Energie gewinnen
Wie Sie ein kraftvolleres Leben führen können
Energielosigkeit, mangelndes Selbstvertrauen, fehlender Schwung im Leben: Der Autor zeigt, wie man diese Zeitkrankheiten mit Hilfe einfacher Übungen aus westlichen und schamanistischen Traditionen überwinden kann.
"Begehre glühend Kraft."
Mabel Collins
Unser Menschen- bzw. Selbstbildnis bestimmt, wie wir leben, wonach wir streben und was wir erreichen. Stellen wir uns einen Menschen vor, der sich über seinen Körper, seinen Besitz, seinen Beruf, sein Ansehen, seine Eitelkeiten usw. definiert. In einer einfachen Alltagssituation, z.B. einem Streit mit einem Berufskollegen, in dem er sich beleidigt fühlt, wird er alles tun, um sein Gesicht zu wahren und sein Ansehen zu stärken. Seine Handlungen sind danach ausgerichtet, sein Ich zu verteidigen und zu rechtfertigen, egal, ob es ihn Zeit, Kraft und Energie kostet, die ihm in anderen Bereichen des Lebens fehlen werden. So fristet er sein Leben, trifft hier einen Bekannten, ohne es wirklich innerlich zu wollen, besucht dort eine Veranstaltung, weil man das eben so macht, kauft sich für teures Geld ein Luxusfahrzeug, das seinem Status entspricht usw. Irgendwann beklagt er dann, daß er sich müde fühlt, ausgebrannt, ohne Energie und Sinn im Leben.
Nehmen wir nun einen Menschen, der nach einem anderen Konzept lebt. Für ihn ist der wahre Mensch ein unsichtbares, geistiges Wesen, ein vibrierendes Energiefeld, bestehend aus Lebenskraft, Gefühlen und Gedanken. Ein Wesen, auf andauernde Entwicklung und Wachstum angelegt. Wie wird dieser Mensch in den gleichen Alltagssituationen reagieren? Er handelt immer mit Blick auf seinen unsichtbaren Energiekörper. Warum sollte er sich auf aufreibende Streitigkeiten und Bürotratsch einlassen, der ihm nur unnötige Zeit und Energie kostet? Warum sollte er den einen Teil seines Lebens damit verbringen, Geld für Statussymbole zu verdienen und den anderen Teil damit, diese zu zeigen?
Er widmet sein Leben der Entfaltung seiner inneren Kräfte und hält sich so jung, kraftvoll und lebendig.
Menschen dieser zweiten Kategorie hat es zu allen Zeiten gegeben, von indianischen Schamanen bis zu den stoischen Philosophen der Antike. Sie haben einfache, aber sehr wirkungsvolle Methoden entwickelt, wie man besser mit der Energie des Lebens umgehen kann. Im folgenden werden einige dieser Ratschläge erläutert.
Energie und Handlung
Zunächst muß man verstehen, daß jede Aktivität bzw. Handlung grundsätzlich Energie fordert. Normalerweise leben wir so, daß unsere Routineaktivitäten völlig unsere vorhandene Energie erschöpfen. Das Ergebnis ist, daß wir keine ausreichende innere Kraft haben für Veränderungen bzw. wichtige Dinge, die wir uns vornehmen. Unsere Aktivitäten erschöpfen uns vollständig. Unsere Handlungen haben, wie die Schamanen sagen würden, keine Kraft. Unser Energieniveau sinkt ständig. Wir fühlen uns leer, alt und ausgelaugt.
Umgekehrt hat wohl jeder schon erlebt, wie erfolgreich Handlungen sind, die mit innerer Kraft und Fülle ausgeführt werden. Sie sind effizient und erfolgreich, Meilensteine in unserem Leben. Man braucht also „freie Energie" für wichtige Veränderungen und starke Taten im Leben. Für einen Menschen mit genügend freier Energie gibt es praktisch nichts Unmögliches.
Um Energie zu befreien, gibt es nur drei Möglichkeiten: Man kann die vorhandene Energie sparen, man kann sie sinnvoll umlenken und man kann zusätzliche Energie aufnehmen.
