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Warum wir Menschen lügen

Ohne auf genaue Definitionen zurückgreifen zu müssen, wissen wir - frei von jedem Zweifel - was die Lügen sind. Jeder von uns hat irgendwann einmal von ihnen Gebrauch gemacht, aber auch unter ihnen gelitten. Sie auszurotten ist unser aller Wunsch; zum Schluss aber kapitulieren wir und akzeptieren sie als ein notwendiges und unbezwingbares Übel. Warum lügen wir trotzdem und wider besseres Wissen? Warum lassen wir zu, dass man uns belügt?

Vielleicht deshalb, weil es etwas Mächtigeres als die Lüge gibt, das sich vor den oberflächlichen Analysen verborgen hält?

 

Verschiedenartige Lügen

Es ist nicht unsere Absicht, die überaus verschiedenartigen Schattierungen der Lügen ausführlich zu beschreiben; wir werden bloß einige Aspekte erwähnen. Zu schweigen oder sich der Rede zu enthalten, wenn man etwas Wahres sagen sollte, stellt eine der Arten der Lüge dar: Man nimmt Abstand von der Wahrheit bzw. enthält sich ihrer. Manche halten dies aber für eine Form der Diskretion. Aber selbst die Diskretion hat Grenzen, die - wenn sie überschritten werden - eher schaden als nützen.

Diese Einstellung bringt die Menschen dazu, sich so auszugeben und zu verstellen, als ob sie gar nichts wüssten - oder so zu tun, als ob sie gerade etwas erfahren hätten, obwohl sie dies in Wirklichkeit schon längst gehört hatten. Dies ist eine Flucht vor der Wahrheit.

Diese Haltung steckt auch hinter den nur scheinbar überraschten Gesichtern, hinter den zweideutigen Worten, die nichts anderes ausdrücken als den Wunsch, aus einer unangenehmen Situation herauszukommen. Wir finden sie beim verkrampften Lächeln oder bei dem "es tut mir so leid", obwohl einem in Wirklichkeit gar nichts leid tut; bei den Krokodilstränen und bei jenen überschwänglichen Umarmungen, die voller Zynismus sind.

Derjenige, der sich verstellt, sieht sich sehr oft gezwungen, seine Meinung zu wechseln; und zwar nicht, weil er gewissenhaft von einer Meinung zur anderen übergegangen wäre, sondern weil er viele Masken braucht, um sich den Umständen anzupassen. Nicht selten hört man ihn etwas sagen, das im krassen Gegensatz zu dem steht, was er vor einer Stunde geäußert hat. Und doch: Beide Äußerungen sind und bleiben zweideutig "rutschig"...

Die Lüge kann den sehr oft erwähnten Aspekt der "Notlüge" annehmen, aber sich auch als echte Lüge zeigen: jene, die verfälscht, verdreht und die Wahrheit je nach den Interessen und Bedürfnissen verändert und entstellt.

Eine Sache ist das Mitleid, das einen dazu führt, die Wahrheit etwas abzuschwächen oder in einigen Aspekten umzuwandeln, damit man die seelischen Zustände derjenigen, die ernsthaft von irgendeiner Form des Schmerzes betroffen sind, abschwächen oder zu einer Wandlung animieren kann.

Doch etwas ganz anderes ist die reine Lüge, die uns hier gerade beschäftigt und die im Alltag am häufigsten auftaucht. Genau diese tut weh; aber merkwürdigerweise ist sie auch diejenige, die - sei sie gut oder schlecht - schließlich einfach in Kauf genommen wird.

 

Verschiedene Formen der Sprache

So zahlreich die Sprachen sein mögen, die ein Mensch gelernt haben mag, gibt es doch auch andere Sprachformen, die viel intimere Facetten seiner Persönlichkeit aufzeigen. Der Mensch als Bestandteil der Natur passt sich den Eigenschaften der verschiedenen Lebensbereiche an.

