An der Wahrheit festhalten - Gandhis Kraftquellen PDF Drucken E-Mail

An der Wahrheit festhalten - Gandhis Kraftquellen

 

Vor sechzig Jahren wurde Mahatma Gandhi von einem Hindu-Fanatiker erschossen. Der Apostel der Gewaltlosigkeit war der Gewalt zum Opfer gefallen. Spricht das nun gegen seine Überzeugung, die er mit seinem Leben - und letztlich mit seinem Sterben - bekundet hat?

Als Gandhi starb, hatte er Indien der mächtigsten Kolonialmacht der damaligen Zeit, dem britischen Empire, abgerungen und in die Unabhängigkeit geführt. Nicht alleine natürlich, und er war bei weitem auch nicht der Erste, der darum gekämpft hatte, aber er war der Fokus, der alle Kräfte bündelte und der seinerseits für diese Sache sein ganzes Leben in die Waagschale warf.

Bei uns wird Gandhi meist nur als derjenige gesehen, der Indien in die Unabhängigkeit geführt hat. Und in Indien selbst? Es gibt keine Stadt, die nicht ihre M. G. (= Mahatma Gandhi) Road hat, wo nicht auf einem zentralen Platz eine Gandhi-Statue mit Lendenschurz und Wanderstock steht, und jeder Ort, den Gandhi zu seinen Lebzeiten besuchte, hat ihm ein Museum gewidmet. Darüber werden die geistigen  Quellen, aus denen der Mahatma seine Kraft schöpfte, vergessen, eben jene Quellen, die auch jetzt noch fließen und die uns allen, die wir gegen Gewalt in vielerlei Hinsicht aufstehen wollen, nützlich sein können - auch wenn wir es nicht mit einer Weltmacht aufnehmen müssen.

Gandhis geistiger Hintergrund

Gandhi sah sich selbst als einen sanatani Hindu, also als einen, der das "ewige Gesetz" befolgt. Er war in eine Familie von Vaishnavas hineingeboren, d.h. seine Familie verehrte den Gott Vishnu. In seinem indischen Heimatstaat Gujarat sind die Jainas mit ihrer kompromisslosen Haltung der Gewaltlosigkeit weit verbreitet, und der Buddhismus war für ihn ebenfalls früh von Bedeutung. Diese Einflüsse hatte Gandhi sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen, so nahrhaft wie selbstverständlich und unbewusst. Erst später sollte er sich mit seinen religiösen Wurzeln auseinandersetzen, angeregt erstaunlicherweise durch westliche Denker, die ihm östliches Gedankengut vermittelten. Nach einer langen geistigen Odyssee fand Gandhi seinen Hafen und seinen Anker in der Bhagavad Gita, die ihm nicht nur Trost und Hoffnung gab, sondern auch sein politisches Handeln untermauerte.

Die Bhagavad Gita, oder kurz die Gita, ist ein Teil des indischen Nationalepos Mahabharata. Was die Gita so besonders macht, ist der Ausweg, den sie aus einem urindischen Dilemma zeigt. Die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten kann nur gelingen, wenn kein Karma mehr entsteht, das sich in einem neuen Leben ausdrücken will und muss. Andererseits kann der Mensch in der Welt gar nicht anders als handeln; leben ist handeln. Die Gita sagt nun: Handle, aber verzichte auf die Früchte deiner Taten, also lass dir weder Erfolg und Anerkennung noch Misserfolg und Enttäuschung zu Kopfe steigen. Letztlich ist es nämlich Gott selbst, der handelt, und nur dein aufgeblähtes Ego bildet sich ein, alles selbst zu leisten. "Sein Ego auf null zurückfahren", wie Gandhi es ausdrückte. Gandhi war ein Karma-Yogi, der Befreiung durch die Tat suchte, und sein Betätigungsfeld war die Politik. 

Gandhis Ethik

Wenn wir Gandhis Grundüberzeugung verkürzt, aber nicht falsch benennen sollten, so müssten wir sie als die "Einheit allen Lebens" bezeichnen. Ernst genommen, ergeben sich daraus einige zwingende Erfordernisse.

