München – wia’s leibt und lebt!
Wie beschreibt man seine Stadt? Noch dazu in einem kurzen Artikel. Eine schwierige und sicherlich nicht zu aller Zufriedenheit lösbare Aufgabe.
Ich bin eines der immer seltener werdenden Exemplare der echten Münchner, d.h. derjenigen, die hier geboren wurden und leben, denn die „Zuagroasten“ werden im Verhältnis immer mehr. Warum? Ja wahrscheinlich, weil’s so schee is bei uns. Denn an der Freundlichkeit der Münchner soll es ja bekanntlich nicht liegen.
Gebrauchsanweisung für München
Ich wuchs im selben Viertel auf wie der berühmte Münchner Philosoph, Humorist und Lebenskünstler Karl Valentin. Ja, er ist ein Philosoph gewesen, doch darüber muss ich mal einen eigenen Artikel schreiben.
Dieses Viertel Au-Haidhausen war früher ein Arbeiterviertel, in dem Originale wie „da Valle“ gedeihen konnten. Übrigens ist seine Sammlung von Fotografien Münchner Gebäude gegenwärtig eine wichtige Quelle der Stadtgeschichte. Heute ist Haidhausen ein „In-Viertel“ geworden und für den normalen Arbeiter, den es ohnehin kaum mehr gibt, sind die Mieten nicht erschwinglich und München wird überhaupt immer mehr zur Szenestadt.
Ich versuche Ihnen München nun „a bisserl“ vorzustellen, wobei ich mich einer Analogie bediene, die Thomas Grassberger in seiner „Gebrauchsanweisung für München“ verwendet und die recht nahe liegend ist. Es erfordert etwas Imaginationskraft, aber die kann man sicherlich bei den Lesern einer Philosophiezeitschrift voraussetzen. Stellen Sie sich ein „g’standenes“ Münchner Mannsbild vor, mit dem entsprechenden Bierbauch natürlich.
Im Folgenden werden diesem Mannsbild die verschiedenen Teile Münchens zugeordnet. Es wäre natürlich auch möglich, diese Analogie mit einem feschen Madl im Dirndl zu machen, aber das bleibt für die Insider. Ich werde in diese Darstellung auch die magischen, geomantischen Orte mit einfließen lassen – alles natürlich ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit.
Die Gründungsgeschichte Münchens wird in diesem Jahr des 850. Jubiläums immer wieder thematisiert.
Ja, Heinrich der Löwe hat eine weiter nördlich bei Freising gelegene Brücke abgebrannt und eine neue gebaut, um die Salzsteuer in seinen Säckel zu leiten. Sicherlich ist dies auch Ausdruck der Münchner Schlitzohrigkeit, die man nie unterschätzen sollte. Der Löwe ist ja auch ein Symbol der Macht. Heinrich erhielt einen Markt „bei den Mönchen“ und ein Münzrecht und Freising hatte das Nachsehen. Diesem Symbol des Löwen begegnet man in München immer wieder, zum Beispiel vor der Residenz – wo das Berühren der Löwenstatuen Glück bringen soll.
Die Weltstadt mit Herz
Die zwei Bilder zeigen die Konstruktion Münchens, von einem Mittelpunkt ausgehend sind auf einer Kreislinie die ersten vier Stadttore angeordnet. Die zweite Kreislinie zeigt die Erweiterung. Ein Zentrum – vier Tore auf einer Hauptachse, dies alles spricht für eine magisch-geomantische Planung, dazu eine klare Hauptachse.
Geomantie ist die Lehre, mit den Energien der Erde als Lebewesen bewusst zu arbeiten. Eine Stadt ist unter diesem Aspekt ein bewusst geschaffener Mikrokosmos. Damit wären wir bei der Frage, wo die Stadt ihr Herz hat. Die „Weltstadt mit Herz“. Dieses Herz ist der Marienplatz. Übrigens: dort wo die älteste Pfarrkirche der Stadt steht, liebevoll „der Alte Peter“ genannt, stand schon mindestens hundert Jahre vor der offiziellen Stadtgründung eine romanische Kirche.
Die Besiedlung durch die Kelten erfolgte noch viel früher, etwa 4500 v. Chr. Am Marienplatz befindet sich ein „Drachendreieck“, wobei der Drache nicht nur für das Böse steht, sondern auch für die tellurische Erdkraft, nur die Christen konnten mit dieser nicht richtig umgehen und mussten sie deshalb immer mit Gewalt unterdrücken.
Am südwestlichen Eck des Rathauses treffen wir auf das erste Eck des Dreiecks, das Wurmeck. Dieser kräftige, dynamische Drache beschreibt ein umgedrehtes S, dessen Kopf sich nach links wendet. Was soll diese merkwürdige Drachenfigur an so prominenter Stelle versinnbildlichen? Die positive linksdrehende Erdkraft vielleicht … Den zweiten Eckpunkt des Drachens bildet der Basilisk der Mariensäule. Die Mariensäule wurde 1638 von Kurfürst Maximilian I. gestiftet, weil München während der schwedischen Belagerung verschont geblieben war. An den vier Eckpunkten des Monuments findet man vier Sinnbilder: die Schlange als Symbol für den Unglauben, den Basilisken für die Pest, den Drachen für den Hunger und den Löwen für den Krieg. Die Maria thront als Madonna über diesen Übeln, sie ist die Verkörperung der siegreichen Erdkraft. Das dritte Eck wird vom Drachen des heiligen Georg am linken Rathauseck gebildet. Damit wird das ganze magische Ensemble zu einem Zentrum der weiblichen Urkraft im Herzen Münchens.
