Brücken bauen - München wird 850 Jahre alt
Die Stadt feiert dieses Jahr ihr 850-jähriges Jubiläum, zahlreiche kulturelle Ereignisse fanden dazu vom Frühjahr bis in den Herbst hinein statt. Große Feste wie das Stadtgründungsfest, das Altstadtringfest und das Isarbrückenfest gestalteten den Sommer zu einem kulturellen Feuerwerk, das alle Einwohner der Millionenstadt in seinen Bann zog. Das Motto zu diesem runden Geburtstag lautete „Brücken bauen“: Wie hat das München über die Jahrhunderte ihres bisher doch noch kurzen Lebens als Großstadt geschafft? Was wünschen wir dem Geburtstagskind für die nächsten Lebensjahre? München – die heimliche Hauptstadt Deutschlands?
Ich möchte uns allen München aus der Sicht einer Fremden vorstellen, denn das bin ich, auch wenn ich inzwischen seit bald 17 Jahren hier sozusagen „zu Hause“ bin. Die Stadt ist für mich als Immigrantin österreichischen Ursprungs zur zweiten Heimat geworden, auch wenn sie es mir nicht immer leicht gemacht hat, mich zu integrieren.
Ich nehme sie wahr als junge Dame Ende ihres dritten Jahrzehnts, so ein bisschen an einer Wende stehend, wenn wir versuchen wollen, die Stadt mit den Alters- und Entwicklungsstufen des Menschen zu vergleichen. Sie erinnert mich an einen Menschen, der um die 30 herum eine größere Schwelle erreicht, wo er reflektiert, wie es denn nun weitergehen soll: München scheint trotz allen Trubels nachdenklicher zu sein als früher, sich besinnen zu wollen, was sie ihren Einwohnern in Zukunft bieten will. Will sie weiterhin „größtes Dorf der Welt“ sein, wie so manche sie gerne vielleicht auch etwas abschätzig beurteilen? Oder lieber die „heimliche Hauptstadt Deutschlands“, wie ihre größten Fans sie gerne nennen? Genügt es ihr, Bayerns Landeshauptstadt zu bleiben, die laufend z.B. die so genannte Elite Deutschlands anzieht, weil sie Deutschlands IT- und High-Tech-Zentrum ist mit der höchsten Lebensqualität? Wohin könnte sie sich entwickeln? Welche Spuren hat sie schon in Deutschlands Geschichte hinterlassen?
Die Stadt München (sie trägt die Mönche im Namen) ist heute eine Millionenstadt, die sich einerseits ihren konservativen bürgerlichen Charakter erhalten konnte, andererseits aber wie ein Magnet die deutsche Intelligenz aus Wirtschaft und auch Wissenschaft anzieht. Sie schafft es, Tradition und Moderne auf eine gesunde Art zu verbinden.
Spuren der Politik
Heinrich der Löwe hat sie 1158 offiziell ins Leben gerufen, er wollte seinen Machtbereich mit Hilfe des Kaisers Friedrich Barbarossa ausdehnen, indem er einfach eine neue Brücke „bei den Mönchen“ flussabwärts mitsamt Siedlung anlegen ließ, über die nun der Salzhandel laufen und ihm so Einnahmen bescheren konnte, die vorher dem Bischof von Freising zustanden. Herrscher wie z.B. Ludwig I. haben die Künste großzügig gefördert, Grünflächen fürs Volk wie den Englischen Garten geschaffen, Architektur gestiftet in Form ihrer Prachtbauten, politische Reformen durchgeführt und sogar die Bürger an der Regierung beteiligt. Napoleon prägte durch sein Wirken die Stadt über die Reformen unter Graf Montgelas und die Ernennung des Herzogs zum König. Aber auch die Nationalsozialisten – für sie war sie die „Hauptstadt der Bewegung“ – und die Kommunisten – wenn auch nur sehr kurz – haben in der Stadt gewirkt.
