Jaques Offenbach 2.Teil
Hoffmanns Erzählungen
Der Inhalt der Oper
Das Werk spielt in Berlin, zwei ungenannten deutschen Städten und Venedig, ca. um 1820.
E.T.A. (Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann, der große Dichter der deutschen Romantik, ist die Hauptfigur dieses Werks. Die Rahmenerzählung (Prolog und Epilog) zeigt uns das Scheitern seiner erhofften Liebesbeziehung zur Opernsängerin Stella, die Binnenerzählung (Akte 1 - 3) das Scheitern dreier bereits vergangener Liebesabenteuer.
Von ihnen erzählt der Dichter seinen Freunden, und wir werden Augenzeugen dieser drei Geschichten, denn sie laufen als Rückblende in den drei Binnenakten des Werks vor uns ab.
Hoffmann liebte drei sehr verschieden geartete weibliche Wesen: eine Puppe namens Olympia (die so perfekt gemacht und magisch belebt war, dass der seinerseits magisch "bezauberte" Hoffmann auf diesen Bluff lange Zeit hereinfiel), eine Künstlerin (Sängerin) namens Antonia und die venezianische Kurtisane Giulietta.
Von diesen drei "Beziehungen" war allerdings nur die zu Antonia, der feinfühligen, tief und wahr liebenden Künstlerin, eine echte, die anderen beiden waren von Beginn an nur eine Illusion, der der "verzauberte" Hoffmann verfallen war. Apropos "Zauber": Alle drei Liebesbeziehungen scheitern auf Grund des Wirkens dreier dämonischer Figuren. Es sind drei Schwarzmagier: der magisch-düstere Coppelius, der tödliche "Arzt" Dr. Mirakel und der dämonisch-gefährliche "Zuhälter" Dappertutto. Sie scheinen in Wirklichkeit nur drei Gestalten ein und derselben Person zu sein, die sich als Hoffmanns gefährlicher Gegenspieler erweist, die nur eines im Sinn hat: Hoffmanns Liebesglück und Leben zu zerstören.
Und so erleben wir am Ende dieser drei großen Erzählungen im Epilog einen schwer alkoholisierten, verzweifelten Dichter, dem nun auch noch seine letzte große Hoffnung verloren geht: Stella, die Sängerin, auf die er seine letzte Karte gesetzt hat. Auch bei diesem Scheitern hatte ein düsterer Gegenspieler seine Hände im Spiel: der Stadtrat Lindorf, dessen Intrigenspiel damit endet, dass Stella sich vom betrunken zusammengesunkenen Hoffmann ab- und ihm, dem älteren, aber einflussreichen Herrn, zuwendet.
Doch das Leben ist für Hoffmann noch nicht vorbei. Eine höhere Art von Liebe wartet auf ihn. Sein treuer Freund Niklaus, der ihn durch alle seine Abenteuer mit warnender Stimme begleitet hat, entpuppt sich jetzt als die Muse des Dichters. Sie holt den lange "Verirrten" wieder zurück ins Reich der Kunst, verwandelt des Dichters Schmerz in künstlerische Inspiration und gewinnt so den großen Dichter für die Welt zurück.
Historische Bezüge
Viele Elemente der Oper finden sich im realen Leben und Werk des Dichters Hoffmann wieder: die Figur der Olympia z.B. in Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann", Antonia in "Rat Krespel", Giulietta in "Die Abenteuer einer Silvester-Nacht" (worin die "Geschichte vom verlorenen Spiegelbild" besonders bedeutsam für den 3. Akt der Oper ist, wo Hoffmann sein Spiegelbild an den Schwarzmagier Dappertutto verliert), weiters der Stadtrat Lindorf in "Der goldene Topf" sowie der hässliche Zwerg Klein-Zack, von dem Hoffmann im Prolog den Studenten ein Lied singt, in "Klein Zaches, genannt Zinnober".
Man kann also sagen, dass der Dichter E.T.A. Hoffmann in Offenbachs Oper gewissermaßen in die Phantasiewelt seiner eigenen Werke versetzt wird.
Auch Hoffmanns Neigung in der Rahmenerzählung der Oper, dem Alkohol recht kräftig zuzusprechen, ist historisch verbürgt. Die Zechabende dieser wohl schillerndsten Dichterfigur der Romantik waren berühmt und inspirierten ihn immer wieder zu seinen viel bewunderten Erzählungen und Phantastereien im Gasthaus unter dem Einfluss des Alkohols. Viele dieser "hochprozentigen" Einfälle wurden wohl nach der Heimkehr von solchen Zechgelagen in tiefer Nacht zu seinen "phantastischen Erzählungen" verarbeitet.
