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Die esoterische Bedeutung der Mumifizierung

Wozu die Mumifizierung und Grabbeigaben dienten


 

Die Ägypter waren in der Geschichte nicht das einzige Volk, das seine Toten mumifizierte; auch andere alten Völker führten Mumifizierungen durch, wobei sie jedoch andere Techniken benutzten. Die Mumifizierung war in Ägypten nicht mit dem Glauben an die „fleischliche Wiederauferstehung" gekoppelt, wie viele heute annehmen.

 

Leben und Tod stellten für die Ägypter nichts anderes als zwei Seiten ein und derselben Münze dar. Es gibt nur „Leben"... es bewegt sich auf seinen zwei Füßen: dem Leben und dem Tod... und dieser Zyklus wiederholt sich, solange es noch Wege zu beschreiten gibt, um schließlich mit der Weltseele, dem Solaren Geist, Amon-Ra zu verschmelzen, in welchem - im kosmischen Zusammenhang -  der König der Welt wohnt: Osiris der Einbeinige.

 

Der Überlieferung nach nahm die prähistorische Gottheit Anubis die erste Mumifizierung am Leichnam des Osiris vor. Osiris war von Seth, der Differenzierung, getötet und zerstückelt worden. An der Mumifizierung nimmt die Magierin Isis, die Schwester-Gattin des Osiris, teil. Dabei kann das Geschlechtsteil des Osiris jedoch nicht gefunden werden (dies ist die Erklärung für bestimmte Verstümmelungen, die man an Mumien festgestellt hat). Horus der Ältere, der Große Vogel des Geistes, findet es. Er trägt es in seinen Krallen und berührt mit seinem Flügel die Schulter der Jungfrau Isis, die dadurch befruchtet wird und Horus den Jüngeren gebiert. Der Phallus des Osiris verschwindet im Nil und ist seitdem mit dem Fluß identisch. Horus der Ältere kehrt in seine kosmische Wohnstatt zurück, und Isis schenkt ihrem Sohn, der wie alle Gottessöhne jungfräulich geboren wird, Wun-derkräfte, um die Erde mit dem Himmel zu vereinen. Dies spiegelt sich im Namen Is-is selbst wider: Stufe-Stufe, d.h. Treppe. Horus der Jüngere bekämpft Seth, den Mörder seines Vaters, der zugleich der Bruder des Osiris ist. Daraufhin versteckt sich Seth in den Sümpfen und wird dort zu Sobek, dem Krokodil-Gott. Im Kampf verliert Horus ein Auge, doch dieses Auge erfüllt sich mit eigenem Leben und wird zu Udjat, dem schützenden Auge mit seiner ewigen Träne des Mitleides für die Lebenden.

 

Dieses Mysterium vollzogen die Ägypter auf Erden als Ritus nach.

Sobald im alten Ägypten ein Pharao, ein Prinz, eine Prinzessin, ein Priester oder Würdenträger gestorben war, unterzog man den Leichnam einem langen und äußerst komplizierten Prozeß. Man half ihren Seelen, indem man diese in eine Statuette oder Krug „stellte" (Vielleicht kommt daher das arabische Märchen vom Genius, der in einer Flasche eingesperrt wird).

 

Man behandelte den Körper durch rituelle Reinigungen von innen und von außen mit keimtötenden Substanzen, welche durch alle Öffnungen eingeführt wurden, jedoch nicht durch Mund, Augen und Ohren. Nachdem man mit großer Kunstfertigkeit den Gewebeteil der Nase entfernt hatte, entnahm man durch die Nasenöffnung mit einem besonderen Haken das Gehirn. Die Innereien, einschließlich Herz und Lungen, entfernte man durch die linke Bauchseite. Nachdem man diese Organe durch zahlreiche Bäder und Waschungen vollkommen gereinigt und sie mit duftenden Essenzen behandelt hatte, wurden sie in vier Gefäßen oder Krügen aufbewahrt. Die Griechen nannten diese Behälter Kanopen. Auf ihren Deckeln waren die vier Söhne des Horus (die vier Elemente, die vier Kräfte) dargestellt: Duamutef, mit dem Kopf eines Schakals; Kebechsenuf, mit dem Kopf eines Vogels; Hapi, mit dem Kopf eines Affen (Kynokephalos); und Imset, mit dem Kopf eines Menschen. Letzteren pflegte man im Neuen Reich mit dem Kopf des Verstorbenen darzustellen. Dies ist auf einem Ausstellungsstück im Ägyptischen Museum in Kairo zu sehen (Stück Nr. 3610), das im Grab des Tutanchamun gefunden wurde. Das Gesicht ist höchstwahrscheinlich für Smenkarhe umgestaltet worden, da diesem Grab viele Gegenstände beigegeben wurden, die keinen direkten Bezug zu dem bestatteten Pharao hatten.

