Gedanken eines Handlungs-Reisenden
Mit 34 Jahren, ist das nicht die beste Zeit eine Familie zu gründen oder Karriere zu machen? Wieso um Himmels Willen sollte man da ein Jahr nach Afrika gehen? Ein Selbstversuch in innerer Unabhängigkeit!
Leben ist Tod, und Tod ist Leben
Am Anfang war der Tod, oder das Leben, wie man es sehen will. Aber, ist das nicht das Gleiche? In einem vorzüglichen Buch über die schwarzafrikanische Kultur und deren Mythen, Indaba, my children las ich den Satz: Leben ist Tod, und Tod ist Leben! Ganz zufällig hab ich das Buch natürlich nicht gelesen, es sollte mich in gewisser Weise einstimmen auf den afrikanischen Kontinent.
Dort, so nehme ich mir es schon seit einem Jahr vor, möchte ich auch ein Jahr verbringen. Macht zusammen zwei Jahre, also ein Jahr, in dem ich mich gedanklich mit Afrika verbunden habe und ein weiteres, das nun folgende Jahr, in dem ich physisch vor Ort zu sein gedenke. Über das erste Jahr möchte ich berichten, das zweite liegt ja noch vor mir.
Aber wer ist dieser "ich" hier eigentlich? Mag für den Leser ja auch interessant sein, vielleicht erleichtert ihn das die Entscheidung, ob er den Artikel weiterlesen soll, der ihn ungefähr zehn Minuten seines Lebens kosten wird. Kein zu knapper Preis wie ich denke, daher komme ich der ungehörten Aufforderung gerne nach. Mein Vorname ist Martin, 34 Jahre alt, geboren in München, aufgewachsen in einem Vorort, Abitur gemacht, dann in München Chemie studiert, währenddessen nach München gezogen, und dann selbstverständlich auch promoviert, so macht man das nun mal in der Chemie. Mittlerweile arbeite ich schon seit 4 Jahren in einem kleinen pharmazeutischen Unternehmen, natürlich in München. Das wirft man den Münchnern ja vor, die kommen von München einfach nicht weg. Stimmt! Ein paar Monate während des Studiums war ich dann aber doch mal weg, bin aber jedesmal umso lieber nach München zurückgekommen. Tja, manche Wurzeln greifen einfach sehr tief. Ursächlich dafür bestimmt auch die Bilderbucherziehung meiner sich immer rührend sorgenden Eltern, die ausnahmsweise nicht in Scheidung leben. Ich durfte mit zwei bemerkenswerten Geschwistern aufwachsen, hab Kontakt zu vielen tollen und nachhaltigen Freunden, bin gesellschaftlich eingebunden in verschieden Vereinen und über ehrenamtliche Tätigkeiten habe ich auch Kontakt zu Menschen, die man nicht in meinen Weggeh-Kneipen trifft. Kurz gesagt, mir geht es hervorragend, und ist dies nicht genau der richtige Zeitpunkt wegzugehen?
Afrika: Das Unerwartete erwarten
Natürlich nicht für ewig, sondern "nur" ein Jahr, und zwar nach Afrika. Aber wieso gerade Afrika? Zieht es die meisten Globetrotter nicht nach Australien, Südostasien oder Südamerika? Ich habe solche Leute kennengelernt und ich war selber mehrere Male auf anderen Kontinenten unterwegs. Als Verbindendes ist mir immer wieder aufgefallen: Am Anfang plant man mit Reiseführer die Reiseroute, vielleicht lässt man ein paar Tage Platz für Spontanes, denn man ist ja schließlich im Urlaub! Dann an einem Ziel angekommen, geht der Stress mit dem Organisieren erst richtig los...man will ein paar Tage bleiben, aber es wäre schon jetzt wichtig zu wissen, wann mich der Bus zum nächsten Ziel bringen kann. Dann erst mal im Hostel einrichten, andere Backpacker kennenlernen. Socialising und dann nichts wie ab zu den Wasserfällen, Naturparks und den Einheimischen, die der Ort zu bieten hat. Doch die Zeit drängt, denn der Reiseführer spricht noch von mehreren "Must see´s" in der Umgebung.
Und so wiederholt sich das Spiel immer und immer wieder, man fährt von Ort zu Ort, "entdeckt" die Highlights der Region im Abhakmodus und trifft immer mehr andere Rucksack- Reisende mit ebenfalls einem Lonely Planet unterm Kopfkissen (die Reise-Bibel des Backpackers); recht schnell gleichen sich die Gespräche, zum Abschied verteilt man seine e-mail an alle vorhandenen Hostel-Besetzer und meist hört man nie wieder was voneinander.
