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Sag es in Stein - Der Steinkreis auf der Hebrideninsel Lewis

 

Gute Luft hier. Frisch und klar, mit einem Schuss Wildkräuteraroma und einer Prise Salz. Wo? Am Flughafen Stornoway. Stornoway ist die größte Stadt auf Lewis, etwa zehntausend Einwohner stark, und Lewis ist die größte Insel der Äußeren Hebriden. Die wiederum gehören zu Schottland und liegen ganz oben links außen, mit anderen Worten westlich der Nordspitze Schottlands. Das Land, das man vom Flugzeug aus sieht, ist wie mit Spiegeln übersät, größere, kleinere, winzige: Lochs. Ein Loch (wie das deutsche Wort ausgesprochen) ist ein See, ein Weiher, eine Pfütze, oder auch eine Bucht, eben alles, was mit Wasser gefüllt ist. Der Joker in diesem Spiel aber ist das Meer. Das Land ist nur eine Leihgabe und die Menschen und ihre Behausungen sind wenig mehr als die Moose und Flechten, die sich an windgeschützten Stellen festgesetzt haben.

Als der Norden noch grün war

Ich bin ausgeruht, mit Baked Beans, Toast und Tee gestärkt, und steige in den Bus, der mich zum berühmten Steinkreis von Lewis, den Standing Stones von Callanish, bringen soll. Bilder dieser Steinriesen haben mich lange begleitet. Sie waren nicht immer präsent, aber ganz vergessen habe ich sie nie. Das war die erste Lektion, die sie mir erteilten: Geduld. Steine sind geduldig. Weil sie die Menschen ertragen müssen? In Schottland ist die Erdkrume über dem steinigen Untergrund meist so dünn wie über Knochen gespannte Haut. Selbst hier auf Lewis, das fast gänzlich mit Torf bedeckt ist. Mooriges, unfruchtbares, baumloses Land. Das war nicht immer so. Als die ersten Menschen in dieser Weltgegend auftauchten, so um 5000 v. Chr., hatte das Land genug Zeit gehabt, sich von der letzten Eiszeit zu erholen. Es war trockener und um zwei bis drei Grad wärmer als heute. Es gab Wald, und im Wald gab es Wild. Der Reichtum des Meeres lag vor der Haustür. Die Menschen, noch Jäger und Sammler, brauchten nur zu jagen und zu sammeln. Langsam wurde es kälter und feuchter. So feucht, dass das Wasser weder abfließen noch verdunsten konnte, und im Laufe der Jahrhunderte entstand eine immer dickere Torfschicht. Die Vegetation änderte sich. Bäume gediehen nicht mehr – aber der Rhododendron liebt die saure Erde und ist kaum mehr aufzuhalten in seiner Landnahme. Doch das ist ein späterer Import und eine andere Geschichte.

Ich schaue aus dem Busfenster und genieße es, dass mein Blick sich nicht mehr an der nächsten Hausecke bricht. Der Horizont ist die Grenze! Aber wo ist der Horizont? Weißlich-grau verschwimmt die Ferne. Dort geht gerade wieder ein Regenguss nieder. Und immer pfeift der Wind. Wir fahren an den spiegelnden Lochs vorbei. In den größeren schwimmen Fischfarmen. Umgedreht liegen Boote am Ufer. Spuren menschlichen Lebens. Spuren nur. Dabei ist die Insel bei weitem nicht so dünn besiedelt wie zu vermuten wäre. Es gibt außer Stornoway nur keine Ortschaften mit einem erkennbaren Zentrum. Man sieht kaum Menschen. Manchmal tritt jemand vor die Tür und nimmt ein Bündel Zeitungen vom Fahrer entgegen. Wer gerade auf der Straße ist, grüßt mit einer Handbewegung. Der Fahrer grüßt zurück. Der Bus als Verbindung zur Welt. Der Busfahrer als derjenige, der „rumkommt“.

