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Konsumentenmacht

Kann man durch Einkaufen die Welt verbessern?

 

Sind Sie gegen die Ausbeutung der Natur und der Menschheit? Sind Sie dagegen, auf Kosten der zukünftigen Generationen zu leben? Sind Sie gegen Sklaverei und ausbeuterische Kinderarbeit? Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass wir alle zu diesen Dingen beitragen, werden Sie hoffentlich empört sein und sagen: Nein, ich doch nicht, wie, das würde ich sofort ändern.

Tun Sie es!

Wir alle tragen durch unbewusstes Einkaufen zu verschiedenen Formen der Ausbeutung bei. Und auch wenn wir als Konsumenten nicht allein dafür verantwortlich sind, so ist es doch eine Tatsache, dass diese Produkte nicht existieren würden, wenn es keine Käufer dafür gäbe. Daher haben wir als Konsumenten eine große Macht und tragen eine große ethische Verantwortung. Durch bewusstes Einkaufen kann man daran mitarbeiten, die Welt zu verändern. Sicherlich - wir dürfen nicht erwarten, dafür als Helden auf die Titelseiten der Zeitungen zu kommen. Aber wenn diejenigen, die ausbeuterische Produkte auf den Markt bringen, sich auf diesen Titelseiten wiederfinden würden, wäre dies ohnehin viel besser.

Beispiele für ausbeuterische Produkte

Die Welt zu Gast bei Freunden! Dies war das Motto der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Die globalisierte Wirtschaft wurde einmal mit einem Fußballspiel ohne Schiedsrichter verglichen. Es gibt zwar Regeln, doch niemand kümmert sich ernsthaft um ihre Durchsetzung. Dabei kann folgender Umstand, den Tanja Busse in ihrem Buch "Die Einkaufsrevolution - Konsumenten entdecken ihre Macht" schildert, als besonders symbolisch gelten: Die asiatischen Arbeiterinnen, die die Fußballschuhe und Sportkleidung für unsere Spieler bei der WM 2006 herstellten, bekamen nur 47 Cent pro Stunde, dies bedeutet 3,76 Euro pro Tag. Michael Ballack hat einen Werbevertrag von 1,5 Millionen Euro pro Jahr von Adidas bekommen. Dies zeigt die Problematik der Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen der asiatischen Welt auf, die für uns Kleidung, Schuhe, Elektronik - fast alles - produzieren.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Lohnkosten eines Produktes wie Spielzeug, Kleidung, Schuhe? Wie viel von dem, was Sie dafür im Laden bezahlen, bekommt wohl die chinesische Arbeiterin - denn meist sind es Frauen, obwohl es den Männern auch nicht viel besser geht? Der Lohnanteil liegt oft unter einem Prozent. Wie viel müssten Sie also mehr bezahlen, damit die Arbeiter den doppelten Lohn bekommen würden? Richtig - bei einem Schuh, der 100 Euro kostet, 101 Euro. April 2005. Eine Textilfabrik im Bangladesch Spectrum Sweater bricht zusammen. Das Gebäude hatte neun Stockwerke, die oberen fünf wurden ohne Genehmigung gebaut. Es werden 64 Menschen getötet und 70 verletzt.

- So liest sich eine knappe Zeitungsnachricht bei uns. Aber was steckt dahinter?

Einen kleinen handgewebten Teppich gibt es bei Ikea für 1,89 €. Wir freuen uns, dass wir ein Schnäppchen gefunden haben und schlagen zu. Müssten wir hier nicht eigentlich nachdenken, wie man einen Teppich zu diesem Preis herstellen kann? Ahmed, Teppichknüpfer in Afghanistan, ist 15 Jahre. Sein Tageablauf sieht folgendermaßen aus: Um 5 Uhr heißt es Aufstehen und im Haushalt helfen. Von 6-10 Uhr muss er Teppich knüpfen. Von 10-12 Uhr geht er in die Schule. Nach einem kurzen Essen heißt es wieder 6 Stunden knüpfen. Elisabeth Schauer, die Ahmed getroffen hat, berichtet: Er ist 15 Jahre, aber er sieht viel kleiner und dünner aus. Seit er fünf Jahre ist, sitzt er am Webstuhl, und weil er der Älteste ist, muss er dafür sorgen, dass seine jüngeren Geschwister am Webstuhl bleiben, und sie schlagen, wenn sie aufstehen und sich dagegen wehren. Sein Vater ist Tagelöhner, der auf der Straße darauf wartet, dass jemand ihn für irgendeine Arbeit anheuert. "Was glaubst du, wie alt du wirst?" "Wenn ich Glück habe, so alt wie du." (Elisabeth Schauer ist 40) "Warum glaubst du, dass du nicht älter wirst?" "Kinder wie ich, die nichts zum Essen haben und dauernd frieren, werden nicht alt. Weiß doch jeder, dass die nicht lange leben." Ein handgeknüpfter Teppich kommt fast immer von Kindern.

Die ILO (Internationale Arbeitorganisation) schätzt, dass 171 Mio. Kinder unter schwersten Bedingungen arbeiten müssen. Und 246 Mio. Kinder müssen arbeiten, um Geld zu verdienen. Beispiele dieser Art ließen sich noch Hunderte aufzählen. Tanja Busse gibt im oben erwähnten Buch einen breit gefächerten Überblick.

