Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens
unter dem transkulturellen
Gesichtspunkt
Der Umgang mit den Fragen nach Sinn hängt eng zusammen mit dem
Menschenbild des Therapeuten,
seiner therapeutischen Schulung und mit der Gesellschaft, innerhalb
derer er seine Behandlung durchführt.
Positive Psychotherapie.
Der Traum und sein Sinn
Ein orientalischer König hatte einen beängstigenden Traum. Er träumte,
dass ihm alle Zähne, einer nach dem anderen, ausfielen. Beunruhigt rief
er seinen Traumdeuter herbei. Dieser hörte sich den Traum sorgenvoll an
und eröffnete dem König: "Ich muss dir eine traurige Mitteilung machen.
Du wirst genau wie die Zähne alle Angehörigen, einen nach dem anderen,
verlieren." Die Deutung erregte den Zorn des Königs. Er ließ den
Traumdeuter in den Kerker werfen. Dann ließ er einen anderen
Traumdeuter kommen. Der hörte sich den Traum an und sagte: "Ich bin
glücklich, dir eine freudige Mitteilung machen zu können: Du wirst
älter werden als alle deine Angehörigen, du wirst sie alle überleben."
Der König war erfreut und belohnte ihn reich. Die Höflinge wunderten
sich sehr darüber. "Du hast doch eigentlich nichts anderes gesagt als
dein armer Vorgänger. Aber wieso traf ihn die Strafe, während du
belohnt wurdest?", fragten sie. Der Traumdeuter antwortete: "Wir haben
beide den Traum gleich gedeutet. Aber es kommt nicht nur darauf an, was
man sagt, sondern auch, wie man es sagt."
Sinnfrage und Menschenbild
Wäre ich Physiker, Politologe oder Theologe, würde ich sicherlich
manches anders angehen, auch wenn das Ziel das gleiche wäre. Zu einer
meiner persönlichen Voraussetzungen, die ich im Weiteren noch genauer
zu definieren versuche, gehört jedoch der psychotherapeutische
Ausgangspunkt.
Mein Weg, mich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens zu beschäftigen,
führt mich immer wieder auf eine Schlüsselsituation zurück: die
Begegnung mit Menschen. Vieles von dem, was ich dem Leser mitteilen
möchte, bezieht sich daher auf Erfahrungen mit Menschen, die mich in
meiner Eigenschaft als Psychotherapeut oder Leiter
psychotherapeutischer Seminare mit den Problemen der erlebten
Sinnlosigkeit konfrontierten.
Diese Probleme gipfeln in der Frage: Welchen Sinn hat mein Leben? Sie
differenziert sich bald in Fragen nach den Bereichen, in denen sich das
Leben abspielt: Was für einen Sinn hat mein Beruf, meine Partnerschaft,
meine Familie, meine Krankheit etc.? Das Gefühl der Sinnlosigkeit kann
zur tödlichen Bedrohung werden; umgekehrt kann das Gefühl der
Sinnerfüllung Glück und Zufriedenheit erleben lassen. Eine Antwort auf
sie zu finden ist nicht einfach; erst recht nicht in einer Epoche, in
der die bis dahin anerkannten Menschenbilder grundsätzlich in Zweifel
gezogen werden.
Dies wurde mir vor allem am Beispiel der Psychotherapie deutlich. Denn
der Umgang mit den Sinnfragen hängt eng zusammen mit dem Menschenbild
des Therapeuten, seiner therapeutischen Schulung und mit der
Gesellschaft, innerhalb derer er seine Behandlung durchführt.
Während
meiner 23-jährigen ärztlichen und psychotherapeutischen Tätigkeit
konnte ich immer wieder sehen, dass die Symptome, die ein Mensch als
Krankheit aufweist, in einem Bedeutungszusammenhang stehen, der ihnen
einen Sinn gibt: Hinter körperlichen Beschwerden verbargen sich oft
berufliche Probleme, hinter diesen wieder partnerschaftliche und
familiäre Schwierigkeiten. Mit allen diesen Fragen eng verknüpft
erscheint die Frage nach der Zukunft: der gesundheitlichen,
beruflichen, gesellschaftlichen Zukunft und der Zukunft, die als
Inbegriff vom Sinn des Daseins weniger durch harte wissenschaftliche
Daten als durch den Glauben im weitesten Sinn abgedeckt wird. Dies ist
das Spannungsfeld zwischen erlebter Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit,
Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Optimismus und Pessimismus, Vertrauen
und Zweifeln, Ratlosigkeit und Trost, zwischen Ertragen und Ändern.
Sinnlosigkeit als Ausdruck der Einseitigkeit
Willst du das Land in Ordnung bringen,
musst du erst die Provinzen in Ordnung bringen.
Willst du die Provinzen in Ordnung bringen,
musst du die Städte in Ordnung bringen.