Gandhi hat die landläufige Meinung, wonach die Mittel den Zweck heiligen, vehement abgelehnt. Seiner Überzeugung nach wird nie ein gutes Ziel erreicht, wenn die Mittel nicht "gut" sind, und "gut" sind sie dann, wenn sie Einheit, Zusammengehörigkeit, Leben für alle ermöglichen und nicht zu Trennung, Ausgrenzung oder Vernichtung führen. Hier ist Gandhi gleichermaßen weit weg von den hinduistischen Schriften, wo es einen "gerechten Krieg" durchaus gibt, wie von den westlichen, christlich geprägten Gesellschaften, wo sich seit Augustinus' Civitas Terrena und Civitas Dei eine Ethik für den Staat und eine Ethik fürs Private herausgebildet hat. Wenn wir von einer grundlegenden Einheit ausgehen, ist diese Spaltung schizophren, lässt sich aber auf eine einfache Weise auflösen, nämlich durch das Einstehen für seine Überzeugungen ohne Rücksicht auf Nachteile für sich selbst, bis hin zur freiwilligen Aufgabe des eigenen Lebens. Aber dazu kommen wir noch.

Ein anderer ethischer Aspekt, der sich aus der Einheit ergibt, ist die Forderung der größtmöglichen Wohlfahrt für alle - Gandhi hat dafür den Sanskritbegriff sarvodaya geprägt -, und nicht nur für die größtmögliche Anzahl. Dieses Konzept liegt westlichen Demokratien zugrunde, an denen Gandhi kritisierte, dass in ihnen auch 51 % auf der einen Seite 49 % auf der anderen unterdrücken könnten.

Ahimsa, die Gewaltfreiheit

Im Westen wird Gandhi vor allem mit seinem Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit in Verbindung gebracht. Gewaltlosigkeit ist nicht nur Teil der Ethik Gandhis, sondern ihr tragender Pfeiler, und deshalb gebührt ihr besondere Aufmerksamkeit. Ahimsa bedeutet nicht nur Gewaltlosigkeit im Tun, Sprechen und Denken unter allen, auch den widrigsten Umständen, sondern ist letztlich die aktive Förderung des Wohls der anderen. Und nicht zu vergessen: Wir reden nicht nur vom Menschen, sondern von einem jeglichen Lebewesen, Tier, Pflanze, Mutter Erde ...

Schon dieses kurze Schlaglicht macht klar, wie anspruchsvoll Ahimsa ist und dass es eingeübt werden muss. Dazu sind wiederum andere Tugenden hilfreich wie die Zügelung der Sinne, nichts horten und nichts nehmen, was nicht benötigt wird, Meditation und Selbst-Erforschung. Und wozu das alles? Um an der "Wahrheit festhalten" zu können - satyagraha.

Satyagraha, die Wahrheitskraft

Gandhi wollte an der Wahrheit festhalten, nichts anderes:
"Die Welt ruht auf dem Felsen von satya oder der Wahrheit. Asatya bedeutet nicht nur Unwahrheit, sondern auch ,nichtseiend', und satya oder die Wahrheit bedeutet auch das, was ist. Wenn die Unwahrheit nicht einmal existiert, steht der Sieg der Wahrheit außer Zweifel. Die Wahrheit als die Existenz kann niemals zerstört werden. Dies ist in Kürze die Doktrin von satyagraha."

Einer der vielen Autoren, die sich mit Gandhi beschäftigt haben, hat für satyagraha die deutsche Übersetzung "Wahrheitskraft" gefunden, ein Ausdruck, der den Gehalt des Sanskritwortes sehr schön wiedergibt und gleichzeitig deutlich macht, dass wir es hier nicht mit einem passiven Duckmäusertum zu tun haben.

