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Biodiversität –  die Zukunftsversicherung der Erde

 

Der Kauf von Bioprodukten ist der Beitrag des verantwortungsvollen Konsumenten für die Erhaltung der Umwelt. Dies habe ich in der Folge drei der Öko-Rubrik versucht darzulegen. Die Gesundheit unserer Umwelt ist nur durch intakte Ökosysteme gewährleistet. Voraussetzung für intakte Ökosysteme ist jedoch wiederum die Artenvielfalt, der Naturreichtum – die Biodiversität.

 

Der biologische Landbau leistet hier einen wesentlichen Beitrag, während die Agrarmultis gemeinsam mit den Gentechnikkonzernen die Bauern drängen, nur auf eine Karte zu setzen, sei es nun besonderer Megamais, Superweizen oder Goldener Reis. Überall wuchern die Monokulturen. Lokale Nutzpflanzen jedoch geraten in Vergessenheit. Auch beim Zuchtvieh werden immer weniger Rassen eingesetzt. In Westeuropa galten bereits Mitte der 90er Jahre 54 aller einst vorhandenen Schweinerassen als ausgestorben. Interessant scheinen den Produzenten (Bauern kann man zu den Massentierhaltern eigentlich nicht mehr sagen) nur noch ein paar überzüchtete Schwergewichtsrassen – lebende Fleischfabriken, die sich kaum auf den Beinen halten können und außerdem überaus anfällig gegen Infekte sind.


Die in der Folge zwei der Öko-Rubrik beschriebene Agrarwende ist daher unumgänglich, doch der Kampf der Bio- und Öko-Landwirtschaft gegen die Agromultis ist wie ein Kampf David gegen Goliath. Nur die Macht der Konsumenten kann hier die Trendwende herbeiführen, indem sie vermehrt Bio-Produkte kaufen (siehe Grafik). Selbst in Österreich stehen gerade 9% Biobauern 91% konventionell wirtschaftenden Bauern gegenüber. Der politische Einfluss der Biobauern in den Bauernkammern und Verbänden sowie in den Landtagen und im Parlament ist daher marginal. Ein neuer Denkansatz könnte vielleicht bei Politikern und Entscheidungsträgern die Einsicht in die Notwendigkeit einer Agrarwende erleichtern, das „Portfolio Natur“.

 

Portfolio Natur


Der materialistischen Denkweise unserer Zeit entsprechend kommt der Begriff Portfolio aus dem Wertpapiermarkt.

Die so genannte „Portfoliotheorie“ wurde in den 1950er Jahren von dem Ökonomen Harry Markowitz entwickelt. Er beobachtete ein beeindruckendes Phänomen. Wenn man genügend unterschiedliche Ertragselemente – zum Beispiel Aktien – in ein Portfolio packt, addieren sich ihre Erträge, während ihre Risiken sich zum Teil gegenseitig aufheben. Anders herum gesagt: Anlagenvielfalt macht den Gewinn wahrscheinlicher und damit sicherer. Entsprechend bedeutet geringe Vielfalt ein hohes Risiko. Wer vor der Pleitenflut in der Internetbranche einzig auf Neue Technologiewerte gesetzt hatte, weiß ein Lied davon zu singen. Dieses Phänomen erlaubt es Fondsmanagern, das Ertragsrisiko des Gesamtpaketes kleiner zu halten und trotzdem bestmögliche Renditen zu erwirtschaften. Täten wir es den Fondsmanagern gleich, würden wir anders mit der Artenvielfalt umgehen. Naturreichtümer sollten clever behandelt werden, und so zeigt Frank Figge in seiner Studie „Biodiversität richtig managen“, dass die Zeit reif ist, mit unserer natürlichen Lebensbasis nicht dümmer zu verfahren als mit einem x-beliebigen Pensionsfonds. Inzwischen weiß jeder Kleinanleger, dass man Risiken streuen muss. Oder würden Sie etwa die Alterssicherung alleine einer Telekomaktie anvertrauen? Der Ökonom und Nobelpreisträger James Tobin (die Idee der Tobinsteuer stammt von ihm) hat es auf den Punkt gebracht: „Packe niemals alle Eier in einen Korb!“ Doch was machen Agromultis und multinationale Konzerne? Ganze Urwaldregionen mit ihren zigtausend Spezies werden gerodet, um Eukalyptusplantagen oder Viehweiden anzulegen. Man tauscht Vielfalt gegen Einfalt!  Das ist kurzsichtiges Profitdenken unter Hochrisiko. Was, wenn ein Parasit die Plantagen vernichtet oder der Rinderpreis in den Keller sackt? Der mögliche heilpflanzliche und touristische Nutzen solcher Gebiete ist dann zerstört. Es gibt keine Optionen mehr. Kein Fondsmanager würde sich in eine solche Situation begeben. Denn um Risiken klein zu halten, verteilt er seine Anlagen. Diversifizieren, wie es in der Branche heißt. Genau das müsste auch im Umgang mit unseren biologischen Schätzen geschehen. Würden sie wie ein Aktienfonds gehandhabt, ließe sich die Artenvielfalt weit effektiver erhalten.


