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Prinzipien der hermetischen Philosophie

 

Zeitloses, erhaltenswertes Wissen in kompakter Form wiederzugeben… das ist der Antrieb dieses Artikels, der sich mit den „sieben hermetischen Prinzipien“ auseinandersetzt. Sie sind als Grundlage der hermetischen Philosophie aufzufassen.  Als Quelle dient das Kybalion. Ursprünglich eine traditionelle Bezeichnung einer mündlich überlieferten Sammlung hermetischer Lehren wurde unter demselben Namen ein kleines Buch herausgegeben. Der folgende Artikel versteht sich als Anstoß, Neugier und Interesse zu wecken, und nicht eine absolute Wahrheit zu verkünden.

Die hermetische Philosophie geht zurück auf Hermes Trismegistos. Er war ein Weiser, der als „Lehrmeister aller Naturforscher“ und als „Meister des frühen Menschheitsgeschlechts“ angesehen wurde. Er soll ca. 3000 v.Chr. in Ägypten gelebt haben und wurde von den Ägyptern als Gott Thot verehrt. Seine Erkenntnisse bündelte er in einer hermetischen Schule, für deren Lehrern das Konzept der Abschließung und Verschwiegenheit galt. Noch heute wird das Wort „hermetisch“ in dieser Bedeutung verwendet. Die Weitergabe des Wissen der hermetischen Philosophie sollte, wie bei allen initiatischen Schulen üblich, nur von „Lippe zu Ohr“ erfolgen und nur denjenigen erreichen, der dazu bereit sei: „Wenn die Ohren des Schülers bereit sind zu hören, dann kommen die Lippen, sie mit Weisheit zu füllen.“  Diese Weisheit beeinflusste die großen Religionen und Philosophien des Westens wie Ostens.

 

1. Das Prinzip der Geistigkeit

„Das All ist Geist, das Universum ist geistig“

 

Jeder Mensch, der sich in seiner Welt umschaut und die Dinge verstehen will stellt sich irgendwann unweigerlich die Frage nach dem „Wer oder Was steht hinter allem?“  Wir erleben eine Wirklichkeit, in der sich alles verändert, nichts still steht, alles wird geboren, wächst und stirbt. Das einzig Dauerhafte ist der Wechsel, aber diesem Wechsel muß eine Kraft zugrundeliegen, eine Realität, die nicht dem Gesetz der Veränderung unterworfen ist, sondern Substanz besitzt.  Diese substantielle Realität hat viele Namen, wir kennen sie unter dem Namen „Gott“, die Hermetiker nennen sie „das All“. Das All ist unerkennbar, unendlich und deswegen nicht zu begreifen. Jeder, der versucht, die Geheimnisse des Unendlichen zu lüften, dem All Eigenschaften, gar menschliche, oder  auch bestimmte Wünsche zuzuschreiben, der befindet sich in einem Hamsterrad, tritt immer an der Stelle und kommt nicht vorwärts. Trotzdem hat jeder Mensch eine intuitive Erkenntnis der Existenz des Alls und die Beziehung des Menschen zu ihm. Das nennen wir heute Religion. Auch können gewisse, generelle Wahrheiten über die Natur des Alls beschrieben werden:

- Das All muß alles sein, was wirklich existiert; wenn es etwas außerhalb gäbe, dann wäre das All nicht das All.

- Das All muß unendlich sein, also unendlich in der Zeit oder ewig, unendlich im Raum oder überall und unendlich in der Kraft sein. Es gibt nichts was das All einschränken, begrenzen oder stören könnte.

- Das All muß unwandelbar sein, ist also im Gegensatz zu unserer Wirklichkeit keinen Veränderungen unterworfen.

Doch aus was besteht das All? Zur Beantwortung der Frage hilft der Grundsatz: „Nichts steigt höher als seine eigene Quelle“! Bildlich gesprochen ist beispielsweise der Fluß an seiner Quelle am reinsten und bei seinem Lauf durchs Land wird er nur verschmutzter und nicht reiner!  Im Wissen, daß im Universum Leben und Geist existieren, kann das All nicht Materie, die Materie nicht die Quelle des Alls sein; es kann auch nicht leblose Energie oder mechanische Kraft sein. Das All muß etwas sein, das höher als Materie und Energie ist. Es ist ein unendlicher, schöpferischer Geist; es wird reiner Geist genannt (gleichbedeutend mit „lebende Kraft“ oder „Lebensessenz“).