Willst du die Städte in Ordnung bringen,
musst du die Familien in Ordnung bringen.
Willst du die Familien in Ordnung bringen,
musst du die eigene Familie in Ordnung bringen.
Willst du die eigene Familie in Ordnung bringen,
musst du dich in Ordnung bringen.
Sinn und Einheitsverlust
Diese orientalische Weisheit beinhaltet ein Grundproblem jeder
Sinnerfüllung, sei sie der Versuch, gesellschaftliche Verhältnisse zu
ändern und konkrete Lebensbedingungen zu verbessern, das
zwischenmenschliche Zusammenleben zu gestalten, auf Partnerschaft und
Familie einzuwirken oder die Gesundheit einzelner Menschen zu fördern:
Je nach dem, was als primär angesehen wird, richtet sich das Augenmerk
auf politische Entwicklungen, die Veränderungen der Gesellschaft, die
Wandlung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Familie, den
einzelnen Menschen.
Jede dieser Zielrichtungen setzt eine ideologische,
weltanschaulich begründete Entscheidung voraus und geht von konkreten
Konzepten aus, die geschichtlich, kulturell und von spezifischen
Interessen geprägt sind. Obwohl kaum ein Unterschied im Wunsch besteht,
Störungen, Schwierigkeiten, Missverständnisse und Sinnlosigkeiten zu
lösen, geraten die Vertreter der verschiedenen Lösungswege miteinander
in Widerspruch.
Wir sind uns angesichts dieser Situation bewusst, dass es so nicht
weitergehen kann und dass in der heutigen Lebenssituation
Entscheidendes geschehen muss. Das Ziel scheint bekannt, die Wege dahin
sind unterschiedlich. So sehr sich diese Einstellungs- und
Reaktionstypen unterscheiden mögen, so sehr ähneln sie sich in einem
Punkt: der Einseitigkeit. Dies ist ein Grund, warum die Weltkrise der
Gegenwart jedem Bemühen widersteht, sie unter Kontrolle normaler
gesellschaftlicher Machtmittel zu bringen. Wenn wieder einmal ein
Weltkrieg droht, nennen wir die Krise "politisch" und strengen uns an,
sie mit Mitteln der Staatsmacht zu beherrschen. Spitzt sich eine
wirtschaftliche Depression zu, bezeichnen wir die Krise als
"wirtschaftlich" und versuchen, ihrer mit wirtschaftlichen Mitteln Herr
zu werden. Es wäre genauso logisch, die Krise "religiös" zu nennen und
eine Lösung vom Einfluss der Religion zu erhoffen.
In Wirklichkeit ist
die Krise politisch, wirtschaftlich, psychologisch, medizinisch,
wissenschaftlich und religiös zur gleichen Zeit; aber die Menschheit
besitzt kein verantwortliches, maßgebendes Machtmittel, das alle
Faktoren aufeinander abstimmen und einen weltweiten Plan ins Leben
rufen könnte, der alle Faktoren berücksichtigt. Es verwundert nicht,
dass auch viele Menschen diesem Einheitsverlust ratlos gegenüberstehen.
Sinnfrage in anderen Kulturen
Wie jeder Einzelne versucht, auf die Sinnfrage eine Antwort zu finden,
scheint es auch Lösungsversuche zu geben, die für Gruppen und ganze
Kulturkreise typisch sind und deren geschichtliche und sozioökonomische
Situation widerspiegeln. Fragt man jemanden aus dem westeuropäischen
Kulturkreis: "Wie geht's dir?", so erhält man die Antwort: "Viel
Arbeit, viel Ärger, wie soll es gehen, man lebt, es muss gehen", sofern
diese Frage nicht als Höflichkeitsfloskel zurückgegeben wird. "Ich habe
gelernt, immer eines nach dem anderen zu machen. Alles muss seine
Reihenfolge haben. Erst kommt das Zähneputzen, dann das Waschen, dann
rasiere ich mich, ziehe mich ordentlich an, setze mich an den
Frühstückstisch, trinke zwei Tassen Kaffee, lese meine Zeitung, und
dann gehe ich auf die Toilette. Wenn diese Reihenfolge gestört wird,
bin ich ganz durcheinander. Mein Stuhlgang klappt nicht mehr und der
ganze Tag ist für mich verloren." (35-jähriger Volkswirt).
In anderen Kulturkreisen, ich denke hier an den Mittleren Osten, haben
die Antworten andere Elemente: "Gott sei Dank, dass wir leben, wir sind
zufrieden, es gibt viel Schlimmeres."
