Ein Brief an die Orientalistin und Tibetforscherin Alexandra David-Néel
Liebe Alexandra,
ich möchte dir einmal ganz offen sagen, dass ich dich bewundere! Du bist immer deinen eigenen Weg gegangen. Schon als kleines Mädchen nahmst du Reißaus, weil du wissen wolltest, was hinter dem Gartenzaun deines Elternhauses liegt. Der Radius deiner unerlaubten Ausflüge wurde mit der Zeit immer größer und zu deinem eigenen Glück hat man dich wieder eingefangen, doch du wusstest: Einmal werde ich reisen, und niemand wird mich zurückholen!
Das ist nicht einmal deinem späteren Ehemann Philippe Néel gelungen. Ihr habt 1904 - da warst du immerhin schon 36 Jahre alt - in Tunis geheiratet und du hast ihn fast sofort wieder verlassen. Nein, entschuldige. Es müsste wohl heißen: Du bist deiner Wege gegangen, und die haben dich weit weg von ihm, von Europa, von Paris geführt, wo du als Alexandra David geboren wurdest.
Ja, du bist eine echte Pariserin, obwohl man leicht versucht ist, deinen Namen englisch auszusprechen. Das Leben fließt dahin. Worauf wartest du? Wenn du an Reisen dachtest, dann nicht an große Städte oder mondäne Seebäder, nein, vor deinem geistigen Auge standen Wüsten und Steppen, hohe Schneeberge und einsame Ebenen. du hast dich ganz systematisch auf dieses Leben vorbereitet, hast dir schon in jungen Jahren die philosophische Überzeugung der Stoiker zu Eigen gemacht und dich in freiwilliger Askese geübt.
Hier möchte ich dich selbst zu Wort kommen lassen, weil dieser Gedanke, den du mit zwanzig niederschriebst, so bezeichnend für dich ist: "Höre das gleichmäßige Ticken der Uhr. Jeder Schlag ist ein flüchtiger Augenblick, der niemals wiederkehrt. So fließt auch dein Leben dahin. Vielleicht trennen dich nur wenige Minuten vom Tod und du hast noch nicht einmal zu leben begonnen. Worauf wartest du?"
Du jedenfalls hast nicht gewartet, sondern hast dein Leben mit kühlem Kopf und wachem Blick angepackt. 1890, mit 22, hattest du ein bisschen Geld geerbt. Anstatt es für die Aussteuer zu sparen, bist du nach Indien gesegelt. Seit dieser ersten Reise hat dich Asien, und besonders Tibet, nicht mehr losgelassen. Auch in geistigen Dingen bist du deinem eigenen Weg gefolgt. Über deine, für ein Mädchen doch sehr ungewöhnlichen, Interessen hast du einmal geschrieben: "Schon als Kind haben mich die religiösen Überzeugungen interessiert, und ich zweifelte nicht daran, dass sie von ganz grundlegender Bedeutung waren. Ich wollte sie untersuchen, ihren Sinn entdecken, ihre Begründungen diskutieren."
Da es ein reguläres Studium für Frauen damals noch nicht gab, wurdest du Gasthörerin an der Sorbonne und hast ernsthaft damit begonnen, die östlichen Philosophien zu studieren. Deine eigentliche ‚Universität' jedoch war das Musée Guimet in Paris. Dort hast du, wie du schreibst, deine Berufung gefunden. Deine Berufung war nicht die einer Ehefrau und auch nicht die einer Opernsängerin, denn das warst du auch einmal. Ich weiß, daran willst du gar nicht gern erinnert werden, obwohl du dein Leben lang eine gute Schauspielerin warst und manch brenzlige Situation in abgelegenen Teilen Tibets oder im chinesischen Bürgerkrieg dadurch entschärfen konntest, dass du den Räubern oder Kriegsherren etwas vorgespielt hast.
Zu Fuß durchs wilde Tibet
Dein Meisterstück war natürlich der Fußmarsch durch das für Ausländer verbotene Tibet nach Lhasa. Das war 1923, und du warst schon eine gewiefte Asien-Reisende. Du hattest dich 1911 in Frankreich eingeschifft - und dann kam immer etwas dazwischen, was dich von der Heimreise abhielt, nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Du warst in Indien, Burma und Sikkim, Korea und Japan. Und hast immer wieder kleinere Exkursionen ins verbotene und ach so verlockende Tibet gemacht.
Endlich war dein Leben so, wie du es dir erträumt hattest. Abenteuerliche Forschungsreisen wechselten sich mit langen Studienzeiten ab, in denen du Tibetisch und Sanskrit gelernt und die buddhistischen Schriften studiert hast. Wo immer sich Wissen und Weisheit fanden, hast du sie angenommen, sei es vom Dalai Lama (dem 13., dem Vorgänger des jetzigen Trägers dieses Titels), sei es von Eremiten in abgelegener Bergeinsamkeit.
