Amor und Psyche
Auf der Suche nach der wahren Liebe müssen wir die vergängliche Liebe, die Eifersucht sowie den Schmerz der Trennung überwinden, ehe wir reif für die unsterbliche Liebe werden.
In der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. erzählt Apuleius in seinen Metamorphosen diese Metamorphose in der Geschichte von Amor und Psyche. Apuleius, selbst ein begeisterter Anhänger Platons, greift damit eine Sage voller menschlicher Dramatik auf. Dieser Mythos erinnert uns an unseren eigenen Lebensweg mit seinen Höhen und Tiefen, an dessen Ende die Versöhnung mit dem Schicksal und mit unserem Selbst steht.
Die Geschichte
Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten drei Töchter von besonderer Schönheit. Bei weitem die schönste aber war die jüngste, Psyche, weshalb die Menschen sie wie die Göttin Venus anbeteten und die Altäre und Heiligtümer der Göttin unbesucht blieben. Das erzürnte Venus und sie befahl ihrem Sohn Amor, sie zu rächen und Psyche mit der Liebe zu dem gemeinsten und niedrigsten Menschen zu bestrafen.
Indessen heirateten die beiden älteren Schwestern, Psyche aber blieb unvermählt. Da befragte der König das Orakel und erhielt als Antwort, er solle die Tochter als Braut geschmückt in der Wildnis auf einem hohen Felsen aussetzen. Es würde ihr dort nicht ein sterblicher Mensch, sondern ein wilder Drache als Gemahl zuteil werden.
Der König gehorchte und die weinende Psyche wurde in einem hochzeitlichen Zuge zu dem Felsen geführt und auf dessen Gipfel zurückgelassen, wo sie schließlich weinend einschlief. Als sie erwachte, fand sie sich in einem wunderschönen Palast wieder. Dort begrüßten sie Stimmen als ihre Herrin und luden sie ein, sich all der Annehmlichkeiten des Palastes zu bedienen.
In der Nacht erschien Amor, von ihrer Schönheit bezaubert. Er hatte also dem Befehl seiner Mutter nicht gehorcht. Amor selbst blieb seiner jungen Gattin verborgen, er verbot ihr streng, nach seinem Antlitz zu forschen.
Unterdessen hatten sich die beiden Schwestern der Psyche auf den Weg gemacht, um die Verlorene zu suchen.
Nach langer Suche entdeckten sie sie schließlich im Palast. Voller Neid auf den Reichtum ihrer Schwester beschlossen sie, Psyche ins Unglück zu stürzen. Sie redeten ihr ein, dass ihr Gatte ein furchtbarer Drache sei und überzeugten sie, ihn während der Nacht im Schlaf zu ermorden.
In der Hand ein Messer, näherte sich Psyche ihrem schlafenden Gatten. Da erkannte sie im Licht der Lampe den Gott in seiner ganzen Schönheit. Und von Liebe überwältigt, neigte sie sich über ihn und küsste ihn. Aber ein Tropfen glühenden Öls fiel von der Lampe auf die Schulter Amors. Er erwachte und zog sich enttäuscht und zornig über Psyches Untreue in das Reich seiner Mutter zurück.
Als die beiden Schwestern erfuhren, dass Psyches Geliebter Amor selbst war, stürzten sie sich den Felsen der Psyche hinab in der Hoffnung, dem Gott auf diese Weise ebenfalls näher zu kommen. Sie warfen sich jedoch nicht - wie erhofft - in die Arme Amors, sondern in den Tod.
Psyche aber verließ den Palast, um den Verlorenen zu suchen.
Schließlich, nach vielen Jahren ergebnisloser Suche, begab sich Psyche freiwillig in den Palast der ihr gegenüber feindseligen Venus. Venus legte ihr mehrere schwere und gefahrvolle Arbeiten auf, die sie alle durch die Hilfe diverser Wesen glücklich bestehen konnte. Unterdessen war Amor, von seiner Wunde geheilt, der Haft seiner Mutter entflohen. Er eilte zu Jupiter und erbat für Psyche die Unsterblichkeit. Dieser stimmte zu, ließ Psyche durch Merkur auf den Olymp führen und vermählte sie mit Amor.
Bald darauf wurde ihnen eine Tochter geboren, die den Namen Voluptas (Vergnügen) erhielt.
Der Fluch der äußeren Schönheit
In der griechischen Philosophie wird die menschliche Seele (Psyche) oft durch zwei Teile beschrieben: einem irdischen, mit all seinen vergänglichen Leidenschaften, Vorlieben und Abneigungen, und einem göttlichen, unsterblichen Teil. Psyche, der Mensch an sich, macht in diesem Mythos tiefe Erfahrungen über ihren archetypischen Ursprung.
Zu Beginn jedoch verliert Psyche den Kontakt zu ihrem innersten authentischen Wesen, sie entfremdet sich durch die alleinige Konzentration auf ihre äußere Schönheit von den anderen Menschen. Sie bleibt ohne Liebe und vereinsamt zusehends. Symbolisch wird dieser Aspekt durch den Zorn der Venus, der göttlichen, inneren Schönheit dargestellt. Der Mensch verliert sich auf seiner Suche nach der Liebe in der Betrachtung der äußeren Dinge. Psyche stiehlt somit der Göttin ihre Wahrheit, der materielle Kult zur Schönheit hat gesiegt.
Daher sendet Venus ihren Sohn, um die ursprüngliche Ordnung der Dinge wieder herzustellen.