Spuren der Kunst
Jede Menge Künstler belebten den berühmten Stadtteil Schwabing, der gerade in seiner Blütezeit Anfang des 20. Jahrhunderts mit Paris konkurrierte: Denken wir nur an den „Blauen Reiter“ mit den Malern Wassily Kandinsky und Franz Marc, Paul Klee, August Macke, Gabriele Münter, Alfred Kubin, aber auch die Münchner Maler Franz von Lenbach und Franz von Stuck, die hier lebten und arbeiteten und die Stadt entscheidend prägten. Paul Heyse, Rainer Maria Rilke, Joachim Ringelnatz, Heinrich und Thomas Mann gehörten zu den Schriftstellern, die in München teilweise sogar viele Jahre ihres Lebens verbrachten. Frank Wedekind und Ludwig Thoma schrieben für den „Simplicissimus“, ein politisches Magazin, dem bald darauf auch ein Café mit dem gleichen Namen folgte. Stefan George, Lovis Corinth und Alexander Roda Roda zählten zu den Gästen der Cafés. Ludwig Quidde, Ernst Reuter und Theodor Heuss studierten hier, bevor sie in der Politik Karriere machten. Nicht zu vergessen auch Karl Valentin und Liesl Karlstadt, die in München Anfang des 20. Jahrhunderts zu Hause waren und dem Volk gehörig „aufs Maul schauten“.
Spuren von Wissenschaft und Wirtschaft
Aber auch Erfinder – oft Flugpioniere – und Unternehmer waren in München tätig: Josef von Utzschneider und Georg Friedrich von Reichenbach gründeten das weltberühmte Optische Institut, in das auch Joseph von Fraunhofer später eintrat (nach ihm hat sich die Fraunhofer-Gesellschaft benannt). Carl August von Steinheil konstruierte Kameras und gründete 1855 eine eigene Firma mit seinen Söhnen. Justus von Liebig entdeckte das Anilin für die synthetische Farbherstellung. Max von Pettenkofer entwickelte die chemische Technik, Samuel Thomas von Soemmering baute den ersten elektrischen Telegrafen. Gustav Otto gründete die Bayerischen Flugzeugwerke, später in BMW umbenannt. Ernst Udet gründete in Milbertshofen die Firma Udet-Flugzeugbau. Ludwig Bölkow und das Messerschmitt-Entwicklungsbüro waren führend an Flug-, Raumfahrt- und Satellitenprojekten beteiligt, genauso an solartechnischen Erfindungen, neuen medizinischen Geräten und der ersten Magnetschwebebahn, dem Transrapid.
Der Humor in München
Ein Karl Valentin mit einer Liesl Karlstadt, ein „Münchner im Himmel“, ein Monaco-Franze und die Münchner G’schichten waren nur möglich, weil die Münchner es gelernt haben, über sich und andere zu lachen. Ich fühle mich hier wohl, weil ich lachen kann, mit den Münchnern, über die Münchner, über mich selber …
„Brücken bauen“
Münchens Geschichte ist lang und sehr vielfältig: ein buntes Kleid, gewebt aus viel Licht und viel Schatten, viel Freud und viel Leid ihrer Bewohner. Vieles hat die Stadt erlebt und auch erlitten, aber wie ein Mensch ist sie ein Lebewesen, das reifer und weiser werden kann. München will Brücken bauen, nicht nur im physischen Sinn, sondern auch im übertragenen geistigen Sinn. Brücken helfen, Gegensätze zu überwinden, zu neuen Ufern aufzubrechen, neuen Boden zu erobern, kreativ und schöpferisch zu sein.
Was braucht es dazu? Gemeinsame Werte, die auch über Jahrhunderte Bestand haben können. Wie Münchens Geschichte schon zeigte: eine dauerhafte Ethik, Tugenden, die gleichzeitig flexibel und beständig sind, wie z.B. einen Sinn für Ordnung, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Sauberkeit, Toleranz, z.B. anderen Glaubensbekenntnissen gegenüber, Höflichkeit und Respekt und den Willen, gemeinsam die Zukunft der Stadt gestalten zu wollen zum Wohle aller. Passend dazu gilt Kants kategorischer Imperativ, der vom Einzelnen verlangt, immer so zu handeln, dass die Richtschnur dieses Einzelnen zur Richtschnur für das Kollektiv werden kann.