Irgendwie hatte ich manchmal den Eindruck, man begegnet nur noch Gespenstern und über kurz oder lang wird man selber zu einem. Zu einem Spaßgetriebenen, Natur und Menschen konsumierenden Monster. Wenn die Reisenden wieder zu Hause sind, werden sie gefragt, was denn nun die beeindruckensten Erlebnisse waren. Als Antwort hört man meist: "Die Menschen vor Ort, die Einheimischen, die Kultur". Doch wie wenig Zeit hat man sich für diese Menschen genommen, und flüchtige Bekanntschaften werden so überhöht, um ein nagendes schlechtes Gewissen zu übertünchen.
Jede Reise ist für irgendetwas gut und ich möchte die oben beschriebene Form des Reisens nicht schlecht reden. Ich habe es selber lange genug gemacht und unglaublich schöne Erinnerungen mitgenommen. Jedoch will ich nun in meinem Reisejahr mehr Menschlichkeit erleben, mehr das Unerwartete erwarten und die Magie von Orten auskosten können. Dies führt mich nun nach Afrika. Der Ort war also schon mal fix!
Da Afrika nun doch kein kleiner Ort ist, musste ich gedanklich nochmal nachlegen, und irgendwann ist mir eine Reise von Südafrika nach Kairo in den Sinn gekommen. Gleich hat mich eine gewisse Sehnsucht gepackt...die Sehnsucht nach Leben? Und das Leben nicht nur im Reisen zu finden sondern auch im Verweilen! So war die Idee gleich geboren, sich in einem Projekt einzubinden, 3-4 Monate an einem Ort zu bleiben, ehrenamtlich zu arbeiten, nicht sein professionelles Wissen anzubringen, sondern als Mensch da zu sein.
och zuvor stand der anfangs erwähnte Tod, oder das geistige Durchtrennen der Fesseln an das Liebgewonnene, an die Gewohnheit, an den Alltag. Was sind die konkreten Konsequenzen, welche Gedanken treiben mich um, was muss ich zurücklassen?
Geistige Fesseln
Zum Beispiel einen sicheren Job, ihn habe ich gekündigt. Aber was ist nach der Rückkehr? Wird es positiv gesehen, Auslandserfahrung, selbstständiges Denken usw; oder war ich eher zu lange aus meinem Forschungs-Bereich heraus, zu ungewöhnlicher Lebenslauf, zu eigenständig, nicht mehr formbar, nicht mehr vermittelbar? Oder vielleicht ergibt sich ja ein anderes Berufsfeld, aber wenn ja, welches? Will ich den alten Job überhaupt noch machen, und inwieweit finde ich mich in der Gesellschaft noch zurecht...
Ein anderer Aspekt wird auch sehr schnell relevant, die Sicherheit, eigentlich kein Wunder, wenn man Sohn zweier Beamter ist. Und nicht zu vergessen: welche Versicherungen sollen weitergeführt werden, was ist mit der Rentenversicherung, habe ich mit Einbußen zu rechnen für meine Rente? Auch mein Singeldasein spielt mit im Konzert der Zweifel. Sollte man mit 34 nicht endlich anfangen eine Familie zu gründen und nicht in der Weltgeschichte rumtingeln? Durchaus ein guter Punkt! Dies ist (leider) ein Volltreffer bei mir, aber zum einen hockt gerade keine Frau in den Startlöchern und zum anderen denke ich mir, man könnte ja auch anderen Zielen nachgehen und den Wegen des Herzens folgen. Man könnte auch sagen, den Weg der unfokussierten Liebe. Trotz alledem ist gerade ein günstiger Zeitpunkt.
Keine Kinder, gesunde Eltern, keine feste Beziehung, angespartes Geld, das es mir ermöglicht mich ein Jahr selbst zu versorgen...jedoch... könnte man seine Träume nicht in jedem Alter verwirklichen? Wahrscheinlich setzt man sich häufig selbst die eigenen Grenzen. Günstig ist auch, dass es mir gerade so gut geht, denn wie gesund wäre es, aus seiner Heimat wütend, enttäuscht zu "fliehen", unentwegt im Ausland, auf Reisen ein Suchender nach einer neuen Heimat zu sein, um letztendlich feststellen zu müssen dass man sich und seine Probleme mitgenommen hat?
Am Anfang steht Südafrika
Nun gut, beginnen soll die Reise also in Südafrika mit einem 3-4 monatigen Aufenthalt, das ist aber noch ziemlich undefiniert und meine deutsche Seele schreit nach Organisation. OK, dieses Zugeständnis kann ich leisten, die restliche Zeit möchte ich aber absichtlich nicht verplanen, um Raum für Überraschendes zu lassen, mich von den Möglichkeiten vor Ort leiten zu lassen.
