Morgenlandfahrt
Eine Reise durch Indien
Sind die beiden Hügel am Rande der Ortschaft zwei Gräber oder die Brüste einer Göttin? Oder beides?
aus: E. M. Forster, „A Passage to India"
Wer erzählt nicht gerne von seinen Erlebnissen? Zum einen besteht die Gefahr, gar zu leicht ins Anekdotische abzugleiten. Das mag für einen selbst ganz unterhaltsam sein, ist aber für andere so langweilig wie die Betrachtung eines Fotoalbums mit Familienbildern. Schlimmer: Ein einmaliges, persönlich gefärbtes Erlebnis wird für allgemeingültig erklärt und zur Wahrheit geadelt. Die Wahrheit: „Wie vielfach ist sie? Jeder meint sie zu haben, und jeder hat sie anders", hat Lessing einmal gesagt. Aber Indien wäre nicht Indien, wenn sich die Frage nach der Wahrheit hier nicht immer wieder neu und insistent stellen würde, und das, wie es in der Natur der Sache liegt, auf vielen verschiedenen Ebenen.
Die anekdotische Ebene ist die oberflächlichste. Eine andere ist die bewußte Irreführung, die sich aus der kulturellen Kluft ergibt, die das Gros der indischen Bevölkerung und das Gros der ausländischen Reisenden trennt. Auch ich lüge. Die Frage nach dem Familienstand gehört in Indien zu den Fragen, die immer und überall gestellt werden, und da bin ich grundsätzlich verheiratet und habe zwei Söhne. In einer so traditionell gebundenen Gesellschaft, wie es Indien zum überwiegenden Teil noch ist, gibt es keinen Platz für eine „ungebundene" Frau: Ein weibliches Wesen ist entweder Tochter, Ehefrau und Mutter, Nonne oder eben Hure. Und so hat mir diese Lüge sicher schon manchen Ärger erspart, weil sie ein kulturell bedingtes Mißverständnis gar nicht erst aufkommen ließ.
Die Inder ihrerseits lügen aus demselben Grund. Besonders heikle Themen wie beispielsweise die heiligen Kühe, Witwenverbrennung oder Mantras und andere esoterische religiöse Praktiken werden entweder geschickt geglättet oder in eine mythische Vergangenheit verwiesen, jedenfalls so aufbereitet, daß ein Ausländer sie vermutlich gerade noch akzeptieren kann. Wobei die Inder, in den meisten Fällen wohl zurecht, davon ausgehen, daß Ausländer von ihrem Land herzlich wenig verstehen. „Ich habe einen Inder gefragt, und der hat gesagt, das ist so und so...". Ich habe es erlebt, ich habe es gesehen, ich habe es gehört... und das alles besagt doch gar nichts. Es läuft also darauf hinaus, daß der Wert einer längeren und intensiveren Beschäftigung mit Indien vor allem darin liegt, daß man sich der ungeheuren Komplexität dieses geographischen und geistigen Bereichs namens Indien eher bewußt wird.
Rajasthan
Von Delhi aus bin ich nach Westen gefahren, nach Rajasthan, oder wie dieser Staat früher hieß, Rajputana, das „Land der Königssöhne".
Kurz einige allgemeine Angaben: Rajasthan gehört zu den flächenmäßig größten Staaten der indischen Union und hat eine sehr geringe Bevölkerungsdichte, was sich wiederum aus seiner geographischen Lage ergibt. Obwohl die Wüste Thar den größten Teil des Landes bildet, ist Rajasthan ein Agrarstaat. Es wachsen Hülsenfrüchte und Bajra, eine Hirseart, auf ungemein dürftigen Feldern. Hier ein Halm, da ein Halm. Kamele werden gezüchtet und, in den fruchtbareren Landesteilen, Rinder.
