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DIE ROSE
In der abendländischen Kultur ist die Rose als die schönste und edelste von allen der Inbegriff oder Archetyp der Blume an sich. Mit ihrer Blüte und ihrem süßen Duft assoziieren wir Schönheit, Wonne, Seligkeit und die Liebe, mit ihren Dornen (als Antithese dazu) den Schmerz, das Liebesleid, auch das Blut. Als Heckenrose verkörpert sie zarte Natürlichkeit, als Edelrose ist sie dagegen Ausdruck höchster Eleganz. Die Rose steht einerseits für das Leben selbst, sie ist quasi das "blühende Leben", stark und kraftvoll, andererseits ist sie auch fein und sehr verletzlich. In der Literatur, im Gesang, in der Malerei und in den Fensterrosen der Dome wird ihre Schönheit tausendfach beschworen, besonders eindrucksvoll auch in der Dichtkunst Arabiens, wo sie auch herstammt. Als höchstes Zeichen der Liebe und der Wertschätzung schenken wir Rosen: den Umworbenen, den Verehrten, den Geliebten, und unseren Lehrern zum Zeichen unserer Dankbarkeit.
Aus Griechenland bekannt ist der Mythos vom Tod des Adonis, des schönen Gefährten der Aphrodite, aus dessen Blut die ersten Rosen entsprossen sein sollen. Hier wurden sie zum Symbol der über den Tod hinaus reichenden Liebe und der Wiedergeburt. Die rote Rose finden wir im Christentum auch im Zusammenhang mit dem Blut des gekreuzigten Christus und als Zeichen der himmlischen Liebe.
Im antiken Rom feierten die Menschen im Juni das Rosenfest "Rosalia" zu Ehren der Liebesgöttin und ihrer Blume, und ebenso bei den rauschenden Festen des Dionysos bekränzte man sich mit Rosen.
Sowohl im antiken Griechenland als auch in Rom war die Rose das Attribut von Aphrodite/Venus, der Göttin der Liebe, Schönheit, Fruchtbarkeit und Mutterschaft. Später ging dieses Attribut auf die christliche Mutter Maria über. Marias jungfräulicher Aspekt wird in der Kunst dargestellt durch die weiße Rose; als Mutter und Himmelskönigin ist sie umgeben von roten Rosen. Maria wird auch gelegentlich als mystische Rose bezeichnet und in der mittelalterlichen Malerei in einem verschlossenen Rosengärtlein dargestellt, ein Hinweis auf ihre Jungfräulichkeit. Bei den großen dreifachen Göttinnen der Matriarchatskulturen steht Weiß für die Farbe der Jugend und des Werdens, Rot für die Farbe der Fruchtbarkeit und Fülle, für die reife erotische Liebe. Die dritte Farbe in diesem Zusammenhang, Schwarz (als die Farbe des Vergehens und der Vorbereitung auf eine neue Wiederkehr) wird hier ersetzt durch Weiß; so gilt die weiße Rose in vielen Sagen und Legenden als Symbol des Todes und der Trauer. Die weiße Rose ist auch ein verschlüsseltes Zeichen für Entsagung, wenn der erotische (rote) Aspekt einer Liebe nicht gelebt werden kann.
Das Tragen von "Rosenkränzlein" war im Mittelalter nur Jungfrauen gestattet, und daher rührt wohl die modernere Version des Brautkranzes aus weißen Rosen und des weißen Kranzes bei der Erstkommunion. Im Gegensatz dazu finden wir in den westlichen Kulturen überall auch die Blume des Blühens und Gedeihens: die rote Rose, eingewebt und eingestickt in alte Trachten, in Festgewänder, Tischdecken und Wäsche, sowie gemalt auf Wiegen, Truhen und Schränke. Ebenso tragen alle Karten des mittelalterlichen Tarotdecks, die mit Frohsinn, Harmonie, Verheißung, Fülle und Erfüllung zu tun haben, das Attribut der roten Rose.
Die mittelalterliche Alchemie benutzte ebenfalls die rote und die weiße Rose, nämlich als Symbole der Urprinzipien Sulfur und Mercurius. Rosen mit sieben Schichten von Blütenblättern waren speziell den sieben Metallen und den ihnen entsprechenden Planeten zugeordnet. Die Geheimbruderschaft der Rosenkreuzer in der Renaissance verwendeten als Emblem die fünfblättrige Rose, verbunden mit einem Kreuz, als Zeichen für die Vereinigung des weiblichen und des männlichen Prinzips.
Genau wie die Rosenblüte weist auch die Apfelblüte fünf Blütenblätter auf, beide werden oft als Sinnbild der Jungfräulichkeit verwendet. Bereits in vorchristlichen Zeiten stellten die Menschen einen Bezug her zwischen diesen Blüten und dem fünfzackigen Pentagramm, das Leben oder Gesundheit bedeutete und das man als schützendes oder heilendes Symbol trug.
Zahlreiche Adelsgeschlechter verwenden die Königin der Blumen in stilisierter Form in ihrem Wappen. Bekanntestes Beispiel aus dem englischen Hochadel sind die weiße Rose der Familie York und die rote Rose aus dem Hause Lancaster. Die Tudor-Rose kombiniert beide. Bei orientalischen Teppichen heißt ein immer wiederkehrendes stilisiertes Emblem "gül" (Rose), und im Türkischen wird man verabschiedet mit dem Gruß "güle güle" (in etwa: Rosen auf deinen Weg...").
Mit einer Rose holen wir uns eines der schönsten Wunder der Natur ins Haus; in ihr können wir den Schöpfergeist ehren, die Naturkräfte, die sie gestalten, und die Blumenelfen, die sie bewohnen. Vielleicht verschenken wir sie spontan an einen lieben Menschen, einfach nur so... Wir können uns aber auch einmal selbst einen Arm voll Rosen schenken, um uns selbst als Ausdruck der Schöpfung und des Lebens zu feiern.
Autorin: Rotraud Plattner
Lit.: Knaurs Lexikon der Symbole, 1989, Lingen Lexikon, 1976/77
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