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Sinan und Süleyman - Ein osmanischer Baumeister und sein Herrscher

 

Die Silhouette der Stadt Istanbul wird maßgeblich von zwei Bauwerken bestimmt. Kaum eineinhalb Kilometer Luftlinie und rund eintausend Jahre voneinander getrennt, stehen die Hagia Sophia, die 537 geweihte Kirche des byzantinischen Kaisers Justinian, und die Süleymaniye, die Moschee des Osmanenherrschers Süleyman, die 1557 fertig gestellt wurde.

Dieser Anblick zeigt nicht nur eine unübersehbare Parallele, er zeigt eine Kontinuität!

Tatsächlich sind die Parallelen gerade zwischen Süleyman und Justinian frappierend. Beiden unterstand ein Reich auf seinem Höhepunkt, ein Riesenreich, dessen Grenzen sich übrigens fast deckten. Als Süleyman 1520 im Alter von 26 Jahren den osmanischen Thron bestieg, übernahm er, wie schon seine Vorgänger, auch byzantinische Gebräuche und protokollarische Formen. Beide, Justinian wie Süleyman, gaben das Geld mit vollen Händen im Sinne der Staatsraison aus, und beide konnten es sich leisten. Obwohl er für das habsburgische Europa das Symbol der muslimischen Bedrohung schlechthin war - stand er doch schon vor Wien und versuchte durch die Eroberung von Malta die Kontrolle über das Mittelmeer an sich zu reißen, was ihm übrigens beides misslang -, kennt man Süleyman also im Westen nicht umsonst als den "Prächtigen". In der Türkei nennt man ihn den "Gesetzgeber", auch das eine Parallele zu Justinian und dessen Gesetzessammlung Codex Justinianus. Ein sehr viel sagender Beiname, zeigt er doch die Bedeutung, die der Kodifizierung und Durchsetzung von Gesetz und Ordnung, innerem Frieden und Wohlstand unter seiner Herrschaft zukamen.

Für die Bevölkerung drückte sich dieses Programm am deutlichsten in den Bauten aus, die während seiner langen Herrschaft von 46 Jahren ausgeführt wurden. Es entstanden Moscheen und Schulen, Straßen, Brücken und Karawansereien, Bäder, Aquädukte und Brunnen. Das förderte nicht nur den Handel und ließ die Wirtschaft boomen, sondern legte auch von einer effizienten Verwaltung Zeugnis ab und kam für die geistigen und geistlichen Bedürfnisse der Menschen auf.

Die Zeit Süleymans war das osmanische goldene Zeitalter.

Süleyman der Prächtige als Bauherr ...

Da haben wir also einen Herrscher, der Macht und Reichtum besaß und beides großzügig in Architekturprojekte und gemeinnützige Stiftungen, in die Förderung von Kunst und Kultur und in alle Zeichen kaiserlicher Prachtentfaltung stecken wollte. Und so wie unter Justinian Anthemios von Tralles und Isidorus von Milet in nie gekannter Kühnheit die Kuppel über dem riesigen Innenraum der Hagia Sophia wölbten, so erscheint auch unter Süleyman ein genialer Baumeister, Sinan.

Sinan war vermutlich 1489 in Zentralanatolien als Christ entweder griechischer oder armenischer Herkunft zur Welt gekommen und 1588 in Istanbul als Moslem gestorben.

Das macht diesen fast Hundertjährigen zu einem Zeitgenossen von Michelangelo und der Medici und zu einem Renaissancemenschen, auch wenn die Renaissance in unserem Sinne nicht auf das osmanische Reich übertragbar ist. Aber seltsam ist es schon, dass es gewisse Knotenpunkte in der Menschheitsgeschichte zu geben scheint, wo die Kreativität geradezu zu explodieren scheint...

Als junger Mann war er Soldat, ein Ingenieur im Janitscharenkorps des Sultans und baute militärische Anlagen. Damals hieß sein oberster Dienstherr Selim der Gestrenge, der sich praktisch zeit seines Lebens im Krieg befand und das osmanische Reich kontinuierlich erweiterte. Damit vergingen die ersten fünfzig von Sinans Lebensjahren.

 

... und sein Architekt Sinan

In einem Alter, in dem bei vielen Menschen der Tatendrang schon beträchtlich nachlässt, begann Sinan seine eigentliche Karriere unter Selims Sohn Süleyman. Nach ein paar Zwischenschritten wurde er zum obersten Baumeister des Reiches ernannt. Einem Genie, wie es nur selten eines unter den Architekten gab, mit einer schier unerschöpflichen Schaffenskraft gesegnet, standen die ebenso unerschöpflichen Ressourcen eines Weltreiches auf seinem Höhepunkt und die ununterbrochene Unterstützung seines Herrschers zur Verfügung.