Wenn das All die schöpferische Kraft hinter allem ist, dann muß auch das Universum eine Schöpfung des Alls sein. Doch auf welchem Weg wird das Universum erschaffen? Zur Beantwortung der Frage kann das Prinzip der Entsprechung (siehe unten) herangezogen werden, indem man sich frägt: „wie erschafft der Mensch?“, und diese Erkenntnis dann auf das All überträgt. Zum einen kann der Mensch etwas mit einem Gegenstand erschaffen, doch außerhalb des Alls gibt es keine Gegenstände. Zum anderen erschafft er durch Fortpflanzung in der Vereinigung zweier Menschen. Auf das All übertragen würde dies eine Wegnahme oder ein Hinzufügen für das All bedeuten, und das ist nach Definition nicht möglich. Als dritte Möglichkeit bleibt dem Menschen nur eine geistige Schöpfung, indem er geistige Bilder erzeugt. Wir kennen das Phänomen, daß Vorstellungen so stark werden können, daß sie für manche Menschen Realität werden. Eine selbsterfüllende Prophezeiung wäre dafür ein Beispiel.  So wie der Mensch in seinem Geiste ein Universum erschaffen kann, so ist das Universum eine geistige Schöpfung des Alls!

Doch wenn Alles im Universum geistig ist, ist dann Alles um uns herum nur Illusion und unwirklich? Nach dem Prinzip der Polarität (siehe unten) hat alles zwei Seiten, und die sind hier die absolute und die relative Wahrheit.  Nach absoluter Wahrheit, also nach „Dingen, wie Gottes Geist sie kennt“, ist das Universum substanzlos und unwirklich. Jedoch vom relativen Standpunkt aus, also ausgehend von den „Dingen, wie die höchste Vernunft des Menschen sie versteht“, ist dieses Universum sehr real! Jemand, der dies leugnet, gleicht einem Hans-Guck-in-die-Luft, der nur nach oben schaut, nicht aber über seine Schritte wacht. Denn die Naturgesetze sind zwar geistiger Natur, aber für uns „eiserne Gesetze“, alles außer dem All unterliegt ihnen.

 

2. Das Prinzip der Entsprechung

„Wie oben, so unten; wie unten, so oben“

 

Ein andere, vielleicht geläufiger Ausdrucksform wäre: „Wie im Kleinen, so im Großen“. Dieses Prinzip erleichtert einem, manche Unklarheiten zu verstehen, auch verborgene Geheimnisse der Natur.  Es erlaubt den Menschen, vom Bekannten zum Unbekannten Schlüsse zu ziehen.  Beispielsweise befähigt den Menschen die Kenntnisse der Geometrie weit entfernte Sterne und ihre Bewegungen zu verstehen. Auch aus der  Struktur des Diamants oder eines anderen Kristalls kann auf die Anordnung der Atome im Kristall geschlossen werden.

Unter Zuhilfenahme des Prinzips der Entsprechung läßt sich auch verstehen, daß „das All in Allem“ ist, oder, wie es eher im christlichen Kontext heißt, „Gott ist mitten unter euch“. So wie das All das Universum, also auch uns, geistig erschuf, so  besitzt der Maler, Bildhauer oder Dichter anfangs eine Idee seiner Schöpfung. Durch die Umsetzung dieser Idee in ein Gemälde, eine Skulptur oder ein Gedicht manifestiert sich der Geist des Künstlers. Beispielsweise existiert GOETHE in der Figur des Faust, und Faust ist ein Teil von GOETHE. Und so existiert auch das Göttliche in jedem Menschen und jeder Mensch hat Anteil am Göttlichen.

