Brauchen wir ein initiatisches Erziehungssystem?
Warum wir für esoterische Themen offen und kritisch zugleich sein sollten
Georg Pallono führte Ende September 2000 ein Gespräch mit Walter Gutdeutsch, dem Leiter von Neue Akropolis in Deutschland. Heraus kam das Porträt eines unkonventionellen Philosophen im 21. Jahrhundert, für den das Philosophieren eine Lebenshaltung darstellt: Denken und Handeln in Übereinstimmung zu bringen und trotz aller Beschäftigung mit metaphysischen, psychologischen, geschichtlichen und esoterischen Themen nicht den Kontakt zum Boden zu verlieren.
Pallono: Die jetzige Ausgabe Ihrer Zeitschrift „Abenteuer Philosophie” hat als Schwerpunktthema Esoterik. Sind Sie ein Esoteriker?
Gutdeutsch: Ich bin Philosoph, also einer, der die Weisheit liebt und sie sucht – einfach deshalb, weil er sie noch nicht hat. Dazu muss man absolut offen sein für alles, was einen der Wahrheit näher bringt. Das schließt die so genannte Esoterik nicht aus, im Gegenteil. Und genauso offen muss man sein für alles Weitere, was Spuren in unserer Seele hinterlässt.
Pallono: Haben Sie etwas gegen den Begriff Esoterik?
Gutdeutsch: Das ist übertrieben. Was ich ablehne, ist der Missbrauch, der mit diesem Wort betrieben wird. Es ist ein inflationäres Modewort geworden. Dadurch wird so manches verwässert. Und viele intelligente Menschen, die an sich offen sind für Neues, schütten das Kind mit dem Bade aus, weil sie nicht die Spreu vom Weizen trennen können.
Pallono: Und trotzdem, wenn ich mir das Veranstaltungsprogramm oder die Zeitschrift von Neue Akropolis anschaue, stolpere ich immer wieder über diesen Begriff „Esoterik”. Das passt doch irgendwie nicht zusammen.
Gutdeutsch: Wieso? Wenn ich den Missbrauch auch kritisiere, so vertrete ich trotzdem die Wichtigkeit esoterischen Wissens – gerade heutzutage. Wir müssen lernen, die Dinge differenziert anzugehen. Das Entweder-oder-Denken führt nur ins Unglück. Das hat die Geschichte oft genug bewiesen.
Pallono: Brauchen wir überhaupt esoterisches Wissen in der heutigen Zeit?
Gutdeutsch: Ersetzen wir mal den Begriff „esoterisch” durch „wertvoll”. Ja, wir brauchen wertvolles Wissen in der heutigen Zeit, das heißt Wissen voller Werte. Und zwar überzeitlicher Werte, unabhängig von irgendwelchen religiösen, politischen, wissenschaftlichen und anderen Ideologien.
Pallono: Ich erinnere mich an ein Bild, das Sie gerne benutzen: das der Kulturpyramide, deren vier Seiten von Kunst, Wissenschaft, Religion und Politik (eingeschlossen die Wirtschaft) gebildet werden. Aber ist die Esoterik nicht eine ebenso wichtige Seite?
Gutdeutsch: Die Esoterik ist nicht eine weitere Seite der Kultur. Es gibt einen esoterischen Kern aller Religionen, nämlich die Mystik. Es gibt auch so genannte esoterische Wissenschaften, wie die auf ägyptisch-griechische Quellen zurückgehende Hermetik. Es gibt eine esoterisch orientierte Kunst, wie es im alten chinesischen „Lü Bu We” festgehalten ist.
Pallono: Als Direktor einer Musikschule, womit Sie sich Ihre Brötchen verdienen, ist die Kunst ohne Zweifel Ihr Fachgebiet. Aber es wird Ihnen vermutlich schwer fallen, Beispiele für die esoterische Seite der Politik zu finden. Ich denke nicht, dass es eine Mystik oder Esoterik in der Politik gibt.
Gutdeutsch: Glauben Sie wirklich, dass Esoterik dasselbe ist wie Mystik? Das griechische Wort „esoteros” bedeutet nichts anderes als „innen”, „das Innere betreffend”, im Gegensatz zu „exoteros”, „das Äußere betreffend”. Und der Begriff „Mystik” stammt vom griechischen „myein”, das heißt „verschließen”, nämlich die äußeren Sinne, um sich für das Unsichtbare, Spirituelle, Heilige öffnen zu können.