Das Romantische
Zum Wesen der Oper "Hoffmanns Erzählungen" dringt man wohl nur vor, wenn man sich mit dem Wesen der Deutschen Romantik beschäftigt und dessen Einflüsse in Offenbachs letztem Werk aufspürt.
Den romantischen Dichter des 19. Jahrhunderts interessiert u. a. die Tatsache, dass das menschliche Bewusstsein sich in verschiedenen Sphären aufhalten kann.
E.T.A. Hoffmann beschäftigt sich in seinen Dichtungen gerne mit zwei diesbezüglich entgegengesetzten "Welten": der profanen Alltags-Welt auf der einen und der sich über den Alltag hinausschwingenden geistigen Welt auf der anderen Seite. In der erstgenannten befindet man sich mit seinem Bewusstsein ganz in der biederen Welt bürgerlicher Wertvorstellungen, einer profanen Welt bürgerlicher Sicherheit. Alles ist auf die feste Basis einer verstandesorientierten Ordnung gegründet. Alles, was die Grenzen dieser Ordnung sprengt, wird als suspekt oder verrückt betrachtet oder gar als Gefahr für die Sicherheit empfunden und ausgestoßen. Phantasie und geistige Höhenflüge gehören dazu ebenso, wie z.B. der Künstler, dessen Beruf, ja dessen ganze Existenz sich geradezu zu nähren scheint von jener anderen, geistigen Bewusstseinssphäre, welche die Grenzen bürgerlicher Alltäglichkeit sprengt.
Tatsächlich birgt die geistige Welt neben der Chance, zu höherer Erkenntnis vorzustoßen, auch die Gefahr, dämonischen Mächten zu verfallen, die das Leben des Menschen zu zerstören trachten.
Und so erkennen wir in der romantischen Sicht von der geistigen Welt eine Spaltung in eine so genannte "gute" Welt, angeführt durch - den Erkenntnisweg fördernde - magische Wesen oder Menschen (eine Welt der weißen Magie), und eine so genannte "böse" Welt, geprägt durch - dem menschlichen Leben feindlich gesinnte - dämonische Wesen oder Menschen (eine Welt der schwarzen Magie).
Das Bewusstsein der profanen Alltagswelt könnte man das "Tages-Bewusstsein" nennen. Demgegenüber stünde dann das Nacht-Bewusstsein der geistigen Welt. Es ist das Bewusstsein von der anderen, verborgenen Seite des Lebens (symbolisch die "dunkle" oder "Nacht-Seite"), die dem gewöhnlichen Tagesbewusstsein oft als nicht real erscheint. Die bürgerliche Alltagswelt hat entweder überhaupt keine Ahnung von der Existenz dieser "magischen" Welt oder glaubt nicht an sie bzw. fürchtet sich sogar vor ihr. Je nachdem werden Erlebnisse aus dieser "irrealen" Welt geleugnet, für verrückte Phantastereien gehalten oder entsetzt geflohen.
Unter diesen Umständen kann man sich die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft lebhaft vorstellen, der ja rein körperlich in der bürgerlichen Welt lebt, mit seinem Bewusstsein aber sehr oft mitten in der magisch-geistigen Welt steht.
Viele interessante Phänomene fallen für die Romantiker in die Sphäre des Nacht-Bewusstseins: So spielen auch in Hoffmanns Dichtungen immer wieder Schlaf und Traum, Magie, Visionen, Wahnsinn, Hellsichtigkeit, Prophetie, Magnetismus, Hypnose und Somnambulismus eine große Rolle, aber auch die platonische Seelenwanderung und Wiedergeburt.
Alles, was an Erscheinungsformen jenseits der Alltagswelt bekannt ist, scheint sich im Zentrum des Interesses der Deutschen Romantik zu befinden.
Eine kleine Graphik soll einen Überblick über das bisher Gesagte bringen:
Typisch für das romantische Lebensgefühl ist der immer wieder dargestellte Einbruch der Nachtseite des Lebens in die profane Alltagswelt. Die beiden Bewusstseinssphären treten miteinander in Beziehung, und in der Regel bleibt die bürgerliche Welt davon ungeläutert. Die große Veränderung passiert bei dem "Künstler-Menschen" (wollen wir ihn symbolisch so nennen), der an beiden Sphären Anteil hat und - hin und hergerissen - seinen Weg in der geistigen Welt finden muss; einen Weg, bei dem die Bedrohungen durch die dämonischen Kräfte besiegt werden müssen und die Läuterung mit Hilfe weißmagischer Kräfte errungen werden soll.