Entsprechung, oder auch Übereinstimmung bzw. Harmonie, herrscht zwischen den verschiedenen Erscheinungsebenen von Leben und Sein.  Die hermetische Philosophie teilt das Universum in drei große Klassen ein, die physikalische, die geistige und die rein geistige Ebene. Dabei ist wichtig zu erwähnen, daß die Einteilung teilweise willkürlich und nur zum besseren Verständnis vollzogen wird; ebenfalls werden Überschneidungen der Ebenen zum Zwecke der Übersichtlichkeit nicht berücksichtigt.  Die drei großen Gruppen werden in sieben Ebenen unterteilt, welche jede noch einmal in sieben Unterebenen unterteilt sind. Im Folgenden werden nur die sieben Ebenen der drei großen Gruppen erläutert:

1. die große physikalische Ebene

1. Ebene der A-Materie, feste Körper, Flüssigkeiten, Gase

2. Ebene der B-Materie, strahlende Materie (Radium)

3. Ebene der C-Materie, feinste/zarteste Energie, von der Wissenschaft noch nicht entdeckt

4. Ebene der ätherischen Substanz, durchdringt den ganzen Raum des Universums, dient als Medium zur Übertragung von Energie

5. Ebene der A-Energie, Wärme, Licht, Magnetismus, Elektrizität, Anziehung

6. Ebene der B-Energie, „feine Naturkräfte“, von der Wissenschaft noch nicht entdeckt

7. Ebene der C-Energie, hoch organisierte Energie, nahezu „göttliche Kraft“

 

2. die große geistige/mentale Ebene („lebendige Dinge“)

1. Ebene der Mineralseelen, Wesenheiten (auch „Seelen“ genannt) auf niedrigem Entwicklungsstand, die die Formen der Mineralien/Chemikalien beleben

2. Ebene der Elementarseelen A,

3. Ebene der Pflanzenseelen,  Wesenheiten in der Pflanzenwelt

4. Ebene der Elementarseelen B

5. Ebene der Tierseelen, Wesenheiten der Tierwelt

6. Ebene der Elementarseelen C

7. Ebene der Menschenseelen, umfaßt die Formen des menschlichen Geistes

 

Die Elementarseelen (auch Schwellenbewohner genannt) sind mit gewöhnlichen Sinnen nicht wahrnehmbar; sie sind jedoch die notwendigen Verbindungsglieder der verschiedenen Seelen- und Wesenszustände. Ihre Notwendigkeit in Bezug auf die Lebensebenen der Minerale, Pflanzen, Tiere und Menschen läßt sich mit dem Bild der Klaviertasten erklären. Die Elementarseelen sind wie die schwarzen Tasten, die zwar nicht essentiell sind, um Musik zu machen, aber für bestimmte Harmonien und Melodien wesentlich sind.

 

3. die große rein geistige Ebene.

Diese Ebene kann nur ganz allgemein dargestellt werden. Auf diesen Ebenen befinden sich lebende Geschöpfe wie Engel, Erzengel oder Halbgötter, die Weisen oder auch Adepten genannt. Über ihnen kommen die himmlischen Heerscharen und über diesen die Götter. Jedoch sind alle diese Wesenheiten sterblich, da sie Schöpfungen des Alls sind und deshalb den Gesetzen des Universums unterworfen sind.

 

Nach dem Prinzip der Entsprechung können alle nun folgenden Prinzipien auf den gerade dargelegten Ebenen angewandt werden!

 

3. Prinzip der Schwingungen

„Nichts ist in Ruhe, alles bewegt sich, alles ist in Schwingung“

 

Das Prinzip erklärt, daß alle Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten der Substanz, der Energie, der Gedanken und auch des Geistes von den verschiedenen Graden der Schwingung abhängen. Am unteren Ende der Skala ist die grobe Form der Materie, die eine so geringe Schwingung besitzt, daß sie in Ruhe zu sein scheint. Dagegen hat die Schwingung des reinen Geistes einen so unendlichen Stärkegrad und Geschwindigkeit, das auch sie in Ruhe zu sein scheint – so wie ein reißend schnell drehendes Rad bewegungslos erscheint. Zwischen diesen Polen gibt es unzählige Grade von Schwingungen, nichts ist unbewegt.

Die Bewegung der Materie, die mit dem Auge nicht wahrzunehmen ist, findet auch in der modernen Wissenschaft Ausdruck. EINSTEIN bewies mit seiner weltberühmten Formel E = mc2, daß Energie und Materie äquivalent sind, also Materie auch als Energie aufzufassen ist. Und die Urknalltheorie geht davon aus, daß am Anfang nur reine Energie bei unvorstellbar heißen Temperaturen existierte und erst durch Abkühlung Materie entstehen konnte. Materie ist demnach kondensierte Energie, die zwar in Ruhe zu sein scheint, aber durch nachweisbare Schwingungszustände andauernde Bewegung belegt.

