Neues vom Trickster
Hast Du einen Stock, dann gebe ich Dir einen, hast Du keinen,
nehme ich ihn Dir weg!
Hui Ching
Guten Tag! Ich bin der Trickster!
Wie, Du weißt, wer ich bin? Du glaubst mein Name bedeutet "Schwindler"? Ha, Du kennst mich nicht wirklich: Ich habe vielerlei Namen und vielerlei Gestalten: Mal bin ich ein Tier, und nenne mich "Kojote", "Fuchs", "Rabe", oder "Spinne"; mal bin ich ein Mensch und nenne mich "Nasreddin Hodscha", "Till Eulenspiegel", "Diogenes von Sinope" oder "Buddha"
Ein Pilger kommt zu Buddha und stellt ihm eine Frage: "Sage mir, oh Buddha: Welches ist die beste Frage, die man stellen kann, und welches ist die beste Antwort die man geben kann?" Und Buddha antwortete: "Die beste Frage ist die Frage, die Du gerade gestellt hast, und die beste Antwort, die man geben kann ist die, welche ich gerade gebe!"
Mal bin ich ein Naturgeist und trage tausend Namen, und mal werde ich zum Gott und nenne mich "Hermes", Loki" oder "Bes". Doch egal wie ich erscheine, meine Aufgaben sind immer dieselben:
Ich stutze die übermäßigen Egos der Menschen auf ein Normalmaß herunter. Ich bringe den "so genannten" Helden auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Ich mache mit meiner Komik auf beschränkte und absurde Zustände in dieser Welt aufmerksam. Ich trete als Katalysator auf und initiiere Umformungen im Menschen, auch in Dir!
Ich bin daher ein Archetyp, der seit jeher die Menschheit immerfort begleiten wird:
"Meister, was soll ich tun, um Gott zu erreichen?"
"Wenn Du Gott erreichen willst, musst Du zwei Dinge wissen.
Erstens, dass alle Bemühungen, Ihn zu erreichen, vergeblich sind."
"Und zweitens?"
"Du musst handeln, als ob Du das erste nicht wüsstest."
Mircea Eiliade behauptet, mein Archetyp würde sich vierfach äußern: "Na, da hast Du ja wieder in ein schönes Schlamassel angerichtet!" (Oliver Hardy)
1. Als Clown: Die ist meine menschlichste Form. Ich kann meinen Mund zu einem groteskem Grinsen, oder zur bodenlosen Traurigkeit verziehen. Du siehst einen Tollpatsch und lachst über seine Ungeschicklichkeiten; in Wirklichkeit lachst Du über Dich selbst! Ich bringe Dich dazu Deine menschlichen Unzulänglichkeiten nicht allzu ernst zu nehmen. Wenn etwas schief geht und Du wieder mal am Boden liegst, dann erhebe Dich und sage einfach: "Na ja, so geht das eben!" Es ist die lichte Seite der Dunklen Mächte, das gemilderte Chaos, das Unterbewußte als Witz Leider gibt es in Deiner Zeit nur mehr sehr wenige Beispiele für echte Clowns, wie Charlie Chaplin, Stan Laurel & Oliver Hardy und vielleicht auch "Mr. Bean":
"Das Universum ist bloß eine flüchtige Idee im Geiste Gottes - ein ziemlich unbehaglicher Gedanke, besonders, wenn man gerade eine Anzahlung für ein Haus geleistet hat. (Woody Allen)
2. Als Spötter: Hier erscheine ich als schlagfertiger und kritischer Geist. Ich lege Lügen des Establishments bloß und beleuchte die zeitgenössische soziale Szenerie. Als Clown habe ich die zeitlosen Schwächen der Menschheit widergespiegelt, als Spötter nehme ich den "Zeitgeist" mit seinen typischen sozialen und politischen Verhaltensweisen aufs Korn. Und davon konnte ich oft gut leben: In vergangenen Zeiten konnte ich als "Hofnarr" meinem Herrn und Gebieter offen meine Meinung sagen, ohne in Gefahr zu laufen, dafür geköpft zu werden. Bekannt wurde ich dann in Europa und Amerika durch meine schriftstellerische Tätigkeiten unter den Namen "Jonathan Swift", "Bernhard Shaw", "Mark Twain" oder "Johann Nestroy". In Deiner Zeit drehte ich einige Kinofilme als "Monty Python" und manchmal schlage ich mich so recht und schlecht als Kabarettist oder Satiriker durchs Leben.
"Da alle über mich lachen, will ich über alle lachen." Iktomi, Oglalla-Schelm
3. Als Schelm: Hier erscheine ich als Halunke in den Mythen und Volksmärchen. Mal bin ich wichtigtuerischer Erschaffer der Welt, als Verursacher der menschlichen Schwierigkeiten. Mal bin ich derb, ungehobelt und vulgär; wie auch immer, als Schelm füge ich mich in kein normales Verhalten, jedoch bin ich nicht unmoralisch, sondern höchstens amoralisch, weil ich in dieser Form aus einer Zeit entstamme, in der es noch keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse gab. In Nordamerika erscheine ich als eine Mischung aus Tier und Gott, als Kojote, und unterrichte die Menschen in der Kunst des Ackerbaus. Ich kann auch lüstern sein und zeuge mit den Menschenfrauen viele Kinder; immerhin habe ich dadurch den Menschen die Sexualität als Geschenk gegeben. Aber was hat Deine Zeit daraus gemacht? Entweder wird sie verbissen negiert, oder künstlich hochstilisiert zu etwas, als was sie nicht gedacht ist.