Pallono: Nun gut, bleiben wir bei der Esoterik der Politik, wenn Ihnen das Wort Mystik nicht zutreffend erscheint. Gibt es eine esoterische Politik?
Gutdeutsch: Natürlich. Genauso wie es eine exoterische Politik gibt.
Pallono: Vielleicht erläutern Sie dies ein wenig.
Gutdeutsch: Gern. Das Wort Politik stammt aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich alles, was das Gemeinwesen betrifft, die Gesellschaft, das öffentliche Leben. Ursprünglich hatte es überhaupt nichts mit Parteipolitik zu tun oder mit dem, was wir heute von vielen unserer Politiker vorgesetzt bekommen. Exoterische Politik orientiert sich an äußerlichen Werten: Image, Macht, Einfluss, Geld, Wahlkämpfe und -siege, Karriere und so fort. Esoterische Politik bezieht innere Werte mit ein: menschliche, humanistische Werte wie Verantwortung für das eigene Handeln, Solidarität mit meinem Nächsten, Dialog- und Konfliktfähigkeit bei auseinander gehenden Meinungen, Achtung vor dem, was andere Menschen als heilig erleben; das ist ein höchst spannendes Gebiet.
Pallono: Ich verstehe nicht, wieso diese Werte etwas mit esoterischer Politik zu tun haben sollen. Für mich sind das allgemein anerkannte und demokratische Werte unserer Gesellschaft, weit entfernt von irgendwelchen geheimen oder initiatischen Kenntnissen.
Gutdeutsch: Vielleicht liegt genau da eine Fehleinschätzung, die meint, Esoterik sei etwas, was mit geheimen Initiationen oder Einweihungen vermittelt würde. Aber wir sollten diese Sachen nicht vermischen. Esoterik ist im heutigen Sprachgebrauch, ganz salopp gesagt, eine Art des Wissens, das von der vorherrschenden Wissenschaft oder Religion nicht vorbehaltlos akzeptiert wird, oder besser gesagt nicht mehr oder noch nicht, je nachdem. Und die initiatischen Kenntnisse … nein, zuerst noch zu Ihrer Behauptung, die Werte, die ich aufgezählt habe, seien allgemein anerkannte und demokratische Werte. Nun, zuerst mal zu allgemein anerkannt: Wieso allgemein anerkannt? Nur weil alle möglichen Leute sie im Munde führen? Sie müssen doch auch von allen gelebt werden, das wäre die beste Anerkennung. Und nun zu demokratisch: Wieso das? Wir dürfen aus der Demokratie keinen Mythos machen, keine heilige Kuh, die zu allen Zwecken herhalten muss. Die Werte, die ich erwähnte, sind in erster Linie rein humanistische und allgemein menschliche Werte. Dass sie auch von politischen Systemen benutzt werden, ist eine andere Sache. Aber die Demokratie hat diese Werte nicht erfunden.
Pallono: Da höre ich heraus, dass Sie der Demokratie kritisch gegenüberstehen. Lehnen Sie die Demokratie ab?
Gutdeutsch: Um Gottes willen, nein. Wenn ich zum Beispiel meinen Partner liebe, übernehme ich doch gerade deshalb auch Verantwortung. Ich kümmere mich um ihn und arbeite ständig an meiner Beziehung. Dazu gehört, dass ich auch Schwachpunkte aufzeige und sie zu verbessern suche. Dasselbe geschieht mit meiner Beziehung zu der Gesellschaft. Ich kann nur ändern, was ich als real wahrzunehmen in der Lage bin. Mit Vogel-Strauß-Politik kann man das Rad der Geschichte nicht weiterbewegen. Kritikfähigkeit ist wichtig, und wir müssen in Kauf nehmen, manchmal als Außenseiter, Extremisten oder Schwarzmaler angekreidet zu werden. Wahrheit ist eben manchmal unbequem; aber sie hört deshalb nicht auf, wahr zu sein, nur weil es anderen nicht passt.