Wie die Teilchen immer in Bewegung sind, in Form von um den Atomkern kreisenden Elektronen oder um eine Sonne rotierende Planeten, so sind auch die energetischen Formen wie Licht, Wärme, Magnetismus und Elektrizität immer in schwingender Bewegung. Die verschiedenen Grade der Schwingung lassen sich an einem rotierendem Kreisel erklären, der sich immer schneller dreht und somit auf immer höher gelegene energetische Stufen strebt. Anfänglich hört man nur ein tiefes Brummen, doch mit steigernder Geschwindigkeit werden die Töne immer höher bis zu Tönen die dem menschlichen Gehör nicht mehr zugänglich sind; dann steigen die Wärmegrade und die Farbe wechselt von rötlich nach schließlich violett. Dann wird der Kreisel nicht mehr für das Auge wahrnehmbar, er sendet energiereiche Strahlen bevor er vollends desintegriert und der Zusammenhalt der Atome verloren geht.

Die hermetischen Lehren gehen noch weiter, indem sie sagen, daß auch geistige Zustände wie Gedanken oder Wünsche von Schwingungen begleitet sind. Jeder Gedanke, jede Erregung hat ihre entsprechende Schwingungszahl. Durch Kenntnis dieses Prinzips gelingt es dem Geist auf einen gewünschte Stufe zu polarisieren und so Kontrolle über seine Gedanken, Gefühle zu erhalten. Auf dieselbe Art kann man auch den Geist anderer beeinflussen, indem man in ihnen geistige Zustände hervorruft. Dabei wird nur auf geistiger Ebene das nachgemacht, was heute schon auf physikalischer Ebene vorgemacht wird. Diesen Bereich nennen die Hermetiker „Wissenschaft der geistigen Verwandlung“. Dabei gilt der Grundsatz: „Wenn du Deine Stimmung oder irgendeinen anderen geistigen Zustand ändern willst, so ändere Deine Schwingung.“ Das ändern der Schwingung kann dann gelingen, wenn durch Übung der Konzentration der Wille Einfluß auf die Aufmerksamkeit erhält; so kann der gewünschte Zustand festlegt werden.

 

4. Prinzip der Polarität

„Alles ist zwiefach, alles hat zwei Pole, alles hat sein Paar von Gegensätzlichkeiten…alle Wahrheiten sind nur halbe Wahrheiten; alle Widersprüche können miteinander in Einklang gebracht werden“

 

Dieses Prinzip besagt, daß die Unterschiedlichkeit von Dingen, die einander anscheinend entgegengesetzt sind, nur eine Sache des Grades ist.  Wie alles zwei Seiten hat, so sind auch reiner Geist und Materie nur die beiden Pole ein und derselben Sache und die dazwischenliegenden Ebenen lediglich Schwingungsgrade.

Einige Beispiele sollen dieses Prinzip erläutern: Wo ist auf dem Thermometer gekennzeichnet, was „kalt“ oder „warm“ ist? Es gibt keine Stelle auf dem Thermometer wo die Kälte aufhört und die Hitze beginnt. Auch Bezeichnungen wie „hoch“ und „niedrig“ sind nur relativ zu sehen. Die beiden Pole derselben Sache, wie auch „hart“ und „weich“, „stumpf“ und „scharf“ oder „Lärm“ und „Ruhe“ besetzten zwei extreme Positionen und auf der Verbindung beider gibt es unendlich viele Gradierungen. Beide Polen bedingen sich gegenseitig, sie können nicht ohne das andere Extrem existieren. So kann „Licht“ nicht ohne „Finsternis“ bestehen, „Mut“ nicht ohne “Furcht“. Auch zwei anscheinend so gegensätzliche Eigenschaften wie „Liebe“ und Haß“ sind nicht weiter als die extremen Pole derselben Sache. Wer hat noch nicht das unverständlich schnelle Umschlagen von verliebten Gefühlen in haßerfüllte Empfindung erlebt?

