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Mein Lehrer



Wie ich herausfand, dass der Mensch mehr als zwei Seiten hat

 

In den 80er Jahren lebte ich eine Zeitlang in Taipei, der Hauptstadt Taiwans. Meinen Lebensunterhalt finanzierte ich durch Englischunterricht. Um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, musste ich eine chinesische Sprachenschule besuchen, und jeden Morgen, bei Regen oder Sonnenschein, ging ich auf das Universitätsgelände, um Tai chi chuan zu üben.  Meine Zeit war gut ausgefüllt.


Eines Tages setzte sich ein Amerikaner mittleren Alters an meinen Tisch in einer der billigen, aber exzellenten Garküchen rund um die Universität. Natürlich kamen wir gleich ins Gespräch. Er lehrte an einer Hochschule Buddhismus - und hier muss ich ein Geständnis ablegen. Ein westlicher Mensch als Buddhist war mir damals völlig unbegreiflich. "Sind Sie ein Buddhist?", fragte ich ihn erstaunt. Und er gab mir zur Antwort: "So etwas Ähnliches."  Das war die erste Lektion.                   

Es stellte sich heraus, dass er an Sonntagnachmittagen Vorlesungen über die Geschichte des Mahayana-Buddhismus hielt. Ob ich nicht teilnehmen wollte? Später fragte ich ihn einmal, wieso er mich eingeladen hatte, da es sich ja nun wirklich um keine Party handle. Er zuckte nur mit den Schultern, sagte, einfach so, aus einer spontanen Eingebung heraus...

Nein, eine Party war es nicht gerade. Der Ort der Vorlesung, ein Nonnenkloster, lag weit außerhalb der Stadt auf halber Höhe eines Berges. Um dort hinzukommen, musste ich zwei Stunden Busfahrt in Kauf nehmen. Und dann folgten drei Stunden Vorlesung, unterbrochen nur von einer kurzen Pause. Der Sonntag war mein einziger freier Tag, aber während der ganzen Zeit meines Aufenthalts in Taipei war das mein Sonntagsvergnügen.

 

Welches Etikett hefte ich mir an?

Wie man aus dem Vorangegangenen unschwer erkennen kann, war mein Wissen über den Buddhismus damals gleich null. Nun flogen mir die Namen von Ashvagosa, Nagarjuna und Aryadeva um die Ohren, und von der Prajnaparamita-Sutra konnte ich mir lange nicht den Namen merken, geschweige denn ihre Bedeutung.

Nach der offiziellen Vorlesung setzten wir uns in ein Café und mein Lehrer nahm sich Zeit, meine Fragen zu beantworten. Um ins Tal zu gelangen, benutzten wir einen Fußweg, der durch die wilde, subtropische Vegetation des Bergabhanges führte, und kamen dabei auch an einigen taoistischen  oder konfuzianischen Tempeln vorbei. Manchmal gingen wir hinein. Wir zogen an dem Glockenseil oder schlugen den Gong, um uns den Göttern anzukündigen, verbeugten uns und zündeten Räucherstäbchen an. Und dabei erteilte mir mein Lehrer die zweite Lektion: "Siehst du, was für ein Buddhist ich bin", sagte er zu mir. "Ich verbeuge mich vor allen Göttern."


Vielleicht geht es ja anderen auch so: Ich frage mich manchmal, woher gewisse Ansichten, auch Einsichten oder Verhaltensweisen kommen, besonders wenn sie dem allgemeinen Trend zuwiderlaufen. Habe ich das irgendwo gelesen? Oder habe ich das aufgeschnappt und plappere es nur nach, weil es sich so interessant anhört? Liegt das in meinem Charakter, habe ich das vielleicht sogar selbst gedacht? War ich in einem glücklichen Augenblick eventuell so wach, eine Perle der Weisheit anzunehmen, als sie mir gereicht wurde?

Bei dieser Selbsterforschung komme ich immer wieder auf meinen ersten Lehrer in Sachen Buddhismus zurück, aber nicht etwa, weil seine Vorlesungen so spannend waren. Die gingen damals weit über meinen Horizont hinaus. Aber das, was er so nebenbei sagte, das hat sich mir eingeprägt. Das hat mich geprägt.

 

Worüber definiere ich mich?

Auf meine Frage, ob er Buddhist sei, hat er das in einer Weise bejaht, die keine Abgrenzung beinhaltete. Man merkte sofort, das ist keiner, der sich hinter seiner Wagenburg aus Überzeugungen - durchaus ehrenwerten und durchdachten Überzeugungen - verschanzt und auf jeden schießt, der sie durch eine abweichende Meinungsäußerung anzugreifen scheint.


Vergessen Sie den Buddhismus. Die eigentliche Frage lautet: Was bist du? Und was bin ich? Worüber definiere ich mich? Womit identifiziere ich mich? Mit meinem Beruf, meiner Nationalität, meiner Religion? Mit meiner Stellung in der Gesellschaft, mit den Angaben in meinem Pass, mit meiner politischen Überzeugung? Welches Etikett hefte ich mir an? In welche Schublade lasse ich mich stecken?

Und in welche Schublade stecke ich dann all die anderen, die nicht mehr in meine hineinpassen? Und begnüge ich mich wirklich mit dieser einseitigen, fadenscheinigen Definition meiner selbst? Als mein Lehrer dann noch sagte: "Siehst du, ich verbeuge mich vor allen Göttern", da habe ich nicht verstanden, aber intuitiv begriffen, dass die Menschen nicht so oder so sind, sondern so und so. Mindestens.

 

Die vier Seiten einer Medaille

Ja oder nein, weiß oder schwarz, gut oder böse, Buddhist oder Christ, Demokrat oder Terrorist. Das ist das fatale Dilemma westlicher Denkgewohnheiten. Die buddhistische Philosophie arbeitet mit einem Tetralemma: a) ja, b) nein, c) weder ja noch nein, d) sowohl ja als auch nein. Wohlgemerkt, das betrifft ein und denselben Fall und nicht etwa vier verschiedene.


Unmöglich? Unverständlich? Aber nicht doch. Nehmen Sie nur mal Ihre politischen Überzeugungen oder Ihre emotionalen Beziehungen unter die Lupe. Es sollte mich wundern, wenn Sie sich für ein uneingeschränktes Ja oder Nein entscheiden könnten oder Ihre Einstellung nicht, je nach Tagesform, fluktuiert!

Das hat natürlich jede Menge Auswirkungen. Zum einen kann man nicht guten Gewissens einen anderen Menschen für immer auf eine einmal gemachte Aussage oder Handlung festlegen, wenn man sich selbst diese fließenden Übergänge zugesteht. Zum anderen muss man auch den Mut aufbringen, die eigenen ungeahnten Möglichkeiten ins Auge zu fassen, die sich auftun, wenn die hypothetische Mauer in unseren Köpfen gefallen ist, Möglichkeiten, die die ganze Bandbreite menschlichen Handelns umfassen. Jetzt gilt es, sich zu entscheiden!


Ich habe noch viel von meinem Lehrer gelernt, aber diese beiden Lektionen haben mein Denken und damit auch mein Leben verändert. Ich schulde ihm großen Dank.


Autorin: Sabina Jarosch

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 105)

Letzte Aktualisierung ( Montag, 4. Mai 2009 )
 
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