Bewegen Sie sich leichtfüßig über die Erde?
Bewegen Sie sich leichtfüßig über die Erde, und hinterlassen Sie möglichst wenig Spuren, oder ist Ihr ökologischer Rucksack so schwer, dass Sie dieser Erde einen bedeutenden ökologischen Fußabdruck aufdrücken? Kultur umfasst die gesamte Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten. Das war der Schlusssatz der ersten Folge der Öko-Rubrik.
Die Ernährung ist der zentrale Bereich der Daseinsgrundfunktion „sich versorgen”. Es steht außer Zweifel: Ernährung ist, global gesehen, das mit Abstand wichtigste Thema des 21. Jahrhunderts. Auf der einen Seite steht die Notwendigkeit, einer rasch wachsenden Weltbevölkerung ausreichend Nahrung zu verschaffen und diese auch noch gerecht zu verteilen, auf der anderen Seite verursachen Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie die gravierendsten Umweltschäden. Neben dem enormen Flächenverbrauch von Ackerbau und Viehzucht – die Siedlungsfläche der Kontinente beträgt 0,5 %, die landwirtschaftlich genutzte Fläche 40 %, davon 2/3 als Weideland – bedroht die Landwirtschaft die natürliche Artenvielfalt, Industrie und Verkehr spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Etwa 15 % des globalen Treibhauseffektes gehen auf die Landwirtschaft zurück, an die 20 % des Treibhauseffektes durch Methangas werden von der Nutztierhaltung verursacht. Nicht die Ernährung der Menschenmassen ist heute das große Problem, sondern die ihrer Nutztiere. Dies, weil die Massentierhaltung, die vorwiegend von den Industrieländern praktiziert wird, eine gigantische Kalorienvernichtung darstellt. Für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch werden neun Kilo Getreide benötigt. Obendrein landen 40 % der Getreideernte und 20 % des Fischfanges nicht direkt als Lebensmittel auf dem Tisch, sondern als Futtermittel im Trog (siehe Grafik).
Für den Klimahaushalt wichtige Tropenwälder werden zur Gewinnung von Agrarflächen und Rohstoffen ab-geholzt. Ein Großteil davon dient der Versorgung der reichen Industrieländer. 15% des Treibhausgases CO2 gehen auf diese Abholzungen zurück. Die globale Zahl der Nutztiere hat die 20-Milliarden-Grenze überschritten – eine tierische Bevölkerungsexplosion. Wer von den Entwicklungsländern weniger Kinder fordert, sollte erst einmal den eigenen Stall ausmisten und die Massentierhaltung einschränken oder darauf ganz verzichten.
Ernährungs- und Agrarwende sind unumgänglich!
Die heutige Landwirtschaft steckt, wie schon gezeigt wurde, in einer tiefen Krise und stolpert von einem Skandal in den nächsten (BSE, Hormone, Antibiotika, Dioxin, usw.).
Neben Umwelt- und Klimazerstörung sowie Artensterben produziert sie sinnlose Überschüsse, stellt immer weniger Arbeitsplätze zur Verfügung und verliert auch noch den letzten Rest von Akzeptanz bei der Bevölkerung, die nicht mehr länger riesige Subventionen – 46 % des EU-Haushaltes fließen in die Landwirtschaft – in ein kaputtes System investieren möchte.
Mit schuld an der Agrarmisere sind zu einem beträchtlichen Teil wir, die Konsumenten in den Industrieländern. Abgesehen davon, dass viel zu viel Fleisch am Speisezettel steht, gab es bisher drei Kriterien für die Produktion von Fleisch: erstens billig, zweitens billig, drittens billig. Damit blieb bislang die Qualität auf der Strecke. Was wir brauchen, ist eine neue Esskultur und eine Ernährungswende, welche die Voraussetzung für die unumgängliche Agrarwende ist. Solange aber dem Konsumenten seine Nahrung „wurscht“ ist, bleibt alles beim Alten. Wie werden bei uns Nutztiere gehalten? Bisher kamen die Würstchen aus der Dose, die Milch aus der Tüte (Packerl) und die Hamburger aus der Styroporschale. Viele Verbraucher hatten nicht die geringste Ahnung, wie ihre Grundnahrungsmittel hergestellt werden. Dabei geht es um ein System, in dem Tiere und der Boden nichts weiter als Produktionsfaktoren sind, die es maximal auszubeuten gilt. Heute arbeiten die Deutschen für Roulade, Kotelett oder Wurst nur noch halb so lang wie vor 30 Jahren. Musste ein Industriearbeiter 1970 für 1 kg Rindfleisch zwei Stunden arbeiten, war es 1998 nicht einmal mehr eine Stunde. Weil Schweinsschnitzel oder Hühner eben immer weniger kosteten, mussten Bauern und Mäster, wollten sie überleben, immer mehr Tiere mit noch billigerem Futter (Tiermehl) und allen möglichen Hilfsmitteln zur Schlachtreife bringen. 700 Mastschweine im Stall bringen heute gerade ein Jahreseinkommen von 29 400 Euro. Wachsen oder weichen war und ist die Devise in der Landwirtschaft.
