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Am Bodensee I - Braucht die Natur den Menschen?

 

Kurz vor Unteruhldingen, wo ein kleiner Fluss in den Bodensee mündet, findet sich der Spaziergänger ganz unversehens in den Urwald versetzt. Es ist zwar nur ein briefmarkengroßes Stückchen Auenwald, aber es vermittelt einen Eindruck davon, wie unberührte Natur in unseren Breiten aussieht. Eine Ehrfurcht gebietende und melancholische Größe geht von dieser kastrierten und beschützten Wildnis aus, an deren äußerem Rand der Spazierweg entlangführt. Über dichte Schutzwälle aus Brennnesseln oder Schilf späht man in sumpfiges Gelände, wo alles wächst, wie es kann und mag, wo alles fällt, wie es muss, kreuz und quer, übereinander, durcheinander. Hie und da ein Baumriese, so mächtig, dass er eine Lichtung um sich herum geschaffen hat. Ein Lebensraum, in dem Bäume, Pflanzen und Tiere – so sie sich denn auf dieses Stückchen Land beschränken – unbehelligt wachsen und vergehen können. Weglos, ausweglos.

Als die Erde noch wüst und leer war, fehlte da der Mensch? Als Mensch möchte man das natürlich bejahen, aber dann muss man auch die Frage beantworten, was der Mensch denn nun, da er so massiv da ist, der Natur zurückgibt? Ist die Rodung der Wildnis bereits ein Beitrag?

Die Austreibung der Dämonen in Form von Schlangen und Kröten

So wie dieser Auwald muss die ganze Insel Reichenau ausgesehen haben, bevor der hl. Pirmin und seine Mönche auf den Plan traten und die „Dämonen in Form von Schlangen und Kröten“ verjagten, wie es in der Legende heißt.

Jetzt ist sie mit ihren drei Kirchen ins Weltkulturerbe aufgenommen worden. Zuallererst natürlich, weil es diese Kirchen überhaupt noch gibt: die einzigen deutschen Fresken des 9. Jahrhunderts in St. Georg. Das Marienmünster mit seiner strengen Architektur und seiner großartigen Geschichte. Und St. Peter und Paul, das trotz Barockisierung und Eingriffen in die Baustruktur seinen romanischen Ursprung nicht leugnen und wenigstens die Fresken in der Apsis über die Zeiten retten konnte. Romanische Kirchen, klein, gedrungen, dickwandig und bescheiden. Aber der Reihe nach. Ich hatte mir in Konstanz gleich beim Bahnhof ein solides Tourenrad ausgeliehen und fuhr zuerst durch die Innenstadt, dann durch ein Industriegebiet, schließlich über den mit Pappeln bewachsenen Damm, der die Insel mit dem Festland verbindet, auf die Reichenau, immer auf gut ausgeschilderten Radwegen. Am Anfang des Dammes steht eine Kapelle, die im 15. Jahrhundert einen mittelalterlichen Bildstock ersetzte, an dem die ungetauften Kinder begraben wurden. Ungetauft kamen Kinder nach christlichem Glauben nicht in den Himmel und deshalb wollten auch die Christen auf der Erde nichts mit ihnen zu tun haben und begruben sie weit außerhalb der Ortschaften.

Ich frage mich nur, warum die Mütter nicht rebellierten!

Am Ende des Dammes hat man, über eine schilfbewachsene Bucht hinweg, den ersten Blick auf St. Georg. Wie eine Vision aus einer anderen Zeit liegt diese Kirche da, so kompakt in sich ruhend, ohne alle Schnörkel. Nichts heischt da nach Bewunderung. Gelassen kann dieser Bau auf den warten, der kommt und seine Schätze entdeckt. Hätte ich mehr gesehen, wenn ich ein Fernglas dabei gehabt hätte, wie ich es mir immer wieder vornehme? Ist es wichtig, jede Einzelheit der berühmten Fresken genau zu sehen? Vielleicht. Mehr aber bedeutet mir das ruhige Aufnehmen von Atmosphäre, die geistige Vergegenwärtigung von Geschichte.

Eine blühende Klosterkultur auf der Reichenau

Später hatten die Mönche der Reichenau die Regel des hl. Benedikt übernommen, aber Pirmin, der Gründer des Klosters, war ein Wanderbischof in der irischen Tradition und blieb nur drei Jahre. Kein Palast und keine kostbaren Gewänder, vielleicht ein Bischofsring, aber sicherlich keine Kostbarkeiten. Woher ich das weiß? Ja, wie hätte er denn sonst wandern können, der Herr Wanderbischof? Eher passt auf ihn schon die Beschreibung der irischen Mönche: härener Umhang über weißem Wollgewand, Stock in der Hand und eine Ledertasche für die Bibel, fertig! Und vielleicht hat er sich auch noch die Augenlider schwarz geschminkt gegen die Sonne, und die Haare vorne am Kopf rasiert und hinten lang wachsen lassen. Verwegene Burschen müssen es gewesen sein, diese Wandermönche, und ihr Bischof wird sich nicht viel von ihnen unterschieden haben.

