Janus - der Gott mit den zwei Gesichtern PDF Drucken E-Mail

Janus – der Gott mit den zwei Gesichtern

 

Hüter der Übergänge im römischen Imperium

 

Janus hat dem Monat Januar den Namen gegeben. Er steht symbolisch für alle Neuanfänge, die aus dem Alten hervorgehen. Deshalb wird er auch oft mit zwei Gesichtern dargestellt: Eines davon ist jung und blickt in die Zukunft, das andere ist alt und blickt in die Vergangenheit.


Der altrömische Gott Janus ist eine ungewöhnliche Gottheit. Man vermutet, dass er einer der ältesten Götter des römischen Pantheons ist, älter sogar als der Kalender, mit dem er in Beziehung steht.

Die Überlieferungen erzählen, dass Janus noch lange vor der Gründung Roms der König von Latium war und auch der älteste König auf dem Gebiet des heutigen Italien. Auf einem der Berge, an dem später Rom entstehen sollte, gründete er eine Stadt, und der Berg wurde nach ihm Janiculum benannt. Es wird erzählt, dass Jupiter seinen Vater Saturn vom Thron und aus dem Himmel vertrieb, Saturn daraufhin nach Italien segelte und dort von Janus sehr gastfreundlich empfangen und zum Mitherrscher gemacht wurde. Für sich selbst behielt Janus das rechte Ufer des Flusses Tiber mit dem Berg Janiculum, Saturn gab er einen Berg auf der linken Seite des Flusses, den er Saturnium nannte. Aus Dankbarkeit lehrte Saturn die Latiner Felder und Weinberge anzubauen und verbreitete Wohlstand über Latium. Die Herrschaftszeit von Janus und Saturn war ein so genanntes „goldenes Zeitalter“, eine Zeit ohne Krankheiten und Kriege.


Dank der gerechten Herrschaft und Ordnung, die er dem „wilden“ Volk der Latiner brachte, wurde Janus – so wie Saturn – zum Gott erhoben. Über seine frühere göttliche Rolle wissen wir sehr wenig. Er war wahrscheinlich in der altrömischen Religion eine solare Gottheit, ein Gott der Sonne und des Lichtes. Im römischen Pantheon gehört er zu einer der ältesten Triaden, der neben ihm noch Jupiter und Mars angehörten. Auch die Göttin Jana oder später Diana wird als lunare Gottheit mit Janus in Beziehung gebracht.

 

Sein Name – Symbologie und Rolle

Historische Quellen geben Auskunft über einige mögliche Ursprünge seines Namens. Eine dieser Quellen besagt, dass sein Name von Dianus, Leuchtender, stammt, was auch mit seiner Rolle als Gottheit des Lichtes und der Sonne in Verbindung steht. Nach einer anderen Quelle stammt sein Name aus lat. Ianna, was Tür, Haustür, Öffnung, Durchgang bedeutet, das verweist auf den zweiten Aspekt des Janus: göttlicher Beschützer der Tore, Türen und Durchgänge.


Als Herrscher über die Kriege wurde er auch Quirinus oder Mortialis genannt. Die Bezeichnung Quirinus stammt übrigens vom sabinischen Curis, d.h. Speer. In Verbindung mit diesem Aspekt wurde er auch Patulcius und Clausius genannt, da die Tore seines Tempels in der Zeit des Krieges offen (lat. pateo) und in der Zeit des Friedens geschlossen (lat. claudo) waren. Er wurde auch unter dem Namen Janus Bifrons – Janus mit zwei Gesichtern – bekannt: zwei Gesichter, die in zwei verschiedene Richtungen schauen. Er kennt die Vergangenheit und die Zukunft und wacht über das, was hinter ihm liegt und das, was noch vor ihm steht, und beschützt somit die Übergänge von einem Zustand in den anderen, von einer Welt in eine andere. Man nannte ihn auch Janus Quadrifrons, Janus mit vier Gesichtern, was auf seine Allgegenwärtigkeit hinweist. Manchmal wird er wegen seiner Doppelrolle (Eingang-Ausgang, Anfang-Ende) auch Geminus, Zwilling, genannt.

