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Die Kunst, Gott zu begegnen

 

Wie wir das Geistige in unser Leben bringen können

 

regenbogen.jpgGott finden wir in allem, was lebt. Er ist das Geistige, das wir alle in uns tragen. Ohne Geist gäbe es keine Materie. Jede Religion teilt diese Idee: Die Art, wie sie sie ausdrückt, ist jedoch nicht immer die gleiche. Deshalb existieren heute verschiedene Religionen.

 

Die Menschheit wäre niemals dazu in der Lage gewesen, ihre natürliche materielle Umwelt zu beherrschen, wenn sie nicht mit so etwas offensichtlich Übernatürlichem wie der Intuition Gottes begabt wäre.

Diese Tatsache und keine andere ist es, die den Menschen von den Tieren unterscheidet.

Die antiken Überlieferungen, die übrigens nicht im Widerspruch zu den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen in diesem Bereich stehen, berichten davon, dass jener „Homo sapiens” gar nicht als Vorfahre der Menschheit betrachtet werden kann; er ist wahrscheinlich der Rest einer früheren Form, deren Kultur und Zivilisation zerstört wurde, und daraus soll eine neue entstanden sein, nämlich die heutige.

Es gibt ein Charakteristikum, das für diesen „Homo sapiens” kennzeichnend ist und ihn insbesondere von den degenerierten Hominiden, dem so genannten „Homo habilis”, unterscheidet, und dies ist, dass sein gesamtes Leben, wie aus den Spuren seiner Werke zu erkennen ist, von Anfang an von Magie geprägt war. Das bedeutet, dass er seine Werkzeuge zum mehr oder weniger mystischen Kontakt zwischen der eigenen spirituellen Identität und dem Göttlichen verwendete.

Der Kult zur Großen Mutter oder zum Großen Vater Bär sind nichts anderes als externalisierte Formen einer lebendigen und stetigen Wahrnehmung eines „Etwas”, das sich jenseits des strikt Sichtbaren befindet. Dazu gibt es eine unbegrenzte Anzahl von Vermittlern, von den Naturgeistern bis hin zu den großen Göttern, die das Schicksal der Sterne und dabei auch das unserer Erde lenken.

In den hunderttausenden Jahren, in so vielen Zyklen und Schicksalsschlägen aller Art hat der Mensch auf mehr oder weniger intellektuellem Weg versucht, das zu erfassen, was seine Vorfahren durch ihren intuitiven Instinkt wahrnehmen konnten. Und so wie es Menschen gab, die darin spezialisiert waren, mit Holz oder Stein zu arbeiten, gab es auch solche, deren Sache die Metaphysik und die Zusammenfassung höherer Lehren, einer Großen Wissenschaft war, die dann später unter dem Namen Magie bekannt wurde.

Doch die Verinnerlichung dieser spirituellen Kenntnisse führte in jedem Volk in entsprechender Weise zur Bildung der Priesterkaste. Diese Priester mussten alsbald erkennen, dass sich ihre geistigen Erlebnisse nicht direkt auf die Masse übertragen ließen und benutzten dazu schließlich Parabeln, Anekdoten, moralische Regeln und Zeremonien. Auf diese Weise konnte den weniger Bevorzugten der Kontakt mit dem Göttlichen erleichtert und die göttliche Schau zumindest sporadisch ermöglicht werden. So entstanden die Religionen. Wer den göttlichen Funken in seinem Inneren erhalten und die Fähigkeit erlangt hatte, ihn einfach und systematisch zum Ausdruck zu bringen, der wurde möglicherweise zum Gründer einer Religion.

Trotz der schrecklichen Verluste, die die Unwissenheit und die Zerstörungswut, der die Menschen noch oft unterliegen, angerichtet hatten, finden wir doch noch mehr oder weniger vollständige Reste der letzten Religionen, die es auf der Erde gegeben hat. Diese Reste passen sich dem jeweiligen geschichtlichen Moment sowie dem geografischen Ort an, an dem sie entstehen; so ist gut verständlich, dass Siddharta Gautama, der Buddha, im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeit eine andere Lehre geben musste als Jesus Christus fünf oder sechs Jahrhunderte später an einem anderen Ort.

Es gibt heute Millionen scheinbarer Atheisten und Millionen von Gläubigen, die einer der großen Religionen angehören – dem Brahmanismus, dem Hinduismus, dem Buddhismus, dem Christentum, dem Judentum oder dem Islam. Zusätzlich existieren noch tausende Sekten der erwähnten Religionen und andere, die nicht deutlich zuzuordnen sind.

 

Warum sagen wir „scheinbare Atheisten”?

dreieck.jpgEs gibt ja tatsächlich Menschen, die nicht an Gott glauben, ihn auch in keiner Weise wahrnehmen, und sogar so weit gehen zu behaupten, dass dieses Konzept im Grunde der Angst vor dem Tod entstammt. Und doch lehnen die meisten von ihnen gar nicht sosehr die Möglichkeit einer kosmischen Intelligenz ab, die von einer übergeordneten Notwendigkeit oder einem übergeordneten Willen gesteuert wird, sondern vielmehr die infantilen Formen, die die Religionen im Allgemeinen für die Darstellung der großen Mysterien verwenden, die den Menschen von seinem tiefsten Ursprung aus antreiben.