Verwunderlich sind unter diesen Umständen die vielen Seen - alle von den Herrschern früherer Jahrhunderte künstlich angelegt. Um Udaipur herum gibt es gar eine künstliche Seenplatte! Der See von Pushkar aber hat keine menschliche Ursache, und deshalb, so sagt man in Indien, muß er eine göttliche Ursache haben: Der Schöpfergott Brahma ließ eine Lotosblüte fallen, und dort, wo sie die Erde berührte, entstand der See. Dieser See liegt mit der gleichnamigen Ortschaft in den Aravalli-Bergen, kahlen und unfruchtbaren Hügeln von nur ein paar hundert Meter Höhe, die als das älteste Faltengebirge der Welt gelten. Den Höhepunkt des Jahres bildet die Vollmondnacht im November. Da drängen sich Tausende von Menschen zu einem Bad im kleinen See. Die Tage davor aber gehören den Tieren, besonders den Kamelen. Ungefähr eine Woche vorher kommen sie gezogen, hoch bepackt mit ihrem eigenen Futter, bemalt oder das Fell in einem bestimmten Muster geschoren, und lagern sich in der sandigen Ebene vor der Stadt. Der späte Nachmittag ist besonders günstig, um die Atmosphäre dieses archaischen Bildes ganz in sich aufzunehmen. Die Sonne steht schon tief, und über der Ebene liegt ein Dunstschleier aus Staub und dem Rauch vereinzelter Feuer. Kamele, Büffel, Rinder und Ziegen werden zum Verkauf angeboten, aber über diesem Lager liegt eine tiefe Ruhe. Nichts Hektisches ist zu bemerken. Die Männer sind weiß gekleidet. Sie tragen Hemd und Dhoti, die langen gewickelten Beinkleider. Und Turbane, in allen Farben des Regenbogens, dazu goldene Ohrringe und einen Schnurrbart. Der darf nicht fehlen. Der Schnurrbart macht den Mann. Die Frauen, hier in der Minderzahl, sind ganz in Farbe.
Der Anblick dieser weiten, von Mensch und Tier wimmelnden Ebene läßt - ich weiß nicht, welche - tiefen Erinnerungen aus dem kollektiven Unterbewußtsein der Menschheit aufsteigen: an andere Lager in Wüste und Steppe, an Fluchten und Raubzüge, an freiwillige und erzwungene Migrationen, an ein Leben in schwarzen und weißen Zelten, als wir noch keine Städte bewohnten und die Tiere und der Goldschmuck und die Frauen unser ganzer Reichtum war. Und er weckt die Erinnerung an Geschichten, jede Nacht eine andere, an jedem Feuer eine andere, mehr, weit mehr als Tausendundeine...
Der Mount Abu, schon nahe der Grenze zu Gujarat gelegen, ist mit seinen 1800 m die bei weitem höchste Erhebung der Aravallis und, wenn es heiß wird in der Wüste von Rajasthan, der einzige kühle Ort weit und breit. Für die Flitterwöchner des ganzen indischen Nordwestens ist er das begehrte Ziel ihrer Hochzeitsreise. Aber es gibt noch andere Gründe für einen Besuch von Mount Abu: zum einen die Jain-Tempel, diese Träume aus weißem Marmor, zum anderen - für mich jedenfalls - die eher zufällige Entdeckung von Agnikand.
Agnikand
Agnikand, das ist eine kleine Einsiedelei, die auf halber Höhe des Berges an einer seiner steil abfallenden Flanken liegt. Besucher sind selten, denn man muß erst einmal ca. 700 Stufen absteigen - und dann natürlich auch wieder hinauf. Ein kleiner Tempel, Hütten für ein paar Mönche, ein gemauertes Wasserbecken mit frisch zulaufendem Wasser, das alles versteckt unter dichter Vegetation. Zwei Mönche, von denen einer aus den heiligen Schriften zitierte: „Om purnamadah purnamidah... Dies ist Fülle und jenes ist Fülle. Wenn Fülle von Fülle genommen wird, bleibt immer noch Fülle."
