Die Tuareg sind ein in den vergangenen Jahrzehnten mehr oder weniger sesshaft gewordenes Nomadenvolk. Sie leben vor allem in Algerien und im Niger. Durch ihr Leben in einer unwirtlichen Umgebung haben sie einige Tugenden hervorgebracht, die sie zu einem eigenen Lebensstil oder besser gesagt zu einer eigenen Lebenskunst weiterentwickelten, die uns durchaus als Vorbild dienen kann.
Die drei wichtigsten Tugenden Taseidert, Ull und Äscheck haben in unserer Sprache eigentlich keine gültige Entsprechung. Wir müssen versuchen, sie durch mehrere Begriffe zu umschreiben. So können wir – wahrscheinlich noch immer etwas unzulänglich – diesen Tugenden durch Begriffspaare näherkommen.
TASEIDERT ist dabei mehr als Mut, weil es die Dauer der Geduld ebenfalls beinhaltet und somit wesentlich mehr umfasst, als eine der beiden Eigenschaften allein. Die Vereinigung von Liebe und Wille in ULL ist ebenfalls eine Tugend, die sowohl zu einer kraftvollen als auch harmonischen Haltung gegenüber der Umwelt führt.
Im Folgenden wollen wir für jede der drei Tugenden eine Geschichte oder eine wahre Begebenheit erzählen, die uns ein lebendiges Bild von diesen Tugenden und einigen Haltungen der Tuareg zum Leben vermitteln sollen.
TASEIDERT – Mut und Geduld
Als Beispiel für Mut und Geduld möchten wir eine Begebenheit schildern, die sich vor einigen Jahren zugetragen hat. Die Frauen der Tuareg laden die Männer am Abend häufig in ihre Zelte ein. An diesen Abenden wird Tee getrunken, werden Lieder gesungen und Gedichte vorgetragen. Alle wichtigen Erlebnisse werden in diesen Liedern und Gedichten ausgedrückt. Die Männer versuchen damit auch die Aufmerksamkeit ihrer Angebeteten zu erringen.
Eines Abends war das Zelt schon beinahe voll. Die letzten beiden Ankömmlinge waren Rivalen um die Gunst einer der einladenden Frauen. Der eine fand noch einen Platz ganz nahe des Einganges. Schließlich kam der Letzte, stolz zog er seine Takuba, sein Schwert, aus der Scheide und stieß es in den Sandboden. Dieser schien sehr fest zu sein, und so drückte er das Schwert mit Kraft in den Boden. Was er und auch die anderen nicht bemerkten, war, dass er das Schwert durch den Fuß des Mannes am Eingang gestoßen hatte. Die Tuareg sind es zwar gewohnt, Schmerz zu ertragen – es ist für sie immer besonders erheiternd, wenn sich ein Europäer auf einen Akazienstachel setzt und dann vor Schmerz laut schreit –, aber dies war schon außergewöhnlich: sich den Fuß durchstoßen zu lassen, ohne dass jemand etwas bemerkt. Vielleicht kam ihm der Umstand entgegen, dass die Männer der Tuareg sich gerne verschleiern, vor allem wenn sie gerade verliebt sind und die geliebte Frau anwesend ist.
Der Abend nahm den üblichen Verlauf. Wie alle sang auch der Mann mit dem aufgespießten Fuß Lieder und trug Gedichte vor, und wer aufmerksam war, konnte an seinen Augen sehen, wem sie galten. Er hielt den gesamten Abend durch, ohne dass jemand seine unangenehme Situation bemerkte.
Als die Gäste der Frauen schließlich das Zelt verließen, stand auch der Mann mit dem Schwert auf, zog es aus dem „Sand” – es schien nicht so leicht herauszugehen –, steckte es in die Scheide und verschwand in der Nacht. Der Tuareg mit dem durchstochenen Fuß verließ einige Zeit später das Zelt.
Am nächsten Tag fanden die Frauen einen Klumpen aus Sand und geronnenem Blut. Da sie wussten, wer am Vorabend an jener Stelle gesessen hatte, wurde ihnen klar, wer den ganzen Abend mit einem aufgespießten Fuß Lieder zu ihren Ehren gesungen hatte.
Abschließend ist nur noch zu bemerken, dass es nicht lange dauerte, bis dieser tapfere Mann seine Angebetete als Gemahlin heimführen konnte.
ULL – Herz und Wille
Diese Tugend wird anhand einer alten Geschichte erkennbar, die noch eine Erinnerung an eine frühere Zivilisation darstellt, als es noch Städte gab. Sie wird immer noch an den Lagerfeuern erzählt.
Es lebte einst ein edler Ritter, der für seine Unbesiegbarkeit berühmt war. Unter seinen Feinden war der Sultan der letzten Stadt des Gebietes. Dieser war eifersüchtig auf den Ruhm des Ritters, darum setzte er eine Belohnung für den aus, der den Ritter töten würde. Wer dies vollbringen könnte, dem würde der reiche Sultan jeden Wunsch erfüllen.
Eines Nachts ritt der Ritter auf seinem weißen Kamel in ein dicht bewachsenes Flusstal. Dort hatte aber ein Mann, der den Weg des Ritters in Erfahrung gebracht hatte, einen Hinterhalt gelegt. Er hatte sich hinter einem Baum versteckt und wollte den Ritter von hinten mit seiner Lanze töten. Als er aus dem Hinterhalt die Lanze auf den ahnungslosen Ritter schleuderte, riss jener blitzschnell sein Schild hoch und konnte so die Lanze abwehren.
