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Nicht bevor du stirbst

 

In Bokhara lebte einst ein reicher und freigiebiger Mann. Da er einen hohen Rang in der verborgenen Hierarchie einnahm, war er als „Präsident der Welt" bekannt.

Jeden Tag verschenkte er an eine bestimmte Gruppe von Leuten Gold - an die Kranken, die Witwen, und so weiter.

Aber wer den Mund auftat, bekam nichts.

Nicht alle konnten den Mund halten.

Eines Tages waren die Advokaten an der Reihe, ihren Anteil am Goldsegen einzuheimsen.

Einer von ihnen konnte sich nicht enthalten, eine höchst umständliche Bittrede vorzutragen. Er bekam nicht einen Heller. Dabei ließ er es aber nun nicht bewenden.

Als am nächsten Tag die Invaliden ihre Unterstützung erhielten, schmuggelte er sich als Krüppel getarnt unter sie. Aber der „Präsident" erkannte ihn und gab ihm nichts.

Immer wieder versuchte er es von Neuem - selbst als Frau verkleidet. Aber ohne Erfolg. Schließlich wandte sich der Avokat an einen Beerdigungsunternehmer und trug ihm auf, ihn in ein Leichentuch einzuwickeln.

„Wenn dann der Präsident vorbeikommt, wird er mich für einen Toten halten und vielleicht ein paar Münzen auf mich werden, für die Beerdigung. Dann bekommst du etwas von dem Geld ab."

Und so kam es auch.

Ein Goldstück aus der Hand des Präsidenten fiel auf das Leichentuch. Der Advokat griff sofort zu, aus Angst, der Beerdigungsunternehmer könne ihm zuvorkommen.

Dann sagte er zu dem Wohltäter: „Du hast mir dein Geld verweigert. Schau, wie ich es mir dennoch geholt habe!"

„Du irrst", erwiderte der Spender, „du kannst nichts von mir bekommen, bevor du nicht stirbst ..."

Das ist die Bedeutung des geheimnisvollen Spruches: „Der Mensch muss sterben, bevor er stirbt."

Die Gabe erfolgt erst nach diesem „Tod", nicht vorher.

Und trotzdem kann ohne Hilfe dieser „Tod" nicht geschehen.

 

 

gefunden in den unendlich vielen tiefgründigen Weisheiten des Orients & Okzidents von 

Sonja Luckeneder

Letzte Aktualisierung ( Montag, 2. November 2009 )
 
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