Während in der ersten Gruppe auf das reibungslose Funktionieren der
einzelnen Teile des Lebens, ihre Kontrolle und Beherrschung Wert gelegt
wird und das sinnvolle Leben in dem Bild einer gut geölten Maschine
erscheint, findet sich in der zweiten Gruppe ein eher ganzheitliches
Denken. Der Schwerpunkt liegt weniger
auf dem aktiven und handelnden "Ich" als auf Projektionsgrößen wie der
Familie, der Lebensgemeinschaft und einem religiös gefärbten
Schicksalsbegriff.
Menschen, vor allem aus östlichen Kulturkreisen,
sehen ihr Leben als "Durchgangsbahnhof", als "Wartehalle", und ihren
Tod als "Tor zum Leben". Für sie bietet der Tod einen tieferen Trost,
obwohl sie oft neben dem Leben zu stehen scheinen: "Gott sei Dank ist
mit dem Tod nicht alles aus. Nur weil ich das weiß, halte ich das alles
aus." (36-jährige Mutter eines neunjährigen Mädchens).
Viele Menschen
aus dem westlichen Kulturkreis meiden die Berührung mit diesen Fragen.
Sie wollen jenes Angst erregende Ereignis aus dem Bewusstsein und dem
Erleben bannen.
Was bezweckt meine Arbeit
Ziel unserer gemeinsamen Überlegungen ist nicht, zu beweisen, dass ein
System dem anderen an Sinnhaftigkeit überlegen ist. Für uns sind diese
gleichsam kulturellen Antworten auf die Sinnfrage ebenso Gegenstand der
Erkenntnis wie die individuelle Kompromissbildung: Wir fragen, wie sich
diese Haltungen entwickelt haben, welche Funktionen sie besitzen und
wie sie sich auf das Alltagsleben auswirken. Dabei wird die
Einbeziehung fremder Denk- und Lebensweisen für uns zu einer
potentiellen Erweiterung unserer eigenen Möglichkeiten: Wir lernen, uns
in den Menschenbildern der anderen zu spiegeln und damit besser zu
erkennen, wir lernen aus den Erfahrungen der anderen und lernen neue
Lösungsmöglichkeiten kennen und nützen.
Die Frage nach dem Sinn scheint universal zu sein. Es gibt keinen
Bereich, der nicht von dieser Thematik berührt wird. Mir erscheinen
vier Aspekte dieses Themas von besonderer Bedeutung, und zwar deshalb,
weil sie zu tun haben mit der Entwicklung der Beziehung zum Sinn, der
Veränderung von Sinngehalten und dem Versuch, wieder Zugang zum Sinn zu
erlangen.
Es sind dies die Erziehung, die Selbsthilfe, die Therapie am
Beispiel der Psychotherapie und die transkulturelle Problematik. Diese
vier Aspekte stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern greifen
ineinander und stellen das Rahmenmodell dar, innerhalb dessen wir
versuchen, die Sinnfrage zu konkretisieren. Diese Fragen erscheinen
zunächst erschreckend allgemein und enden, in diese undifferenzierte
Allgemeinheit gestellt, fast notwendig mit dem Gefühl diffuser
Sinnlosigkeit.
Psychotherapie der kleinen Schritte
Unser Weg dagegen ist ein Weg der kleinen Schritte, was nicht
erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass sich jede Entwicklung in
unscheinbaren kleinen Schritten vollzieht, aus denen sich qualitativ
Neues entwickelt. Wir müssen uns Gedanken über das Ziel machen, aber
auch darüber, wie wir uns ihm nähern können.
Dabei stoßen wir auf eine
Paradoxie, die in vielfältiger Weise unser Leben begleitet, nämlich,
dass wir uns um etwas bemühen müssen, das wir bereits in uns tragen.
Warum nicht alles auf einmal?
Ich bin mir bewusst, dass die Suche nach Sinn auch im Rahmen einer
umfassenden systematischen Philosophie erfolgen kann. Ich hielt es aber
für sinnvoll, mir wesentlich erscheinende Fragen und Gesichtspunkte
herauszugreifen, und zwar solche Bereiche, zu denen ich eigene
Erfahrungen aus meiner psychotherapeutischen Praxis beitragen kann.
Nur den Samen
Ein junger Mann betrat im Traum einen Laden. Hinter der Theke stand ein
älterer Mann. Hastig fragte er ihn: "Was verkaufen Sie, mein Herr?" Der
Weise antwortete freundlich: "Alles, was Sie wollen." Der junge Mann
begann aufzuzählen: "Dann hätte ich gerne die Welteinheit und den
Weltfrieden, die Abschaffung von Vorurteilen, Beseitigung der Armut,
mehr Einheit und Liebe zwischen den Religionen, gleiche Rechte für Mann
und Frau und ... und ..." Da fiel ihm der Weise ins Wort:
"Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich falsch verstanden. Wir
verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen."
Autor: Prof. Dr. med. Nossrat Peseschkian, Wiesbaden
(Aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 109)
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