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Am Bodensee II - Braucht der Mensch die Wildnis?

 

Braucht der Mensch die ungezähmte Natur, oder reichen ihm Schnellstraßen, Zweitwohnungen, Großflughäfen, Güterumschlagplätze, Museen, Kathedralen, Universitäten?

Worin besteht unser Beitrag zur Evolution? Dass wir uns unaufhaltsam vermehren und wie die Heuschrecken über die Welt herfallen und sie kahl fressen? Oder gibt es doch einen Mehrwert in unseren Hervorbringungen, der nicht ausschließlich zu unserer eigene Erhaltung dient? Sicher scheint mir nur, dass der Mensch ein Erfolgsmodell ist, das noch immer gut läuft und deshalb wohl vorerst nicht aus dem Verkehr gezogen wird. So lange wenigstens, so lange er seinen Herrschaftsanspruch nicht auf jeden Winkel der Welt ausdehnen will, so lange er der ungezähmten Natur in sich und außerhalb seiner selbst ein Existenzrecht einräumt.

Wir als Menschen sind Ziehkinder der Wildnis, und wenn wir sie vollständig zerstören, sind wir verwaist. Wir können zwar innerhalb des Raumes leben, den wir uns selbst geschaffen, den wir „gerodet“ haben, aber wir können nicht aus ihm und nicht von ihm leben.

Das adelige Fräulein auf der Meersburg konnte mehr als ein Lied davon singen. Als Beispiel hier nur die erste Strophe aus ihrem Gedicht „Am Turme“ von 1842:

"Ich steh auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!"


Ein Biedermeierfräulein als wilde Mänade

Das klingt nicht gerade biedermeierlich-betulich. Der Turm, von dem Annette von Droste-Hülshoff hier spricht, gehört zur alten Burg, in der sie zwei Zimmer hatte, wenn sie zu Besuch kam, und in der sie auch gestorben ist. Ich wollte eigentlich nur diese Zimmer sehen, die Burg selbst betrachtete ich als Zugabe, aber sie ist durchaus einen Besuch wert. Sie gilt als die älteste bewohnte Burg Deutschlands, mit vielen Gemächern vom Verlies bis zum Rittersaal, die man alle alleine und unbeaufsichtigt durchstreifen darf, und in der es in jeder Ecke etwas gibt, was die eigene Phantasie mehr anregt und anschaulichere Bilder hervorbringt als jede Führung es kann.

Aber zurück zu dem schmächtigen, kränklichen Fräulein, das durch die paar Jahre, die es sich hier aufgehalten hatte, Meersburg berühmter machte als Franz Anton Mesmer und sein „animalischer Magnetismus“ oder ihr Schwager Laßnitz, Herr der Meersburg und einer der ersten bedeutenden Germanisten. Er war in zweiter Ehe mit Annettes Schwester Jenny verheiratet.

Wenn man etwas über „die Droste“ erfahren will, dann besucht man sie am besten im  „Fürstenhäusle“ inmitten der Weinberge etwas oberhalb der Stadt. Hier lebt sie noch immer und empfängt in ihrem Salon Gäste. Sie zeigt ihnen die Bilder ihrer Eltern – des geliebten, früh verstorbenen Vaters, der strengen Mutter –, die Schwester Jenny, deretwegen sie ja nach Meersburg gekommen war, den Schwager Laßnitz, der, so gescheit er selbst auch war, doch ihre Gescheitheit nicht zu würdigen wusste und sie ein „entsetzlich gelehrtes Frauenzimmer“ nannte.

Und natürlich das Bild Levins, Levin Schückings. Bloß Freund? Oder doch Geliebter? Die Beteiligten bewahrten Stillschweigen, aber das Privatleben des Burgfräuleins scheint nicht so geordnet gewesen zu sein, wie man das wohl gern gehabt hätte. Der sehr viel jüngere Levin, Sohn einer Freundin, war aber ganz sicher der Einzige, der ihren Wert als Dichterin erkannte. Der in ihr mehr sah als ein unverheiratetes, adeliges Fräulein, das seine Zeit mit literarischen Etüden ausfüllte. Eben das, was die anderen in ihr sahen. Hoch war ihr Stellenwert in dieser Gesellschaft jedenfalls nicht. Die unverheiratete Schwester oder Tante, die überall einzuspringen hatte, wo man auf ein Kind aufpassen oder einen Kranken pflegen musste. Sie hatte ja sonst nichts zu tun, oder?


Eine Bücherwildnis und ein Philosoph, der gegen den Strom schwimmt

Es gibt viele Arten von Wildnis.


In Überlingen tat sich die Tür zu einem Antiquariat auf, das mir die Sprache verschlug. Es war so vollgestopft mit Büchern, dass ich als Erstes meinen Rucksack abnahm, aus Angst, einen Bücherstoß zum Einsturz zu bringen. Der Antiquar selbst passte kongenial in das von ihm geschaffene Umfeld. Er sah nur kurz durch seine Brille über seine Schätze hin, bevor er ein Buch von Leopold Ziegler, nach dem ich gefragt hatte, aus diesen Bücherbergen hervorzog und mir überreichte.

Leopold Ziegler starb 1958 in Überlingen, nachdem er lange, man muss wohl sagen: unbemerkt, dort gelebt hatte. Das Büchlein von 1925, das ich erstand, beinhaltet eine Einführung in seine Philosophie. Ziegler, der „dem verlorenen Mysterium auf der Spur“ war und das in der Neuzeit „gleichsam verlernte Alphabet des Weltgeistes mit seinen vielen Zeichen, Bildern und Runen“ entziffern wollte, kann als Philosoph im klassischen Sinn gelten. Und steht heute entsprechend im Abseits. Seine Bücher sind nur noch antiquarisch zu bekommen.

Das Wetter war seit ein paar Tagen schwül und drückend gewesen. Während der Rückfahrt mit dem Schiff von Meersburg nach Lindau nahmen Himmel und Wasser eine bleierne Färbung an. Auch die Luft wurde bleiern, lastete wie ein schweres Tuch über dem See und drückte den Schweiß durch alle Poren. Selbst auf dem Schiff gab es keine Kühlung. Nach und nach dunkelte der Himmel immer mehr ein. Das Wasser geriet in Bewegung. Es wirkte grün und trug weiße Wellenkämme. Am Ufer blinkten die Sturmwarnanlagen. Die Segler, die den See bevölkerten, ließen sich vorerst noch nicht stören. Sie nützten den aufkommenden Wind. Als wir im Hafen von Lindau einliefen, war der Himmel über der Schweizer Seite des Sees dunkel-lila, mit einem Streifen schwefeliger Helligkeit. Dann begann es stark zu regnen und die Temperatur fiel rapide ab. Alles atmete befreit auf.

Autorin: Sabina Jarosch

(aus:Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 112)

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 17. Dezember 2008 )
 
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