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Viktor Frankl

Achtung, liebe Leserin, Lieber Leser: Das wird eine Lobrede. Ich schreibe das nur zur Warnung vorneweg, denn manchmal scheint mir, dass Lobreden nicht mehr in Mode sind. Ich habe aber vor, über Viktor Frankl nur Positives zu berichten.

In meinen Augen war er ein echtes Vorbild. Ich bewundere ihn zutiefst, seine Worte inspirieren und beflügeln mich.

Aus gegebenem Anlass haben in diesem Jahr zahlreiche Zeitungen über ihn berichtet. Viele Artikel waren dabei, die die "andere" Seite des Viktor Frankl beleuchtet haben: seine Fehler, Charaktermängel und die dunklen Taten seiner Vergangenheit. Ich habe mich gefragt, warum man das tut. Warum darf ein Mensch nicht als Vorbild bestehen bleiben? Warum müssen auch alle Schwächen und Mängel hervorgezerrt werden? Warum nicht bloß die positiven Aspekte bringen, die Anlass zur Hoffnung und zum Nacheifern geben?

Mein Schluss war: Wir haben Angst vor Heldentum. Weil wir schon einige Male in der Geschichte auf die Nase gefallen sind, weil wir eine gute Ausrede für unsere eigenen Schwächen haben, wenn andere auch nicht besser sind, weil Vorbilder zum nacheifern und verändern auffordern. Und Veränderungen sind immer unbequem. Dann schon lieber in der eigenen Mittelmäßigkeit verweilen.

Viktor Frankl wäre in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden. Die ganze Welt kennt ihn als Verfasser des Buches "Trotzdem Ja zum Leben sagen". Er hat darin aufgezeigt, dass, egal wie trostlos die Umstände sind, uns immer eine Wahlmöglichkeit bleibt. Allein deshalb verdient er Ruhm und Ehre.

Ich hatte heute eine besondere Begegnung: Ein Mann mit Alkoholproblemen kam zu mir in die Praxis. Wir haben lange alle möglichen Maßnahmen zur Vermeidung von Alkohol besprochen, und als ich ihn so richtig in der Zange hatte, kam er mit dem Argument, dass ich ihm ja eigentlich gar nichts raten kann, denn ich hätte diese Hölle ja nicht selbst durchgemacht. Ich kann mich ja in seine Sucht nicht hineinfühlen.

Man hat Viktor Frankl einmal gefragt, wie denn jemand, der nicht dasselbe durchgemacht hat wie er und der diese Haltung der Trotzmacht des Geistes gegen widrige Umstände nicht unter Beweis stellen kann, die Berechtigung hat, Logotherapie zu betreiben. Seine Antwort darauf war: "Jeder hat sein persönliches Auschwitz."

Es ist nicht notwendig, ALLE Tiefen selbst erfahren zu haben. Denn wir alle haben im Lauf unseres Lebens genug Erfahrung mit Verzweiflung, Traurigkeit, Schuld und Leid gemacht. Aber für jeden stellt sich die Forderung, sich mit seinen höheren Seelenkräften zu beschäftigen. Welche latenten Fähigkeiten schlummern in uns? Wo liegen unsere tiefsten Überzeugungen und Ideale? Denn nur dort liegen die Werkzeuge, die uns aus jedem Schlamassel heraushelfen können.

Die Tiefenpsychologie mit ihren analytischen Methoden hat sicherlich ihre Berechtigung. Es kann hilfreich sein, unbewusste Gefühle und verdrängte Erlebnisse ans Tageslicht zu bringen, um manche Verhaltensmuster zu verstehen.