 

Diese vier Gefäße stellte man in eine kleine Truhe, die für diesen Zweck vorgesehen war, wo sie senkrecht und voneinander getrennt standen. Dem Verstorbenen sowie dem Gott Ra standen fünf Genien bei; vier von ihnen waren in den Gefäßen, und der fünfte wurde im Sarkophag an der Mumie befestigt. Der sechste Genius, der mit Osiris in Beziehung stand, half dem Ka, dem „Doppel", aus der Gefangenschaft des Körpers zu entkommen, und zwar durch die „falsche Tür" des Grabes (siehe philosophisches Lexikon). An dieser fand man magische Inschriften; in einem persönlich überprüften Fall sogar hochmagnetische Fragmente eines Meteoriten. Der siebente Genius war von höchst esoterischer Bedeutung: Er hatte eine bestimmte Aufgabe bei der Wägung des Herzens und wurde niemals genannt.

 

Der so vorbereitete Körper wurde sorgfältig mit schier unendlich langen, zeremoniell geflochtenen Binden aus königlichem Leinen umwickelt.

Darauf sowie auf Kapuzen und Totenhemden aus Keramiknetzen befestigte man magische Sätze und Amulette, die den Körper daran hindern sollten, der Seele nachzufolgen. Schließlich wurden beide Beine so zusammengebunden, als ob sie eines wären, wodurch der Körper die osirische Stellung erhielt. Man entfernte die Haut der Fußsohlen und ersetzte sie durch Sandalen aus Papyrus oder königlichem Leinen, auf die man manchmal Augen malte, damit der Verstorbene keinen falschen Schritt zu machen konnte. Man ersetzte das fleischliche Herz durch ein Herz aus Keramik, Stein oder einem anderen geweihten Material, damit sich an dieser Stelle ein nicht-fleischliches Symbol der Wiederauferstehung befand. Die Arme wurden je nach Geschlecht und Epoche, in der man die Einbalsamierung vornahm, in verschiedenen Stellungen gekreuzt.

Einbalsamieren bedeutet „mit Balsam tränken".

 

Die Tatsache, daß die verstorbene Person an ihrem Körper Zeichen der Wiederauferstehung trug und neben ihr Waffen, Möbel, Nahrung und Getränke aufgestellt wurden, führte später zu einer falschen Vorstellung. Man schloß daraus, daß die Ägypter den Körper vorbereiteten, damit er am Jüngsten Tag wie ein „Roboter" neu ersteht und die Freuden des fleischlichen Lebens wieder genießen konnte. Eine solche Vorstellung hätte sowohl die Priester wie auch das ägyptische Volk entsetzt. Nur in einer so materialistisch orientierten Gesellschaft, wie wir sie gerade erleben, versucht man, Menschen einzufrieren in der Hoffnung, sie eines Tages, wenn man die medizinische Lösung für ihre Krankheiten gefunden hat, wieder ins Leben zu rufen.

Sie würden jedoch in ein Leben zurückkehren, das vollständig von seiner ehemaligen natürlichen Umgebung getrennt und darüber hinaus vergänglich wäre. Die Ägypter teilten auch nicht den späteren christlichen Glauben an die „Wiederauferstehung des Fleisches", denn ihre tiefe Beobachtung der Natur hatte sie das Gesetz der Zyklen und das Gesetz der Erneuerungen (Reinkarnationen) ein und derselben Seele gelehrt; jedoch mit einem neuen, gesunden und jungen Körper.

 

Dieses Ritual, das auf der Erde durchgeführt wurde, hatte die Aufgabe, sich auf der „anderen Erde" oder dem Amenti widerzuspiegeln. Die Ägypter beschränkten sich nicht darauf, Tempel und Wege auf dieser Erde zu konstruieren, sondern bauten diese auch auf der „anderen". Dies können wir an den Landkarten des Amenti sehen, die in so vielen Särgen und in ihren heiligen Büchern zu finden sind. Dort findet man Ratschläge für die Seele, damit sie durch die „Tore der Widrigkeit" dieses und des anderen Lebens hindurchgehen kann.

 

Als Beispiel für das Leben der Seele möchte ich folgende Fragmente aus demselben Buch zitieren, welches Totenbuch genannt wird und das mit dem „Buch der Türen" in Verbindung steht:

Das Hinaustreten der Seele ins volle Tageslicht

Die Himmelspforten sind mir geöffnet,

Der Erde Pforten widerstehen mir nicht mehr...

