PDF Drucken E-Mail

Herausforderung Fundamentalismus - Teil 2

 

Opus Dei als Form des katholischen Fundamentalismus

 

Im ersten Teil beschäftigte sich Walter Gutdeutsch mit den Ursachen des Fundamentalismus und ging auf fundamentalistische Strömungen im Hinduismus, Judentum und im amerikanischen Protestantismus ein. Der zweite Teil handelt von dem wohl bekanntesten Beispiel des Fundamentalismus in der katholischen Kirche: dem „Opus Dei".

Es ist nicht die Absicht dieses Artikels, die Opus-Dei-Bewegung pauschal zu verdammen, denn auch ihre historische Entwicklung entspricht einer folgerichtigen Notwendigkeit innerhalb der römisch-katholischen Kirche und ist aus diesem Hintergrund verständlich.

Doch geht es bei diesem Artikel nur um die Sensibilisierung für christlich-fundamentalistische Geisteshaltungen. Und wie in der ersten Folge ausführlich dargelegt wurde, ist die Achtung vor dem Sakralen und die Verehrung eines göttlichen Prinzips hinter der sichtbaren Welt immer Grundlage für die Entwicklung der Menschheit und der Kulturen gewesen. Wenn wir also fundamentalistische Phänomene aufzeigen, so müssen wir doch immer den Glauben der anderen respektieren. Solange dieser Glaube nicht in die Geistesfreiheit anderer eingreift, haben wir kein Recht, ihn zu verurteilen, nur weil er vielleicht nicht unserer Haltung entspricht. Nichtsdestoweniger hilft das Studium fundamentalistischer Phänomene, objektiv und ohne Aggressivität sich mit geschichtlichen Tendenzen vertraut zu machen, die immer stärker in unserer Welt wirken.

 

Absolute Unterwerfung

„Gehorchen ..., ein sicherer Weg. Dem Vorgesetzten blind gehorchen ..., Weg der Heiligkeit. Gehorchen in deinem Apostolat ..., der einzige Weg; denn in einem Werk Gottes muss dies der Geist sein: dass man gehorcht oder geht."

(José María Escrivá de Balaguer, Gründer des Opus Dei)

 

„Warum ich das Opus Dei verließ? Wenn ich es mit einem Wort sagen soll: Ich will Leben, und ich will Wahrheit - im Gegensatz zu Sicherheit und Stabilität."

(Vladimir Felzmann, ehemaliges führendes Opus-Dei-Mitglied)

 

Diese im Jahre 1928 vom spanischen Priester José María Escrivá de Balaguer y Albas gegründete Organisation versteht sich als „heilig, unveränderlich, unsterblich und göttlich" und betrachtet sich als „Rest der wahren Kirche". Opus Dei ist streng hierarchisch strukturiert und vertritt eine autoritäre und klerikale Männerkirche. Escrivá schrieb in seinem Hauptwerk unter anderem: „Gehorche, wie ein Werkzeug in der Hand des Künstlers, das nicht danach fragt, warum es dies oder jenes tut!" In dem umfassenden und ausgezeichnet recherchierten Buch „Fundamentalismus - Ein Phänomen der Gegenwart" schreibt Christian Jäggi zu solchen Zitaten folgenden Kommentar: „Diese Aussagen erinnern in erschreckender Weise an die Stellungnahmen der Naziverbrecher im Nürnberger Prozess, wo jegliche Brutalität und Schandtat mit der Gehorsamspflicht begründet wurde."

Auch das folgende Zitat aus einer Sammlung von Merksätzen, die Escrivá 1934 veröffentlichte, zeigt das Verhältnis des Opus Dei zur Wahrheit: „Die Mitglieder müssen sich gut merken, dass sie immer die Namen der anderen Mitglieder verschweigen sollten und dass sie niemandem ihre eigene Zugehörigkeit zum Opus Dei verraten dürfen." Hier schimmert einmal mehr das fundamentalistische Prinzip „Der Zweck heiligt die Mittel" im wortwörtlichen Sinne durch. Laut Hertel besteht das Ziel des Opus Dei in der „Christianisierung" sämtlicher Bereiche der Politik, Medien, Gesellschaft und des individuellen Lebens und damit letztendlich in der Unterwerfung der Welt. Das Opus Dei spricht dabei nicht von der katholischen (wörtlich: allumfassenden), sondern von der „römischen" Kirche, um die absolute Unterwerfung und die klare hierarchische Struktur zu unterstreichen.

