Der Schwan
Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom hässlichen Entlein, das sich in einen schönen Schwan verwandelt? Dabei ist der Schwan nicht nur in vielen Märchen zu finden, in denen er meist für die Verwandlung zu etwas Höherem steht, sondern kommt auch in vielen Mythologien vor, zum Teil auch in Regionen, in denen es heute keine Schwäne gibt. Im Allgemeinen wird er mit weiblichen Eigenschaften wie Schönheit, Anmut und Gesang assoziiert, gleichzeitig auch mit negativen Attributen wie Eitelkeit und Verführung, die ebenfalls als typisch weiblich angesehen werden.
Namensgebend für den Schwan (Lateinisch: Cygnus) ist Kyknos, der König der Ligurer. Kyknos ist vom Tod seines Freundes Phaeton, dem der Himmelswagen entglitten ist, so betroffen, dass er stirbt und in einen Schwan verwandelt wird. Apollo versieht ihn mit der Gabe des Gesangs und erhebt ihn in den Sternenhimmel, wo er auch heute noch als das Sternenbild „Der Schwan“ zu sehen ist.
Die bekannteste Geschichte aus der griechisch-römischen Mythologie ist „Leda und der Schwan“. Hier wirft der Göttervater Zeus ein Auge auf die Königin Leda und nähert sich ihr in Gestalt eines Schwans. Er gibt vor, von einem Adler verfolgt worden zu sein und Leda gewährt ihm Zuflucht. Diese Liebschaft von Zeus ist in der Kunst vielfach dargestellt worden, sowohl in der bildenden als auch in der lyrischen Kunst. Häufig wird die mentale Versenkung von Leda dargestellt, sie wird durch die göttliche Schönheit verzaubert. Die Reinheit des Schwans entspricht hier der Reinheit der Beziehung zwischen Göttern und Sterblichen, sie steht als Symbol für die mentale Vereinigung mit dem Göttlichen.
Auch der Sonnengott Apollo, Zeus’ Sohn, wird mit dem Schwan in Verbindung gebracht. So sollen Schwäne die Insel, auf der seine Mutter niedergekommen ist, nachdem Apollo ihr den Weg dorthin aus dem Mutterleib heraus prophezeit hat, siebenmal umkreist und mit ihrem Gesang die Geburt des neuen Sonnengottes bekannt gegeben haben. Durch den Schwan soll Apollo die Gabe der Weissagung erhalten haben. Er ist außerdem der Erfinder der Musik und Führer der Musen, hier kann eine Assoziation zur Musik bzw. dem viel gerühmten Schwanengesang hergestellt werden.
Auch bei den Kelten und Germanen ist der Schwan bekannt: So ist der Schwan bei den Kelten das Krafttier der Barden. Die Barden sind die Sänger und Dichter der Kelten – wieder eine Verbindung mit der Musik.
In der germanischen Mythologie sind Walküren, die germanischen Schutzgeister und Todesbotinnen, mit dem Schwan assoziiert, das zeigt sich schon in ihren Namen: Svanhwit (Schwanweiß) oder Svanhild (Schwanhild). Sie sind nicht nur männerverschlingende Gestalten auf dem Schlachtfeld, sondern auch Beschützerinnen der Familien und Lehrerinnen der jungen Krieger. Die Walküren können in ihrem Schwanenkleid unverletzbar auf dem Schlachtfeld agieren und geleiten die verstorbenen Krieger nach Walhalla. Sie stehen für den Übergang vom Leben zum Tod. Ein anderer Aspekt der Walküren ist – ähnlich wie bei Apollo – ihre Fähigkeit, das Schicksal zu bestimmen und vorherzusagen.
In der hinduistischen Mythologie ist der Schwan das Reittier von Saraswati, der Göttin der Weisheit, Musik und Erfinderin der Sprache und Poesie. Schwan heißt auf Sanskrit „hamsa“, wird jedoch oft nicht mit Schwan, sondern Wildgans übersetzt, da es in Indien heute keine Schwäne gibt. Der Flug von Hamsa symbolisiert das Streben der Seele nach Erlösung. Der Vogel Kalahamsa kann Milch von Wasser trennen, er hat die Unterscheidungskraft durch ganzheitliches Erfassen, d. h. Weisheit, erlangt.
Im alten Ägypten gibt es keinen Gott, der durch den Schwan symbolisiert wird, jedoch ist der Schwan auf einigen Sonnenbarken dargestellt. Hier ist ähnlich wie bei Apollo der Schwan mit dem Symbol Sonne verknüpft.
Im finnischen Nationalepos Kalevala ist der Schwan auch von Bedeutung: Als Wächter des Totenreichs Tuonela schwimmt er auf dem Wasser zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten.
Es sind nicht nur die beiden weiblichen Aspekte Schönheit und Gesang, die immer wiederkehren. In den verschiedenen Mythen tritt der Schwan mit meist sehr ähnlichen Attributen auf: Oft ist er Bote, um mit der Anderswelt oder unsterblichen Seele in Verbindung zu treten, und er führt zur Weisheit.
Autorin: Ulrike Wokoek
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 115)
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