Du warst also gut vorbereitet, als du mit Lama Jongden, einem jungen buddhistischen Mönch aus Sikkim, den du später adoptiert hast, vom Westen Chinas aus aufgebrochen bist. Ihr habt euch als tibetische Pilger verkleidet und euren Weg wie die Ärmsten der Armen zurückgelegt, ohne Gepäck, ständig dem rauen Klima ausgesetzt und darauf angewiesen, irgendwo etwas zu essen zu finden. Und immer auf der Hut, nicht entdeckt zu werden. Wahrlich kein Sonntagsausflug!
Das Erstaunlichste aber ist, dass du dieses freie, ungebundene Leben trotz aller Strapazen genossen hast, dass dich die grandiose Landschaft Tibets immer von neuem beeindrucken konnte, dass du nie müde wurdest, die Eigenheiten der Bevölkerung - manchmal recht unangenehme Eigenheiten - mit amüsiertem Interesse zu verfolgen.
Wenn Eva deinen Charakter gehabt hätte, dann hätte sie sich nach der Vertreibung aus dem Paradies auf die Entdeckung der Erde gefreut!
Nur zur Erinnerung: Du warst damals 55 Jahre alt. Als du 1925 nach Frankreich zurückkamst, warst du berühmt. Du hast das Haus in Digne, deine ‚Meditationsfestung', gekauft, hast Bücher geschrieben, bist auf Lesereisen gegangen und hast Vorträge gehalten.
Lorbeeren sind kein Ruhekissen
Auf Dauer konnte dich das alles aber nicht befriedigen. 1937 warst du ja erst 69 Jahre alt, bei weitem kein Alter, um sich zur Ruhe zu setzen. Mit dem treuen Lama Jongden bestiegst du in Moskau die Transsibirische Eisenbahn nach China. Du kamst gerade rechtzeitig, um alle Schrecken des japanisch-chinesischen Krieges und dann des chinesischen Bürgerkrieges hautnah mitzuerleben. Trotz der Bomben, des Hungers, der Epidemien fandest du noch die geistige Kraft zum Studium und zur Meditation. Ihr floht, meistens zu Fuß, durch ganz China und kamt 1946 in Indien an.
1941 war dein Ehemann Philippe gestorben. Ihr hattet bis zuletzt eine rege Korrespondenz aufrechterhalten. Mit ihm verlorst du, wie du schreibst, deinen besten Freund. Um seinen Nachlass zu regeln, musstest du nach Frankreich zurückkehren. Und dort bliebst du dann.
1955 starb Jongden, der doch 30 Jahre jünger war als du. Ich glaube, dass du ihm das wirklich übel genommen hast.
Du wurdest mit Ehren überhäuft, aber der Rheumatismus hinderte dich daran, auch nur eine Treppe zu steigen. Woran dich aber nichts und niemand hindern konnte, das war dein tägliches Studium, deine schriftstellerische Tätigkeit, deine ‚konstruktive Arbeit'.
Ja, ich bewundere dich wirklich. Pardon, habe ich da etwas gehört? Es klang so ähnlich wie: ‚Ach was, Bewunderung! Selber denken, selber etwas tun, das ist es, worauf es ankommt!'
1969, kurz vor deinem 101. Geburtstag, hast du das Tor, das aus diesem Leben hinausführt, endgültig hinter dir zufallen lassen. Du wolltest wohl sehen, wie es jenseits davon weitergeht! Dass deine Streifzüge ins Unbekannte damit noch nicht zu Ende sind, davon bin ich überzeugt. Für die Regionen, in denen du dich jetzt bewegst, gibt es allerdings noch keine Postanschrift.
Daher dieser offene Brief. Gute Reise, Alexandra!
Quellen:
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www.alexandra-david-neel.org (franz./engl.) Forster, Barbara und Michael: Alexandra David-Néel - Die Frau, die das verbotene Tibet entdeckte. Herder, Freiburg 1999 (Dieses Buch ist derzeit die einzige deutschsprachige Biographie auf dem Markt. Sie ist aber sehr schlecht geschrieben, miserabel übersetzt, voller typographischer Fehler, dass man sie wirklich nicht empfehlen kann.)
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Viel interessanter sind die Bücher David-Néels selbst, vor allem:
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Alexandra David-Néel: Mein Weg durch Himmel und Höllen, Fischer TB 2004 (über ihren Weg nach Lhasa 1923)
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Alexandra David-Néel: Heilige und Hexer. Glaube und Aberglaube im Lande des Lamaismus, Brockhaus, Wiesbaden, 1984
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Da das Musée Guimet ein so wunderbarer Ort ist, könnte man es vielleicht auch mit einem Hinweis bedenken: Musée Guimet, Museum und Forschungszentrum für orientalische Kulturen, Place d'Iéna, Paris
Autorin: Sabina Jarosch
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 101)
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