In
seinem bescheidenen, einfachen Alltagsgewand war ein Mullah zu dem Fest eines
angesehenen Mitbürgers gegangen.
Um
ihn herum glänzte die schönste Garderobe aus Seide und Samt. Geringschätzig
musterten die anderen Gäste seine dürftige Kleidung.
Man
schnitt ihn, rümpfte die Nase und drängte ihn fort von den herrlichen Speisen
des kalten Büffets.
Geschwind
eilte der Mullah nach Hause, zog seinen schönsten Kaftan an und kam zurück auf
das Fest, würdiger als einer der Kalifen.
Welche
Mühe gab man sich nun um ihn! Jeder versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen
oder wenigstens eines seiner weisen Worte zu erhaschen. Es schien, als sei nun
das kalte Büffet für ihn allein gedacht. Von allen Seiten bot man ihm die
schmackhaftesten Speisen an.
Doch
was machte der Mullah? Statt sie zu essen, stopfte er sie in die weiten Ärmel
seines Kaftans. Genauso schockiert wie interessiert bestürmten ihn die anderen
mit der Frage: „O Herr, was machst du denn da? Warum isst du nicht, was wir dir
anbieten?"
Der
Mullah fütterte weiterhin seinen Kaftan und antwortete gelassen: „Ich bin ein
gerechter Mensch, und wenn wir ehrlich sind, gilt eure Gastfreundschaft nicht
mir, sondern meinem Kaftan. Und der soll nun erhalten, was er verdient."
gefunden in den unendlich vielen
tiefgründigen Weisheiten des Orients & Okzidents von
Sonja
Luckeneder
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 17. September 2009 )