 

Ausnutzen jugendlicher Begeisterung

Gezielt richtet sich das Opus Dei an Kinder und Jugendliche. Schon der Gründer umschrieb die Hochschulen als Hauptfeld der Mission. Das ehemalige Opus-Dei-Mitglied Klaus Steigleder, der bereits als 15-Jähriger dem „Werk" beitrat, berichtet in seinem Buch „Das Opus Dei - eine Innenansicht" von den manipulativen Methoden, welche diese Organisation bei der Werbung jugendlicher Mitglieder teilweise anwendet. Kurz bevor Steigleder Mitglied wurde, bat ihn sein „Freund" und Mentor von Opus Dei, „für ein dringendes Anliegen von ihm zu beten, dessen Inhalt er mir aber augenblicklich noch nicht nennen wollte. Ich versprach es ihm und tat es auch mit großem Eifer. An dem Tag, als ich Mitglied des Opus Dei wurde, verriet er mir, dass sein Anliegen eben dieses war, dass ich Mitglied des Opus Dei werde." Mit anderen Worten: Das Opus-Dei-Mitglied nützte die ganze jugendliche Begeisterung und die Freundschaftsgefühle des jugendlichen Interessenten ihm gegenüber aus, ihn - also den Jugendlichen - dafür beten zu lassen, dass dieser - ohne davon zu wissen oder es zu wollen -, Mitglied dieser Organisation werde...

Wie Steigleder vermerkte, traten die meisten Numerarier-Mitglieder (Mitglieder mit der Verpflichtung zur Ehelosigkeit) in Deutschland dem Opus Dei im Alter zwischen 14 und 17 Jahren bei (!), oft nach intensivem Druck und massiver persönlicher Bearbeitung durch Opus-Dei-Leute. Dies löste bei den Betroffenen - so auch bei Steigleder selbst - immer wieder Angst und depressive Gefühle aus.

Opus-Dei-Mitglieder dürfen nur diejenigen Bücher lesen, die nicht auf dem internen Index stehen. Fast alle modernen Philosophen sind verbotene Lektüre, aber auch unter anderen Bert Brecht und Heinrich Böll. Steigleder nennt verschiedene Beispiele, wo jugendlichen Opus-Dei-Mitgliedern verboten wurde, die an den Staatsschulen behandelte Lektüre zu lesen, weil sie bei Opus Dei auf dem Index steht. Auch für das Ansehen von Filmen müssen die Opus-Dei-Leute die Erlaubnis ihrer Vorgesetzten einholen. In den Tageszeitungen der Opus-Dei-Zentren werden alle Artikel zuerst von einem leitenden Mitglied durchgesehen, Artikel von Opus-Dei-kritischen Journalisten, aber auch andere Beiträge, werden zensiert.

 

Abtötung aller körperlichen Bedürfnisse

Steigleder beschreibt auch die „Abtötung" der Opus-Dei-Mitglieder durch das Tragen eines „Bußbandes", eines straff um den Oberschenkel gebundenen Bandes mit nach innen gerichteten Metallspitzen. Diese Selbstgeißelung bis aufs Blut durch Bußband und Bußpeitsche sind wohl bezeichnend für die damit verbundene Körperfeindlichkeit, die bei vielen fundamentalistisch eingestellten Menschen mit einem Hang zu starken Schuldgefühlen einhergeht. Sigmund Freud würde bei so manchem Opus-Dei-Mitglied von einem ausgeprägten Über-Ich sprechen.

Ein weiteres ehemaliges Opus-Dei-Mitglied und seine Mutter aus Wien berichten in der österreichischen Wochenzeitung „Profil" (Namen von der Profil-Redaktion geändert; zum Zeitpunkt des Interviews war „Richard Kerber" 18 Jahre alt):

