Abenteuer Lebenskunst: Hurry Sickness und Entschleunigung
Die vergangene Folge der Serie "Abenteuer Lebenskunst" mit dem Titel "Jugendkult und Golden Oldies" zeigte auf, dass die Jugendlichen nicht erwachsen, die Erwachsenen jedoch umso verbissener juvenil sein wollen. So, als hätten sich die natürlichen Lebensabschnitte umgedreht. So, als ticke die Zeit nicht richtig.
Und das ist wohl wahr. Das Thema "Richtiger Umgang mit Zeit" ist aktueller denn je. Vor gar nicht allzu vielen Jahren - Sie erinnern sich bestimmt noch - war das Thema Zeitmanagement in Firmen, Seminaren und Büchern allgegenwärtig. Es wurden "Zeitdiebe" entlarvt und man lernte, sinnvoll zu planen und den Terminkalender artig zu füllen. Nicht nur im Berufsleben, auch im privaten Bereich ist man inzwischen in ein hochkomplexes und anstrengendes Gefüge aus Kontakten, Verpflichtungen, Beziehungen und Terminen eingespannt. Alle Leute sind im Stress, niemand hat mehr Zeit.
Und das, obwohl die moderne Technik ständig daran arbeitet, uns beim Zeitsparen zu helfen: Computer, Handys, Fax und E-Mail, Hochgeschwindigkeitszüge und elektrische Haushaltsgeräte usw. haben dazu beigetragen, dass wir in vierzig Jahren 28 Minuten mehr Zeit pro Tag gewonnen haben - wie eine aktuelle Studie der Universität Bamberg belegt.
Warum haben wir trotzdem immer weniger Zeit?
Ganz einfach: zum einen, weil wir immer mehr Aktivitäten in die uns verfügbare Zeit hineinpacken - vor allem auch in der Frei-Zeit-, und zum anderen, weil die moderne Technik uns nur scheinbar Zeit sparen hilft. Betrachten wir einige Beispiele:
Die segensreichen Erfindungen des Staubsaugers und der Waschmaschine beispielsweise haben den Reinlichkeitsstandard derart erhöht, dass man heute mehr Zeit in die Hausarbeit investiert als noch Anfang der 20er Jahre. Beim Einkaufen im Supermarkt, wo man alles Nötige unter einem Dach hat, vergleicht man die Sonderangebote und rechnet hin und her, läuft endlose Regalreihen auf und ab, weil die Produkte immer wieder umgeräumt werden, und sucht lange einen Verkäufer, wenn man einmal eine Frage hat. Außerdem kommen noch längere An- und Abfahrtszeiten hinzu. Wer mit Computern arbeitet, weiß, welches Heer von IT-Technikern damit beschäftigt ist, sie funktionstüchtig und auf dem neuesten Stand zu halten.
Zusammengefasst: Unserer Nonstop-Gesellschaft ist hilflos in einer Aktivitätsfalle gefangen. Wie im Hamsterrad sind wir enorm fleißig und aktiv und treten trotzdem auf der Stelle. Nach dem ungeschriebenen Gesetz: Wer keinen Stress hat, hat auch keineninteressanten Job, arbeiten wir, um "busy" zu sein. Und so sind viele Menschen ständig angespannt, überarbeitet und übermüdet. In Amerika spricht man von "Hurry Sickness" und auch in Japan gibt es ein neues Wort, "Karoshi" - Tod durch Überarbeitung.
Dieser fatale Zeitstrudel entfernt uns immer weiter von uns selbst. Es ist an der Zeit, innezuhalten, tief durchzuatmen und aus dieser Hochgeschwindigkeitsgesellschaft auszusteigen.