Ein paar Jahrhunderte später hatte sich das Blatt gewendet. Da wurde in Konstanz auf dem Festland, während des Konzils von 1414-18, Jan Hus aus Prag verbrannt, weil er gegen die Verweltlichung, den Ablasshandel und die Macht- und Geldgier der Kirchenfürsten aufbegehrte. Zwischen der Gründung des Klosters und dem Konzil in Konstanz gab es auf der Reichenau eine Reihe fähiger Äbte, so den berühmten Walahfrid von der Reichenau, genannt Strabo, der um 830 das erste Buch über Gartenkultur schrieb, und zwar in Versen. Hermann der Lahme hat im 11. Jahrhundert auf verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaften geforscht und Antiphone komponiert, die noch heute gesungen werden. Das Land wurde bebaut, Bücher wurden geschrieben und illustriert, die Söhne des Adels wurden hier erzogen und die Äbte fungierten oft auch als die politischen Berater der Väter ihrer Zöglinge.

Durchaus international ausgerichtet übrigens, zwischen Paris und Konstantinopel agierend.

Was ist geblieben? Der Gartenbau, der die Insel mit einem Netz von Feldern und Gewächshäusern überzieht, ein leuchtendes Beispiel aus der Frühzeit des deutschen Christentums, und drei Kirchen. Reichenau, eine heilige Insel. Da passt es gut, dass an einem Baum, an den ich mein Fahrrad lehnte, ein dickes Büschel Beifuß wuchs. Ich habe eine Handvoll mitgenommen. Getrocknet und verbrannt, öffnet sein Rauch den inneren Blick für andere Welten.

Braucht die Natur den Menschen? Etwa, um aus einem Urwald einen Nutzwald mit Fichten in Reih und Glied zu machen? Oder um Inseln wie die Reichenau und die Mainau entstehen zu lassen?

Sequoias auf der Mainau

So schön ich die Insel Mainau auch finde, so möchte ich diese Frage doch nicht rundweg bejahen. Rodung der Wildnis, damit Souvenirkioske Platz finden? Das ist natürlich polemisch formuliert, aber wenn man mal überschlägt, wo sich die Besuchermassen aufhalten, was also die größte Anziehungskraft ausübt, dann wären dies wohl die Souvenirläden, gefolgt von den schönen, bunten Blumenbeeten. Ich bin weit davon entfernt, das zu beklagen.

Die großen, alten, seltenen Bäume aus aller Welt erfahren wenig Aufmerksamkeit. Nur manchmal erregt ein Exemplar, das von der Form her besonders auffällig ist, für einen Moment die Neugier der Vorübergehenden, aber sonst ist es um die Bäume erstaunlich still. Erfreulich still, sollte ich sagen. Da kann man dann in schweigender Ehrfurcht vor den riesigen Sequoias verharren, die an der Westküste Nordamerikas zu Hause sind, oder die Bekanntschaft des japanischen „Kuchenbaumes“ machen, dessen Blätter im Herbst, wenn sie fallen, nach Rosinenkuchen duften.

War es also im Rahmen der Evolution gut und notwendig, die Wildnis durch den Garten zu ersetzen? Wenn ich diese Frage im Hinblick auf die Reichenau stelle, wo die Rodung Platz geschaffen hat für eine blühende Klosterkultur, dann tendiert man wohl dazu, diese Frage positiv zu beantworten. Selbst areligiöse Menschen schätzen ja die Pionierleistungen der Kirche in Sachen Kultur und neigen im Übrigen noch mehr als andere dazu, Kultur, Zivilisation, das „Menschenwerk“ also, für den Wert zu halten, dem sich alles andere unterzuordnen hat.

In einem materialistischen Weltbild muss der Mensch ja selbst für sein Fortkommen, auch als Spezies, sorgen.

Ich vermute also, dass sich die meisten Menschen darüber einig wären, dass Pirmin gut daran getan hat, die „Schlangen und Kröten“ zu vertreiben.

Ohne dass ich Partei ergreifen möchte, gebe ich jedoch zu bedenken, dass Lao Tse meint, erst als der Mensch den Glauben verloren hatte, brauchte er Religion, und erst als er das natürliche Wissen um das rechte Handeln vergessen hatte, brauchte er Kultur.

Autorin: Sabina Jarosch

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 112)

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 16. Dezember 2008 )
 
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