Er hat etwas von den Steinen, etwas von den Pflanzen, etwas von den Tieren und selbstverständlich auch etwas von den Menschen. Von den Steinen ahmen wir ihre Statik nach. Daher kommt es, dass man (nicht umsonst auf diese Weise formuliert) ein "steinernes Gesicht" zeigen oder - wie man es auch oft sagt - "ohne mit der Wimper zu zucken" lügen kann. Von den Pflanzen haben wir gelernt, uns so wie deren Äste und Zweige zu bewegen: nämlich nur von den Winden der Meinungen getrieben; und dies in so viele verschiedene Richtungen, dass einige unter ihnen unmöglich richtig sein können. Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Standpunkte, aber wir können und dürfen sie nicht alle auf einmal und zugleich einnehmen, und uns auch nicht von den Winden, die in kurzen Zeitabständen aus allen Himmelsrichtungen wehen, treiben lassen.

Von den Tieren haben wir die Sprache der Gestik und Gebärden geerbt. Diese sind so spontan, dass sie keine Zeit für Verstellung und Betrug lassen. Auf diese Weise sagen die Signale des Körpers, so unscheinbar sie auch sein mögen, oft etwas ganz anderes aus als die Worte. Obwohl wir heute über eine ausschöpfende Literatur über das Thema Körpersprache und nonverbales Verhalten verfügen, und obwohl diese erworbenen Kenntnisse uns auf diese Tatsache aufmerksam machen könnten: Der instinktive Impuls ist stärker als die rationale Erkenntnis; Gesicht, Augen, Hände sprechen mehr als der Mund und halten sich stärker an die Wahrheit.

Die den Menschen eigene Sprache ist so reich und vielfältig an Lügen und Vertuschungen, dass die heute geläufige Regel lautet: "Zu lernen, mit der größtmöglichen Anzahl an Worten zu sprechen, ohne etwas auszusagen" - oder gar genau das Gegenteil dessen zu sagen, was man in Wirklichkeit meint.

Die heutige Verarmung der Sprache stellt einen Prozess dar, der uns alle überrascht und erschreckt: Wir erleben gerade die Reduktion des Ausdrucks auf einfache Worte, vulgäre Ausrufe und neu erfundene Begriffe mit vielen gleichzeitigen Bedeutungen. Und was uns bei dem Ganzen erstaunt, ist, dass man mit einer derartigen Reduzierung der Termini weiterhin so gut lügen kann.

Damit wollen wir nicht behaupten, dass die Lüge die dem Menschen eigene Sprache darstellt, aber sehr wohl, dass alle Menschen mit der Sprache spielen und sie so ihren eigenen Interessen anpassen können. Dies liegt weder in der Natur der Steine, noch in der der Pflanzen und auch nicht in der der Tiere.

Es ist schade, dass diese Anpassungsfähigkeit der Menschen nicht in den Dienst der Intelligenz, sondern in den der List gestellt wird.

Die Wahrheit zu sagen ist meistens gefährlich und passt nicht in das Spiel der so genannten "zivilisierten" Gesellschaften.

 

Warum die Lügen

Vor dem Hintergrund aller Arten von Lügen lässt sich ein ihnen allen gemeinsamer Faktor - selbstverständlich mit den logischen Nuancierungen - feststellen: die Angst. Hier liegt die wahre Krankheitsursache, und die Lügen sind nichts anderes als Symptome oder offensichtliche Folgen von Angst. Betrachten wir als Beispiel denjenigen, der ein vorsichtiges Schweigen bewahrt. Seinem Verhalten liegt die Angst zugrunde, ein Risiko auf sich zu nehmen.

Es bedarf sehr großen Mutes, einzugreifen und die eigene wahre Einstellung auszudrücken, denn dies würde bedeuten, sich vor sich selbst und vor den anderen zu verpflichten. Die Angst vor dem Risiko führt in manchen Fällen zu einer schmerzhaften Feigheit, die schließlich und endlich stets der Angst entspringt.

Der, der seine Meinungen mit der Windrichtung der herrschenden Mode ändert, zeigt in Wirklichkeit eine entsetzliche Angst davor, die Zuneigung oder Wertschätzung derjenigen zu verlieren, die ihn umgeben. Anders als die anderen zu sein, für eine Wahrheit zu stehen, die die anderen verschleiern, verfälschen oder einfach verkennen, lässt uns als "schwarze Schafe" erscheinen ... und dies verlangt sehr viel Mut.