Zieht den Riegel  der Geb-Pforte zurück! 1

Laßt in die Erste Region mich dringen!

Die Arme, die unsichtbar mich

Auf Erden beschützten,

Die meine Schritte gelenkt,

Sie gehen auseinander in Ferne... 2

Vor mir das Land mit Kanälen und

Strömen;

Ich kann es beliebig durchstreifen.

Meines Herzens «Ib», meines Herzens «Hati»,3

Bin ich Meister und Herr;

Meiner Arme und Beine, meines Mundes Herr,

Meister ganz meines Körpers,

Meister der Opfer, den Toten gespendet,

Meister der Wasser, der Luft, der Kanäle,

der Ströme,

Meister der Erde, Herr ihrer Furchen,

Meister der magischen Wesen, 4

die in der Unterwelt wirken für mich.

Ich bewahre die vollkommene Herrschaft

über alles, was mir auf Erden befohlen wird.

Ihr, göttliche Geister!

Habt ihr nicht vor mir diese Worte

gesprochen:

«Am ewigen Leben hat er Anteil:

Geb‘s geweihtes Brot soll er genießen!»

Wohlan, halt von mir die Dinge fern, die ich verabscheu‘!

Mein Brot sei aus weißem Korn, 5

Aus roten Korn mein Trank mir bereitet.

Unter der Palme, dem heiligen Baume der Hathor,

Verweil‘ ich am geheiligten Ort.

Seht, wie der Sonnenscheibe Fürstin,

Thot‘s Buch der heiligen Worte in

Händen, 6

Schnell sich Heliopolis naht! 7

Wahrlich, bin ich Herr meiner Herzen «Ib» und «Hati»,

Meiner Arme und Beine, meines Mundes Herr,

Meister ganz meines Körpers,

Herr der Opfer, den Toten gespendet,

Meister des Wassers, der Luft, der

Kanäle und Ströme,

Meister der Erde, Herr ihrer Furchen,

Meister der magischen Wesen,

die in der Unterwelt wirken für mich.

Ich bewahre so die vollkommene

Herrschaft

über alles, was auf Erden und in der

inneren Welt mir befohlen.

Rechts einen Platz zugewiesen, beweg‘ ich mich linkswärts;

Links hingeleitet, schreit‘ ich zur Rechten.

Aufrecht oder sitzend ersehn‘ ich den

erquickenden Atem der Luft ...

Meine Zunge und Mund: Sie sind meine Führer. 8

 

Das höchste Streben der Seele war zweifellos darauf gerichtet, für eine sehr lange Zeit nicht auf die Erde zurückkommen zu müssen, auch wenn man wußte, daß - außer im Falle höherer

Wesen - die Rückkehr unvermeidbar war. Die Seele hatte sich noch nicht genug vervollkommnet, um sich in reines geistiges Licht zu verwandeln.

 

Die Grabbeigaben, egal welcher Art, wurden nicht zwecks ihrer physischen Verwendung beigestellt. Da die Ägypter glaubten, daß alle Dinge einen Doppel besaßen, hinterließ man sie dort, damit ihre Doppel die Seele begleiteten und ihr auf dem langen Weg dienten; die Seele mußte diesen Weg, analog der unterirdischen oder besser okkulten Sonne, in der Finsternis zurücklegen. Deshalb brachten die Totenzüge während der Bestattungsvorkehrungen Beigaben für die Seele in Form von Nahrung. Der materielle Teil dieses Essens wurde dann von den Anwesenden, wie bei einer Kommunion, verzehrt. Nur die Nahrung, die im unzugänglichen Teil des Grabes aufbewahrt wurde, wurde nicht angerührt. Doch wir wissen, daß in den Grabtempeln und den Grabmälern im Tal der Toten, in dem „anderen Theben", die Priester der Anubis-Bruderschaft Umzüge organisierten, die Opfergaben in Form von Blumen, Düften, Getränken und Speisen für die mumifizierten Pharaonen brachten und dafür die ersten Kammern als Tempel benutzten. Nach Abschluß der Zeremonie entfernte man nur jene materiellen Gegenstände, die, wie man glaubte, von ihrem Doppel „entladen" waren. Diese wurden rituell zerstört und in naheliegenden Gruben bestattet (Moderne Archäologen haben mehrere davon freigelegt). Handelte es sich jedoch um Nahrungsmittel, dann überreichte man sie jenen, die am Umzug teilgenommen hatten, sowie den tapferen Wächtern des Tales. Trotz des sorgfältigen Ausräumens der „Geschenke" für die Seele, deren Körper am Ende des langen Grabganges ruhte, fanden die ersten Archäologen kleine zurückgelassene Zeugen dieser Verabschiedungszeremonie. Die rührendsten waren kleine Blumenkränze, ähnlich wie auch heute noch die Muslime sie bei den heiligen Festen des Ramadan benutzen.