Ich sollte hier nicht abgleiten, sonst müsste ich an dieser Stelle einige süffisante Bemerkungen loswerden. Als Schelm erschaffe ich Welten und in meiner Gestalt als nordischer Gott Loki führen meine Taten und Intrigen zur berühmten Götterdämmerung. Als Schelm bringe ich Menschen dazu ihre Überzeugungen zu hinterfragen, ich nehme den Menschen etwas weg, damit sie sich wieder besinnen etwas Neues zu suchen. Bekannt wurde ich in deiner Kultur als Till Eulenspiegel und Reinecke Fuchs, und teilweise auch in den Filmen der "Marx-Brothers". Moderne Schelme findet man eher wenige: Vielleicht aber warten sie nur einen bestimmten Moment um dann wieder an die Öffentlichkeit zu treten?
"Niemand hat den Grad der Wahrheit erreicht, der nicht erst von
tausend ehrenwerten Leuten ein Narr oder Häretiker genannt worden
ist."
Dschunaid von Bagdad, Sufi
4. Als Narr: Als Narr entstamme ich sowohl den großen Weltreligionen, als auch den Mythen und traditionellen Überlieferungen. Ich kenne eine andere Wirklichkeit als die, in der Du Dein Leben verbracht hast und verbringen wirst. Ich lebe ein Leben für eine Welt, in der Denken und Handeln eine Einheit bilden, unabhängig davon, was die Menschen von mir halten. Zu diesen "Göttlichen Narren" zählen nicht nur Gestalten wie Lao-Tse, Buddha und Sufi-Meister sowie viele Meister des Zen. Viele dieser Menschen bezeichnen sich selbst tatsächlich als "Narren". Nach Tschuang-tse ist derjenige, der weiß, dass er ein Narr ist, "Nicht der größte Narr". Ein Gedanke, der auch in der griechischen Philosophie, ähnlich formuliert, Sokrates zugeschrieben wird. Alle "Heiligen Narren" erblicken hinter dem Schleier der Illusion die Einheit all dessen, was existiert. Manchmal werden sie von ihrer Umgebung verstanden und angenommen, oftmals jedoch werden sie verleumdet, bedroht und verfolgt; aber das ist deren Schicksal, ich weiß wovon ich spreche! Ein Narr kann nicht mit rationalen Worten die Welt erklären, mit logischen Begriffen den Sinn des Lebens beschreiben. Die wirklich wichtigen Inhalte werden anders vermittelt und zu Bewusstsein gebracht. Narrheit und Erkenntnis finden sich daher in vielen Anekdoten, vor allen wenn sie von berühmten Zen-Meistern handeln:
Zen-Meister Nansen, der sich äußerlich in keinerlei Weise von seinen Schülern unterschied, arbeitete zusammen mit seinen Mönchen auf dem Feld. Da kam ein Wandermönch des Weges, blieb vor den Mönchen stehen und fragte den, der ihm am nächsten stand, ohne zu ahnen, dass es sich um den Meister Nansen handelte: "Welcher Weg führt zum Kloster?" Meister Nansen hielt die Sichel, mit der er gerade arbeitet, hoch und sagte: "Für die habe ich dreißig Yen bezahlt." Der Mönch erwiderte: "Guter Mann, ich habe nach dem Weg gefragt, der zu Meister Nansen führt." Nansen sagte: "Sie schneidet ausgezeichnet."
Nun, da habe ich doch einiges zu bieten als Unruhestifter, als Alt- Hergebrachtes-Hinterfrager, als Impulsgeber, als "Sei-Dir-nicht-zu-sicher-dass-ich-gerade-Dich auslassen-würde-weil-ich-ohnehin- schon-so-toll-bin"-Wünschers! Es ist nun mal meine Aufgabe diese "unangenehmen" Jobs zu erfüllen. Und auch wenn Du mit Deinem Schicksal, Deinem persönlichen Trickster, einmal hadern solltest, so sei doch gewiss, dass alles seine Berechtigung hat. Nicht nur ich habe eine Bestimmung, sondern Du auch. Mir ist meine Rolle und Aufgabe in dieser Welt bewusst, und glaube mir, irgendwann wirst auch Du Deinen Platz im Universum gefunden haben. Und dann wirst Du mir für mein stetes Bemühen als Trickster sicherlich sehr dankbar sein!
Autor: Peter Schmidt
Literaturliste:
- Die Kunst des Wilden Denkens,
- Wes "Scoop" Nisker, Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 1990
- Ewige Bilder und Sinnbilder
- Mircea Eliade, Insel Verlag, Frankfurt/Main 1986
- Geschichten für die Erleuchtung
- Marco Aldinger, Herder spektrum, Herder Verlag, Freiburg/Breisgau
- 2002
- http://www.crystalinks.com/trickster.html
- http://www.mythenmaschine.de
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 95)
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