Die Kunst der Magie ist ein Erbe der gesamten Menschheit,
und das gleiche gilt für die magischen Werkzeuge: Kelch und Schwert,
Scheibe/Schild und Zauberstab (sie stehen für die vier Elemente) und so manches
andere...
Der Zauberstab, mit dem Magier und Hexen, Heiler und Schamanen
arbeiten, hat seinen Ursprung im Hirten- und Wanderstab. Ein Stab - ob
Zauberstab, Heilstab oder auch das königliche Zepter - trägt die Symbolik des
Baumes und dessen männliche Aspekte in sich: das aufrechte Prinzip, das Prinzip
des Willens, die befruchtende Kraft, das Element Feuer. Auch die Farbe Rot und
die Himmelsrichtung Süden gehören zum Symbol des Stabes.
Ein Zauberstab wird beladen mit den angeborenen und
weiterentwickelten Kräften seines Besitzers. Er wird als Energiekanal benutzt,
um die eigenen Kräfte zu bündeln oder die Kräfte aus den uns umgebenden Welten
anzuziehen und weiter zu leiten - oder auch, um einen geschützten Raum zu
schaffen. Meist wird er dabei kreis- oder spiralförmig bewegt.
Mit der Natur zusammenzuarbeiten - das ist das Geheimnis der
Magie.
Seit jeher gibt es Menschen, die besondere magische
Fähigkeiten besitzen: die Macht zu heilen, Materie zu verändern, ja gar zu
manifestieren, störende oder feindliche Mächte zu bannen, beschützende und
hilfreiche Mächte herbeizurufen. Zauberstab bzw. Heilstab können dabei wie ein
„verlängerter Arm" oder auch wie ein Katalysator wirken, mit dem sie ihre
gesammelte innere Kraft und ihren Willen auf ein bestimmtes Ziel konzentrieren.
Menschen konnten - wie wir aus dem Alten Testament wissen - mit ihrem Stab aus
einem kahlen Felsen Quellen „hervorzaubern" oder einen in die Erde gesteckten
Wanderstab unmittelbar zum Einwurzeln und Austreiben bringen.
Der zum Gott erhobene Arzt der griechischen Antike, Äskulap,
besaß einen heilkräftigen Stab, dargestellt mit einer sich daran hochwindenden
Schlange. Auch der Botenstab des Gottes Hermes, der „Caduceus", von zwei Schlangen
umwunden und geflügelt, hatte Heil- und Zauberkräfte. Heute noch gelten diese
beiden Stäbe als Symbole für Heilberufe.
In Tibet, einem Land mit bedeutender Zaubertradition, gehört
ein spezieller Stab zu den wichtigsten religiösen Ritualgegenständen: das
„Diamantzepter" (ursprünglich ein Machtsymbol des alten Gottes Indra) dient als
Werkzeug, um sich mit dem Prinzip des Absoluten, mitder diamantklaren Erkenntnis und Weisheit in
Verbindung zu setzen.
Vom Zauberstab der Pharaonen und Hohepriester im Alten
Ägypten erzählt Elisabeth Haich in ihrem Buch „Die Einweihung": Nur diejenigen,
die die schwersten Prüfungen bestanden und die höchsten Einweihungen erhalten
hatten,konnten diesen sogenannten
Lebensstab mit ihren Kräften aufladen und ihn handhaben, sie konnten damit
wahre Wunder vollbringen und auch heilen. Ein solcher Stab in Form eines
Kreuzes mit einem Ring am oberen Ende war aus einer speziellen Metalllegierung
gefertigt und hatte die Macht, die höchsten schöpferischen Frequenzen zu speichern,
zu lenken, zu transformieren und auszustrahlen.
Deramerikanische
Runenmeister Edred Thorsson berichtet über das Jahrtausende alte
indogermanische System der Runenmagie und die dafür benutzten Hilfsmittel. Ein
Stab wird dazu voneinem bestimmten Baum
geschnitten, dann werden in einem rituellen Akt Runen, Zaubersprüche und
Symbole eingeschnitzt und diese dann gefärbt. Der Zauberstab kann mit den Ebenen,
in denen die uralten Runen als Archetypen leben, Kontakt aufnehmen, wird
beladen und fungiert wie ein Schlüssel zu den Runenkräften. Er verbindet die tellurischen
(irdischen) Kräfte mit den kosmischen, manchmal auch mit chtonischen
(unterirdischen) Kraftströmen. Zu diesen Zeremonien gehören - wie bei vielen
magischen Praktiken - rituelle Körperhaltungen, Zaubersprüche, Anrufungen,
Beschwörungen und Gesänge.
Oft sind Zauberstäbe kunstvoll gefertigt aus edlen Metallen,
aus besonderen Holzarten oder aus Elfenbein und verziert mit Bergkristall und
Edelsteinen. Doch wenn Hexen oder Magier sich für ihre Zeremonien in der Natur
einen „heiligen Raum" schaffen möchten, verwenden sie vielleicht einen
schlichten mannshohen, oben gegabelten Stab von einer Weide, Eberesche oder
Haselnuss. Um ihn zu beladen und zu weihen, kann man beispielsweise Zeichen und
Symbole in die Rinde schnitzen. Mit diesem Stab wird ein heiliger Kreis auf die
Erde gezeichnet, dann wird er in die Mitte gesteckt und je nach Jahreszeit oder
Jahresfest geschmückt mit Grün, Blumen, Girlanden oder einem Kranz mit Bändern.
Dazu kommen ein Licht und kleine symbolische Opfergaben für die Naturgeister
und die Tiere. Hier dient der Zauberstab als Altar, um die Große Mutter und die
alten Naturgottheiten zu ehren und mit deren hilfreichen Mächten Verbindung
aufzunehmen.
Magisch zu wirken, einen „Zauberstab zu benutzen", heißt
einen alchemistischen Prozess in Gang zu setzen durch die Kombination von
Wille, Aufmerksamkeit und Konzentration.
Und da wir alle die schöpferische „magische" Kraft in uns tragen - mehr oder weniger latent -
können wir sie auch durch geduldige Arbeit an uns selbst weiter entfalten.
Was lehren die Meister der Menschheit? Lerne deine Sinne, Gefühle
und Gedanken zu beherrschen, und natürliche magische Kräfte werdendir auf deinem Entwicklungsweg ganz von selbst
zufließen.
Autorin: Rotraud Plattner
Lit.: Elisabeth Haich: „Die Einweihung", Drei Eichen, 1994
Edred
Thorsson: „Handbuch der Runenmagie", Urania, 1992
Marian Green: „Das geheime Wissen der Hexen",
Knaur, 1996