Für Gandhi waren die Begriffe "Gott" und "Wahrheit" deckungsgleich, er zog aber den Ausdruck "Wahrheit" vor, denn damit könne sich jeder Mensch identifizieren. Es war ihm dabei immer bewusst, dass wir nur eine relative Wahrheit erkennen können - in diesem Gedanken wurzelt Gandhis Toleranz -, diese aber, so forderte er, müsse mit allen Kräften gesucht und in die Tat umgesetzt werden. Wer das tut, ist ein satyagrahi, einer, der an der Wahrheit festhält.

Die Freiheit des Einzelnen bedeutet für Gandhi immer die Freiheit, seiner ureigensten Lebensaufgabe auf der Basis von Wahrheit und Gewaltlosigkeit zu folgen. Dabei kann es natürlich zu Konflikten mit der Politik, der Gesellschaftsordnung, den Machtverhältnissen, der öffentlichen Meinung kommen. Und was dann?

Nicht die Gewaltlosigkeit der Ängstlichen, sondern die Gewaltfreiheit der Tapferen

Gandhi unterscheidet zwischen der Gewaltlosigkeit der Schwachen, denen, die sich aus Angst in ungerechte Verhältnisse schicken, und der Gewaltfreiheit der Tapferen, und von Letzteren ist hier die Rede. Ziviler Ungehorsam, also das Nicht-Befolgen eines als schädlich erkannten Gesetzes, ist der aktive Ausdruck dieser Gewaltfreiheit, dem ein konstruktives Programm zur Veränderung an die Seite gestellt werden muss. Das heißt nicht nur, die andere Wange hinhalten, sondern Böses mit Gutem vergelten. Ich zitiere hier nicht umsonst aus der christlichen Überlieferung, denn Jesus war für Gandhi ein vorbildlicher satyagrahi.

Satyagraha kann sich in harten Auseinandersetzungen aber nur bewähren, wenn diejenigen, die "an der Wahrheit festhalten", absolut furchtlos sind, d.h. weder Angst um Besitztümer, Familie noch Leib und Leben haben. Gewaltfreier Widerstand erfordert wesentlich mehr Mut als der Kampf mit der Waffe! Für Gandhi war der satyagrahi mit der Fähigkeit, freiwillig für ein höheres Ziel zu leiden, unbesiegbar, und am Leben zu hängen, koste es, was es wolle, der Gipfel der Selbstsucht.

Das ist natürlich starker Tobak und hört sich heute schon sehr fremd an. Doch nicht jeder fühlt sich in einer Spaßgesellschaft menschlich ausgelastet, und ich möchte in der Folge zeigen, dass ähnliche Gedankengänge, mit anderen Worten ausgedrückt, weder unserer  westlichen Tradition noch unserer Gegenwart fremd sind.

Lassen wir zum Schluss noch den ersten indischen Ministerpräsidenten Nehru zu Wort kommen, der ein Freund und Wegbegleiter Gandhis war und der wie alle, die die glühend heißen Einsichten einer "großen Seele" (Mahatma) der breiten Masse vermitteln wollen, diese etwas abgekühlt servierte, damit man sich nicht gleich daran verbrennt:
"Die falsche Methode im Umgang mit Konflikten führt zu weiteren Konflikten. Noch immer besteht der Glaube, dass Gewalt einen Konflikt beenden und der Welt die Erlösung bringen könnte. Gandhi zeigte einen anderen Weg und - was noch mehr ist - lebte ihn und zeitigte Erfolge. Dies sollte uns zumindest versuchen lassen zu verstehen, worin dieser neue Weg bestand und inwieweit es uns möglich ist, unsere Gedanken und Aktionen mit ihm in Übereinstimmung zu bringen."

Lesetipps:


Über Gandhi wurde unendlich viel geschrieben und es sollte kein Problem sein, sich zu informieren.
Speziell zu satyagraha sei das gut lesbare und sehr informative Buch von Michael Blume empfohlen: Satyagraha. Wahrheit und Gewaltfreiheit, Yoga und Widerstand bei M. K. Gandhi. Verlag Hinder und Deelmann, Gladenbach 1987

Autorin: Sabina Jarosch

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 113)

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 11. März 2009 )
 
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