Es ist ja viel einfacher, sich hinter dem geläufigen Mantel jener Lüge, die von allen akzeptiert wird, zu verstecken und weiterhin in dieser Gruppe, die durch ihre Gemeinsamkeit stark geworden ist, miteinbezogen und in ihr aufgehoben zu bleiben. Der, der sich verstellt und seine wahren Gefühle und Gedanken nicht preisgibt, leidet unter der Angst, sich so zu zeigen, wie er wirklich ist. Entweder weil er sich davor fürchtet, sich selbst zu erkennen, oder weil er keinen Einblick in sein tiefstes Inneres gewähren will, denn dann würde er sich ja wehrlos "ausliefern".

Nichts ist schrecklicher, als die Herabwürdigung seitens derjenigen zu erleiden, die sich konzentriert hinter einer Reihe von Werten, die gerade in Mode sind, verbarrikadieren oder derjenigen, die mit den unterschiedlichsten Mitteln jenen zerstören, der ehrlich und offen seinen Standpunkt verteidigt. Der Leitsatz unserer Gesellschaft ist scheinbar so einfach: Wenn wir alle in denselben Dingen lügen, hört diese Lüge auf, eine Lüge zu sein und wird zur Realität.

In der Lüge wirken alle Ängste zusammen: Angst vor sich selber, vor den Menschen, vor dem Leben und seinen Umständen, vor den Situationen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, bis wir sie gemeistert haben. Die Lüge ist eine Form der Falschheit, die die Dinge anders zu betrachten versucht, als sie wirklich sind - und zwar, indem sie diese Dinge zu den eigenen Gunsten neu interpretiert: Wenn ich nicht in der Lage bin, das zu ändern, was mir Schmerz verursacht oder nicht weiß, wie ich das anstellen sollte, dann lasse ich das Ganze eben in einer anderen Farbe erscheinen und stelle mir vor, ich hätte es schon korrigiert.

Steckt hinter diesen Lügen Bosheit? Sind sie bloß Ausdruck der Angst? Oder liegt in diesem Verhalten nicht auch eine beträchtliche Verachtung des Verstandes und der Intelligenz der anderen, die vermeintlicherweise den Betrug nicht merken sollten?

Dass die Lüge Lüge ist, kann man unübersehbar an der unbewussten Körpersprache erkennen. Daraus ließe sich schließen, dass das Tier (oder - anders formuliert - das Unbewusste), das in uns allen vorhanden ist, viel wahrhaftiger als der von der Kultur "übermalte" Mensch wäre. Warum ist unser "Tier" authentischer als wir selbst? Warum geben die Augen, die Hände, die Körperbewegungen das preis, was wir entweder nicht sagen wollen oder nicht sagen können?

Folgen der Lüge

Wir haben bereits die Angst als den Hauptauslöser der Lüge erwähnt; neben ihr stehen auch der Egoismus, die Feigheit, der Mangel an Selbstvertrauen und die unkontrollierte Phantasie, die nicht das Wahre vom Falschen zu unterscheiden vermag, und weiters die Bosheit des Wunsches, einem anderen Wesen Schmerz zuzufügen. Wenn all diese vielfältigen Ursachen aufgezählt werden können: Die Folgen daraus sind nicht weniger unersättlich und gefährlich. Dies kann man klar und deutlich im täglichen Zusammenleben feststellen. Das Zusammenleben - obwohl notwendig und unumgänglich - ist voller Falschheit, Ressentiments, nachtragender Gefühle und voller Wunden, die wir ununterbrochen anderen zufügen, während wir selbst nicht bereit sind das zu verzeihen, was wir von anderen empfangen.

Das Misstrauen herrscht in allen Ebenen; in Wirklichkeit glaubt niemand an irgendjemanden - und im gewissen Maße misstraut jeder auch sich selbst ein wenig. Man verliert unzählige Stunden bei Gesprächen, in denen man über das diskutiert, was nicht ist, in denen man das Unbeweisbare zu beweisen sucht, oder in denen man unrichtig berichtet. Und diese Zeit ist unwiederbringlich verloren ...