Pallono: Sie unterbrachen sich vorhin, als Sie noch von den initiatischen Kenntnissen sprechen wollten.
Gutdeutsch: Danke für die Erinnerung. Initiation oder Einweihung ist ein Begriff aus der Religionswissenschaft und der Völkerkunde. Wir finden Initiationen in allen Gesellschaftsformen, bei den eingeborenen Völkern genauso wie in den modernen Gesellschaftsformen. Im weiteren Sinne geht es hier um die rituelle Aufnahme in eine Gruppe, zum Beispiel bei Pubertätseinweihungen heute noch in Afrika. Wir haben Fragmente dieser Einweihungen auch in der Ersten Welt, wie beispielsweise gewisse Mutproben Jugendlicher, angefangen vom ersten Zigarettenrauchen bis hin zu physischer Gewalt und den Pseudo-Initiationen neonazistischer oder linksextremer Gruppen. Auch beim Oktoberfest hier in München laufen mehr oder weniger bewusst Rituale und Pseudo-Einweihungsproben ab, wenn es darum geht, wer in kürzester Zeit zehn Maß Starkbier runterbringt und am lautesten pöbelt.
Pallono: Das klingt ein wenig polemisch.
Gutdeutsch: Mag sein. Doch ich sehe hier eine große Gefahr, die von unseren Soziologen und Politikern nicht ernst genug genommen wird. Das, was ich jetzt sagen werde, wird vielleicht anfangs auf Unverständnis stoßen: Meiner Meinung nach haben die Ausschreitungen gegenüber Ausländern oder das Schänden jüdischer Stätten einen viel tieferen Kern, nämlich das Fehlen funktionierender und gesellschaftlich akzeptierter Einweihungsrituale. Wir dürfen die Besorgnis erregende Entwicklung der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit nicht nur auf soziale und wirtschaftliche Ursachen zurückführen.
Pallono: Wollen Sie damit zurück zu einer Gesellschaft, die wieder Initiationen vermittelt, wie es heute noch bestimmte eingeborene Völker tun?
Gutdeutsch: Jetzt ist es Ihre Frage, die ein wenig polemisch klingt. Die Lösung unserer Probleme liegt weder im Rousseau’schen „retournons à la nature” noch im romantischen Zurückwenden in eine illusorische „gute alte Zeit”. In früheren Epochen der Menschheitsgeschichte existierten magisch-rituell ausgerichtete Religionsformen. Ich plädiere dafür, den tieferen und überzeitlichen Sinn ihrer Rituale und Initiationen wieder zu studieren, im Sinne des Religionshistorikers Mircea Eliade, der bahnbrechende Erkenntnisse über diese Thematik zusammentrug.
Pallono: Besteht nicht die Gefahr, dass wir uns da einen falschen Schuh anziehen? Wir leben in einer aufgeklärten und hoch technisierten Gesellschaft. Die Zeit der Magie, der Rituale und Einweihungen ist vorbei.
Gutdeutsch: Sind Sie sich da wirklich so sicher? Eliade weist nach, dass jede Gesellschaftsform initiatische und rituelle Elemente braucht, um überhaupt überleben zu können. Diese Elemente kanalisieren Kräfte unseres kollektiven Unbewussten, wie auch C.G. Jung schon sagte, weil dahinter gewaltige Archetypen stehen.
Pallono: Platon spricht auch schon von Archetypen. Für ihn sind das Gute, das Wahre, das Schöne und das Gerechte solche Archetypen, denen der Mensch nachstreben soll.
Gutdeutsch: Ich würde die Jung’sche Psychologie lieber getrennt von Platons Philosophie betrachten. Platons Archetypen sind statisch, sie befinden sich in der Welt der Ideen, und der Mensch muss sie sich erobern. Die Jung’schen Archetypen sind dynamisch: Sie befinden sich in uns selbst und beeinflussen uns ständig, unabhängig davon, ob wir es mitbekommen oder nicht. Sie sind nichts anderes als psychische Grundmuster und Grundstrukturen, die zu unserem Menschsein einfach dazugehören. Sie ordnen unser seelisches Erleben und geben unseren psychischen Prozessen eine Zentrierung und Zielrichtung. Sie stehen, grob gesagt, den Instinkten näher als den geistig-ethischen Idealen. Und diese Archetypen, die auch in unseren Träumen und den Mythen sämtlicher Religionen wirken, haben die ständige Tendenz, sich durch uns Menschen auszudrücken. Das Problem ist: Wir bieten heute den Archetypen keine Gelegenheit, sich konstruktiv und positiv auszudrücken.