Wo hat die Stadt nur ihren Kopf? Einiges spricht dafür, hierfür die Maxvorstadt anzusehen – ein massiger Kopf, aber dies passt auch zu unserem g’standenen Mannsbild. Außerdem war diese Erweiterung Münchens über die Grenzen der alten Festung ein geplantes und damit kopfgesteuertes Vorgehen. Kurfürst Karl Theodor sagte 1795, München solle hinfort keine Festung sein.
Die Besiedlung der Maxvorstadt unter der Leitung von Ludwig von Sckell brachte den Odeons-, Wittelsbacher-, Karolinen- und Königsplatz hervor. Es ist aber auch ein Kopf mit Banken, Versicherungszentralen, Konzernen und den großen Kunstsammlungen der Alten und Neuen Pinakothek und der Pinakothek der Moderne. Ebenso gehören die Staatsbibliothek sowie Deutschlands größte Universität, die Ludwig-Maximilians-Universität mit über 60.000 Studierenden, dazu.
Der Odeonsplatz mit der Feldherrenhalle ist eine Demonstration der königlichen Macht. Etwas Besonderes sind auch die drei Rundtempel Münchens: im Hofgarten der harmonisierende Dianatempel, der „Monopteros“ im Englischen Garten und der Apollo-Tempel im Nymphenburger Park.
Isar-Athen
Der Königsplatz war von Ludwig I. konzipiert worden, um hier das Wissen der Antike wirksam werden zu lassen – übrigens trägt München den Spitznamen „Isar-Athen“. (Bild einfügen) 1817 wurde der Bau des Königsplatzes begonnen und 1862 vollendet. Die Propyläen als monumental-klassizistisches Krafttor bilden eine Energieschleuse par exellence. Im Dritten Reich wurden die starke Magie dieses Platzes leider auch manipulativ genutzt. Nach dem Krieg wurden bewusste architektonische Maßnahmen gesetzt, um den Kraftfluss dieses Platzes zu blockieren. Diese Kräfte an sich sind weder gut noch schlecht, es kommt immer auf die Intention dessen an, der sich ihrer bedient. Das Gesicht Münchens wird mit dem Jakobsplatz identifiziert, an dem gerade die neue jüdische Synagoge entstanden ist, um eine historische Wunde zu schließen.
Kehlkopf und Stimmbänder sind mit dem Nationaltheater, den Kammerspielen, dem Cuvilliés- und Residenztheater sehr gut ausgebildet. Die kräftigen Lungen stellt der Englische Garten dar. Von Graf von Rumford zur Erquickung des Volkes gefordert und unter Karl Theodor von Sckell ausgeführt, „… damit er den Menschen zur Bewegung und Geschäftserholung, zum Genusse der freien Lebenslust und zum traulichen geselligen Umgang und Annäherung aller Stände diene“. Bis heute erfüllt er diesen Auftrag mit seinem 1972 zu den Olympischen Spielen gestifteten japanischen Teehaus, dem Chinesischen Turm (einem der schönsten Biergärten, vor allem unter der Woche) und sogar einem geduldeten FKK-Bereich, wo die Münchner, so wie sie Gott schuf, die Sonne genießen können und an dem zufälligerweise jede Touristenradltour vorbeiführt … Alles nach dem bayrischen Lebensmotto „leben und leben lassen.“
Vieles könnte, ja müsste ich noch erwähnen: Schloss Nymphenburg, die Theresienwiese mit der Bavaria, auf der alljährlich das größte Volksfest der Welt stattfindet … „Aber da müasst’s scho seba kemma und fui sann fei scho blimm!“
Was ist die Seele Münchens? Ohne jeden Zweifel – DIE ISAR. Einst ein reißender Gebirgsfluss, wird heute der Großteil ihrer Wasser zur Stromgewinnung abgezweigt. Die Seele wird, wie so oft, dem Profit geopfert, doch in den letzten Jahren wurde die Isar wieder teilweise renaturiert.
Da schau her!
Am Hochufer der Isar, am besten über die Prinzregentenstraße erreichbar, thront auf einer 22 Meter hohen Säule der goldene Friedensengel. Eine Nike, eine Siegesgöttin über den allegorischen Darstellungen des Sockels zu den Themen „Segen der Kultur, Frieden, Krieg und Sieg“. Ein machtvoller geomantischer Akupunkturpunkt, der uns auffordert: „Erhebe deine Seele und sei!“
Gratulation zum 850. Geburtstag und viel Kraft, Weisheit und Glück! Aus, Epfe, Amen. *
Autor: Julian Plieninger
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 115)
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