Der Mangel an Glaube herrscht überall: von der Freundschaft angefangen bis hin zur Politik, von der Wissenschaft bis zur Religion. Wenn ich lüge: warum soll ich dann glauben, dass die anderen die Wahrheit sagen? Wem soll (kann) ich glauben? Wen soll (kann) ich ohne Vorbehalte lieben? Wovon will man mich überzeugen? Was versucht man von mir zu bekommen? Wenn ich selbst andere auszunützen versuche: Warum sollten es nicht andere auch mit mir tun wollen?

Das alles mag einen Eindruck erwecken, der jedoch nicht der Wahrheit entspricht, nämlich: dass niemand ehrlich in seinen Ausdrücken sei, dass niemand die Wahrheit sagen würde, dass alles Lüge wäre... Das Leben wird von Tag zu Tag künstlicher und die zwischenmenschlichen Beziehungen kälter, denn sie stützen sich auf falsche und unbeständige Grundlagen.

Um zu überleben, wird es notwendig, eine neue Sprache mit einem langen Namen zu lernen. Der könnte lauten: "Was wollen sie mir sagen, wenn sie mir sagen, was sie sagen ..."

 

Einige Lösungen

Das wichtigste ist, die Angst zu überwinden - doch dies geht nicht von heute auf morgen. Man muss sie allmählich durch andere, höhere und qualitativ kräftigere Gefühle ersetzen. Beginnen wir mit der Höflichkeit im gesündesten Sinne des Wortes: Als eine großzügige Achtung vor den anderen und vor sich selbst. Die Höflichkeit kann unter Umständen vielleicht eine schweigsame Diskretion oder hie und da eine Notlüge verlangen, um den psychologischen Druck abzumildern. Doch an erster Stelle ist sie Verständnis und Dienst, ehrliche Hingabe und seelische Eleganz.

Vor der erneuernden Kraft der bewussten Höflichkeit löst sich die grobe Lüge wie eine Wolke unter den warmen Sonnenstrahlen auf. Vor dem Glanz der freudig großzügigen Höflichkeit stellt sich der Egoismus nur mehr als ein Schatten heraus.

An zweiter Stelle können wir einen alten Spruch anführen: "Erkenne dich selbst". In der Antike wurde behauptet, dass dies den ersten Schritt darstellt, um die Götter und das Universum zu erfahren - was gleichbedeutend damit ist, alle Menschen, mit denen wir unser Leben teilen, wahrhaft zu erkennen.

Wenn wir sowohl diese Menschen als auch uns selbst wirklich erkannt haben, wird die Lüge schwinden.

Denn wenn es keine absichtlichen Doppelbödigkeiten und Verschleierungen gibt: wo bliebe dann noch Platz für derartige Machenschaften?

Weiters wird die Kontrolle der übersteigerten Phantasie notwendig sein: Man muss die Realität mit klaren Augen betrachten. Dies bedeutet nicht, in unserer Umwelt dies akzeptieren zu müssen, was uns nicht gefällt, sondern ganz im Gegenteil: es bedeutet, mit Genauigkeit zu wissen, was man verändern oder verbessern will. Die Phantasie legt ihre Schleier auf all das, was uns missfällt. Doch diese Schleier vermögen in keiner Weise, die Tatsachen auch nur um einen Millimeter zu verrücken.

Und schließlich benötigt man noch Mut, viel Mut: Eine vergessene Tugend, die sowohl in Steinen, Pflanzen und auch Tieren vorhanden geblieben ist, die aber in den Menschen schwindet, sobald sie durch den künstlichen Druck der Gesellschaft ängstlich und lügnerisch wird.

Autorin: Prof. D.S.G. int. Direktorin N.A. übersetzt aus der Zeitschrift N.A. 207 von 9/92

(aus: Abenteuer Philosophie Nr. 99)

 

Letzte Aktualisierung ( Montag, 20. Oktober 2008 )
 
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