Energie sparen und umlenken
„Ein wirklicher Schüler muß mit seinen Energien wie mit einem Vermögen aufs Sparsamste umgehen."
Herman Weidelener
Unsere täglichen Aktivitäten bestehen zum Großteil aus physischen, psychischen und mentalen Gewohnheiten und Handlungsroutinen. So besteht die beste und dauerhafteste Möglichkeit, Energie zu sparen, darin, überflüssige Gewohnheiten aufzuspüren und abzulegen. Was scheinbar so einfach ist, entpuppt sich allerdings in der Praxis als äußerst schwieriges Unternehmen. Das beginnt schon damit, daß viele unserer Gewohnheiten, vor allem die unserer psychischen und mentalen Innenräume, schon so stark zu unserer zweiten Natur geworden sind, daß wir sie nicht einmal erkennen. Wir müssen uns daher intelligent an die eigenen Gewohnheiten heranpirschen.
Man sollte zunächst damit beginnen, sich regelmäßig am Tag zu beobachten. Stellen Sie sich jeweils unvorbereitet die Frage: Was habe ich gerade gedacht, gefühlt und getan? Notieren Sie die Antwort und fassen Sie die Punkte am Ende des Tages zusammen. Nach einigen Wochen kontinuierlicher Selbstbeobachtung haben Sie eine relativ vollständige Liste Ihrer inneren und äußeren Aktivitäten, die Sie wahrscheinlich überraschen wird. Bewerten Sie jetzt Ihre regelmäßigen Handlungen danach, inwiefern diese notwendig oder nicht notwendig für Ihr Leben sind. Als letztes fragen Sie sich, welche nicht notwendigen Aktivitäten besonders viel Energie verbrauchen. Beobachten Sie hierfür nach einer Aktivität Ihren Körper, ihre Empfindungen und ihre Gefühle. Fühlen Sie sich kraftvoll, glücklich und erfüllt oder schwach, ausgelaugt und leer? Sie werden dabei feststellen, daß es Gefühle und Stimmungen gibt, die unmittelbar durch Wahrnehmung ausgelöst werden, ohne daß unser Denken dabei eine Rolle spielt, wie z.B. das Gefühl der Liebe, das Empfinden von Schönheit, von Schmerz usw. Diese Gefühle verbrauchen wenig Energie bzw. setzen manchmal sogar Energie frei. Im Gegensatz dazu gibt es Emotionen, die durch kreisförmige Denkprozesse unseres kleinen Ichs ausgelöst werden, wie z.B. Wut, Neid, Zorn, Eifersucht. Diese Stimmungen verbrauchen eine Unmenge von Energie und Kraft.
Wählen Sie dann maximal drei Ihrer schwächenden körperlichen, psychischen oder mentalen Gewohnheiten aus und nehmen Sie sich vor, diese für einen festgelegten Zeitraum (z.B. drei Wochen) zu unterlassen. Es empfiehlt sich, mit kleinen Gewohnheiten und Zielen anzufangen und dann mit der gesparten Energie und Kraft sich größere Gewohnheiten und Knoten der Persönlichkeit vorzunehmen. Wenn es darum geht, schwächende Emotionen und Gedanken zu unterbinden, besteht der Trick darin, einfach die kreisende Schallplatte des inneren Dialogs anzuhalten, indem man sich gedanklich mit etwas anderem beschäftigt, sobald man dies bemerkt.
Eine goldene Regel lautet: Nicht kritisieren, nicht verurteilen, sich nicht beklagen! Wenn man mehrere Tagen diese Regel befolgt, wird man bemerken, wie wenig man sich erschöpft und nach und nach von einer beinahe kindhaften Lebenslust erfüllt wird. Es empfiehlt sich auch, die eigene Geschwätzigkeit zu bearbeiten. Reden zerstreut immens viel Energie. Und wie viele Gespräche führen wir, ohne wirklich etwas mitzuteilen oder aufzunehmen! Man versuche einmal, über mehrere Tage nur notwendige Dinge zu sagen, und diese klar und verdichtet, mit wenig Worten, aber innerer Kraft.
