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Die vergessene Sprache der Märchen

Die Märchen als Träger überzeitlicher Wahrheiten

 

Die Märchen der Welt bilden eine unerschöpfliche Quelle für Selbsterkenntnis und Selbstfindung. Doch der Weg dahin ist mühsam. Im Spiegel der Märchen entdecken wir uns selbst mit unseren Lebensphasen, mit unseren Höhen und Tiefen, mit unseren Erfolgen und Misserfolgen. Und zugleich weisen uns die Märchen auf einfache Lösungen hin - manchmal so einfach, dass wir an ihnen vorbeigehen, weil wir auf "die große Lösung" in unserem Leben warten, die nie kommen wird...

Zur Winterszeit, als einmal tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen...

So beginnt das letzte Märchen der weltberühmten Märchensammlung der Brüder Grimm. Es ist eines der kürzesten Märchen überhaupt und heißt "Der goldene Schlüssel". Es wirkt wie ein Aufruf, für unser eigenes Leben den goldenen Schlüssel zu finden. Doch wie geht das? Eigentlich sollten wir uns einem Märchen wie einem Kunstwerk annähern. Das Wesentliche ist nicht intellektuell erfassbar, auch wenn wir noch so viel analysieren und Symbolforschung betreiben. Ein Kunstwerk lassen wir auf uns wirken, wir treten ein in Farben und Formen, Klänge und Rhythmen, wir spüren den Bildern und Begriffen nach, die es in uns hervorruft.

Heute herrscht in der Welt eine Art "Winter" mit "tiefem Schnee": Wo ist der Weg der Menschheit zu Glück, zu Frieden? Wo ist Liebe, Güte, Freundschaft, Solidarität - wo sind die Werte, die uns reich machen? Wir sind tatsächlich arm, wie der Junge im Märchen, der sich auf den Weg macht, um die Not zu lindern. Die meisten Märchen beginnen mit der rituellen Formel "Es war einmal", doch dies sollte uns nicht täuschen. Denn eigentlich heißt es: "Es ist ständig in jedem Menschen". Hinter den Märchen stehen archetypische Lebenssituationen, die eine allgemeine Gültigkeit haben. Dies gilt für jedes Volksmärchen auf der ganzen Welt. So geht es im "Goldenen Schlüssel" nicht um einen bestimmten armen Jungen und um einen bestimmten Winter, sondern um eine Art "Geistesraum" hinter dem Ereignis. Wir können lernen, in diesen Geistesraum hinter die Märchenereignisse zu blicken - und wir werden entdecken, dass dieser Geistesraum von uns selbst spricht, von unserem eigenen Leben.

Die Märchen weisen hin auf das Buch des Lebens selbst: Wir sollten nicht erstaunt dessen schönen Einband betrachten, sondern es aufschlagen und dessen Inhalt zu lesen beginnen.

...Wie er nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Hause gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen...

Bei jedem Volksmärchen der Welt stehen hinter den Bildern und Situationen - wie beispielsweise "nach Hause gehen" oder "Feuer" - Urbilder der Seele, die zum kollektiven Unbewussten der gesamten Menschheit gehören. Schon Carl Gustav Jung, der berühmteste Schüler Sigmund Freuds, hat entdeckt, dass diese Urbilder oder Archetypen nicht nur in den Märchen, sondern ebenso in den Mythen der Welt und in den Träumen jedes einzelnen Menschen auftauchen.

Märchen, Mythen und Träume sprechen in Symbolen zu uns. Der Psychologe Erich Fromm sagte einmal: "Die Symbolsprache ist die einzige universelle Sprache, die die Menschheit je entwickelt hat", und er plädierte dafür, sie solle eine reguläre Disziplin an Universitäten sein wie andere Sprachen auch. Ein Symbol ist immer mehrdeutig. Wir neigen dazu, in unserem Kopf alles, was wir erleben, in Schubladen zu geben, denn dadurch glauben wir, Kontrolle über unser Leben zu haben. Doch ein Symbol können wir nicht durch die Logik allein erfassen: nicht "entweder - oder", sondern "sowohl - als auch" lautet der Zugangscode. Ein Beispiel: Ich schenke einer Frau rote Rosen. Sagt sie nun etwa: "Was? Liebst du mich nicht? Was willst du damit sagen, dass du mir Blumen mit Dornen schenkst, an denen ich mich stechen kann?" Nein, sie wird sich wohl eher am Duft und an der Schönheit der Blume erfreuen. Und doch gehört das doch irgendwie zusammen: Nur ein Mensch, der leidensfähig ist, ist wahrhaft liebesfähig. Die Rose ist ein echtes Symbol, denn es vereint in sich diese scheinbaren Gegensätze.

...Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel...

Gold! Wir denken an etwas Kostbares, an etwas Schönes, an Sonne, an Kraft, an Leben, an "Gold, Silber und Edelsteine", an das "Gold der Weisheit", an den "goldenen Thron Gottes" in vielen Mythologien... Thomas Carlyle meinte einmal: "Die göttliche Idee findet in den geschaffenen Dingen einen schwachen Widerschein, und die menschliche Beobachtung dieses Widerscheins ist das Symbol." Das Symbol "goldener Schlüssel" weist auf Kräfte hin, die sich hinter unserer Alltagswelt befinden. Wir haben nicht gerade täglich direkten Umgang mit "Gold".

...Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, musste auch das Schloss dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen...

Viele Menschen würden sich vielleicht schon damit zufrieden geben, einen goldenen Schlüssel gefunden zu haben! Wären wir nicht auch gerne wie dieser Junge, der nicht zu früh "Heureka, ich hab's!" schreit und am Wesentlichen vorbeiläuft? Das "Kästchen" kann etwas beinhalten. Und weil es aus Eisen ist, kann es seinen Inhalt gut schützen.