Ich hatte daraufhin ein Gespräch mit dem Mönch und kam mir vor wie in die Zeiten des Gurukula zurückversetzt, des altindischen Schulsystems, als der Lehrer mit seinen Schülern in der Waldeinsamkeit lebte und ihnen die Weisheit der
Rishis darlegte. Rishis wie Vasishta, den die Mythologie in enge Verbindung zu Agnikand gebracht hat: Es geschah einmal, vor langer, langer Zeit, daß ein Krieger, ein Kshatriya, einen Brahmanen beleidigte. Und weil die Brahmanen ja die Götter unter den Menschen sind, sandte Vishnu einen Teil seiner selbst in der Gestalt des schrecklichen Prashurama, des „Rama mit der Axt", auf die Erde.
Der wütete unter der Kriegerkaste und erschlug alle, bis keiner mehr übrig war. Die Brahmanen waren jetzt zwar wieder die unangefochtenen Herren auf Erden, aber sie mußten sich nun auch mit weltlichen Dingen befassen, und auch die Verteidigung des Landes lag in ihren Händen. Es kam wie es kommen mußte: Langsam geriet die natürliche Ordnung in Verfall, und Anarchie zog ein. In dieser verzweifelten Situation trat der Rishi Vasishta auf den Plan und erweckte dank seiner Yogakraft aus dem heiligen Feuer vier Rajputen-Clans, die ihre Abstammung auch heute noch auf Agni, das Opferfeuer, zurückführen, während sich alle anderen indischen Fürstenhäuser in eine Sonnen- und eine Monddynastie aufteilen.
Witwenverbrennung
Die Rajputen waren immer gefürchtete Krieger gewesen, die das kriegerische Ideal auch in allen Aspekten ihres Privatlebens hochhielten. Sie saßen sozusagen gleich hinter der Eingangstür nach Indien, denn alle Invasoren, die unweigerlich über die Pässe des Hindukusch und Pamir einfielen, trafen zuerst auf sie. Sie waren es, die sich gemeinsam und wiederholt der Moslem-Invasion entgegen stemmten - aber das war auch ihre einzige Gemeinsamkeit.
Leider muß gesagt werden, daß die einzelnen Rajputenfürsten mit der gleichen Unerbittlichkeit gegeneinander kämpften, wenn gerade kein gemeinsamer Feind zur Hand war. Zeichnete sich für eine Seite die Niederlage ab, dann stürzten sich Frauen und Kinder in einen riesigen Scheiterhaufen, während die Männer den Tod im Kampf suchten. Diese Form des gemeinsamen Selbstmordes heißt Jauhar, und praktisch jede Stadt in Rajasthan weiß von einem oder mehreren Fällen von Jauhar in ihrer Geschichte zu berichten - und ist stolz darauf. Hier wurde auch die Selbstverbrennung von Witwen nicht nur zu einer religiösen, sondern auch zu einer kriegerischen, von der Ehre gebotenen Pflicht. Man findet an Mauern häufig rote Abdrücke der gespreizten rechten Hand - das war das letzte Zeichen, das eine Frau hinterließ, bevor sie sich auf den Scheiterhaufen setzte und damit zur Sati wurde. Diese Handabdrücke werden immer wieder mit Farbe aufgefrischt und auch heute noch verehrt, ebenso wie die Gedenksteine, die den im Kampf gefallenen Kriegern und den „Satis" gesetzt wurden.