Das Huhn für 3 Euro ist praktizierte Tierquälerei
Was bis jetzt tabuisiert wurde, die Haltung, Tötung und Zurichtung unserer Nutztiere, kam durch die BSE-Krise ans Tageslicht und in unser Bewusstsein. Wir spüren, was wir den Tieren angetan haben. Nicht nur der Bauer, sondern vor allem der Verbraucher. Wir hatten seit 20 Jahren die Wahl. Das Hühnchen für 3 Euro aus der industriellen Quälhaltung oder für 8 Euro vom Biohof, das Schnitzel für 73 Cent vom Spaltboden mit Turbofutter und Arzneicocktail oder um den doppelten Preis vom Bauern aus ökologischen Anbauverbänden. Mehr als 90 % aller Verbraucher haben sich erbarmungslos für die vermeintlichen Schnäppchen entschieden.
Die biologische Landwirtschaft und die Lebensmittelverarbeitung sind durch Gesetze geregelt. Es gibt sehr genaue Bestimmungen für den Anbau der Rohstoffe, die Tierhaltung, die Verarbeitung und für die Zusatzstoffe: Natürliche Düngung – kein Kunstdünger, Fruchtwechselwirtschaft, keine chemischen Schädlingsbe-kämpfungsmittel, artgerechte Tierhaltung, keine Medikamente, keine Beruhigungsmittel und Wachstumsförderer, mindestens 80 % eigene Futterproduktion. Die Größe des Auslaufs ist detailliert festgelegt, mindestens die Hälfte des Stalles muss aus festem Boden bestehen, Liegeflächen mit trockener Einstreu müssen vorhanden sein. Nur wenige Zusatzstoffe sind gestattet, im Gegensatz zur konventionellen Landwirtschaft, bei der mehrere hundert erlaubt sind. Klasse statt Masse heißt ganz einfach: Bio-Bauern müssen für ihren Mehraufwand und ihre wertvolle Arbeit ausreichend bezahlt werden. Dabei müssten die Westeuropäer nur bereit sein, ein bis zwei Prozent mehr als bisher für Lebensmittel auszugeben, also statt bisher 12 % künftig 14 %. Deutsche Konsumenten geben heute mehr Geld fürs Auto aus als für Lebensmittel. Ein Liter Motoröl ist uns mehr wert als ein Liter Salatöl. Alle Berechnungen, dass wir unsere Landwirtschaft zur Gänze auf Öko-Landbau umstellen könnten, bleiben graue Theorie, wenn Verbraucher nicht kosten- und gesundheitsbewusster werden.
Hasen würden Bio kaufen!
Der Biobauer Dietmar May (70-ha-Hof) erzählt gerne ein Erlebnis. Eine Kundin kaufte Öko-Karotten (Möhren). Er war erstaunt, weil die Frau in einer Aldi-Tüte schon Karotten bei sich hatte. „Für wen sind denn diese konventionell angebauten Karotten?“, wollte der Biobauer wissen. „Diese essen wir selbst, und Ihre Karotten bekommt der Hase“, antwortete die Frau, „der frisst nämlich keine anderen!“ Mays Beobachtung wird von Wissenschaftlern des Ludwig-Boltzmann-Institutes in Wien bestätigt.
Bio-Lebensmittel tragen im Normalfall nicht nur zu unserer eigenen Gesundheit bei, sondern auch in erheblichem Maß zur Gesundheit unserer Umwelt. Intakte Ökosysteme sind für uns und spätere Generationen notwendig. Die Landwirt-schaft leistet dazu einen wesentlichen Beitrag, da unser Wasser sauberer, die Böden fruchtbarer sowie Flora und Fauna vielfältig und stabil bleiben. Die Zukunftssicherung der Landwirtschaft durch ihre Ökologisierung ist der Kulturauftrag einer ganzen Generation und ein Beitrag, sich leichtfüßig über diese Erde zu bewegen.
Autor: Werner Schmidt
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 88)
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