Aber noch wichtiger ist es, das unbewusste Geistige hervorzuholen. Das ist die Höhenpsychologie eines Viktor Frankl. Wie beschreibt Frankl den Menschen? Was ist diese Trotzmacht des Geistes? Der Mensch besitzt einen Körper und eine Seele. Eine scharfe Grenze zwischen beiden ist kaum zu ziehen, denn sie beeinflussen sich gegenseitig, was bei psychosomatischen Krankheiten deutlich erkennbar wird. Die seelische Sorge zum Beispiel, das ständige Zweifeln und Grübeln über Probleme kann letztendlich die Ursache für ein Magengeschwür sein. Darüber hinaus gibt es aber auch den Geist oder die Existenz des Menschen, ein völlig eigener und selbstständiger Bereich, der von Körper und Seele scharf zu trennen ist: denn Körper und Seele sind analysierbar, die Existenz aber, die geistig ist, ist unanalysierbar, denn wir sehen immer nur ihre Auswirkungen, niemals aber den Geist selbst.

Diese Auswirkungen des Geistes sind: 1. das Ethische oder das Gewissen: Das Gewissen des Menschen erschließt uns die Welt, wie sie zwar noch nicht ist, aber wie sie sein soll. 2. Der Eros, die Liebe: Die Liebe sieht in einer Art geistigen Schau das im anderen Menschen, was dieser an unverwirklichten persönlichen Möglichkeiten und Potenzialen noch in sich birgt. Die Liebe sieht den anderen, wie er sein kann, und nicht, wie er jetzt gerade ist, in all seiner Unvollkommenheit. 3. Der Pathos, das Ästhetische, das künstlerische Gewissen, die Inspiration des Künstlers: Schon der Neuplatoniker Plotin schrieb im 3. Jahrhundert nach Christus über die Wichtigkeit der Schönheit. Der Weg zum Guten führt über das Schöne.

Soweit also der Mensch: Zwei Seelen wohnen ach in seiner Brust. Die tägliche Forderung an jeden Menschen ist nun die Entscheidung: Folge ich meinem Gewissen, meiner höheren Stimme in mir, meinem geistigen Anteil oder lasse ich mich von meinen Leidenschaften, meinen Emotionen und von anderen materiellen Anteilen lenken. Selbstverständlich ist der Mensch äußeren Bedingungen unterworfen, aber trotzdem bleibt ihm immer die Wahl, in ihm liegt die grenzenlose Freiheit der Entscheidung. Aber diese Freiheit ist keine Freiheit VON, sondern eine Freiheit ZU etwas. "...und so weiß ich denn auch um die Freiheit des Menschen, sich über all seine Bedingtheit hinauszuschwingen und selbst den ärgsten und härtesten Bedingungen und Umständen entgegenzutreten, Kraft dessen, was ich die Trotzmacht des Geistes zu nennen pflege."

Bereits 2000 Jahre früher forderte Sokrates, dass jeder Mensch die Anstrengung auf sich nehmen solle, seine Tugenden zu entfalten, um ein guter Mensch zu werden. Denn die Tugend sei die letzte und ureigenste Bestimmung des Menschen, wofür er geboren wurde. Diese Bestimmung zu finden und in Übereinstimmung mit seiner inneren Natur zu handeln wäre letztendlich der einzige Weg zum dauerhaften Glück.

Die Logotherapie eines Viktor Frankl unterscheidet sich kaum von einer "Hebammenkunst" (die Seele zur Geburt bringen!) des Sokrates. Hier ist es die Aufgabe des Arztes, aus dem Patienten das Möglichste herauszuholen, aber nicht das Möglichste an Geheimnis, sondern das Möglichste an Wert.

Ziel der Therapie ist es, ein erfülltes, eigenverantwortliches Leben zu führen. Was ist meine Lebensaufgabe? Was ist zu tun, was nur ich allein tun kann und sonst niemand anderer? Was ist Aufgabe und Sinn meines Lebens? Egal, was das Schicksal bringt, immer gibt es die Möglichkeit, dem Leben Sinn abzugewinnen: Sei es durch unsere Taten, die wir setzen, und unsere Werke, die wir schaffen (schöpferische Werte), sei es durch ein Erlebnis, eine Begegnung, eine Liebe, eine Kunst oder einen Sonnenuntergang (Erlebniswerte) oder sei es durch unsere vorbildliche Haltung dem Leben gegenüber (Einstellungswerte). Manchmal sind wir mit einem unausweichlichen Schicksal konfrontiert, das unsere Möglichkeiten stark einschränkt, aber selbst dann noch bleibt uns die freie Entscheidung, dieses Schicksal mit Würde und Tapferkeit zu tragen und damit über uns selbst hinauszuwachsen.