Als Gott der Anfänge hat er keine Eltern bzw. sind sie uns nicht bekannt. Nach einigen Autoren ist Janus der Sohn von Uranus und Hekate. Andere aber meinen, Janus wurde als Sohn von Apollon in Thessalien geboren und zog von dort nach Italien.

 

Gott der Anfänge

In seinem solaren Aspekt wurde er mit der Sonne, die mit ihrem Aufgang den Tag beginnt und mit ihrem Untergang wieder beendet, gleichgesetzt. Als Gott der Anfänge wurde er als Schöpfer der Welt angesehen. In allen religiösen Zeremonien und Ritualen wurde sein Name vor allen anderen Göttern angerufen, so dass er als Janus Pater auch vor dem Jupiter Vorrang hatte.


Am Anfang jeder offiziellen oder privaten Arbeit wurde immer das erste Gebet an Janus gerichtet. Er wachte über jeden Anfang und die Vestalinnen über jedes Ende aller Handlungen. Sein Name wurde am Beginn jeden Tages als Matutina (Morgen) gerufen, und der erste Tag jeden Monats wurde ihm gewidmet. Er war bei jeder Geburt anwesend, sowohl auf der Welt bei den Menschen und ihren Werken, als auch bei den Göttern.

Gott der Tore, Durchgänge und Brücken

Sein solarer Aspekt wurde später durch eine neue Funktion ersetzt – Janus wurde zum Beschützer der öffentlichen Tore und Haustüren. Die Kupfertore seines Tempels wurden jedes Mal, wenn die Armee in den Krieg zog, feierlich geöffnet. Die Tore blieben während des ganzen Krieges offen, damit die Soldaten wieder heil zurückkehren konnten. Nach ihrer Rückkehr wurden die Tore wieder geschlossen. In den fast tausend Jahren altrömischer Geschichte waren die Tore des Janus-Tempels nur siebenmal geschlossen, was darauf hinweist, dass die Römer fast immer im Krieg waren.

Janus bewachte und beschützte auch die Brücken als Übergänge über das Wasser. Alle Eingänge und Durchgänge wurden ihm geweiht. Als Gott der Wege wurde er auch in Janiculum verehrt. Von dort führte ein Weg über die älteste Brücke am Tiber und durch ein Stadttor. Janus war auch der Durchgang Tigillum Sororium geweiht, wo sich zwei Opferaltäre befanden, einer für Janus und der andere für Juno. Man geht davon aus, dass dieses Tor ein Ort der Einweihung der jungen Menschen in die Aufgaben der Erwachsenen und Janus der Beschützer dieses bedeutenden Lebensabschnitts war.

 

Gott der Quellen

Janus war auch der Beschützer und Wächter über die Quellen. Nach einigen Autoren war er mit Jutur verheiratet, der Nymphe der Quellen und Brunnen. Sie gebar ihm den Sohn Fons, was auf Lateinisch „Quelle“ bedeutet. Es gibt auch eine Geschichte über Janus als Herrscher über die Quellen: Als die Tapeia das

Kapitol an die Sabiner übergab, ließ Janus in dem Tor, das sie öffnete, eine heiße Schwefelquelle entstehen und verhinderte damit die weitere Eroberung durch die Sabiner.