„ ...Richard Kerber: Angefangen hat es in der 4. Klasse Gymnasium, im Theresianum. Ich wurde im Firmunterricht von unserem Religionslehrer, Dr. Burkhart, angesprochen. Ich sollte an Veranstaltungen im Club Delphin teilnehmen. Ich wusste damals noch nicht, dass das Ganze mit dem Opus Dei in Zusammenhang steht. (...) Mein hauptsächliches Denken war den ganzen Tag lang das Gebet, Stoßgebete, Abtötungen, sich kümmern, wie man das Apostolat machen könnte, wie man neue Mitglieder werben könnte. Da hab' ich mit Dr. Burkhart zusammen Listen aufgestellt, wer im Theresianum-Internat in Frage käme (...) Dann fuhr ich auf Exerzitien. Die haben sich nur mehr darum gedreht, dass ich Numerarier, also eheloses Mitglied des Opus Dei, werden müsse. (...) Ich sollte meine Berufung zum Opus Dei annehmen, sagte man mir.(...) Meine Eltern wussten nichts. Denen hab' ich Informationsbroschüren übers Opus Dei gegeben, mit schönen Leserbriefen an den Gründer. Das klingt ja alles sehr gut. (...) Im Opus Dei haben sie immer gesagt, du musst deinen Eltern sehr dankbar sein, schließlich sind sie es, die aus dir den Menschen gemacht haben, der jetzt zum Opus Dei berufen ist. Man darf ihnen nicht die Gelegenheit geben, den Plan zu bekämpfen. (...)

 

Es folgen nun einige weitere Zitate aus den 999 Appellen des Gründers. Das Opus Dei ist nicht die einzige fundamentalistische Bewegung, die auf eine an Gehirnwäsche anmutende Art und Weise ihre Mitglieder „erzieht": Erwecken von Schuldgefühlen unter gleichzeitiger Betonung des „Berufenseins", unbedingte Hingabe an die Hierarchie, das starre Abgrenzen und Abwerten von anderen Glaubensformen sowie immer wieder das unbedingte „Gewinnen von neuen Mitgliedern":

 

Nr. 186: Man muss sich ganz geben, man muss sich ganz verleugnen: Das Opfer muss ein Brandopfer werden.

Nr. 388: Die heilige Unverschämtheit ist etwas anderes als die Frechheit der Welt.

Nr. 477: Warum hast du noch Reservate im Herzen? Wenn du es nicht ganz hingibst, ist es sinnlos, dem Herrn einen anderen bringen zu wollen. Ein klägliches Werkzeug bist du.

Nr. 593: Wenn du dich siehst, wie du bist, muss es dir natürlich erscheinen, dass sie dich verachten.

Nr. 681: An dem Tag, da du vom Tisch aufstehst und keine kleine Abtötung gemacht hast, hast du wie ein Heide gegessen.

Nr. 793: Menschen gewinnen. Das ist das sichere Zeichen echten Eifers.

 

Anerkennung durch den Vatikan

Der Durchbruch gelang dem Opus Dei im Oktober 1982 mit einer beispiellosen Privilegierung: Damals erhob der Papst das Opus Dei zur bisher einzigen „Personalprälatur". Seither sind die dem Werk angehörenden Kleriker - Mitglieder der „Priesterlichen Gemeinschaft vom Heiligen Kreuz" - nicht mehr dem jeweiligen Ortsbischof unterstellt, sondern dem mit beinahe uneingeschränkten Vollmachten ausgestatteten Prälaten in Rom, also gewissermaßen ihrem eigenen Bischof. Das „Werk Gottes" wurde so zu einer von höchster Stelle abgesegneten „Kirche" in der Kirche. D. Metz und E. zur Bonsen schreiben in ihrem Artikel „Die diskrete Strategie der »Heiligen Mafia«" : „Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich das Opus Dei beim Papst hoher Wertschätzung erfreut. Johannes Paul II. glaubt offenbar, in dem traditionalistischen »Geheimbund« die bessere Garde als die Jesuiten gefunden zu haben. Denn er teilt ihre Vision von einer zentralistisch geführten Kirche."

Die Seligsprechung Escrivás erfolgte im Mai 1992. Von den Gegnern des „Werkes" wurde dies zum Teil mit Bestürzung aufgenommen, denn selten in der Geschichte der Seligsprechungen der römisch-katholischen Kirche verliefen die Voruntersuchungen so schnell. Kommentatoren dieses Seligsprechungsverfahrens vermuteten sicher nicht zu Unrecht, dass in diesem Falle wohl einige Wege „geebnet" wurden... Die Seligsprechung Escrivás bedeutet für die Fundamentalisten des Opus Dei eine nicht zu unterschätzende sozialpolitische Aufwertung.

Peter Herte schreibt: „In der römischen Opus-Dei-Zentrale, so hat es mir ein ehemaliges ranghohes Mitglied des Opus Dei gesagt, gebe es Leute, die ihm bekundet haben: in 20, 30 Jahren wird das einzige, was von der Kirche bleibt, das Opus Dei sein."