Welche Bedeutung die Hagia Sophia, damals schon die Moschee Aya Sofia, für Sinans Baukunst im Einzelnen hatte, darüber streiten sich die Gelehrten. Tatsache ist, dass dieses gewaltige, wunderschöne Bauwerk nun schon seit tausend Jahren unübersehbar dastand, dass Sinan sich ausgiebig mit ihm beschäftigte, allein schon, weil er mit Konsolidierungsaufgaben betraut war und zwei der vier Minarette gebaut hat, und dass die von Süleyman in Auftrag gegebene Moschee, die Süleymanie, ihr sehr ähnlich ist.

Das Ergebnis ist aber kein epigonenhafter Nachbau, sondern eine Anpassung an die neue Zeit und die für eine Moschee typischen Erfordernisse, also genau das, was man unter einer Renaissance versteht.

Parallelen zwischen der Hagia Sophia und der Süleymanie-Moschee

Die Süleymanie mit ihrem sie umgebenden Stiftungskomplex von Schulen, Medresen (theologische Hochschulen), Krankenhaus, Armenküche, Hospital, Hamam und Karawanserei war wohl die bedeutendste Lehr- und Wohltätigkeitseinrichtung der westlichen Hemisphäre, ganz sicher aber der Höhepunkt osmanischer Architektur in Istanbul. Und trotzdem gelang es Sinan noch, sich selbst zu übertreffen.

In Edirne, einer Stadt nahe der bulgarisch-griechischen Grenze, baute er für Süleymans Nachfolger Selim II. sein absolutes Meisterwerk, die Selimiye-Moschee. Mit ihrer riesigen Kuppel, fast so groß wie jene der Hagia Sophia, und ihren vier bleistiftdünnen, siebzig Meter hohen Minaretts, dominiert sie noch heute die Stadt. Sie wurde 1575 beendet, als Sinan 85 Jahre alt war.

Und er setzte sich immer noch nicht zur Ruhe. Er pilgerte nach Mekka, was auch für Jüngere eine große Anstrengung war, und baute, baute, baute bis zu seiner letzten Stunde.

Es heißt, er sei an den Folgen eines Arbeitsunfalls gestorben. Das würde gut zu ihm passen.

 

Sinans Bauwerke als "Weltkulturerbe"

Wenn Sinan nichts anderes geschaffen hätte als die großen imperialen Freitagsmoscheen, wäre sein Ruhm gesichert. So aber umfasst sein Werk über 400 größere Bauprojekte im ganzen osmanischen Reich, und der Istanbul-Führer von Freely/Sumner-Boyd listet immer noch 120 Bauwerke auf, die allein in Istanbul erhalten sind!

Tatsächlich gibt es keinen anderen Architekten, der es mit Sinan allein vom Umfang seines Werkes her aufnehmen könnte.

Glücklicherweise fand er immer wieder großzügige Bauherren, die die Umsetzung dieses nie versiegenden kreativen Ideenstromes möglich machten.

Übrigens: Es gibt so gut wie keine Landkarten, die den Balkan und Anatolien auf demselben Blatt zeigen. Jahrhundertealte Vorurteile haben dazu geführt, dass die Kartographen unbewusst immer einen Schnitt durch die Ägäis machen (s. Kitsikis).

Dieser Schnitt geht auch durch unsere Köpfe.

Wäre es nicht an der Zeit, Sinans geniales Werk als Menschheitserbe anzuerkennen und ihn endlich auch ins Bewusstsein der westlichen Welt zu rücken?

Lesetipps:

  • Ernst Egli: Sinan, der Baumeister osmanischer Glanzzeit. Zürich 1954
  • Arthur Stratton: Sinan. Charles Scribner's Sons, New York 1972
  • John Freely/Hilary Sumner-Boyd: Istanbul. Ein Führer. Prestel Verlag München 1986
  • Dimitri Kitsikis, L'Empire ottoman. Presses Universitaires de France, Paris 1994
  • Jane Taylor: Imperial Istanbul. A Traveller's Guide. I.B. Tauris Publishers, London/New York 1998

Autorin: Sabina Jarosch

 (aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 107)

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 5. Dezember 2008 )
 
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