 

Janus und der Kalender

Als Gott der Anfänge wurde Janus am Anfang des Jahres, ab der Wintersonnenwende, wenn die Tage wieder länger werden, verehrt. Janus besitzt die „Schlüssel“ der Macht für die Tore der Winter- und Sommersonnenwende. Die Tore der Wintersonnenwende im astrologischen Zeichen des Steinbocks sind die Tore der Götter, die steigenden und wachsenden Kräfte der Sonne, die man lanua coeli nannte. Die Tore der Sommersonnenwende im astrologischen Zeichen des Krebs sind die „Tore des Menschen“, die fallenden und absteigenden Kräften der Sonne, lanua inferni genannt. Es wird erzählt, dass Janus zwei Schlüssel hatte, einen aus Gold und einen aus Silber, die als Symbole für die überzeitlichen und die vergänglichen Kräfte stehen.


Das dem Janus gewidmete Hauptfest fand am ersten Tag des Jahres statt, da er als Gott der Übergänge mit einem Gesicht in die Vergangenheit, das vergangene Jahr, und mit dem anderen Gesicht in die Zukunft, das neue Jahr, blickte. Ihm zu Ehren haben sich die Römer festlich gekleidet zum Kapitol begeben und dort Geschenke und Glückwünsche ausgetauscht. Auf seinem Opferalter verbrannten sie Weihrauch und duftende Pflanzen.


Der Name für den Monat Januarius, nach Janus, wurde erst im 7. Jh. v.Chr. von König Numa Pompilius eingeführt. Januarius war damals der elfte Monat, der vorletzte im Jahr, da Martius weiterhin der erste Monat blieb. Wahrscheinlich wurde durch die Kalenderreform des Etruskers Tarquinius Priscus der Jahresanfang auf Januarius geändert.

 

Tempel

Es ist nicht genau bekannt, wo sich der Tempel des Janus in Rom befand. Wahrscheinlich war er im südöstlichen Teil des Forums, auf dem Weg, der vom Forum Julius zum großen Forum führte.


Sein Tempel, genannt Janus Geminus, war auch gleichzeitig ein Durchgang mit zwei Türen, eine Richtung Osten und die andere Richtung Westen. Man glaubt, dass dieser Tempel schon sehr früh gebaut wurde, vielleicht in der gleichen Zeit wie das Forum.


In Rom gab es auch andere Tempel, die Janus gewidmet waren. Der Tempel des Janus Quadrifons z.B. hatte eine viereckige Basis, und auf jeder Seite befanden sich eine Tür und drei Fenster: Die vier Türen standen für die vier Jahreszeiten und die drei Fenster für die drei Monate eines Quartals.

 

Darstellungen

Janus wurde gewöhnlich mit zwei Gesichtern dargestellt: ein altes Gesicht, manchmal mit Bart, manchmal ohne, und ein junges Gesicht. Eines seiner Hauptattribute ist der Schlüssel in der rechten Hand, Symbol für die Kraft des Öffnens und der Befreiung, aber auch für die Kraft des Abschließens. In der linken Hand hält er einen Stab oder eine Peitsche, mit der er all das, was durch die Tür nicht durchgehen durfte, abhielt. Manchmal trägt er in einer Hand die Zahl 300 (römisch CCC) und in der anderen Hand die Zahl 65 (römisch LXV) als Symbole für die Herrschaft über das Jahr mit seinen 365 Tagen.

Die häufigsten Abbildungen von Janus findet man auf Münzen. Als Erinnerung an die goldenen Zeiten seiner und Saturns Herrschaft wurden die meisten römischen Münzen auf einer Seite mit Janus Bifrons und auf der anderen Seite mit dem Schiff, mit dem Saturn nach Italien segelte, geprägt.

Janus, die alte Gottheit mit den zwei Gesichtern, ist ein Symbol für den Übergang vom Alten zum Neuen. Er symbolisiert die Übergänge, mit denen wir jeden Tag und jedes Jahr immer wieder konfrontiert sind, wenn wir Altes hinter uns lassen und Neues beginnen. Mit einem Gesicht, dem alten, schauen wir auf unsere Erfahrungen der Vergangenheit zurück, und mit dem anderen, jugendlichen, blicken wir hoffnungsvoll in die Zukunft.

 

Autorin: Snjezana Tomasevic

 

 
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