Ein Mann fand
ein Adlerei und legte es in das Nest einer gewöhnlichen Henne. Der kleine Adler
schlüpfte mit den Küken aus und wuchs zusammen mit ihnen auf.
Sein ganzes
Leben lang benahm sich der Adler wie die Küken, weil er dachte, er sei ein
Küken aus dem Hinterhof. Er kratzte in der Erde nach Würmern und Insekten. Er
gluckte und gackerte. Und ab und zu hob er seine Flügel und flog ein Stück
genau wie die Küken. Er lebte ein zufriedenes Leben.
Doch eines
Tages sah er einen herrlichen Vogel hoch über sich im wolkenlosen Himmel.
Anmutig und hoheitsvoll schwebte dieser durch die heftigen Windströmungen, fast
ohne mit seinen kräftigen goldenen Flügeln zu schlagen.
Der junge
Adler blickte ehrfürchtig empor. „Wer ist das?" fragte er seinen Nachbarn.
„Das ist der
Adler, der König der Vögel", sagte der Nachbar. „Aber rege dich nicht auf. Du
und ich, wir sind von anderer Art."
Der junge
Adler aber wandte erneut den Blick nach oben. Eine seltsame Erregung befiel
ihn. Zuerst ganz zaghaft, dann immer aufgeregter und stärker begann er mit
seinen Flügeln zu schlagen - und dann passierte es: mit einem
markerschütternden Schrei erhob er sich in die Luft und schwebte davon.
Er ward auf
dem Hühnerhof nie mehr gesehen.
gefunden in den unendlich vielen
tiefgründigen Weisheiten des Orients & Okzidents von
Sonja
Luckeneder
Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 29. September 2009 )