Junge Menschen, Kinder des 21. und späten 20. Jahrhunderts,
mögen mit freundlichen und liebenswerten Drachenfiguren aus der Fantasywelt
aufgewachsen sein, doch das war nicht immer so...
In den alten Märchen, Mythen, Legenden des Ostens und des
Westens, ja selbst in heiligen Schriften „wimmelt" es geradezu von sagenhaften,
gefährlichen Ungeheuern - Fabelwesen mit Schlangenleib, Löwenkopf,
Adlerklauen,Fledermausflügeln,
zweifüßig, vierfüßig, kriechend, schwimmend, fliegend, feuerspeiend...
Der Drache gilt hier als Sinnbild des Bösen schlechthin.
Wild und unberechenbar, Furcht erregend, bedrohlich und hässlich, bringt er alle
Übel, Krieg und Hungersnot, tötet mit Klauen und Zähnen, bedroht mit seinem
Pesthauch menschliche Ansiedlungen, ja ganze Landstriche. In zahlreichen
Geschichten bewacht er die entführte Prinzessin, die geopferte Jungfrau - oder auch
einen Schatz - und muss in einem gefährlichen Kampf überwältigt und getötet
werden. Das Bad im Drachenblut soll den Helden unverwundbar und das Verzehren
des Drachenherzens unbesiegbar machen
Der Kampf mit dem Ungeheuer ist das bestimmende Motiv in den
Drachenmythen Europas und des Nahen Ostens. In alten Zeiten treten als
Drachentöter neben den großen Helden sogar Götter auf- sumerische
und babylonische Götter, wie Marduk, der Gegenspieler der Meeresgöttin Tiamat,
später auch Jahwe. Der heroische Kampf setzt sich in mittelalterlichen
Heldensagen und im Ritterroman fort. Ein bekanntes Beispiel ist der Sieg des
Nibelungenhelden Siegfried über den Lindwurm-Drachen. Der christlich-legendäre
Drachenkampf entstammt der biblischen Tradition und schildert die
Auseinandersetzung der Heiligen mit dem Bösen. Der Drache dient dabei als
Allegorie, er ist Satan, der gestürzte Luzifer. Gegen ihn kämpft der Erzengel
Michael mit dem Schwert, Sankt Georg, der Ritter, mit der Lanze, und die
Heilige Margareta führt ihn mit ihrem Gürtel fort. Im Volksglauben, in Märchen
und Sagen, wird das bedrohliche Untier auch manchmal einfach nur überlistet,
vergiftet, verzaubert, oft auch mit dem Kreuzzeichen oder einem Gebet verscheucht.
Schon vor mehr als 4000 Jahren erscheinen Drachenkämpfe auf
Rollsiegeln in Mesopotamien, und der biblische Drachenmythos entwickelt die
orientalischen Vorbilder noch weiter. In den Bildern der Apokalypse wird der
Drache, Leviathan, endgültig zum personifizierten Bösen und wird nach seinem
Sturz vom Himmel für alle Gewalt verantwortlich gemacht. Seine Vernichtung wird
erst am Ende der Welt stattfinden. In der nordischen Mythologie, der Weltuntergangsschilderung
der Edda, lebt der Drache Nidhöggr im
Reich des ewigen Eises und nagt unablässig an einer Wurzel des Weltenbaumes
Yggdrasil.
Doch nicht nur Weltuntergang, auch Weltschöpfung ist mit dem
Drachen verbunden. In diesen Mythen ist der Drache Sinnbild für das
ursprüngliche Chaos, ein feindliches und verschlingendes Ungeheuer, das getötet
werden muss, damit die Welt bzw. Weltordnung überhaupt entstehen oder
weiterbestehen kann.
Inder europäischen
Geschichte hat das Abbild des Drachen immer wieder als Abschreckung und
gleichzeitig als Herrschaftssymbol gedient; es findet sich auf römischen
Heeresstandarten wie auf mittelalterlichen Fahnen, Wappen, Schildern, Helmen,
und heute noch auf der Nationalflagge von Wales - denn gleichzeitig steht der
Drache ja auch für Stärke, Klugheit und Wachsamkeit.
In Ostasien gilt er als überwiegend wohltätiges Wesen, ist verbunden
mit Brunnen und Quellen, mit dem fruchtbringenden Regenwasser, jedoch auch mit
Überflutungen. In China ist der Drache sogar das Nationalsymbol, das
kaiserliche Wappentier. Als Glücksbringer gilt dort der viel verehrte
klassischeDrache Long; auch ist das
chinesische Tierkreiszeichen „Drache" sehr beliebt. Die Drachen aus japanischen
und koreanischen Mythen verfügen oft über die Fähigkeit zur Verwandlung in
menschliche Wesen. So führten ursprünglich der japanische Tenno und die
koreanischen Könige ihre Abstammung aufDrachenvorfahren zurück.
Und was sagen moderne europäische Deutungen des 19. und 20.
Jahrhunderts über das Drachen- Phänomen? Manche Mythenforscher sehen im Sieg
über den Drachen einen Zusammenhang mit dem Mond. Die „Vernichtung" des Mondes
bei Neumond und sein Wiedererscheinen spiegelt sich im Drachenmythos wider,
ebenso der Widerstreit der Naturkräfte in den Jahreszeiten. Das Licht siegt
über die Dunkelheit, das Leben der Natur über den Tod. Mircea Eliade dagegen
erkennt eine Parallele zu den Initiationsriten: der Held muss den Drachen
besiegen, ebenso wie der Initiand eine Prüfung an der Schwelle eines neuen Lebenszyklus
zu bestehen hat.
Psychoanalytische Deutungen sehen im Drachen eine
Verkörperung der feindlichen Kräfte, übermächtige Bilder, Tabus, die das Selbst
an seiner Befreiung hindern. Oder es geht um den eigenen" Drachen", den jeder
in sich selbst trägt und so gerne auf die Umwelt projiziert.
Der heldenhafte Kampf mit dem Drachen könnte aber auch
bedeuten, ihn zu erlösen, indem man ihn liebevoll zähmt...
Autorin: Rotraud Plattner
Literatur:
Ditte und Giovanni Bandini: Das Drachenbuch. Marix 2005
Karl Shuker: Drachen - Mythologie, Symbolik und Geschichte.
Bechtermünz 1997
Lutz Röhrich: Drache, Drachenkampf, Drachentöter.
Enzyklopädie des Märchens. Walter de Gruyter, Berlin 1981.
Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 17. November 2009 )