Eine prähistorische Megalithanlage in Form eines keltischen Kreuzes

Dann endlich die Standing Stones. Oder doch lieber zuerst das Besucherzentrum mit seinen Informationstafeln? Seit fünftausend Jahren stehen der Ring aus dreizehn Steinen (12 Meter Durchmesser) und der alles überragende Solitär in seiner Mitte (4,8 Meter hoch) schon auf dieser windigen Anhöhe. Später erst wurden die nach Norden führende Allee aus parallelen Steinsetzungen und die kreuzförmigen „Arme“ in südliche, östliche und westliche Richtung angefügt, so dass sich diese Anlage jetzt als keltisches Kreuz präsentiert. Eine Hinzufügung ist auch die Grabkammer und der darüber gewölbte Hügel zwischen dem großen Mittelstein und dem östlichen Ringrand. Jahrhundertelang ein Gemeinschaftsgrab, wurde es später geplündert, zerstört und als Baumaterial wiederverwendet. Da hatte sich offenbar die Beziehung zu diesem Ort geändert. Und wie auch nicht? Ein Kultplatz, der über Jahrtausende benutzt wird, muss notwendigerweise seine Bedeutung ändern.

Warum?

Der Mensch fragt, und die Antwort, die er erhält, hat immer und vor allem etwas mit ihm selbst zu tun. Deshalb ist es auch unerheblich, ob man jemals die eine, einzige, definitive Antwort auf die Frage finden wird, warum zwischen 3500 und 1500 v. Chr. auf der ganzen Welt Megalithen (griech. große Steine) in Reihen und Kreisen aufgestellt wurden. Wir kennen mittlerweile all die gängigen Hypothesen: dass es zu Stein gewordene Kalender für die Zeiten der Aussaat und der Ernte seien; astronomische Observatorien oder Abbildungen von Sternenkonstellationen; Tempel, Versammlungsplatz, Markierung des stammeseigenen Territoriums; jetzt untersucht man, ob die Steine nicht so etwas wie „Akupunkturnadeln“ an energetischen Punkten der Erde seien.

Die eine Deutung muss die andere ja nicht ausschließen.

Wie auch immer – es steht außer Frage, dass die Menschen, die die Steine aufstellten, gesellschaftlich organisiert gewesen sein müssen und dass in dieses oft Generationen überspannende Gemeinschaftsprojekt die gesamten sozialen, kulturellen, religiösen und technischen Leistungen ihrer Zeit eingeflossen sind. Oder, wie der Archäologe Colin Renfrew sagt: „Diese Leute haben es in Stein gesagt.“

Der Bedeutungswandel allen Menschenwerkes

Bis vor kurzem interessierte man sich nur für die Entstehung eines Werkes. Warum wurde ein Gebäude so und nicht anders gebaut? Warum wurde ein Bild so und nicht anders gemalt, und was bedeutete es für den Künstler und den Auftraggeber?

Heute setzt sich langsam eine andere Betrachtungsweise durch. Der Mensch, seine Umwelt, seine soziale Struktur, selbst seine Götter ändern sich und deshalb erfährt auch alles, was er über einen langen Zeitraum hinweg nutzt, notwendigerweise einen Bedeutungswandel. Diese „semiotische Biographie“ wird heute immer interessanter.

Wir können also mit Recht fragen: Was bedeutet ein Kunstwerk, ein Gebäude, was bedeuten diese Steine für uns, hier und jetzt? Haben sie überhaupt noch eine Bedeutung? Weshalb kommen relativ viele Menschen in diese abgelegene Ecke der Welt? Ist es nur der Schauer des Alters, der über sie hinweht, die greifbare Verbindung zur Welt unserer Vorfahren?

Da sind sie also, still und altersgrau. Sie mögen erst seit fünftausend Jahren an diesem Platz stehen, aber sie sind unvorstellbar viel älter: 3000 Millionen Jahre alter Gneis. Gneis ist grau, hat aber oft rosafarbene, bräunliche oder schwarze Schlieren und seine Struktur zeugt von den geologischen Konvulsionen seiner Entstehung. Er ist extrem hart und verwittert schlecht. Das wird wohl der Grund sein, weshalb keiner der Steine Verzierungen in Form von Spiralen oder Schüsselchen trägt, wie das anderswo der Fall ist. Nein, eine Verzierung brauchen diese hier nicht. Jeder von ihnen ist ein Individuum, hat Charakter, eine Persönlichkeit. Ich hatte das große Glück, eine halbe Stunde mit ihnen allein zu sein.

Der Wind zerrte an meinem Regenmantel, meine Gedanken machten Lärm, aber von den Steinen ging eine zeitlose Stille aus. Eine Stille, doch keine Totenstarre. Wenn alle Besucher fort sind – sprechen sie dann, ganz leise, vom Geheimnis der Welt?

Autorin: Sabina Jarosch

(aus:Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 106)

Letzte Aktualisierung ( Montag, 24. November 2008 )
 
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