Dies ist der Auftrag jener "Künstler-Menschen", die ja nicht immer Künstler von Beruf sind, aber jene Empfänglichkeit für die geistigen Sphären in sich tragen, welche sie auf diesen - symbolhaft ausgedrückt - "künstlerischen" Weg bringt. Der Künstler ist nur ein beliebtes Symbol der Romantik für diesen Menschentypus.
Das Romantische in "Hoffmanns Erzählungen"
All diese "romantischen" Elemente finden sich auch in Offenbachs Oper:
Da wären zunächst die vielen Erscheinungen aus der magisch-dämonischen Welt des Nachtbewusstseins, die von Schwarzmagiern für deren Ziele eingesetzt werden. In "Hoffmanns Erzählungen" sind es die drei "Bösewichte" des Stücks (Coppelius, Dr. Mirakel und Dappertutto), die sich durch Fähigkeiten auszeichnen, die der Alltagswelt fremd sind und die sie auf schädliche Weise einsetzen: die Fähigkeit, aus dem Nichts zu "erscheinen", durch Wände zu gehen, somnambulen und telepathischen Kontakt zu entfernten Personen aufzunehmen, zu hypnotisieren, auf die Geschehnisse und sogar auf das physische Leben anderer durch schwarze Magie Einfluss zu nehmen, Kontakt mit Toten herzustellen, den Menschen mit Hilfe magischer Gegenstände innerlich zu verzaubern, tote Dinge durch Magie zu beleben, ja sogar die Seele eines Menschen durch Handel an sich zu binden.
Das zentrale romantische Thema bei E.T.A. Hoffmann steht auch bei Offenbachs Oper im Mittelpunkt: der "Künstler-Mensch" (Hoffmann) im Konflikt zwischen seiner physischen Existenz in der profanen Alltagswelt und seiner seelisch-geistigen Verbindung mit der Nachtseite des Lebens. In diesem Konflikt ist er in Gefahr, im Tagesbewusstsein der bürgerlichen Welt existentiell zu scheitern, weil die dämonischen, schwarzmagischen Kräfte, ihm feindlich gesinnt, sein Leben zu zerstören trachten.
Die bei Hoffmann dabei oft zu vernehmende warnende Stimme aus der Welt der bürgerlichen Ordnung, sich vor der Nachtseite des Lebens zu hüten, findet bei Offenbach in Hoffmanns ironisch distanziertem Freund Niklaus eine Variante.
Ein technisches Mittel der deutschen Romantiker, das sich aus dem Aufeinanderprallen von Tages- und Nachtsphäre ergibt, ist das plötzliche Umschlagen der Stimmung von der realen Alltagswelt in die magische Welt des Nachtbewusstseins und umgekehrt. Dies ist an vielen Stellen auch in Offenbachs Oper (in allen 5 Akten) musikalisch äußerst wirkungsvoll gestaltet. Dabei geraten die Grenzen zwischen bürgerlicher Alltagswelt und unheimlicher Phantastik, zwischen Realität und Fiktion ins Wanken, die Grenzen zwischen Bewusstsein, Traum und Wahnsinn verschwimmen, sodass der Leser bzw. Zuseher sich fragt: Ist Hoffmann wirklich von einem diabolischen Widersacher verfolgt, wie er glaubt? Oder sind all diese Geschehnisse nur Einbildung einer übersteigerten dichterischen Phantasie?
Nicht immer gibt es in der Dichtung der Deutschen Romantik ein "Happy End". Oft scheitern die Hauptfiguren tatsächlich am Einbruch der dämonischen Kräfte in ihr Leben und enden in Zerrüttung und Wahnsinn. Dieses Schicksal droht auch dem unglücklich liebenden Dichter Hoffmann bei Offenbach, der im Epilog als Verzweifelnder Gefahr läuft, den Rest seines Lebens im Alkohol zu ersäufen.
Doch zeigen die Romantiker oft auch den Weg des Betroffenen aus diesem Dilemma: einen Weg der Läuterung, im Extremfall sogar - wie in E.T.A. Hoffmanns Meistererzählung "Der goldene Topf" - einen Initiationsweg. Die Rettung des Menschen vor dem Scheitern, seine Befreiung aus den Klauen schwarzmagischer Kräfte, oftmals mit Hilfe einer weißmagischen Figur, zumeist auch aus sich selbst heraus durch die Kraft einer unverbrüchlichen Liebe.
In der nächsten Ausgabe in Teil 3 sollen die wichtigsten Personen der Handlung psychologisch betrachtet werden.
Die Läuterung des Dichters Hoffmann in Offenbachs Oper durch die Kraft der hohen Liebe wird diese Artikel-Reihe beschließen.
Autor: Peter Sölkner
(aus Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 97)
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