Die oben beschriebene Analyse der eigenen Aktivitäten und ihrer energetischen Qualität ist auch für das Umlenken von Energie eine wichtige Voraussetzung.
Unsere Handlungsroutinen sind nichts anderes als Gewohnheitsmuster des täglichen Energieverbrauchs, vergleichbar mit gegrabenen Kanälen, in denen unsere Energie fast automatisch verläuft. Es ist daher möglich, die alten Routinen zu durchbrechen und durch neue, selbst gewählte Handlungsmuster zu ersetzen. Die Energie wird dabei bewußt auf neue, sinnvollere Ziele und Aktivitäten gelenkt. Man könnte z.B. beginnen, die abendliche Fernsehstunde durch eine regelmäßige philosophische Lektüre, Spaziergänge in der Natur oder Meditationen zu ersetzen. Man wird feststellen, daß es leichtfällt, Gewohnheiten abzulegen, wenn man sie durch andere Aktivitäten ersetzt.
Abschließend sei erwähnt, daß sowohl das Verschwenden als auch das falsche Aufsparen von Energie zu Problemen führt. Man muß lernen, die Energie in der richtigen Weise zu verwalten. Das Aufsparen von Energien ohne sinnvolles Strömenlassen führt zur Stauung, zur Trägheit. Der Strom der Energie muß ständig im richtigen Rhythmus fließen, ohne verschleudert zu werden und ohne im erdigen Gelände zu Seiten des Handlungskanals unseres Lebens zu versickern. Das sinnvolle Regulieren, ohne Energievergeudung und ohne zu wenig Energieeinsatz, macht gesund und lebendig auf allen Ebenen des Lebens.
Energie aufnehmen
„Wer nach Kraft jagt, der fängt sie ein und speichert sie als seinen persönlichen Besitz. So nimmt die persönliche Kraft zu, und es ist möglich, daß ein Krieger so viel persönliche Kraft hat, daß er zum Wissenden wird."
Carlos Castaneda
Die wichtigsten Energiequellen für die Schamanen waren die großen Kraftquellen der Natur, nämlich Sonne und Erde. Schon die alten Inder lehrten, daß der Mensch Prana, die Lebensenergie, durch den gesamten Körper aufnimmt, besonders durch die Atmung und die Nahrung.
Spaziergänge und Bewegung in frischer Luft sind daher wichtige Kraftquellen, die man regelmäßig in seinen Lebensrhythmus einbauen sollte. Jeder muß selbst herausfinden, was ihm am besten liegt, seien es westliche Formen der Gymnastik oder östliche Techniken wie Yoga, Kampfkunstübungen oder Tai Chi. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Schamanen und andere Traditionen davon sprechen, daß bestimmte „magische" Bewegungen und zeremonielle Haltungen Energien aus der unsichtbaren, uns umgebenden energetischen Welt schöpfen und kanalisieren können. Es sei auch erwähnt, daß durch unsere Vorstellungskraft der unsichtbare Energiefluß gelenkt und verstärkt werden kann.
Was die Ernährung angeht, so ist es längst kein Geheimnis mehr, daß naturbelassene Nahrung energetisch höherwertig ist. Die stärkste Energie von Sonne und Erde findet sich in Früchten. Man untersuche mit diesem Hintergrund seine Ernährungsgewohnheiten und stelle sich sein eigenes angemessenes Programm zusammen.
Ein weiteres wichtiges Thema, das hier nur angeschnitten werden kann, ist die esoterische Medizin. Auch unsere westliche Tradition kennt unzählige Heilpflanzen, die bestimmte Energien von Sonne und Erde verdichten. Lernen wir wieder die Gaben schätzen, mit denen die Natur uns reichlich beschenkt. Wer sich weiter für dieses Thema interessiert, findet z.B. in der klassischen Homöopathie und in der Lehre von den Bachblüten ganzheitliche Systeme, in denen die energetischen Kräfte der Natur veredelt und dem Menschen zugeführt werden.