Grab- und Pflastersteine, die von Kindern in indischen Steinbrüchen für unsere Friedhöfe und Parks hergestellt werden.

Kaffee, der auf dem Weltmarkt so billig verkauft wird, dass die Kaffeebauern weder von ihrer schweren Arbeit leben können, geschweige denn ihre Kinder in die Schule schicken können. Aber wir lassen uns von der Werbung einlullen, die nur vom Verwöhnaroma spricht. Der Ausweg ist hier ganz einfach: Fairetrade-Kaffee. Doch der Anteil an fair gehandeltem Kaffee beträgt in Deutschland gerade Mal ein Prozent.

Was sind die Ursachen für diese Ungerechtigkeiten? Meiner Meinung nach hat es viel damit zu tun, dass wir vergessen haben, dass jedes Produkt, das wir in einem Laden oder Discounter kaufen, von irgendjemandem irgendwo irgendwie hergestellt werden muss. Dabei fragen wir uns oft nicht mehr, woher kommt ein Produkt und wie wurde es gemacht. Der Gebrauchswert der Dinge ist längst hinter den Symbol- oder Imagewert zurückgetreten.

Gandhi hat einmal gesagt: "Wenn wir etwas essen, ohne es zu brauchen, stehlen wir es dem Magen der Hungrigen." Auch diese radikale Wahrheit hat ihre Berechtigung. Doch es ist ja längst nicht so, dass wir nur unnötig viel essen, was zur Verfettung führt und äußerst ungesund ist - was wiederum dazu führt, dass in der westlichen Welt mehr Geld für Schlankheitsmittel ausgegeben wird, als man bräuchte, um den Hunger in der Welt zu besiegen, wie Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter, über Hunger einmal sagte. Ich behaupte sogar, dass uns unser Konsum selbst abhängig macht und zerstört: Er führt dazu, dass wir in einem Wirtschaftssystem in Unternehmen arbeiten, deren Produkte uns sinnentleert erscheinen, nur um dann Produkte anderer Unternehmen zu kaufen, die ebenso SINN-los sind.

Und dann beklagen wir uns, nie Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu haben.

Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir eine innere Unabhängigkeitserklärung von der Welt des unnötigen Konsums abgeben und dadurch viel für uns und die Welt gewinnen - indem wir dem Menschen, der Freundschaft und anderen Werten und Idealen wieder mehr Raum geben.

Dies sind die Ursachen, die in unserer eigenen Hand liegen.

Natürlich gibt es auch die Ursachen, die im System liegen, dem sogenannten Raubtierkapitalismus, der den materiellen Gewinn zum höchsten Ideal erhoben und dafür - im wahrsten Sinne des Wortes - über Leichen geht. Und die Profiteure sind die reichen Länder des Westens.

Wer mehr über die Irrtümer und Dogmen des Wirtschaftsliberalismus lesen möchte, dem kann ich das Buch "Die neuen Herrscher der Welt" von Jean Ziegler oder Naomi Kleins neues Buch über den Kapitalismus empfehlen.

Dieser Artikel soll hingegen aufzeigen, dass es eine sehr wirksame Art gibt, etwas zu tun - nämlich bewusst einzukaufen. Konsequenzen - was sollen wir tun? Zuerst einmal sollten wir uns angewöhnen, beim Einkaufen unseren Kopf wieder zu benutzen, auch wenn ein Großteil der modernen Werbestrategien darauf ausgerichtet ist, dass wir das nicht mehr tun.

Zu überlegen, woher ein Produkt kommt und wie es zu einem bestimmten Preis produziert werden konnte.

Rudolf Buntzel, der Beauftragte für Welternährungsfragen, gibt folgende Empfehlung: "Erstens möglichst regional, zweitens saisonal, drittens direkt vom Erzeuger und viertens ökologisch. Und wenn man etwas konsumieren will, was hier nicht wächst, sollte es aus fairem Handel kommen." Diese Empfehlung gilt für Lebensmittel. Bei anderen Gebrauchsgegenständen kommt man nicht umhin, Informationen über das jeweilige Unternehmen einzuholen, zu fragen, ob es sich an Sozial- und Umweltstandards hält. Unterstützung bekommen Sie auf den unten angegebenen Internetseiten.

Vielleicht sagen Sie jetzt, oh Gott, da wird einkaufen ja auf einmal zu einer komplizierten Sache. Ja, es wird etwas komplexer. Aber es kann ein sehr wirksamer Beitrag zur Verbesserung der Welt werden. Diese Welt wird von der Wirtschaft gelenkt. Und sie funktioniert nur deshalb so, wie sie funktioniert, weil so viele unbewusst konsumieren.

Darum wünsche ich Ihnen beim Einkaufen viel Spaß, den Sie hoffentlich haben, wenn Sie daran denken, dass Sie als Konsument eine Macht und eine Verantwortung haben. Der Autor hält auch Vorträge und Workshops zu diesem Thema.

Kontakt über: www.schule-der-nachhaltigkeit.de

Literaturempfehlungen:

  • Tanja Busse: Die Einkaufsrevolution - Konsumenten entdecken ihre Macht
  • Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher
  • Klaus Werner, Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne

Einige hilfreiche Internetseiten:

Autor: Julian Plieninger

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 113)

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 18. März 2009 )
 
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