Dieser schreckliche Brauch, der bis ins 4. Jahrhundert nachweisbar ist, wird mythologisch durch den freiwilligen Opfertod von Sati, der ersten Frau des Gottes Shiva, begründet. Die Engländer hatten ihn Anfang des vergangenen Jahrhunderts offiziell verboten, aber er war, vor allem in Rajasthan und in Bengalen, noch bis zu Beginn unsers Jahrhunderts weit verbreitet. Der letzte bisher bekannt gewordene Fall von Sati fand 1987 in Rajasthan statt und erschütterte das ganze Land. Eine junge, noch nicht 20jährige Frau, übrigens mit Schulbildung, verbrannte auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes, und mehrere hundert Einwohner ihres Dorfes waren zugegen. Das ist die einzig gesicherte Tatsache. War es ein freiwilliger Feuertod? Wenn ja, wäre es ein Leichtes gewesen, sie mit Gewalt davon abzubringen. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, die Einwohner scheinen stolz auf ihre Sati zu sein. Trotz des Verbotes der Regierung ist ihr Verbrennungsplatz zu einem Wallfahrtsort geworden. In der Presse wurde der Fall ausführlich und vehement diskutiert. Die Meinungen waren geteilt. Selbst die Regierung von Rajiv Gandhi geriet darüber ins Wanken. Ich habe den Fall bei zwei ausländischen Journalisten nachgelesen. Auf die Frage: freiwillig oder nicht? antwortet der BBC-Reporter Marc Tully, der schon seit Jahrzehnten in Indien lebt: eher ja; eine amerikanische Reporterin, die sich in ihrem Buch mit der Kondition der indischen Frau befaßt, kommt zu dem Schluß: eher nein.
Die Jainas
Aber kehren wir noch für einen Moment auf den Mount Abu zurück. Die Hauptattraktion dort ist ganz entschieden die Gruppe der Dilwara-Tempel, Jain-Tempel aus dem 11. bis 14. Jahrhundert, alle gebaut aus rein weißem Marmor, über und über mit Skulpturen bedeckt. Diese Tempel haben nichts von der oft dunklen, warmen Intimität eines Hindu-Tempels. Sie gleichen Schlössern aus Eis, perfekt, aber sehr kühl. So auch die Tirthankaras, die vergöttlichten „Furtbereiter" der Jainas, die - bar jeder Individualität - einer wie ein Ei dem anderen gleichen und nur durch die Embleme im Sockel ihres Thrones unterschieden werden können.
Warum das so ist, dazu mag folgende Aussage der Weisen aller Zeiten einen Hinweis geben: Die Erwachten haben eine gemeinsame Welt, während von den Schlafenden jeder seinen eigenen Traum träumt. Es gibt 24 Tirthankaras, wovon nur der 23. (Parshvanatha), vielleicht der 24., Mahavira, der „Große Held", ganz sicher historische Persönlichkeiten waren. Mahavira war ein Zeitgenosse Buddhas, stammte wie er aus einem nordindischen Fürstengeschlecht und von beiden ist ein ganz ähnlicher Lebenslauf übermittelt - beide sind nach dem Bild des Mahapurusha, des „Großen Menschen" indischer Vollkommenheitsvorstellungen geprägt.
Die Religion der Jainas (der „Eroberer") kennt nur seelische Monaden und materielle Atome, aber kein wie auch immer geartetes übergeordnetes Prinzip, keinen verbindenden Geist. Obwohl der Lauf der Geschichte auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen ist, haben die Jainas nur ein Schisma erlebt: Im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung spalteten sie sich in die Swetambaras, die „Weißgekleideten" - das waren die Neuerer - und die traditionalistischen Digambaras, die „Himmelsgekleideten", also die Nackten, auf. Beide Strömungen gibt es immer noch, obwohl heute bis auf Ausnahmen alle bekleidet sind. Außer in Rajasthan und dem angrenzenden Staat Gujarat gibt es noch in Südindien in der Nähe von Bangalore Jainas, im ganzen aber nicht mehr als zwei bis drei Millionen.
In der Praxis zeichnen sich die Jainas besonders durch ihre uneingeschränkte Achtung vor dem Leben aus, vor jedem Leben. Mönche tragen oft einen Mundschutz, um nicht aus Versehen eine Mücke zu verschlucken, oder kehren mit einem kleinen Besen den Weg vor ihren Füßen, um nicht auf einen Käfer zu treten. Für die Laien ergibt sich daraus eine eingeschränkte Berufswahl, und weil einer um so weniger tötet, je weniger er sich selbst bewegt, darum sind Jainas in der Hauptsache Bankbeamte, Juweliere und Händler. Und weil ebenso klar erwiesen ist, daß einer um so mehr auf einem bestimmten Gebiet leistet, je länger und ausschließlicher er sich diesem Gebiet widmet, darum haben es die Jainas auch zu einem recht ansehnlichen Wohlstand gebracht.