Amor, der Mittler zwischen Göttern und Menschen, verliebt sich jedoch in Psyche und lockt diese in die Intensität des sinnlichen, aber unbewussten Rausches. Psyche erwacht aus diesem Zustand nur durch das Auftauchen ihrer beiden Schwestern. Sie vermag anfangs noch nicht den Unterschied zwischen einer vergänglichen Verliebtheit und der wahren Liebe zu erkennen. Deshalb akzeptiert sie es, kein Licht in diese Verbindung zwischen sich und ihrem unbekannten Liebhaber zu bringen. Psyche ist in sich selbst verliebt und projiziert dies auf ihren Partner. Erst das Licht der Lampe fördert die Wahrheit zutage. Diese Neugierde macht das Geheimnis des Göttlichen ansatzweise sichtbar, vertreibt aber gleichzeitig den Geliebten.
Damit ist sie aber aus ihrem dunklen Paradies des Nichtwissens aufgetaucht, bleibt jedoch vorerst ganz allein auf sich gestellt. Psyches bewusste Rückkehr zur wahren Liebe beginnt mit einer Wunde, die sie Amor zugefügt hat. Die Wunde erzeugt Trennung und Schmerz. Auch Psyches weiterer Weg auf der Suche nach ihrem Geliebten ist von Entsagung, Einsamkeit und Entbehrungen gekennzeichnet.
Der Weg zur bewussten Ganzheit wird für Psyche zu einer tiefen Auseinandersetzung mit
ihren bisherigen Gewohnheiten. Sie muss sich grundlegend verändern, um das Neue, das eigentlich Ursprüngliche wieder zu erlangen.
Psyches Proben
Psyche muss auf ihrer Suche nach Unsterblichkeit zahlreiche Proben bestehen. Die Heldin muss sich bewähren, um die Göttlichkeit zu erlangen. Die Voraussetzung dafür ist die freiwillige Hinwendung zu ihrer inneren Gottheit, Venus. Erst damit können die Schritte zur Vervollkommnung bewusst gesetzt werden.
Venus stellte ihr als erste Aufgabe, vermischtes Getreide auszusortieren. Sie musste dies innerhalb eines Tages erledigen. Bei dieser Aufgabe, die sehr stark an das Märchen von Aschenbrödel erinnert, kam ihr eine Schar emsiger Ameisen zu Hilfe. Psyche entwickelte in dieser Probe die Unterscheidungskraft, sie trennte das Brauchbare vom Unbrauchbaren, sie musste zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit unterscheiden.
Venus war damit noch nicht zufrieden und verlangte, dass ihr Psyche ein Knäuel Wolle von einer Herde Menschen tötender Schafe bringen sollte. Wieder verzweifelte Psyche angesichts dieser Aufgabe, ein sprechendes Schilfgras gab ihr jedoch den Rat, die Abenddämmerung abzuwarten, während derer sie die Wolle dann ohne Gefahr einsammeln konnte. Symbolisch gesehen handelt es sich hier um die Bezähmung der destruktiven menschlichen Leidenschaften und Emotionen. Das ihr dabei helfende Schilf steht für Besonnenheit, Ruhe, Verwurzelung und das Emporstreben zum Göttlichen.
In der dritten Probe verlangte Venus, dass Psyche ihr einen Krug Wasser vom tödlichen Fluss Styx brachte. In dieser scheinbar nicht zu bewältigenden Aufgabe wird sie von Jupiters Adler, dem Symbol der Geistigkeit und Weisheit, unterstützt.
Die letzte Probe führte sie in die Unterwelt. Sie besiegte dabei ihre Angst und wagt sich zu Proserpina vor. Dabei ließ sie sich nicht von den Gestalten der Unterwelt von ihrem Weg ablenken.
Symbolisch können diese mit den ständig schwankenden Erscheinungsformen unserer Gefühle erklärt werden. Psyche ließ sich aber nicht von falschem Mitleid und Verblendung davon abhalten, den Hades zielgerichtet zu durchqueren. Sie nahm die Büchse von Proserpina in Empfang, konnte jedoch dem Gebot, die Büchse auf keinen Fall zu öffnen, nicht widerstehen und sank auf der Stelle in einen todesähnlichen Schlaf. Es ist dies der Schlaf des Vergessens, der uns all das verlieren lässt, was wir uns mühsam angeeignet haben.
Fast hätte Psyche diese letzte Probe nicht bestanden, aber Amor, die göttliche Liebe, bat Jupiter um Psyches Aufnahme in den Götterhimmel, die ihr dieser auch gewährte.
Damit hat sie ihren Weg der bewussten Unsterblichkeit abgeschlossen.
Meine Seele und ich -
die Rückkehr der Seele
Psyche hat sich mit den Tiefen ihrer Persönlichkeit auseinander gesetzt, hat Proben bestanden und, beflügelt von der Sehnsucht nach dem Göttlichen, ihren unsterblichen Teil wieder entdeckt.
Psyches Reise ist eine Reise, die der Mensch im Lauf seiner Entwicklung zu machen bereit sein muss.
Eros dient dabei als Verbindung zwischen den Menschen und den Göttern. Er stellt unsere Sehnsucht nach Vollendung dar. Er beflügelt uns, unseren göttlichen Seelenanteil zu finden und dabei jenes Glück zu erleben, das nicht von den äußeren Umständen der Welt abhängt, sondern aus unserem Inneren kommt und damit Bestand hat.
Literatur:
- Tripp, E.: "Reclams Lexikon der antiken Mythologie", Verlag Reclam, 1991
- Norden, F.: "Amor und Psyche", Verlag Karl Graeser, Wien, 1903
Autorinnen: Annemarie Papp, Christina Tauschitz
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 101)
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