Doch rein mit der Absicht zu helfen kommt man nicht sehr weit, dies zumindest zeigte der Sprung ins Internet. Dann merkt man erst, dass die Organisationen nicht auf einen gewartet haben; auf jeden Fall rennt man keine offenen Türen ein. Und jemand, der kein professionelles Wissen im Bereich der Entwicklungshilfe vorzuweisen hat, hat auch schlechte Karten. Für die anderen "Gutmenschen" gibt es mittlerweile ein unübersichtliches Feld an Vermittlungsorganisationen, die die starke Nachfrage nach dem "Helfen wollen" mit verschiedenen Projekten bedienen. Allerdings mit teilweise stattlichen Gebühren, aber dafür mit Rundum-Sorglos-Paket. Ich fühle mich bei keiner Option richtig aufgehoben, aber das schärft meine Sicht darauf, was ich abseits meiner professionellen Arbeit gut kann - im Lebenslauf spricht man von soft skills - und was ich wirklich will.
Nach mehreren Enttäuschungen und dem wachsenden Zweifel, ob ich nicht vielleicht zu viel will, kommt dann ein Kontakt mit einer AIDS-Hilfe in Pietermaritzburg zustande. TAI (Targeted Aids Integrated) arbeitet mit männlichen Jugendlichen, bildet sie in HIV-Prävention, generellen Gesundheits- und sozialen Aspekten aus und gibt ihnen ein Projekt an die Hand, das sie eigenverantwortlich in den Townships realisieren können. Ich fühle mich sofort angesprochen, auch weil sie über Fußballturniere Kontakt zu Jugendlichen knüpfen.
Was meine konkrete Arbeit angeht wird sich das meiste vor Ort ergeben, aber ich denke ich kann bei einigen Punkten gewinnbringend mitarbeiten, also etwas von mir geben. Wahrscheinlich jedoch werde ich mehr empfangen als geben, und das wäre OK für mich. Vielleicht stehe ich vor Schulbänken, drücke aber in Wirklichkeit selber die Schulbank des Lebens.
Ich möchte von den Menschen, der Kultur lernen. Eines nehme ich mir dabei ganz fest vor: nicht zu glauben die Einheimischen jemals verstehen zu können. Denn egal wie lange ich in Afrika bleibe, und auch wenn ich mich monatelang im Herzen eines Dorfes, eines Stammes einschließe, so werde ich die Menschen wohl nie verstehen können. D
enn mit meiner westlichen Erziehung werde ich ihre Kultur nie durchdringen können. Weiterhin gibt mir das Geld in der Hosentasche für das Rückflugticket Möglichkeiten, die die Einheimischen nicht haben werden.
Aber wer sagt eigentlich, dass die alle wegfliegen wollen? Wahrscheinlich sind die meisten zufriedener mit ihrem Leben als wir es in Deutschland sind. Dies werde ich vielleicht ja herausfinden können.
Der Einstieg vom Leben ins Leben
Abschließend möchte ich noch eine letzte Erfahrung erwähnen. Sehr interessant war, wie Freunde und Verwandte auf mein Vorhaben reagiert haben. Anfangs hatte ich schon Kritik erwartet, wie zum Beispiel dass es meiner Karriere schaden würde, nach all der Ausbildung samt Promotion nach 4 Jahren schon was anderes zu machen..."wo käme man denn hin, wenn das jeder machen würde", oder "was für ein Egotrip"...so etwas hatte ich erwartet. Nichts dergleichen. Wahnsinn! Selbst von den größten Berufsskeptikern erhielt ich ein positives Feedback. Und am schönsten war das Leuchten in den Augen meiner Gesprächspartner! Eine Freundin hat mir gesagt, dass ich sie mit ihren eigenen Wünschen und Zielen konfrontiere. Vielleicht wirkt es ja verlockend sich gegen Konventionen zu bewegen?
Natürlich wurde ich sofort mit dem Begriff des "Aussteigers" konfrontiert, aber irgendwie finde ich mich darin nicht wieder. Eher fühle ich mich als ein "Umsteiger", oder besser noch, als ein "Einsteiger".
Mit dieser Reise steige ich nicht aus meinem bisherigen Leben aus, sondern ich empfinde es sonderbarerweise als eine logische Folge meines Leben.
Meine Vergangenheit bildet die Basis für den Einstieg auf den Pfad zur inneren Unabhängigkeit. Und wenn dabei auch ein paar schöne Urlaubsbilder zustande kommen, umso besser!
Autor: Martin Ossberger
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 113)
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