Ein beredtes Zeugnis vergangenen Reichtums legt die Stadt Jaisalmer, nahe der pakistanischen Grenze, ab. In früheren Jahrhunderten rüsteten die Kaufleute von Jaisalmer Handelskarawanen aus, die durch ganz Asien zogen. Mit dem Erstarken der englischen East India Company setzte der Niedergang der Kaufleute von Jaisalmer ein, und als der indische Subkontinent in Indien und Pakistan geteilt wurde, schien die Stadt zum Tode verurteilt. Aber gerade die Dynamik, die zuerst ihr Ende zu besiegeln schien, erwies sich letztlich als der entscheidende Faktor für ihren erneuten Aufschwung.
Durch den Krieg und die dauernden Spannungen mit Pakistan war dem indischen Militär sehr an einer Basis in Grenznähe gelegen. Seit dem Beginn der 80er Jahre haben überdies die Touristen diese Märchenstadt in der Wüste entdeckt, die, von einer 5 km langen Mauer ganz umschlossen, auf einem Hügel die Wüste überragt. Die Mauern sind von derselben Farbe wie die Wüste, einem warmen Honiggelb, das besonders in der Nachmittagssonne tief leuchtet. In ihren Häusern haben sich die reichen Bürger von Jaisalmer ihre eigenen Monumente gesetzt: Es sind Stadtpaläste mit durchbrochenen Sandsteinfassaden, die wie filigrane Spitze wirken.
Auf den Spuren von Mahatma Gandhi
Die neue Hauptstadt des Staates Gujarat heißt Gandhinagar, denn Mahatma Gandhi stammte aus diesem Teil Indiens. Die größte Stadt des Landes, eines der größten Industriezentren Indiens (Textilindustrie) und bis vor kurzem Hauptstadt ist jedoch Ahmadabad. Hier, in einem Vorort, hat Gandhi nach seiner Rückkehr aus Südafrika seinen ersten Ashram auf indischem Boden errichtet. Man kann ihn besichtigen. In dieser hektischen, übervollen, an Abgasen erstickenden Stadt ist der Ashram eine Oase und doch nichts weiter als ein Museum.
Die Wohn- und Arbeitsräume Gandhis sind von äußerster Einfachheit. Hier steht das Spinnrad, mit dem er sich auch beschäftigte, wenn hochrangige Politiker zu Besuch kamen; daneben liegt die Uhr, nach der der auf äußerste Pünktlichkeit bedachte Gandhi seinen Tag regelte, und hier stehen die Sandalen, auf denen er das riesige Land kreuz und quer durchwanderte. Mit diesen „Waffen" hat er ein Weltreich aus den Angeln gehoben!
Heute ist dieser Ashram ein Nationaldenkmal und damit wie für die Ewigkeit bewahrt, aber rundherum hat sich alles verändert. Der Fluß Sabarmati, in dem Gandhi jeden Morgen sein Bad nahm, gilt heute als der schmutzigste Fluß Indiens - besonders das Teilstück im Stadtbereich von Ahmadabad ist eine reine Kloake. Die Stadt, die einmal von seinem Willen zur Versöhnung geprägt war, gleicht heute durch die ständigen Reibereien zwischen Hindus und Moslems einem unter Druck stehenden Dampfkessel, der jederzeit explodieren kann. Und doch hat die Begegnung zweier Religionen und Kulturen hier zu einer synkretistischen Architektur geführt, dem sogenannten indo-sarazenischen Baustil, dem Ahmadabad einige seiner schönsten Monumente verdankt.