Pallono: Das ist mir zu abstrakt. Was hat das mit Ritual und Einweihung zu tun?
Gutdeutsch: Sehr viel. Wir haben heute keine allgemein akzeptierten Rituale und intakten Initiationsformen, um diese großen Archetypen zu kanalisieren, abgesehen von einigen lächerlichen und erbärmlichen Resten. Auch die Großkirchen des Christentums schaffen es nicht mehr, das archetypische Bedürfnis des Menschen nach Transzendenz und Erleben des Heiligen zu stillen, wie man es an der rückläufigen Zahl der Kirchenbesucher und der steigenden Zahl der Kirchenaustritte merkt.
Pallono: Jetzt begeben Sie sich auf ein gefährliches Terrain, wenn Sie die Kirche verallgemeinernd kritisieren.
Gutdeutsch: Das ist nicht meine Absicht. Ich selbst war über zehn Jahre aktiv in der Kirche tätig, vor allem als Organist, Chorleiter und in der Arbeit mit Kindern. Was ich aufzeige, sind Fakten, die kein halbwegs gebildeter Mensch leugnen wird. Heute herrscht ein großes Vakuum in der Gesellschaft, weil die religiös-rituellen Formen der Kirche nicht mehr das spirituelle Bedürfnis der gesamten Gesellschaft abdecken. Unsere Gesellschaft hat sich enorm verändert. Sie benötigt heute vielleicht andere Formen, unabhängig von – oder besser: zusätzlich zu – den institutionalisierten Volkskirchen. Und hier ist das Thema Initiation hochaktuell: Wir benötigen ein initiatisches Erziehungsmodell, welches die archetypischen Grundwerte des Menschen aktiviert, unabhängig von Konfession, politischer Orientierung, Hautfarbe, Geschlecht und sozialem Stand.
Pallono: Ein initiatisches Erziehungsmodell? Das klingt nach New Age …
Gutdeutsch: Für Sie vielleicht. Initiation stammt vom lateinischen „initium”, „Anfang”, und bezeichnet einen irreversiblen, das heißt nicht mehr rückgängig zu machenden Lernprozess, womit ein Anfang gelegt wird für eine neue Lebensphase. Durch einen solchen Lernprozess hafte ich nicht an alten Lebensphasen und bin frei, um an den Herausforderungen meiner aktuellen Lebensphase zu arbeiten – so lange, bis diese sich ihrem Ende zuneigt und wiederum ein neuer Anfang geboren wird. Kennen Sie dies: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben”? Und am Schluss heißt es: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde”?
Pallono: Ja, das ist aus den „Stufen” von Hermann Hesse. Doch wer soll denn dieses initiatische Erziehungsmodell lehren? Unsere Gesellschaft ist weder darauf vorbereitet noch willens, sich in diese Richtung zu entwickeln.
Gutdeutsch: Gerade deshalb brauchen wir ein vergleichendes Studium auf unseren pädagogischen Hochschulen, welches sich damit beschäftigt, entsprechende Lehrpläne zu entwickeln. Und in den Schulen schon sollte das Fach Vergleichende Religionswissenschaft verpflichtend angeboten werden können.
Pallono: Verpflichtend? Der Staat hat die grundgesetzliche Auflage, sich aus der religiösen Erziehung herauszuhalten.
Gutdeutsch: So kann man das nicht sagen. Er darf vielmehr keine Religion bevorzugt behandeln oder unterdrücken, und gerade deshalb muss sich der Staat sogar dieses Themas annehmen. Es geht hier nicht darum, eine bestimmte Religion zu fördern, sondern darum, die Bildersprache und Symbole, die Metaphern, die Literatur, die Kunst des Religiösen zu studieren, und vor allem die Rituale des Religiösen vom Prinzip her zu verstehen, und zwar in Theorie und Praxis – und noch einmal: unabhängig von irgendeiner Konfession. Keine Religion der Welt hat die Wahrheit für sich reserviert. Mit solchen Fächern wie Vergleichender Religionswissenschaft würden wir unsere Kinder zu ganzheitlicheren Persönlichkeiten erziehen können: kritisch jeglichem Formalismus und Dogmatismus gegenüber und zugleich empfänglich für ethisch-spirituelle Grundwerte, wie wir sie in allen Religionen finden.