Leider muss aus Platzgründen die Darstellung weiterer fundamentalistischer Gruppen unterbleiben, wozu z.B. das Opus Angelorum, die Bewegung um den Erzbischof Marcel Lefebvre oder bestimmte, gerade in Deutschland sehr aktive evangelikale Kreise gehören. Wichtig wäre auch aufzuzeigen, inwieweit „christlich"-fundamentalistisches Gedankengut heute Eingang gefunden hat in neo-nazistische und rechtsextreme Gruppierungen - natürlich adaptiert und zurechtgeschnitten auf die jeweiligen „Bedürfnisse".

 

Pseudoreligiöse Verirrungen erkennen

Jeder Mensch, der an einem wahren und völkerverbindenden Humanismus interessiert ist, wird an Daten wie diesen nicht gleichgültig vorbeigehen können. In der heutigen Welt kann sich keiner mehr auf sich selbst, in seine Privatsphäre zurückziehen und sich als „Humanist", „Menschenfreund" oder Ähnliches empfinden, ohne sich selbst zu betrügen.

Unsere Erfahrungen mit dem Dritten Reich haben gezeigt, dass das mehrheitliche Schweigen beim Aufkommen von Fundamentalismus fatale und tragische Folgen hat. Wir müssen aus der Geschichte lernen. Und wir müssen lernen, diese Erfahrungen auch auf Gebiete zu übertragen, die scheinbar weniger politisch sind ...

Wir haben jedoch durch die Fallbeispiele gesehen, dass - wie in der ersten Folge angedeutet - Religionen und vor allem religiöse Gemeinschaften immer auch eine politische Dimension haben und damit ein politisches Potential darstellen. Es hängt von der geistigen Integrität der jeweiligen Führungskräfte ab, ob dieses politische Potential sich konstruktiv oder destruktiv kanalisiert.

Die Aufgabe von Neue Akropolis weltweit - als überkonfessionelle und parteipolitisch neutrale philosophische Bewegung im klassischen Sinn - ist es nicht zuletzt, die sozialpolitische Dimension des Religiösen zu erforschen, zu erkennen und konstruktiv in unser Leben zu integrieren. Denn das Religiöse oder Heilige ist eine unabdingbare geistige Veranlagung des Menschen, sie ist nicht anerzogen oder ein Produkt von Gesellschaft oder Geschichte. Daher geht es nicht im geringsten darum, gegen das religiöse Leben zu Felde zu ziehen, denn das religiöse Leben ist vielleicht der wichtigste „Kanal" zum Menschwerden. Es geht vielmehr darum, die pseudoreligiösen Verirrungen zu erkennen, um gegen sie zu kämpfen, jedoch ohne sich der Mittel der Gegner zu bedienen, und unter Bewahrung der eigenen moralischen Integrität.

In der nächsten und letzten Folge werden wir uns mit den fundamentalistischen Strömungen im christlichen Lateinamerika und im Islam beschäftigen, sowie mit anderen Formen des Fundamentalismus in unseren modernen Gesellschaftsformen, mit dem Schwerpunkt auf unserer aktuellen Situation in Deutschland.

 

Literatur

  • Pfürtner, Stephan H.: Fundamentalismus. Die Flucht ins Radikale 1991

  • Schützeichel, Harald (Hrsg.): Opus Dei. Ziele, Anspruch und Einfluss 1992

  • Jäggi, Christian J. / Krieger, David J.: Fundamentalismus. Ein Phänomen der Gegenwart 1991

  • Hertel, Peter: Für eine offene Kirche, Was steckt hinter den Konflikten in der katholischen Weltkirche? Eine Analyse. Publik-Forum, April 1990

  • Steigleder, Klaus: Das Opus Dei - eine Innenansicht 1983

  • Profil Nr. 43, 27. Oktober 1987

  • Die Appelle zitiert nach: Profil Nr. 43, 27. Oktober 1987

  • Süddeutsche Zeitung Nr. 153 vom 6. Juli 1990: Artikel von Doris Metz und Elmar zur Bonsen: Die diskrete Strategie der „Heiligen Mafia" - auf Spurensuche des Opus Dei in Süddeutschland

  • Neue Zürcher Zeitung vom 12. 7. 1990

  • Lateinamerika Nachrichten, Dez. 1989

 

Autor: Walter Gutdeutsch

Der Autor ist Leiter des Internationalen Instituts Tristan von Neue Akropolis International.

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 79)

 
< Zurück   Weiter >