Der bipolare Charakter jeder Sache befähigt den Hermetiker, einen geistigen Zustand in einen anderen zu verwandeln, auf der Linie der Polarisation, der Verbindung beider Pole. Durch Entlanggleiten auf derselben Skala, also Wechsel der Polarität, kann eine geistige Umwandlung durchgeführt werden. Furcht kann in Mut, Haß in Liebe umgewandelt werden. Die Umwandlung kann natürlich nur innerhalb ein und desselben Dinges erfolgen; es kann also nicht Furcht in Liebe oder Haß in Mut gewandelt werden! Weiterhin ist es möglich, die Schwingungen durch geistige „Induktion“ zu verändern; dabei wird ein bestimmter Schwingungsgrad oder eine Polarisation auf eine andere Person übertragen und so deren Polarität in dieser Klasse geistiger Zustände geändert. Auf diesem Prinzip beruht der Erfolg geistiger Behandlung.

Diese Erkenntnis, daß alle Zustände nur eine Sache des Grades sind, befähigt jeden seine inneren Zustände (z.B. Gefühle) auf Basis des Steigerns oder Senkens der zugrundeliegenden Schwingung von einer Polarität zur anderen zu verschieben und so zum Meister seiner geistigen Zustände zu werden, anstatt sein Diener oder Sklave. Es geht um die Konzentration auf die entgegengesetzte Eigenschaft. Ein ängstlicher Mensch soll seine Zeit nicht darauf verwenden, seine Furcht abzutöten, sondern Eigenschaften des Mutes pflegen. Wenn man sich auf den positiven Pol einer Eigenschaft besinnt, so verliert sich automatisch der negative Pol. Gleichsam verliert man den positiven Pol der Freude bei langanhaltendem Kummer und dauernden negativen Stimmungen.

 

5. Prinzip des Rhythmus

„Alles fließt aus und ein, alles hat seine Gezeiten, alle Dinge steigen und fallen; das Schwingen des Pendels zeigt sich in allem; das Maß des Schwunges nach rechts ist das Maß des Schwunges nach links; Rhythmus kompensiert“

 

Stets gibt es eine Aktion und Reaktion, ein „Vor“ und „Zurück“. Das Prinzip offenbart sich in der Schöpfung und Vernichtung von Welten und Nationen (z.B. römisches Reich, ägyptisches Reich); in der Geburt, Wachstum, Reife, Niedergang, Tod und Wiedergeburt alles Lebendigen. Das Schwingen des Pendels zeigt sich in dem Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter. Auch läßt sich das Gesetz des Rhythmus auf geistige Vorgänge anwenden. Wie Ebbe und Flut zueinander gehören, so empfindet derjenige, der zu großer Freude fähig ist auch tiefe Trauer. Es ist das bekannte Prinzip, je höher jemand steigt, desto tiefer kann er fallen. Ein Mensch, der sich jedoch wenig freut, empfindet nur wenig Trauer. Das Schwingen des Pendels in eine Richtung bestimmt das Schwingen nach der entgegengesetzten Richtung, wie beim Pendel einer Uhr. Dies wird das Gesetz der Kompensation genannt. Es ist für das Leben der Menschen sehr bedeutsam, denn im allgemeinen muß man für alles was man hat, oder was einem fehlt, den „Preis bezahlen“, damit das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Die Dinge, die man gewinnt, werden immer mit denen bezahlt, die man verliert. Der Reiche besitzt viel, was dem Armen fehlt, wohingegen der Arme oft Dinge besitzt, zu denen der Reiche vergeblich strebt.

Doch kann man dem Rhythmus des Pendels entgehen? Die Hermetiker formulieren zwei hauptsächliche Bewußtseinsebenen, die niedrigere und die höhere. Sich auf die höhere Ebene erhebend können sie dem unweigerlichen Pendelschlag des Rhythmus entgehen; der Pendelschlag findet auf der unbewußten Ebene statt, das Bewußtsein jedoch bleibt davon unberührt. Es ist gleichwie eine „Weigerung“ oder „Verneinung“ des Einflusses des Pendelschlags. Dies wird das Gesetz der Neutralisation genannt. Dieses Gesetz wendet man, meist unbewußt, durch Selbstbeherrschung an. Durch diese willentliche Beherrschung erreicht man ein Maß an Gleichgewicht und geistiger Festigkeit und man wird nicht vom geistigen Pendel der Stimmungen und Gefühle willenlos hin- und hergeschleudert.