Pallono: Das klingt plausibel. Doch ein ganzheitliches Erziehungssystem muss auch andere Gebiete abdecken, nicht nur das der religiösen Erziehung.
Gutdeutsch: Richtig. Ein initiatisches Erziehungssystem würde auch noch weiter gehen: Es vermittelt nicht nur Kopfwissen, sondern führt die Schüler zu einem Erleben von Werten und einem Verinnerlichen des Erlebten, was das Entscheidendste ist. Somit verwandelt sich das Wissen um Werte in etwas Irreversibles, da ich es als einen untrennbaren Teil meiner selbst empfinde. Dies ermöglicht, dass ich Verantwortung für mein eigenes Denken, Fühlen und Handeln übernehme. Unser heutiges Erziehungssystem ist absolut untauglich, um allgemein gültige menschliche Werte zu verinnerlichen. Es erzieht uns zu Kopflastigkeit, und abgesehen davon zu Materialismus, Atheismus und Egozentrizität. Das führt zu der schrecklichen Verantwortungslosigkeit, die wir heute um uns herum wahrnehmen.
Pallono: Was wir in der Schule lernen und lehren, ist sicher ein Spiegel unseres Zeitgeistes. Wir schütten unsere Kinder mit immer mehr Informationen zu. Wir geben ihnen aber keinerlei Werkzeuge in die Hand, um damit kreativ umzugehen. Vielleicht ist das eine Frucht unserer Wissenschafts- und Technologiegläubigkeit.
Gutdeutsch: Genau das bestätigen zahlreiche Untersuchungen. Lesenswert in diesem Zusammenhang ist das neueste Buch von Neil Postman mit dem Titel „Die zweite Aufklärung”, welches erfrischend pragmatisch und konstruktiv unseren Weg vom 18. ins 21. Jahrhundert beschreibt. Doch ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Denn ein initiatisches Erziehungssystem ermöglicht ein weiteres Phänomen: Es integriert das Individuum in die Gesellschaft, eben weil es Verantwortung für sich und für andere übernehmen kann. Die Pseudo-Einweihungen, von denen wir sprachen, erreichen das Gegenteil: Sie trennen jene Cliquen von dem Rest der Gesellschaft, wobei diese Trennung sogar noch einzementiert wird durch entsprechende Rituale. Ein initiatisches Erziehungssystem also, zusammengefasst, fördert die Individuation des Menschen und zugleich seine Sozialisation. Was soll denn Erziehung anderes fördern als genau dies? Und bis zu welchem Grad erfüllen unsere Schulen diese Anforderungen?
Pallono: Warum benutzen Sie eigentlich hier das Wort „initiatisch”? Wäre es nicht besser, einfach „psychologisch” zu sagen?
Gutdeutsch: Habe ich mich so schlecht ausgedrückt? Initiation ist ein religionswissenschaftlicher Fachbegriff. Er bezeichnet einen ganz bestimmten Reifungsprozess der Seele, und zwar erstens einen nicht mehr rückgängig zu machenden Reifungsprozess, zweitens einen Reifungsprozess, der nicht nur mental, sondern auch emotional erlebt und verinnerlicht wird, drittens einen Reifungsprozess, der im Bewusstsein des Menschen die Realität der sichtbaren Welt und die Realität der Welt des Sakralen verankert, viertens einen Reifungsprozess, der den Charakter stärkt und das moralische Gewissen fördert, und fünftens einen Reifungsprozess, der den Menschen zu einem wertvollen Bürger in der Gesellschaft erzieht, der fähig ist, Individuation und Sozialisation als zwei Seiten derselben Münze zu sehen und zu leben. Noch kürzer gesagt: Eine initiatische Erziehung ermöglicht eine echte Transformation der Persönlichkeit. Der Begriff „psychologisch” ist nicht umfassend genug.
