilt aus Stoffresten bedeckt. Wenn Gäste kommen, werden ein paar Decken als Sitzgelegenheiten ausgerollt. Selbstverständlich ziehen wir uns auch hier die Schuhe aus. Wir bekommen Wassermelonen und ungeröstete Erdnüsse, die ein bisschen wie frische Saubohnen schmecken.
Gleich kommen wir ins Gespräch. Der Patriarch der Familie fühlt sich nicht wohl, er hat seit ein paar Tagen Fieber. Ob wir Medizin für ihn hätten? Wir lassen ein paar Aspirintabletten da. "Gefällt euch die Straße?", fragen wir. Da sind die Meinungen geteilt. Es gäbe zwar viel Lärm und Dreck, aber andererseits müssten sie ihren Hausrat beim jährlichen Ein- und Auszug jetzt nicht mehr so weit tragen. In einer Ecke steht ein Sack aus Kelimgewebe, der uns sofort auffällt. Wir möchten ihn näher betrachten. Ein schönes Stück für einen wertvollen Inhalt, Festtagskleidung zum Beispiel. Ein Sack für Getreide würde einfacher ausfallen. Alles, was Nomaden unterbringen oder transportieren müssen, wird in Säcke gefüllt, Säcke, die sie selbst weben und je nach Geschmack mit Bändern und Quasten verzieren.
Auch hier steht ein Webstuhl, wo eine junge Frau an einem Teppich mit einem sehr komplexen Muster arbeitet. Manchmal setzt sich ihre Tochter davor und passt auf, dass sich kein Fehler einschleicht. "Was für ein schönes Tuch du hast!", sagt ein Mädchen und zupft an meinem Kopftuch, das ich zu diesem Zweck aufgesetzt habe. Ich binde es los und gebe es ihr als Dank für die Gastfreundschaft.
Die Rolle der Männer
Kelims sind Ausdruck des Könnens und der Kreativität von Frauen. Die vielen Arbeiten rund um das gute Stück aber werden von Männern ausgeführt. Der Schäfer sucht für seine Tiere die besten Weideplätze aus, wovon wiederum die Qualität der Wolle abhängt. In großen Trommeln wird sie von Schmutz und Kletten gereinigt.
Das aufwändige Färben erinnert an alchemistische Prozeduren: Krapp ergibt Rot, Indigo Blau, Walnuss Braun, Stroh ein zartes und der teure Safran ein goldenes Gelb. Die fertigen Teppiche schließlich werden ‚abgefackelt' (alle herausstehenden Fädchen werden abgebrannt), mit viel Wasser und Seife gewaschen und dann einige Zeit an der Sonne getrocknet.
Wenn alte Stücke reparaturbedürftig sind, geben ihnen flinke Männerhände ihre Unversehrtheit wieder. Und nicht zuletzt werden Kelims von Männern gekauft und verkauft: Bitte treten Sie näher. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten? Nehmen Sie Platz. Sehen Sie nur, welch schönes Stück! Dieses unregelmäßige Muster macht ihn besonders lebendig. Man sieht ihm an, dass er aus der Verbindung zweier Kulturen entstanden ist, der sesshaften Einwohner und den zugezogenen Nomaden.
In jedem Kelim steckt ein Stück der Türkei und seiner Geschichte.
Lesetipps:
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Romane von Yasar Kemal, besonders ‚Das Lied der tausend Stiere', das den Überlebenskampf eines Nomadenstammes beschreibt (dtv-TB 10377)
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Yanni Petsopoulos, Der Kelim. München, Prestel 1980
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Zu Catal Hüyük verweise ich auf das Internet, besonders auf den Artikel von Gabi Uhlmann (http://gabi-catal.de), aus dem die Abbildungen sind.
Diese Reise wurde von www.reiselust-mucke.de durchgeführt.
Autorin: Sabina Jarosch
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 99)
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