Das Prinzip des Rhythmus offenbart sich auch in der geistigen Schöpfung des Universums. Das All im Aspekt des „Seins“ übertragt am Anfang seinen Willen auf den Aspekt des „Werdens“. Es ist gleichsam das „Ausgießen“ der göttlichen Energie, oder Involution genannt. Dabei werden die Schwingungen immer geringer, bis die gröbste Form der Materie erreicht ist. Nach dem Ende des Impulses beginnt das Zurückschwingen des rhythmischen Pendels, das „Einziehen“, oder Evolution genannt. Dabei individualisiert sich die Energie, und in Form von unzähligen hochentwickelten Einheiten des Lebens kehrt sie zu ihrem Ursprung zurück.

 

6. Prinzip der Ursache und Wirkung

„Jede Ursache hat ihre Wirkung; jede Wirkung ihre Ursache; alles geschieht gesetzmäßig; Zufall ist nur der Name für ein unbekanntes Gesetz“

 

Dieses Prinzip weist auf die allumfassende Gesetzmäßigkeit im Universum hin, alles ist diesem Gesetz unterworfen, dadurch negiert es den „Zufall“. Die Wechselbeziehung von Ursache und Wirkung ist Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. So sagt das bekannte Axiom von NEWTON actio = reactio, dass auf jede Aktion (Kraft) gleichzeitig eine gleichgroße Reaktion (Gegenkraft) folgt. Dabei geht keine Energie verloren, sie bleibt vollständig erhalten (Energieerhaltungssatz). Die Wissenschaft  fragt nach dem „Warum“ und entschlüsselt so immer mehr „Ursachen“ für Geschehnisse, die man sich in früherer Zeit nicht erklären konnte und mit dem Label „Zufall“ versah. Genauso sind heutige „Zufälle“ nur Gesetze, die wir noch nicht kennen oder verstanden haben, oder auf die wir keinen Einfluß haben. Das Würfeln einer bestimmten Zahl scheint zufällig zu sein. Bei genauerer Betrachtung aber zeigt sich die Ursache in der Lage des Würfels im Becher, der Muskelkraft beim Wurf, die Lage des Tisches usw; und hinter diesen Ursachen stehen Ketten von vorhergehenden Ursachen, die einen Einfluß auf die Zahl des Würfels hatten.

Zwischen allen vorhergehenden und weiter folgenden Geschehnissen besteht ein ununterbrochener Zusammenhang. Auf den ersten Blick ist auch ein Stein, der sich aus einer Felswand löst und das Dach einer darunter liegenden Berghütte durchschlägt, ein zufälliges Ereignis. Doch auch hier offenbart sich eine Kette von Ursachen. Regen hat den Boden, der den Stein hielt, weich gemacht und stürmischer Wind letztendlich den Sturz ermöglicht. Dahinter steht früherer Regen, Sonne und Wind, die den Stein aus einem massiveren Felsen herauslösten, und dann gab es Ursachen für die Bildung des Gebirges uns so fort bis in alle Unendlichkeit. Dann könnten wir uns mit der Ursache des Regens oder des Daches beschäftigen und wären schon in einem Geflecht aus Ursache und Wirkung verstrickt, in dem wir früher oder später verloren gehen würden. Die Anzahl der Ursachen, die hinter einem Ereignis stehen sind unüberschaubar. So wie jeder zwei Eltern hat, vier Großeltern, sechzehn Urgroßeltern usw. hat – bis nach 40 Generationen die Zahl der Vorfahren sich auf etliche Millionen angehäuft hätte – so ist es mit der Anzahl der Ursachen, die hinter jedem noch so unbedeutenden Geschehnis steht.