Hier ein paar Worte zu Gandhis Auffassung von Religion. Es besteht kein Zweifel daran, daß seine „äußere" Religion der Hinduismus war. Sein „esoterischer" Gott aber war die Wahrheit, von der er sagte, er habe nur einen minimalen Bruchteil verwirklicht und nur einen Schimmer ihres unbeschreiblichen Glanzes erhascht. Durch seine Geburt gehörte er zu den Anhängern des Gottes Vishnu, hatte aber in seiner Kindheit und Jugend nur das angenommen, was ihm seine Umgebung automatisch bot. In Südafrika kam er mit Christen in Berührung, die ihn dazu animierten, sich näher mit dem Christentum zu befassen. Daraus folgte ein tieferes Studium der anderen großen Religionen, auch des Hinduismus, von dessen Weisheit er zutiefst überzeugt war. Die „Bhagavad Gita" wurde Gandhis Leitfaden für alle Lebenslagen. Ein besonderes Anliegen war ihm die Aussöhnung zwischen Hindus und Moslems auf indischem Boden.
Dieser Wunsch, für den er so viele Opfer gebracht hat, ist, wie wir wissen, nicht in Erfüllung gegangen. Das Ziel Gandhis war es, „Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen". Der Weg, der ihm zur Verwirklichung dieses Zieles am geeignetsten erschien, war der Dienst an seinem Volk und seinem Land. Das brachte ihn automatisch in die Politik. Nun war aber Gandhis Vorstellung von Politik eine sehr direkte.
In seiner Autobiographie, auf die ich mich hier in erster Linie beziehe, ist ganz auffällig oft von der Reinhaltung der Latrinen die Rede, und Gandhi hat nie gezögert, dabei als erster mit Hand anzulegen und seine Mitarbeiter ebenfalls dazu anzuhalten. Üblicherweise ist das in Indien eine Tätigkeit, die den Ausgestoßenen aus der Gesellschaft, den „Unberührbaren" vorbehalten ist. Die Tatsache, daß es im Hinduismus so etwas wie „Unberührbarkeit" gibt, war für Gandhi zeitlebens ein Schandfleck seiner Religion, und er hat alles getan, sowohl auf der politischen Ebene als auch praktisch, z.B. durch Aufnahme von „Unberührbaren" in seine Ashrams, diesen Fleck zu tilgen.
Die Höhlen von Ellora und Ajanta
Von Ahmadabad über Nasik nach Aurangabad im indischen Bundesstaat Maharashtra. In der Nähe dieser Stadt befinden sich zwei Wunder dieser Welt: die Höhlen von Ellora und Ajanta.
Ellora ist nur 30 km von Aurangabad entfernt, und ich kam mit dem Bus schon früh am Morgen an, um eine Zeit, als noch kaum Besucher da waren. Für die Besichtigung der buddhistischen, hinduistischen und Jain-Grotten aus dem 6. bis 13. Jahrhundert muß man Eintritt bezahlen: 50 Paisa, das ist so wenig, daß einem die Umrechnung schwerfällt, jedenfalls ein Betrag, der unter fünf Pfennig liegt. Was einen dafür jedoch erwartet, ist wirklich ein Weltwunder, und ich erwähne hier nur den „Kailash": ein riesiger Tempel aus dem 8. Jahrhundert, 92 m lang und 51 m breit, 30 m hoch, über und über mit Skulpturen von höchstem künstlerischen Rang verziert, mit Resten von Bemalung, mit Hof, Nebentempelchen und umlaufenden Galerien - ein Gebäude, das, wenn es Stein für Stein gebaut und aufgeschichtet worden wäre, Staunen und Bewunderung erregen müßte. Ungleich mehr aber sind wir überwältigt, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß dieser Tempel nicht in die Höhe gewachsen, sondern in die Tiefe gegraben worden ist. Er entstand von oben nach unten, wurde von oben aus dem gewachsenen Fels geschlagen, der ihn jetzt wie eine Mauer umgibt, zusammen mit dem ganzen Skulpturenschmuck, mit jedem einzelnen architektonischen und ornamentalen Detail. Meines Erachtens hat sich der künstlerische Genius Indiens am besten auf dem Gebiet der Skulptur ausgedrückt, und ich halte diese Behauptung auch aufrecht, wenn ich nun von der malerischen Pracht der Höhlen von Ajanta, ungefähr 110 km von Aurangabad entfernt, spreche.