Der neueste Trend heißt "Entschleunigung". Immer mehr Bücher, Ratgeber, Artikel in Zeitschriften und Seminare für Manager beschäftigen sich mit diesem Thema. In Klagenfurt wurde vor einigen Jahren sogar ein "Verein zur Verzögerung der Zeit" gegründet, der das Blatt "Zeitpresse" herausgibt. Man ist wieder auf der Suche nach dem einfachen und ruhigen Leben, nach Frieden und Müßiggang - um zu sich selbst zu finden.
Der "neueste" Trend erinnert wieder an das, was Philosophen wie Sokrates, Platon und Epikur schon vor über zweitausend Jahren lehrten: Der Mensch braucht "otium" - die göttliche Muße, um mit sich selbst im Einklang zu sein.
Wenn auch Sie Ihre Zeit verlangsamen wollen, dann hier ein paar Anregungen und Tipps:
1) "Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter."
Das sagte schon Marc Aurel, der Philosophenkaiser. Nehmen wir uns Zeit, unsere Lebensziele zu definieren und fragen wir uns immer wieder, ob wir wirklich Wesentliches tun und dazu beitragen, sie umzusetzen. So bringen wir mehr Qualität und Tiefe in unsere Alltage.
2) Reduzieren Sie Ihr Tempo
Oft lassen wir uns von der hektischen Geschwindigkeit in unserer Umgebung anstecken. Dann laufen wir, wo wir gehen könnten, und verrichten unsere Tätigkeiten so schnell, dass wir Fehler machen. Diese zu korrigieren ist oft recht zeitaufwendig.
3) Nehmen Sie sich Zeit für die Menschen
Die Hochgeschwindigkeitsgesellschaft lässt wenig Raum für Gespräche und Kommunikation. Oft ist man kurz angebunden, gereizt und unfreundlich. Die daraus resultierenden Missverständnisse und
Verstimmungen wieder ins Reine zu bringen kostet wieder Zeit.
4) Erleben Sie einmal am Tag Stille
Zum Beispiel bei einem kurzen Spaziergang auf dem Heimweg vom Büro. Setzen Sie sich in einen Park, in eine Kirche, an einen See. Oder gönnen Sie sich eine stille Zeit zu Hause - ohne Radio, Fernseher, Telefon usw. -, auch wenn es nur zehn Minuten sind.
5) Hinterfragen Sie Ihr Freizeitverhalten
Viele Menschen sprechen davon, dass sie "Urlaub vom Urlaub" brauchen. Durch immer neue Anreize und Verlockungen wird uns jeneZeit gestohlen, die wir zur echten Entspannung von Körper, Geist und Seele nötig hätten. Weniger ist mehr - vor allem bei der Erholung!
6) Werfen Sie unnötigen Ballast ab
Hinterfragen Sie Ihre Tätigkeiten kritisch. Vielleicht tun Sie Dinge, die Sie gar nicht wichtig finden, aus Gewohnheit oder weil es die anderen tun. Versuchen Sie, Ihre Aktivitäten zu reduzieren, um für die "göttliche Muße" mehr Zeit zu haben.
7) Pflegen Sie "otium" - die göttliche Muße
Die Lektüre guter Bücher (z.B. "Momo" von Michael Ende, in dem die Zeitdiebe behandelt werden), das Hören von klassischer Musik, die Betrachtung der Natur, das Nachdenken über die großen Fragen des Lebens, gute Gespräche mit Freunden - all das und vieles mehr ernährt die Seele und bringt Frieden in das Herz.
Ich wünsche Ihnen einen bewussten Umgang mit Ihrer Zeit!
Ihre Gudrun Gutdeutsch
Vielseitig interessierte und kontaktfreudige österreichische Pädagogin aus München. Immer in Bewegung, am Liebsten in der Natur und beim Tanz. Sucht für sich und andere die fruchtbare Vereinigung von Psychologie, Philosophie und spirituellem/religiösem/geistigen Lebensglück. Dabei hinterfragt sie alles und überrascht durch Grenzgänge.
Autorin: Gudrun Gutdeutsch
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 94)
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