Aber ist dem Menschen mit dieser „Bestimmung“ des Lebens nicht der „freie Wille“ genommen, ist er nicht ein blinder Automat? Nach dem Prinzip der Polarität sind beides, Bestimmung und freier Wille nur halbe Wahrheiten, beides entgegengesetzte Pole und der Mensch befindet sich näher am einen oder anderen Extrem. Ein Schriftsteller des Altertums drückte das folgendermaßen aus: „Je mehr die Schöpfung vom Mittelpunkt entfernt ist, um so gebundener ist sie, je näher sie dem Mittelpunkt ist, desto näher ist sie der Freiheit.“ Bei vielen Menschen findet sich die Ursache ihrer Handlungen oder Gedanken in den Gewohnheiten, Gedanken der äußeren Welt. Sie orientieren sich hauptsächlich an anderen Menschen und vergleichen sich stetig mit ihnen. Sie werden dahin getragen wie der fallende Stein, wie Figuren auf dem Schachbrett hin- und hergerückt. Als Spieler steigt der Mensch erst dann auf, wenn er die Ursache seines Handeln in seinem authentischen Wesen selbst findet und nicht im Einfluß seiner Umgebung oder seiner vorübergehenden Stimmungen. Er erhebt sich über die materielle Welt, indem er sich mit den höheren Kräften der Natur verbindet. Trotzdem entgeht er nicht der Ursächlichkeit auf höherer Ebene; er dient also dieser höheren Ebene, herrscht aber auf der materiellen. Er ist wie ein gewandter Schwimmer, der sich auch auf stürmischem Wasser zielgerichtet bewegen kann, und nicht wie ein Stück Holz von den Wellen ziellos hin- und hergetragen. Doch sind beide, der Schwimmer und das Stück Holz, den Gesetzen der Natur unterworfen.

 

7. Prinzip des Geschlechts

„Geschlecht ist in allem, alles hat männliche und weibliche Prinzipien, Geschlecht offenbart sich auf allen Ebenen“

 

Das Prinzip des Geschlechts befaßt sich mit Zeugung und Schöpfung. Es sollte nicht mit Geschlechtlichkeit, die auf den körperlichen Unterschied von Mann und Frau hinweist, vermischt werden. Die Rolle des männlichen Prinzips ist es, eine bestimmte ihm innewohnende Energie auf das weibliche Prinzip zu richten und so die schöpferischen Prozesse in Gang zu bringen. Aber das weibliche Prinzip ist das, welches die tatsächliche schöpferische Arbeit leistet. Beide Prinzipien sind voneinander abhängig, das eine kann nicht ohne das andere wirken und so besitzt alles Männliche auch das weibliche und alles Weibliche auch das männliche Element. Auf der energetischen Ebene einer Batterie ist die Kathode oder der negative Pol das mütterliche oder „weibliche“ Prinzip der elektrischen Erscheinung. Aus ihr treten die Elektronen aus, die für den Strom verantwortlich sind. Auf atomarer Ebene besitzen die negativ geladenen Elektronen „weibliche“ Energie, sie schwingen rasend unter dem Einfluß des positiv geladenen Atomkerns, der „männlichen“ Energie. Der Prozeß der Loslösung eines Elektrons aus diesem Verband wird „Ionisation“ genannt und diese Elektronen sind die  aktiven Arbeiter in der Natur. Sie sind für Erscheinungen wie Licht, Wärme, Elektrizität, Magnetismus, chemische Affinität, Anziehung und Abstoßung verantwortlich.