 

Von den Litaneien und magischen Sprüchen, derer sich die Priester bei den Totenfesten bedienten sowie Kenntnisse, die sie besaßen über das, was mit der Seele bei der Exkarnierung geschieht, ist fast nichts mehr erhalten geblieben. Wir wissen nicht, worauf dies zurückzuführen ist, ob auf das absichtliche Verbergen dessen, was sie für heilig und geheim hielten, oder ob wir es der menschlichen Torheit zuschreiben sollen, die nicht einmal davor zurückschreckte, die Thermen Alexandriens mit dem Feuer von Millionen Papyri zu heizen.

 

Wie schon oben ersichtlich, sind Fragmente über den symbolischen Gang der Sonne-Seele durch die „zwölf Türen" oder „nächtlichen Stunden" erhalten geblieben. Einiges davon können wir im sogenannten Totenbuch bzw. Buch des Verborgenen Aufenthaltes (Duat) vorfinden, um nur das zu zitieren, zu dem wir leichteren Zugang haben. Es ist seit der Epoche des Tuthmosis I. bekannt und enthält Anweisungen für dieses und das jenseitige Leben sowie Streckenmarkierungen der okkulten Wege. Das Buch der Türen lehrt, wie man die zwölf Tore durchschreitet und ist seit Haremheb bekannt. Erwähnenswert sind auch das Buch der Sonnenlitaneien, wo der Sonnengott mit 65 verschiedenen Namen angerufen wird, und das Buch der Mundöffnung, welches die magischen Verfahren über die Statue und den Körper der verstorbenen Person beschreibt.

 

Zu der Zeit, in der wir dies schreiben, sind dies die wichtigsten uns verfügbaren Bücher. Sie sind uns nur durch Versionen aus dem Neuen Reich und sogar durch noch spätere bekannt. Wir wissen nichts von früheren Fassungen, außer durch Papyrusstücke, welche die Fachleute meistens nicht einmal mit „Den Büchern" in Beziehung bringen können. Wie dem auch sei, das Geheime wird weiterhin geheim bleiben, und es ist gut, sich daran zu erinnern, daß die wichtigsten Deutungsschlüssel niemals niedergeschrieben wurden. Sie gingen vom Mund des Einweihenden zum Ohr des Einzuweihenden über. Und wenn sie festgehalten wurden, dann bestenfalls unter einfachen Reihen geometrischer Figuren einer universellen Sprache;einige davon übernahm die hieratische Schrift der Hieroglyphen.

 

Fußnoten:

 

(1) Geb, Gott der Erde, spielt eine wichtige Rolle im Jenseits, indem er die ersten Schritte des Verstorbenen schützt.

 

(2) Anspielung auf die Freiheit und Verantwortung, die der Eingeweihte auf sich

genommen hat.

 

(3) "Hati" ist die Vergangenheit, das festgelegte Karma, das physische Herz, das unbewußte und instinktive Leben. Das zukünftige Schicksal, die Möglichkeit, ist "Ib", das bewußte Herz, voll von Erstrebungen und Wünschen, in dem der klare Wille und das moralische Gewissen lebt.

 

(4) Diese Wesen sind Statuetten, die man in den Gräbern mit menschlichen, tierischen und anderen Formen findet und die man unter dem Namen Uschebti („die, die auf die Rufe antworten") kennt. Auf magischen Wegen wurden sie beauftragt, alle dem Verstorbenen im Jenseits, in der Unterwelt auferlegten Arbeiten, zu erledigen.

 

(5) Die Kommunion in beiden Formen (fest und flüssig) wurde mittels der Symbole der entsprechenden Farben ausgedrückt: Sonne (rot), Mond (weiß).

 

(6) Gott sowohl des schöpferischen und magischen (Logos) als auch des geschriebenen Wortes.

 

(7) Die Angaben von geographischen Orten beziehen sich nicht auf das irdische Ägypten, sondern auf ihre Vorbilder im Jenseits, von wo aus sie sich widerspiegeln.

 

(8) Der Mund und die Zunge (auch die Luftröhre) sind die Organe des magischen Wortes, das von Thot vervollkommnete und gegebene Instrument; es ist die Kampfwaffe par excellence des Verstorbenen.

 

Autor: Jorge Angel Livraga Rizzi

Auszug aus dem Buch „Theben" von Jorge A. Livraga Rizzi, erschienen im Verlag Neue Akropolis (1988). Er gründete 1957 die Internationale Organisation Neue Akropolis

 

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 74)

 
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