Der Attentäter floh und berichtete dem Sultan von dieser außergewöhnlichen Leistung des Ritters. Daraufhin wollte der Sultan, an sich ein ehrenhafter Mann, den Ritter kennen lernen. Er sandte ihm mit der Einladung eine Kamelstute und ein zwei Wochen altes Fohlen als Geschenk. Der Ritter wusste, dass der Sultan trotz der Feindschaft ein Mann von Ehre war und folgte der Einladung.
Bei dieser Audienz fragte der Sultan den Ritter: „Was ist dein Geheimnis? Was konnte dich vor dem Angriff von hinten bewahren?” Der Ritter antwortete: „Der erste Grund ist, dass dein Gesandter einen Fehler machte. Die Schutzamulette an seinem Arm haben beim Lanzenwurf leise aufeinander geschlagen und so wurde ich aufmerksam. Der zweite Grund, der es mir erlaubte, den Schild so rasch hochzureißen, war Ull, meine besondere Liebe und mein besonderer Wille zum Leben.”
Der Sultan entließ ihn darauf. Er blieb zwar sein Feind, aber das hinderte ihn nicht daran, diesen, seinen Feind, zu ehren.
ÄSCHECK – Ehre und Würde
Diese Tugend ist bei den Tuareg untrennbar mit einem nur von Frauen gespielten Instrument verbunden. Insat, die einsaitige Geige wird bei Helden- und Liebesliedern gespielt, bei Anlässen, die den Männern Kraft geben und sie zu ehrenhaften Handlungen und einer würdevollen Haltung inspirieren sollen. Kraft, Ehre und Würde sollten auch angesichts des Todes aufrechterhalten werden.
Die folgende Begebenheit fand vor mehr als hundert Jahren statt und ist zum Inbegriff der ritterlichen Würde geworden, obwohl sie etwas schildert, das früher zum Alltag gehörte.
Wenn bei den Kämpfen zwischen den verschiedenen Stämmen ein Krieger gefangen wurde, dann sperrte man ihn für eine Woche in eine Grotte. Dort musste er fasten, und er erhielt nur etwas Wasser. Hier sollte er sich auf den Tod vorbereiten und ein Lied zur Ehre der Frau und des Schöpfers verfassen.
Am Ende dieser Woche wurden zwei Ausgänge, Sinnbild für zwei Möglichkeiten, unter denen er wählen konnte, geöffnet. An dem einen war ein wunderbares Mahl bereitet mit Kamelmilch, Datteln, Ziegenkäse, verschiedenen Fleischgerichten und Süßigkeiten. Wenn er hier aß, dann war er frei. Allerdings würde ihm dabei Äscheck – Ehre und Würde – abhanden kommen. Aber der Mann wählte den anderen Ausgang.
Dort spielte eine wunderschöne Frau die Insat. Der Mann setzte sich zu ihr und sang sein Lied zur Ehre der Frau und des Schöpfers. Er war damit den Weg der Ehre und Würde bis an den Rand des Todes gegangen und sollte nun getötet werden. Aber das Lied, das er sang, war so schön und rührte die Herzen aller Anwesenden derart, dass sie erstmals nicht in der Lage waren, den Krieger zu töten. Sie ließen ihn frei, sein Lied wird seither an vielen Lagerfeuern gesungen, und es wurde nie mehr ein Krieger auf diese Weise getötet.
Leider sind die alten Stammesstrukturen im Begriff, sich unter dem Druck der neuen Zeit und des Staates, welche die noch nomadisierenden Familien zur Sesshaftigkeit zwingen, zu zersetzen. Auch die fortschreitende „Zivilisation” und der Tourismus machen vor den unwirtlichen Einöden keineswegs Halt. So bilden sich unter den Tuareg zunehmend mehrere Fronten: Diejenige der ursprünglichen Nomaden, die an alten Werten und Überlieferungen festhalten, diejenige der in Oasen und bei Dörfern sesshaften „Nomaden” und diejenige der in den Städten und deren Umgebung in Häusern wohnenden „angepassten” Tuareg.
Eine Jugend wächst heran, neuen Konsumgütern ausgesetzt, hin- und hergerissen zwischen Annehmlichkeiten des modernen Lebens und der tief verborgenen Sehnsucht nach der unersetzlichen Freiheit und Unabhängigkeit eines stolzen Nomadenvolkes. Nicht umsonst nennen sich die Tuareg „Imohar/Imascheren”, die Freien. Heute hängt es von der Persönlichkeit und Stärke des einzelnen Menschen ab, ob er die alten Überlieferungen und Weisheiten seines Volkes bewahren und neu beleben will, oder ob er sich der Sinnlosigkeit einer materiell orientierten Gesellschaft hingibt. Tugend kommt nicht von selbst, man kann sie auch nicht kaufen, sondern sie wird durch eine von einem Vorbild inspirierte Anstrengung entwickelt. Wenn die Vorbilder langsam verblassen, werden auch die Tugenden seichter, bis sie zunehmend ganz verschwinden. Wir können dies in unserer technisierten Zivilisation deutlich verfolgen.
Bei Reisen mit den Tuareg zeigt sich die wohltuende Wirkung dieser Menschen. In Verbindung mit der unglaublichen Weite und Ruhe der Wüsten des Niger und Algeriens haben sich oft neurotische Persönlichkeiten so verwandelt, dass derartige Reisen zu einem Schlüsselerlebnis ihres Lebens wurden.
Abschließend sei noch eine Weisheit aus der Teezeremonie der Tuareg angeführt. Sie bereiten den Tee mit drei Aufgüssen: der erste ist „bitter wie das Leben”, der zweite „stark wie die Liebe” und der dritte „süß wie der Tod”.
Autoren: Marianne Roth und Wigbert Winkler
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 84)