Möge die Stadt München – und mit ihr auch ihre Bürger – sich ihr Selbstbewusstsein bewahren und stolz sein auf ihre Errungenschaften, ihre Meilensteine der Geschichte. Möge sie weiterhin mit Mut, Intelligenz und auch großer Liebe und Respekt ihren Raum gestalten und ihre Spuren in der Zukunft hinterlassen.
Solange sie ihre Wurzeln nicht vergisst und ihre Erfahrungen assimiliert, um das Leben seiner Einwohner gleichzeitig kreativ und traditionsbewusst zu beeinflussen, so lange wird sie Menschen anziehen, beherbergen und inspirieren.
Stadtchronik:
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2000 v. Chr. Erste Siedlungsfunde
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800 v. Chr. siedeln die Kelten nördlich der Alpen
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15 v. Chr. erobern die Römer das Voralpenland, römische Isarbrücken stehen bei Unterföhring und Grünwald, zwei Fernhandelsstraßen führen nahe an München vorbei
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Ca. 200 n. Chr. Einwanderung der ersten germanischen Stämme in Noricum, sie vermischen sich mit den einheimischen Siedlern.
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551 werden erstmals die „Bajoras“ erwähnt, also die Bajuwaren.
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Ab 600 missionieren irische Mönche die Bajuwaren. Bieropfer der Germanen an ihre Götter missfallen den Mönchen.
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1158 Der Welfenherzog Heinrich der Löwe lässt bei den Isarinseln, nahe der Mönchssiedlung, eine Brücke errichten, um Zölle aus dem Salzhandel zu kassieren.
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1314 Ludwig der Bayer wird zum deutschen König gewählt, München nimmt als seine Residenzstadt die Reichsfarben Schwarz und Gold ins Stadtwappen auf.
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1522 verbietet Herzog Wilhelm IV. alle Schriften Martin Luthers, die Gegenreformation in Bayern beginnt.
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1632 Kurfürst Maximilian I. übergibt im Dreißigjährigen Krieg die Stadt kampflos an die Schweden, indem er 300.000 Reichstaler bezahlt, um eine Plünderung zu verhindern.
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1702 Kurfürst Max Emanuel hat im Spanischen Erbfolgekrieg gegen die Habsburger Partei ergriffen und sich auf die Seite der Franzosen gestellt: Österreich besetzt Bayern und verjagt den Kurfürsten.
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1740 erhebt Kurfürst Karl Albrecht Anspruch auf die habsburgische Kaiserkrone, marschiert in Österreich ein und wird 1741 König von Böhmen.
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1742 wird er zum Kaiser gekrönt und regiert bis 1745 als Karl VII.
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1798 erreichen Napoleons Truppen München. 1803 werden im Zuge der Säkularisation viele Klöster aufgelöst.
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1806 wird der bayerische Kurfürst Max IV. Joseph zum König ausgerufen, Bayern wird Königreich. 1825 wird Ludwig I. König von Bayern.
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1882 gelingt dem Münchner Ingenieur Oskar von Miller anlässlich der 1. Elektrizitätsausstellung die erste Stromübertragung der Welt von Miesbach nach München.
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1918 stürzen kommunistische Rebellen die Monarchie, sie rufen am 8. November den Freistaat Bayern aus und errichten eine Räterepublik.
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1919 wird im Februar Kurt Eisner von einem Rechtsradikalen erschossen, die Revolution wird niedergeschlagen. Im „Café Gasteig“ im Tal gründet im Januar Karl Harrer die „Deutsche Arbeiterpartei“ (DAP), Hitler wird Mitglied,
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1920 wird sie auf sein Drängen in NSDAP umbenannt.
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1938 unterzeichnen im „Führerbau“ am Königsplatz Deutschland, England, Italien und Frankreich im September das „Münchner Abkommen“, in dem sie dem „Anschluss“ des Sudetenlandes an das Deutsche Reich zustimmen.
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1939 unternimmt Georg Elser seinen Attentatsversuch gegen Hitler im Bürgerbräukeller.
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1944 wird die Münchner Innenstadt von Bombenangriffen der Amerikaner fast komplett zerstört.
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1945 nimmt sich Hitler in Berlin das Leben, in München marschiert die US-Armee ein.
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2008 München feiert das 850-jährige Jubiläum.
Autorin: Sonja Luckeneder
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 115)
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