Jedoch wirkt das Prinzip des Geschlechts auch auf geistiger Ebene. Und zwar in der „Dualität des Geistes“. In der Idee vom geistigen Geschlecht entspricht das männliche Prinzip dem „objektiven, bewußten, freiwilligen, aktiven“ Geist und das weibliche Prinzip dem „subjektiven, unbewußten, unfreiwilligen, passiven“ Geist. Im tieferen Sinne werden diese geistigen Zwillinge in „Ich“ und „Mich“ unterschieden. Das „Mich“ vieler Menschen besteht im Wesentlichen aus ihrer Persönlichkeit, eine Sammlung aus Gewohnheiten, Abneigungen, Gefühlen, und aus dem Bewußtsein um ihren Körper. Diese Körperbezogenheit geht manchmal soweit, daß Kleider als Wesensbestandteil eines Menschen erfahren werden können. Ein Schriftsteller drückte dies humorvoll aus, indem er sagte: „Der Mensch bestünde aus drei Teilen – Seele, Körper und Kleider“. Durch „Beiseitelegen“ der Gedanken an die Kleidung, an den Körper, und „Weglegen“ der Gefühle, Gewohnheiten und Erregungen, die zwar aus dem Menschen kommen, aber nicht aus ihm „selbst“, kommt der Mensch zu seinem unveränderlichen „Mich“; das kann er als etwas Geistiges empfinden, in dem Gedanken und Gefühle erzeugt werden mit dem Motor der schöpferischen Energie. Doch der Akt der Schöpfung benötigt eine Art von Initialzündung, etwas das die Zeugung der Dinge ins Rollen bringt. Dieser geistige Aspekt wird „Ich“ genannt. Vom Ich wird Energie auf das Mich übertragen, damit die geistige Schöpfung beginnen kann. Das Ich tritt quasi beiseite, um die Vorgänge der Zeugung seitens des Mich zu beobachten. Das Ich repräsentiert das männliche Prinzip des geistigen Geschlechts im Aspekt des „Seins“, das Mich das weibliche Prinzip im Aspekt des „Werdens“. Das weibliche Prinzip empfängt Eindrücke, die das männliche ausstreut. Das weibliche Prinzip leistet die Arbeit der Erzeugung von Ideen und ist im Bereich der Phantasie zugegen, wohingegen sich das männliche mit der Arbeit des „Wollens“ begnügt.

Diese Prinzipien finden beim Verstehen seelischer Phänomene ihre Anwendung. Bei der Telepathie richtet sich die Schwingungsenergie des männlichen Prinzips auf das weibliche Prinzip einer anderen Person, und diese nimmt den übertragenen Gedanken auf und entwickelt ihn weiter. Gleiches gilt für die Phänomene der Suggestion oder Hypnose.

Normalerweise sind das männliche und weibliche Prinzip im Geiste im Gleichgewicht. Bei vielen Menschen aber ist das männliche Prinzip verkümmert, zu träge geworden, um zu handeln. Ideen werden in diese Menschen eingepflanzt, diese entwickeln sich und werden irgendwann von den Betroffenen als ihre eigenen „geistigen Kinder“ angenommen. Wenig eigene Gedanken oder selbständige Handlungen werden vom Durchschnittsmensch erdacht bzw. ausgeführt. Die Entfaltung der Willenskraft ist zu schwach, als das er sich vor den Ideen derjenigen mit stärkerem Willen und Geist schützen könnte. Ist es dann nicht einfacher, sich an der Masse zu orientieren und vorgetretene Lebenswege zu begehen? Oder sollte man lieber versuchen, seinen eigenen Geist und Willen zu beherrschen, um sich von Gedanken anderer unabhängig zu machen?

Damit das Prinzip des Geschlechts seine Gültigkeit besitzt, muß es auf allen Ebenen wirken, also auch auf der Ebene des Alls. Dies haben wir insofern schon akzeptiert als daß die meisten Menschen von Gott als Vater und von der Natur als Mutter sprechen. Diese instinktive Verehrung des Alls, was wir Religion nennen können, ist dies nicht die Achtung vor dem Vater-Geist? Und das starke Gefühl, das wir bei der Betrachtung der Natur empfinden, ist das nicht das Anpressen an den Mutter-Geist, wie der Säugling an die Mutterbrust? Das All offenbart sich in dem männlichen Prinzip, das seinen Willen auf das weibliche Prinzip überträgt, welches dann das Werk der Entwicklung des Universums beginnt.

 

An diesen sieben Prinzipien fesselt einen die Überzeitlichkeit der Aussagen. Man denke nur an ein hermetisch geschlossenes Einmachglas mit Lebensmitteln darin. Nach Jahren noch kann man es öffnen und das Essen verzehren, da die Luft es nicht verderben konnte. Es scheint als wäre an dem Inhalt des Einmachglases die Zeit vorbei gegangen, dem „Zahn der Zeit“ entzogen, gleichsam zeitlos. So eröffnet sich für jeden, der das Glas der Hermetik öffnet, eine unverbrauchte, aktuelle Philosophie, in der jeder die für sein Leben geltende Wahrheit entdecken kann.

 

 

Autor: Dr. Martin Oßberger

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 13. Februar 2008 )
 
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