Der Gründer von Neue Akropolis, der 1991 verstorbene Kulturphilosoph Jorge Angel Livraga, schrieb: "Symbole sind wie Fußstapfen, die unsichtbare Füße in der Materie der Welt hinterlassen; ihre Merkmale helfen uns, die verborgenen Bedeutungen der Schöpfungsprozesse zu erkennen oder zumindest zu erahnen."

Wie geht jetzt der Junge wohl mit dem Kästchen um? Wie entwickelt sich der "Schöpfungsprozess in Kleinausgabe" in diesem Märchen?

..."Wenn der Schlüssel nur passt!", dachte er, "es sind gewiss kostbare Sachen in dem Kästchen."...

Es bahnt sich, das spüren wir deutlich, eine Lösung an! Wird es die Lösung sein für die "Kälte" im "Winter"? Auf jeden Fall gibt es eine Wendung in dieser Geschichte.

...Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da...

Welche Enttäuschung! Eine Welt bricht zusammen! Wir haben so viel berechtigte Hoffnung, und es ist doch ganz augenscheinlich, dass ein Schlüsselloch da sein muss - nun, viele Menschen würden vielleicht in ihrer Desillusionierung in ihren öden Alltag, in die "Kälte des Winters" zurückkehren... nicht aber unser kleiner Held! Denn es heißt weiter:

...endlich entdeckte er eins, aber so klein, dass man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich. Da drehte er einmal herum,...

Bravo, rufen wir von der Tribüne des Zuschauers aus, mach sie auf, ich will sehen, was drin ist! Ich will auch davon profitieren! Ich will endlich wissen: Was ist die Lösung in der Kälte meines Winters? Was verspricht mein goldener Schlüssel und mein Schatzkästchen? ...und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat: dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen liegen. So humorvoll und dezent endet das Märchen und weist darauf hin, dass wir Weisheit nicht konsumieren können. Es gibt keine Allgemeinrezepte dafür, der "Kälte des Winters" zu entkommen. Bei jedem von uns wird etwas anderes im Kästchen liegen. Und wie elegant erweckt das Märchen Neugier, Hoffnung, Zuversicht! Wenn wir die Augen schließen und in unserer Vorstellung in jenen kalten Wald gehen und das Kästchen schließlich öffnen, wird das, was wir in ihm sehen, unmittelbar mit uns selbst zu tun haben, ob wir wollen oder nicht.

Sehr weise, dass das Märchen den Inhalt nicht beschreibt...

Die "Reise des Helden"

Jedes Märchen, genauso wie jeder Mythos, schildert einen Kreislauf in drei archetypischen Phasen: 1. Am Anfang finden wir die Ausgangssituation vor. Es herrscht "Armut", es droht der "Tod", wenn sich nichts ändert. In unserem Leben tauchen immer wieder solche scheinbar ausweglosen Situationen auf: ein lieber Mensch verlässt mich, ich stecke in einer beruflichen Sackgasse, ich finde keine echten Freunde, ich habe Konflikte mit meiner Familie, ... Meine Innenwelt ("Wesen") und meine Außenwelt ("Erscheinung") klaffen auseinander, ich leide daran.

2. Es folgt eine Trennung von dem "Zuhause", von der schlimmen Ausgangssituation: Der Held macht Proben durch und reift an ihnen. Würde er zu Hause bleiben, bliebe alles beim Alten. Doch wie das Sprichwort sagt: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende". Diese zweite Phase ist notwendig, um unser eigenes Selbst zu erkennen, unsere wahren Stärken und Schwächen. Es geht hier um das alte Menschheitsthema der Selbstwerdung oder, wie C.G. Jung dazu sagte, um die "Individuation".

3. Der Held kehrt bereichert und gereift nach Hause zurück, er hat das "Rätsel gelöst": Meine Innenwelt ("Wesen") und meine Außenwelt ("Erscheinung") greifen wieder ineinander. In vielen Märchen steht am Ende die "Hochzeit", die Verbindung des Gegensätzlichen. Und diese Hochzeit hat sich der Held redlich verdient, denn er ist durch die Proben hindurchgegangen.

Wir können aus diesen drei Phasen eine immer gültige Lebenserfahrung ableiten: -- Nur wenn wir den Mut haben, eine Not wirklich wahrzunehmen und nicht Vogel Strauß spielen; -- nur wenn wir der Konfrontation nicht aus dem Weg gehen, sondern uns auf den Weg machen, auch wenn wir nicht wissen, wie es ausgehen wird - und nur wenn wir bereit sind, auf unserem Lebensweg charakterlich zu wachsen und neue Aspekte in unser Dasein zu integrieren: -- Dann und nur dann werden wir "wieder nach Hause kommen", aber innerlich reicher, glücklicher und "eine Lebensstufe höher".

Ich habe mich oft gefragt, was denn der Held genau macht, wenn er wieder nach Hause kommt: Ist er dann weiterhin ein Held, der den Gefahren trotzt, der Abenteuer erlebt, der Schwierigkeiten überwindet? Oder legt er sein "Heldsein" in die Ecke, wo es verstaubt, und er wird wieder ein Otto Normalbürger?

Vielleicht macht er dann eines Tages sein eisernes Kästchen auf und nichts ist mehr drin...

Und wenn das so wäre, würde er wieder rechtzeitig erkennen, dass "Not" herrscht und sich neuerlich auf den "Weg" machen, um "Holz zu holen"?

Und würde er dann nur "Holz" finden, oder wiederum einen "goldenen Schlüssel"?

Das Märchen lebt...

Autor: Walter Gutdeutsch

 

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 109)

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 28. November 2008 )
 
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