Pallono: Ich möchte noch einmal auf Ihre Behauptung zurückkommen, es gäbe eine esoterische Politik. Auf Grund Ihrer Ausführungen kann ich das noch nicht nachvollziehen.
Gutdeutsch: Eigentlich gefällt mir der Begriff „esoterische Politik” nicht. Besser wäre „esoterisch orientierte Politik”, doch am besten gefiele mir „ganzheitlich orientierte Politik”. Damit meine ich nichts weiter als eine ganz bestimmte Haltung und eine ganz bestimmte Art des gesellschaftlich-öffentlichen Handelns: nämlich ein Handeln aufbauend auf inneren oder „esoterischen” Werten, die uns als Menschen besser machen, die uns in irgendeiner Weise reifen und transformieren lassen. Das heißt also, dass sich diese Art von Politik an einem initiatischen Erziehungssystem orientiert und genau dies mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auch fördert.
Pallono: Es gibt Angriffe gegen Neue Akropolis. Was ist Ihre Stellungnahme dazu? Einige bezeichnen Sie als Sekte.
Gutdeutsch: Das ist leider wahr. Doch diese Behauptungen sind einfach Fehleinschätzungen, die wir aufklären, wo wir können. Neue Akropolis ist keine Sekte, weder eine religiöse, noch eine politische, sondern schlicht und einfach eine philosophische Bewegung, die humanistisch-esoterisch orientiert ist. Wir haben keinen Guru, dem wir nachfolgen, und keine Offenbarung, die wir nachbeten. Wir versuchen, ernsthaft an uns selbst zu arbeiten und der Gesellschaft nützlich zu sein, durch kulturelle, soziale und ökologische Aktivitäten, durch Publikationen und Kurse jeglicher Art. Wir sprechen Leute an, die keine Angst vor selbständigem Denken haben und die nicht einfach Behauptungen ungeprüft übernehmen. Außerdem denke ich, dass es neben Neue Akropolis viele andere, wertvolle Gruppen gibt, die – so wie Neue Akropolis – ehrenamtlich und mit viel Idealismus zum Wohle der Menschheit arbeiten. Unsere Gesellschaft profitiert enorm vom Pluralismus, wenn wir damit richtig umzugehen wissen. Neue Akropolis versucht die Menschen dazu anzuregen, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen und nicht umgekehrt.
Pallono: Unter Esoterik verstehen viele Menschen oft das, was in den Esoterikabteilungen der Buchhandlungen oder auf Esoterikmessen angeboten wird. Oder das, was ab und zu die Medien darüber bringen – sei es die Soft-Astrologie gewisser Zeitungen und Zeitschriften oder irgendwelche Artikel gegen so genannte esoterische Sekten. Esoterikern wird oft vorgeworfen, dass sie an der Realität vorbeileben. Kirchenleute meinen, dass mit dem Esoterik-Boom eine Art Pseudoreligion aufgekommen ist, wo sich jeder aus allen möglichen Religionen der Weltgeschichte die Rosinen herausholt, die ihm gerade passen.
Gutdeutsch: Esoterik an sich hat nichts mit Modereligiosität zu tun. Es ist, mit moderneren Worten ausgedrückt, nichts anderes als ein Wissen um das Zusammenwirken von innen und außen, oben und unten, Hellem und Dunklem, was zu einem konkreten Handeln führt, zum Wohle unserer selbst und unserer Mitwelt. Doch eigentlich geht es gar nicht um irgendein Wort. Vor hundert Jahren wurde das, was wir heute als Esoterik bezeichnen, Okkultismus genannt. Es ist anzunehmen, dass in ein paar weiteren Jahrhunderten dafür wiederum andere Begriffe gefunden werden.
Pallono: Wie ist das Verhältnis von Neue Akropolis zur bestehenden Esoterikszene?
Gutdeutsch: Das muss jeder für sich selbst beantworten. Neue Akropolis ist ein Forum der Begegnung, des Austausches, und vertritt das Motto „Einheit in der Vielfalt”. Alles, was Menschen langfristig zusammenbringt, ist förderungswürdig. Alles, was Menschen langfristig voneinander trennt oder Separatismus entwickelt, ist ablehnenswert.
Pallono: Herzlichen Dank für das Gespräch.
Autor: Georg Pallono
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 83)
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