An dieser Stelle sei nochmals auf die Folge eins der Öko-Rubrik hingewiesen, in der zu lesen war, dass in unserer Generation mehr Arten auf die Sterbeliste gerückt sind als in der gesamten Artengeschichte der Menschen zuvor. Nach den Schätzungen des WWF, Artenschutzexperte Norbert Gerstl, sterben pro Jahr weltweit 27 000 Arten aus, das sind 74 pro Tag. Die größte Bedrohung für viele Tiere ist der Verlust des Lebensraumes, besonders durch die Land- und Forstwirtschaft und Fischerei. Der Verlust einer Art löst jedoch eine Kettenreaktion aus (siehe Grafik über das ökologische Gleichgewicht). Als Beispiel dafür sei das fast völlige Verschwinden der Korallenriffe in der Karibik angeführt (an vielen Stellen überlebten nur 2% der Korallen). Die Korallenriffe wurden von Algen überwuchert, nachdem eine Algen fressende Art nach der anderen eliminiert wurde.


Biodiversität ist die Zukunftsversicherung unseres Planeten. Je mehr Tier- und Pflanzenarten in möglichst vielen Exemplaren und Varianten vorkommen, desto höher sind ihre Anpassungs- und Überlebenschancen und damit auch der mögliche Nutzen für die Menschheit.

 

Mit dem Marktwert der Natur argumentieren


Wenn jedoch unsere Entscheidungsträger, Minister und Konzernvorstände vor allem in Geldwerten denken, ist es für die Erhaltung der Artenvielfalt wahrscheinlich sinnvoller, mit dem Marktwert der Natur zu argumentieren.


Alleine den jährlichen Marktwert von Produkten aus genetischen Ressourcen beziffern Umweltökonomen auf 500 bis 800 Milliarden US-Dollar (Ten Kate/Laird 2000). Eine Untersuchung des gesamten Ökosystems Erde schätzt den jährlichen Nutzen sogar auf unvorstellbare 16 bis 65 Trillionen Dollar. Ist es wirtschaftlich sinnvoll, Tausende von Arten im Regenwald auszurotten, für Essstäbchen (Japan ist der größte Verbraucher von Tropenholz, vor allem für Wegwerf-Essstäbchen), Klosettpapier und Eisenbahnbohlen oder für Bau- und Möbelholz (in den waldreichen Ländern wie Österreich, Deutschland, Schweiz, usw.)? Werfen nicht gesunde Großbiotope längerfristig viel höhere Gewinne ab? Sind das nicht Genreserven für Rückkreuzungen? Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es ganz wichtig, dieses enorme Vermögen zu sichern, eben mit dem Portfolio Natur.

 

Ist Risikovorsorge für Naturvermögen weniger wichtig als bei Wertpapieren?


In Deutschland würde ein Verwalter von Wertpapierfonds ins Gefängnis gehen, wenn er mehr als zehn Prozent des Fondswertes in ein einziges Wertpapier anlegt! Ebenso gibt es auf EU-Ebene Vorschriften, die die Streuung zwecks Risikominimierung gesetzlich fordern. Es wäre daher in Österreich, Deutschland oder in der EU sinnvoll, eine Mindestvielfalt, einen Mindestmix an agrarischen Tier- und Pflanzenarten festzuschreiben. Es dürfte dann nicht mehr vorkommen, dass in den Ställen zu 80 oder 100 Prozent nur eine Schweine- oder Rinderrasse steht. Wie kann man jedoch die Bauern dazu bringen, auf ökologisch wertvolle Rassen bzw. Pflanzen umzusteigen und nicht alleine auf Turbokuh und Megamais zu setzen? Einfach durch Umschichtung der Fördermittel. Was der Turbokuhbauer aus dem Steuersäckel weniger erhält, fließt dann jenem Züchter zu, der mit weniger gewinnträchtigen Rindern den Artenreichtum garantiert – als Ausgleichsbonus. Weltbank und Internationaler Währungsfonds sollten oder müssten ihre Kreditvergabe an die Existenz von Biodiversität-Portfolios knüpfen. Ein tropischer Küstenstaat bekäme nur dann Gelder, wenn ein Portfolio-Experte die artenreichen Korallenriffe managt. Wie? Durch risikoarme

Mischnutzung aus Fischerei, Tourismus und als Reservoir für die Meeresmedizin, oder Portfolio-Experten der EU-Länder würden aus der Anzahl der Getreidesorten und den Ernteschwankungen errechnen, wie risikoreich der heutige Getreidesortenmix ist. Rasch würde sich herausstellen, dass mehr Artenvielfalt die Erträge auf Dauer besser sichert.

Doch nach wie vor ist die Weltwirtschaft ein globales Casino. Das Weltwirtschaftssystem zerstört nachhaltig Naturvermögen und damit die menschliche Lebensgrundlage! Dabei sind 97% der Transaktionen auf den Devisenmärkten spekulativ. Kein Wunder, dass Menschen gegen eine solche Form der Globalisierung und gegen ein globales Wirtschaftsregime westlicher Konzerne kämpfen. Die Biodiversität-Portfolios, und auch die Tobinsteuer, sind eine Forderung der Globalisierungsgegner. Die wichtigste globalisierungskritische Organisation ist die Gruppe ATTAC (Association pour une Taxation des Transactions financières pour l’Aide aux Citoyen – Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohle der Menschen). ATTAC sieht sich als Netzwerk für eine demokratische Kontrolle der Finanzmärkte, sucht nach Lösungen für die weltweiten Probleme (Artenschwund) und will den Globalisierungsprozess sozial und ökologisch verträglich gestalten.

 


Literatur:

• H. Gupfinger – G. Mraz – K. Werner: Prost Mahlzeit!, Österr. Ökologie Institut, Deuticke 2000
• Th. Worms: Portfolio Natur in „Natur & Kosmos“, Juni 2002
• M. Fusko: Gerechter Handel für diese  Welt in „Die neue Umwelt“, Jänner 2002

Autor: Werner Schmidt

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 90

 
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