Zärtlichkeit
Im Sommer vergangenen Jahres fuhr ich mit dem Zug nach Frankfurt, wo ich einen Freund zu sehen hoffte, den ich sehr liebte. Daher war ich hauptsächlich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt und achtete wenig auf meine Umgebung.
Dennoch konnte ich nicht umhin, die drei alten Leute zu bemerken, die kurz hinter Nürnberg zugestiegen waren. Es waren zwei Männer und eine Frau. Während sich einer der beiden Männer mir gegenübersetzte, standen die Frau und der zweite Mann unschlüssig im Gang. Als mir klar wurde, dass sie sich nach einem Sitzplatz in Fahrtrichtung umsahen, bot ich ihnen meinen Platz an, den sie auch dankend annahmen, und setzte mich auf die andere Seite des Mittelganges.
Ich teilte dieses Abteil mit zwei Frauen mittleren Alters, die in die nächstgrößere Stadt zum Einkaufen fuhren. Ihre geblümten Sommerkleider waren durch die ungraziöse Art, mit gespreizten Beinen zu sitzen, bis über die Knie hochgerutscht. Mit der ausgewachsenen Dauerwelle und der Plastiktasche unterm Arm boten sie ein Bild von so stupider Selbstsicherheit, wie sie nur rigoroser Konformismus verleiht. Vielleicht nahmen sie sich daher unbewusst das Recht, den alten Leuten auf der anderen Seite des Ganges so hämische Blicke zuzuwerfen.
Grund dieser herablassenden Neugierde war zweifelsfrei das Aussehen der Reisenden. Das waren keine Senioren oder wie immer man den Lebensabschnitt über sechzig beschönigend verbrämt, nein, einfach alte Leute, mit farblosen Gesichtern, grauen, strähnigen Haaren, die beiden Männer eher mager und gekrümmt, die Frau füllig-formlos.
Besonders auffallend war ihre Kleidung. Sie trugen Mäntel von undefinierbarer Farbe und Form, an denen die Mode der letzten Jahre spurlos vorübergegangen war. Ihre Schuhe sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Mitten im Sommer trugen sie Schuhwerk, das zusammen mit dicken Socken sehr wohl auch im Winter gute Dienste tun konnte. Sie machten einen ärmlichen Eindruck, das war nicht zu leugnen.
Als meine Aufmerksamkeit noch ganz von diesen Äußerlichkeiten in Anspruch genommen war, sah ich, dass sich die Frau ein wenig nach vorne beugte, offenbar um dem ihr gegenüber sitzenden Mann etwas zuzuflüstern. Dieser nahm das Zeichen sofort auf und beugte sich seinerseits nach vorn, so dass sich ihre Köpfe ganz nahe kamen. Gleichzeitig - und das war das Wunderbare - glitten ihre Hände ineinander, hielten sich leicht umfangen, und ein Finger streichelte den anderen mit kaum wahrnehmbarer Zartheit.
Diese sachte Geste war von solcher Intensität, dass sie für mich zum Symbol der Zärtlichkeit schlechthin wurde, einer Zärtlichkeit, die nicht reizen und nicht belohnen will, an kein Alter und Aussehen gebunden ist, bereit, sich allem mitzuteilen und doch ganz persönlich.
Nachdem die Frau geendet hatte, lösten sich ihre Hände mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie sich gefunden hatten, und beide lehnten sich wieder in ihre Polster zurück.
Ich kann nicht sagen, wann diese drei Leute ausstiegen, ob vor oder nach mir. Ganz bezaubert von dem, was ich gesehen hatte, verbrachte ich den Rest der Reise in einer Zwischenwelt, wo sich die harten Gegensätze als nichtig erweisen und wo das real ist, was uns hier nur in Gesten anzudeuten gelingt.
Autorin: Sabina Jarosch
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 105)
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