Ebenfalls in diesen Zusammenhang gehört das uralte Wissen von den sogenannten Kraftorten oder heiligen Plätzen. Sowohl in westlichen als auch fernöstlichen Lehren, z.B. im Feng Shui, spricht man davon, daß spezielle Plätze bzw. Orte bestimmte Energien verdichten und abgeben. Dies können Orte der Natur, wie z.B. Bäume, Hügel, Flußufer usw. sein, aber auch von Menschen geschaffene Plätze wie Kultorte, Stadtplätze und sogar Wohnbereiche. Das Thema kann an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden, deshalb nur drei praktische Hinweise:
Der Körper reagiert im allgemeinen sehr sensibel auf Kraftorte, wenn man ihm die Führung überläßt und den spekulativen Verstand sowie die eigenen Erwartungen ausschaltet. Man kann sich dann getrost auf seine Empfindungen verlassen und sollte an Orten in der Natur verweilen, die einen ansprechen.
Hat man einen solchen Ort, der einen Kraft gibt, einmal gefunden, hüte man ihn wie einen Schatz und kehre öfter an ihn zurück. Man sollte sich angewöhnen, nicht nur zu nehmen, sondern auch den unsichtbaren „Wächtern" des Ortes kleine Geschenke zu machen, wie z.B. einen Stein, den man mitbringt, oder auch einen Wunsch oder Segen für den Ort, den man laut ausspricht. Die Energie der Vier Elemente (Feuer, Luft, Wasser und Erde) findet sich an Orten in der Natur besonders intensiv. Wenn wir lernen, mit den Elementen in Dialog zu treten und zuzuhören, merken wir, wie Kräfte in uns, die den Elementen entsprechen, aktiviert und entwickelt werden.
Man kann auch in den eigenen Räumen „Orte der Kraft" schaffen. Lassen Sie sich auch hier von Ihren Empfindungen leiten. Entscheidend für die Gestaltung solcher „beladener" Orte ist Ordnung, Kontinuität und Vorstellungskraft. Es genügt nicht, einen schönen Platz für die innere Sammlung und Meditation in der Wohnung einzurichten. Man muß ihn auch regelmäßig pflegen und benutzen, darf ihn nicht durch z.B. durch achtlos herumliegende Bücher entweihen, und vor allem muß man ihn regelmäßig durch gute Gedanken und schöne Gefühle ernähren. Auf diese Weise kann man Orte mit Kraft beladen, die man dann durch den Kontakt mit diesem Ort verstärkt zurückerhält.
Die Kraft der Mystik
„Breite deine Seele aus, werde eine Brücke zum Licht, verjage die Wolken, sei ein himmlischer Seefahrer auf den Meeren der Liebe."
Jorge A. Livraga
Abschließend soll noch die wichtigste und tiefste Kraftquelle des Menschen erwähnt werden: Es ist die mystische Energie, die aus der Verbindung mit Gott, einem Ideal oder dem „Heiligen" entspringt. Es ist einer der großen Fehler unserer Zeit, diese mystische Kraft der Liebe einfach als religiösen Fanatismus bzw. Einbildung abzutun. Wie der große Philosoph Platon lehrt, befinden sich unsichtbare, überzeitliche Ideen hinter den Schleiern der sichtbaren Welt. Diese „Archetypen" - ein religiöser Mensch würde sie Götter oder Gott nennen - sind die wahre Wirklichkeit hinter den vergänglichen Formen der sichtbaren Welt.
Im Grunde bleibt diese Welt, das „Himmelreich", ein Mysterium, das unser Verstand nicht erfassen kann. Die menschliche Seele besitzt aber ein subtileres Erkenntnisorgan, das religiöse Empfinden. So ist es uns, wenn wir uns mit reinem Herzen auf unsere inneren Zehenspitzen stellen, möglich, Kontakt zu dieser unsichtbaren Welt aufzunehmen. Wir empfinden es zunächst vielleicht nur als zartes Ahnen. Aber diese Pflanze der Seele kann ernährt und gepflegt werden. Und schließlich hat unsere Seele eine Rückverbindung (lat. religio) hergestellt zu unserem geistigen Ursprung, zu unserem „Vater im Himmel", die uns mehr Kraft gibt als viele andere Techniken und Methoden.
Autor: Helmut Müller
(aus: Abenteuer Philosphie Heft Nr. 75)
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