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GesundSein: Unterscheidungskraft



Nicht alle Vögel haben einen schlechten Ruf zu Zeiten der Vogelgrippe. Zum Beispiel der schwarze Schwan. In Indien ist er das Symbol für eine sehr wichtige Eigenschaft: Der schwarze Schwan Kalahamsa kann nämlich Milch von Wasser trennen. Das heißt, er besitzt die Fähigkeit, das Wichtige vom Unwichtigen, das Gute vom Bösen und das Richtige vom Falschen zu trennen. Er versteht es, das Essentielle herauszufiltern und das Überflüssige und Unnötige beiseite zu lassen. Kurz: Er besitzt Unterscheidungskraft. Es handelt sich dabei um eine äußerst nützliche Tugend, die viel Zeit, Geld und Ärger erspart.

Zum Beispiel, wenn es gilt, den Dschungel der komplementärmedizinischen Methoden ohne allzu viel Schaden zu durchqueren. Homöopathie, TCM, Blutegeltherapie, Prana-Healing, Reiki, Osteopathie ... was ist denn nun gescheit und sinnvoll und was ist Humbug? Und wenn ich eine Methode für gut befunden habe, wie erkenne ich dann, ob der dazugehörige Therapeut etwas taugt? Genau dazu braucht es also Unterscheidungskraft. Aber wie erlange ich sie?

Die Unterscheidungskraft besteht aus zwei Zutaten: einer gehörigen Portion Wissen, gewürzt mit einer Prise Intuition.

Wissen wird durch Lernen erlangt. Das klingt nach Anstrengung und genau das ist es auch: Lernen bedeutet nicht nur lesen und zuhören, um sich das anzueignen, was kluge Leute schon vor mir herausgefunden haben. Lernen bedeutet vor allem, selbst zu denken: zu prüfen, in eigene Worte zu fassen, selbst Schlüsse zu ziehen, zu reflektieren, seine Logik zu schulen, sich in Diskussionen mit anderen zu messen, die Argumentation zu üben und und und. Da kann einem schon der Kopf schwirren. Ist es nicht schrecklich, wie sehr wir genau das verlernt haben? Längst vorbei sind die Zeiten, als man in der Philosophenschule Platons heftig über die Geheimnisse des Lebens diskutierte, während man im Park spazieren ging. Von C.G. Jung erzählt man sich, dass er Small Talk hasste und sofort ging, wenn das Gesprächsthema zu flach wurde. Wir lesen gerne schöne Bücher und genießen gut aufbereitete Wissenschaftssendungen im Fernsehen, aber nehmen wir auch regelmäßig an Gesprächsrunden teil, die unser eigenständiges und kreatives Denken schulen?

Einige wichtige Anregungen zum Thema Lernen haben wir dem großen Arzt des 15./16. Jahrhunderts, Paracelsus, zu verdanken. Er empfiehlt als wichtigstes Lehrbuch das Buch der Natur. Im Buch der Natur zu lesen heißt, seine fünf Sinne (und manchmal den 6. dazu) zu benutzen: mit Aufmerksamkeit beobachten, auch auf Details achten, Symbole, die mehr ausdrücken als das Offensichtliche, finden können, ohne Vorurteil wahrzunehmen, auch wenn es meinem bisherigen Weltbild widerspricht, Geduld, sich bei der Beobachtung nicht von den eigenen Wünschen leiten lassen, sondern innerlich frei und unabhängig vom Ergebnis meiner Forschung zu sein.

Wenn ich also wissen will, wie meine gesunde Ernährung aussehen sollte, verlasse ich mich nicht auf die neuesten Studien allein. Und schon gar nicht auf die Fernsehwerbung, die sagt, dass Fruchtzwerge für das Knochenwachstum unglaublich wichtig sind, weil sie jetzt doppelt so viel Kalzium wie Milch enthalten. Und Vitamin D dazu!

Ich schmecke und rieche, ich fühle meinen Bauch: Bin ich angenehm wohlig gesättigt, frisch und voller Energie oder bin ich nach der Mahlzeit angestopft und träge? Wie reagiert meine Haut, mein Stuhlgang? Wie ist mein Körpergeruch? Meine Stimmung?

Ein anderer Leitsatz von Paracelsus lautet: "Wer nichts liebt, der weiß nichts, und wer nichts weiß, der liebt nichts." Das Erwerben von Wissen muss mit Liebe geschehen. Mit der gesunden Neugier, wie sie Kinder noch haben. Das Leben bietet so viele Geheimnisse, die es zu entdecken gilt. Alles ist spannend: Warum ist Nitrat im Salat eigentlich schädlich? Wie funktioniert meine Schilddrüse? Was ist Cortison? Welche Wirkung hat Brennnessel-Tee und wie mache ich einen Wadenwickel?


Doch nun zum zweiten Bestandteil der Unterscheidungskraft: der Intuition.

Wissen ist von unserer eigenen Anstrengung abhängig, bei der Intuition nützt uns ehrgeiziges Streben wenig. Die Intuition kommt oder sie kommt nicht.

Wie die Inder ihr Symboltier zur Unterscheidungskraft haben, so kennt der Westen ein Märchen zu diesem Thema. Es ist das Aschenputtel, das vor die unmögliche Aufgabe gestellt wird, Linsen von Asche zu trennen: das Gute vom Bösen, das Wahre vom Falschen, das Wichtige vom Unwichtigen. Aschenputtel alleine kann diese Arbeit unmöglich alleine bewältigen. Sie braucht die Hilfe von oben in Form der Vögel. Die Tauben kommen vom Himmel herab und stecken die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Wie können wir die Tauben der Intuition vom Himmel herablocken?

Indem wir ihnen einen Raum schaffen in unserem Weltbild (es gibt viel mehr in diesem Universum, als wir ahnen), indem wir nicht jede Taube mit unserem Zweifel erschießen (was nicht sein darf, das kann auch nicht sein) und indem wir ihnen Zeit  und Ruhe widmen (so eine kleine Taube übersieht man sehr schnell, wenn man auf der Autobahn des Lebens dahinrast).

Wie ist das also mit all den verschiedenen Methoden der Medizin? Welche ist gut? Welche ist schlecht? Eigentlich vertraue ich da voll und ganz auf die Unterscheidungskraft, die jeder Einzelne mitbringt. Sollte die jedoch einmal nicht ausreichen, gibt es noch eine weitere sehr wichtige Tugend: Sie heißt Bescheidenheit und mit der zusammen kann man gut bei einer Person seines Vertrauens einfach mal nachfragen.

Autorin: Renate Knoblauch

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 105)

 

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 14. Juli 2009 )
 
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