Ich stelle mir vor, wie das damals war, 1819, als eine Gruppe englischer Soldaten während einer Jagdpartie die völlig überwachsenen und in Vergessenheit geratenen Höhlen entdeckte. Hoch über der hufeisenförmigen Biegung des kleinen Flüsschens Vaghora sind ca. 30 künstliche Höhlen in den Fels gehauen, die vom 2. vorchristlichen Jahrhundert bis ins 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung reichen. Allesamt sind sie buddhistischer Herkunft, unterscheiden sich nur durch ihre Funktion als Chaitya (Heiligtum) oder Vihara (Versammlungsraum, Refektorium, Mönchsunterkunft) und zeitlich gesehen durch ihre Prägung durch den Hinayana-Buddhismus (die früheren Höhlen) oder den Mahayana-Buddhismus (die späteren). Früher muß die Gegend einmal reich und dicht bevölkert gewesen sein, da sie so viele buddhistische Mönche, die ja nur von Spenden lebten, ernähren konnte. Heute dagegen ist es hier einsam. Längst ist die üppige Vegetation, die die Höhlen und ihre Schätze jahrhundertelang geschützt hat, entfernt worden, und man kann bequem von Höhle zu Höhle gehen.
Erstaunlich wenig Menschen auch hier (Vergessen wir nicht, daß es sich bei Ajanta wie auch bei Ellora um World Heritage Monuments der UNESCO handelt!), oder sagen wir: Glück, daß mein Besuch in eine touristenmäßig flaue Zeit fiel. Glück ganz anderer Art ist es dann, in den spärlich erleuchteten Höhlen Malereien von einer Delikatesse aus dem Dunkel hervortreten zu sehen, daß man noch im selben Augenblick um ihre Beständigkeit bangt. Aber nicht von den Aspekten, die Kunst- und Architektur-Interessierte in erster Linie beeindrucken mögen, nicht vom religiösen Gehalt möchte ich erzählen, sondern von der Schönheit, der puren, überwältigenden Schönheit dieser Malereien! Ob es sich um Tänzerinnen handelt, um Könige beim Festbankett oder beim Bad, oder um den herrlichen „Bodhisattva mit dem blauen Lotus" - woher nahmen die Maler dieser Wunder, nein, nicht das Können, das mag Kunsthistoriker interessieren, woher nahmen sie die Fähigkeit zur Wahrnehmung von so viel Schönheit? Sahen sie sie um sich her, mit ihren leidlichen Augen, oder sahen sie sie in ihren Visionen? Aber sie mußten sie ja erst gesehen haben, um sie dann auch für andere sichtbar auf die Wände dieser Grotten zu malen. Sichtbar auch für uns, denen weder die Augen des Leibes noch die Visionen der Seele solche Schönheit mehr zeigen.
Lange wird es nicht mehr dauern, bis auch diese Botschaft verstummt ist. Das feucht-heiße indische Klima, das mit der Zeit alles zersetzt, Materie und Geist, im Verbund mit dem Atem von so vielen Besuchern, bringt die Bilder in den Höhlen von Ajanta langsam aber unaufhaltsam zum Verschwinden. Vom Angesicht des „Bodhisattva mit dem blauen Lotus" mit seinem von tiefem Mitgefühl geprägten melancholischen Lächeln und den halb geschlossenen Augen fallen diese Verse aus der buddhistischen Weisheitslehre wie glasklare Tropfen auf mein Herz:
Thus shalt you think of all this fleeting world:
A star at dawn, a bubble in a stream,
A flash of lightning in a summer cloud,
A flickering lamp, a phantom and
a dream.
Das sollst du von dieser flüchtigen Welt denken:
Ein aufgehender Stern, eine Blase im Strom,
Ein Blitz in einer Sommerwolke,
Eine flackernde Lampe, ein Phantom und ein Traum.
Autorin: Sabina Jarosch
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 77)
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