Von Stunde zu Stunde wechselt in unserem Leben die Wertgruppe: Manchmal müssen wir schöpfen oder handeln, manchmal müssen wir erleben, manchmal müssen wir Haltung zeigen. Die Theorie will immer in Praxis umgesetzt werden. Mit ein wenig Aufmerksamkeit entdeckt man jeden Tag viele Möglichkeiten der Anwendung.

Zum Beispiel, wenn unsere Nachtruhe urplötzlich unterbrochen wird. Eines Tages läutete bei Viktor Frankl das Telefon. Es muss ziemlich störend gewesen sein, denn es war immerhin 3 Uhr morgens. Am anderen Ende der Leitung war eine Frau, die sagte, sie werde jetzt Selbstmord begehen und was denn Frankl dazu sage. Es entwickelte sich ein längeres Gespräch, Pro und Kontra wurden besprochen, über die Sinnhaftigkeit des Daseins diskutiert etc. Die Frau war nicht zu überzeugen. Zuletzt vereinbarte Frankl mit ihr, dass sie ihren Entschluss zumindest noch ein wenig aufschiebe und stattdessen und 9 Uhr morgens bei ihm in der Praxis erscheinen möge. Die Frau brachte sich nicht um. Pünktlich erschien sie in der Früh, aber sie sagte, nicht die Argumente hätten sie abgehalten sich umzubringen, vielmehr war es die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die auch um 3 Uhr in der Früh Anteil nehmen an einem wildfremden Schicksal, die sich die Zeit und die Mühe nehmen, über den Sinn des Lebens zu diskutieren. Dass es solche Menschen gibt, das habe ihr Hoffnung gegeben.

Hatte Viktor Frankl denn gar keine Fehler, war er ein Heiliger? Er war ein Mensch, von dem ich viel lernen kann. Seine Charakterfehler interessieren mich nicht sonderlich. Warum? Weil ich mit meinen eigenen tagtäglich genug zu tun habe.

 

Viktor Frankl- seine Biographie

  • Geboren am 26.März 1905 in Wien, Gymnasialzeit in Wien
  • 1921 hält Frankl seinen ersten Vortrag zu Thema "Über den Sinn des Lebens" seit 1923 intensive Korrespondenz mit Sigmund Freud, seit 1924 zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen
  • 1928-29: Frankl organisiert Gratis-Jugendberatungsstellen für Jugendliche in seelischen Nöten, ein Erfolg einer Sonderaktion zur Zeit der Zeugnisverteilung ist, dass erstmalig kein Schülerselbstmord zu verzeichnen ist
  • 1933-37 Leiter des "Selbstmörderinnen-Pavillons" im Psychiatrischen Krankenhaus Wien
  • 1938 Einmarsch Hitlers in Wien
  • 1940-42 Leiter der Neurologischen Station des Rothschild-Spitals in Wien 1942-45: auf Grund seiner jüdischen Herkunft wird Frankl ins KZ gebracht, fast seine ganze Familie kommt dort um, er selbst wird 1945 befreit
  • 1946-70: Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik
  • seit 1955 Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, weitere Professuren an den Universitäten Harvard, Dallas und Pittsburgh, Träger von 29 Ehrendoktoraten
  • seine 32 Bücher werden in 31 Sprachen übersetzt
  • Die von Frankl begründete Psychotherapierichtung ist die Logotherapie (auch 3. Wiener Schule nach der Psychoanalyse von Sigmund Freud und der Individualpsychologie von Alfred Adler).
  • Viktor Frankl stirbt am 2.September 1997 in Wien.

Autorin: Renate Knoblauch

Quelle: Internationales Viktor Frankl Institut, www.logotherapie.univie.ac.at

(aus: Abenteuer Philosophie Nr. 102)

 
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