Die außerordentlichen technischen Fortschritte und die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung, die sich im Laufe der vergangenen zwei oder drei Jahrhunderte dem Menschen eröffneten, haben manchen Volksglauben unhaltbar gemacht. So kann man z.B. den Glauben nicht mehr aufrechterhalten, dass das Universum vor etwa 7000 - 8000 Jahren erschaffen worden sei, den Glauben an die physische Existenz des Himmels und der Hölle, die fleischliche Auferstehung oder dass die Meere sich geöffnet haben sollen, als das auserwählte Volk hindurchging, und sich geschlossen haben sollen, als die Feinde dasselbe versuchten. Es gibt heutzutage viele Menschen, die mit einem transplantierten Herzen oder einer Leber leben, die einem fremden Körper entstammt. Die Menschen fliegen mit Maschinen weit über die höchsten Gipfel der Berge und umrunden die Erde. Mit anderen von Menschenhand gefertigten Geräten ist man über die „Himmel” hinausgelangt, die in den Heiligen Büchern seit Jahrtausenden Erwähnung finden. Und zugleich mit all diesen Erkenntnissen und noch vielen weiteren – von denen es müßig wäre, hier noch mehr aufzuzählen – entdeckt der Mensch, dass der Planet, den er bewohnt, wie ein lebendiges Wesen ist. Seine Bewohner, ob Pflanze, Tier oder Mensch, besitzen großartig entworfene Körper, die so gute Leistungen, Überlebensfähigkeit und Reproduktionsgabe bezeugen, wie keine Maschine sie jemals erreichen könnte.

All dem zum Trotz gelingt es dem herrschenden Materialismus, dass diese Wunder einfach als Objekte der Neugierde betrachtet werden und dass man im Religiösen weiterhin versucht, jenen alten und vielfältig verzerrten Texten die Antworten auf alle Fragen zu entnehmen, unter anderem auch auf eine Grundfrage, nämlich die Kunst, Gott zu begegnen. Und wenn sich darin nichts finden will, dann sieht man den Grund dafür nicht im Text oder sucht etwa nach seiner symbolischen Bedeutung, sondern man leugnet gleich die Existenz irgendeines jeglichen göttlichen Wesens, was Ängste, moralische Zerrüttung und Verfall zur Folge hat.

Für den Menschen ist dieser Irrtum unheilvoll – er ruft seine tierhaften Eigenschaften zum Vorschein. Er fällt in den unbedachtesten Atheismus oder in einen höchst engen Fanatismus „zurück”.

Wir schlagen nun einen anderen Weg vor, nämlich den der Philosophie nach klassischer Art.

Dieser Weg erlaubt uns verhältnismäßig einfach, Gott in uns selbst und in unserer Umgebung zu begegnen.

Wenn wir in unserer Beharrung auf dem Materialistischen, unter der Last unserer Angst, unserer Unwissenheit und Blindheit nur ein wenig innehielten, dann würden wir entdecken, dass alles um uns mit einer übermenschlichen Präzision erdacht und berechnet wurde. Betrachten wir nur unsere Umwelt, angefangen mit den subatomaren Strukturen bis zu den Galaxiennestern, über die kunstvollen funktionalen Zeichnungen auf den Flügeln eines Insekts bis zu dem Skelett, das unserem sterblichen Fleisch die Stütze gibt: Überall sehen wir eine funktionstüchtige Ökologie, die alle Elemente des Universums miteinander verbindet und durch zyklische und äußerst weise Gesetze regiert.

 

Haltet inne und beobachtet nur.

auge1.jpgSeht die erstaunliche Harmonie, in der die Blütenblätter einer Blume oder die Strukturen eines Kristalls angeordnet sind. Sie wären für sich niemals in der Lage gewesen, so perfekte und wunderbare Formen zu „erdenken”. Es muss ein „Etwas” geben, das sie so erdacht und entworfen hat, und dieser Gedanke setzt einen Willen voraus, der ihn generiert und rechtfertigt.

Ein gesunder „philosophischer Pantheismus” eröffnet dem intelligenten und vorurteilslosen menschlichen Betrachter die Gegenwart eines „höheren Etwas”, das wir gut und gern Gott nennen könnten. Er drückt sich durch eine unendliche Zahl von Vermittlern aus und lässt auf diese Weise seine Wunder entstehen. Dieses „Etwas” hat nichts und niemanden vergessen. Alles Lebendige ist intelligent und effizient an seinen Platz gesetzt.

 

Haltet inne und beobachtet nur.

Das ist keine Zeitverschwendung, sondern – ganz im Gegenteil – die aktive Kontemplation dieser Wunder, die sich in den Facettenaugen einer Fliege oder der aerodynamischen Kontur einer Schwalbe zeigen.

 

Die Materialisten sagen, dass dies alles ein Resultat der Evolution und Kausalität wäre. Es spielt aber keine Rolle, welche Namen wir dem geben… eine intelligente Evolution, die aus den Erfahrungen lernt, und eine Kausalität, die nichts „Kausales” an sich hat, sondern eine Aneinanderkettung von Ursache und Wirkung ist – all dies deutet direkt darauf hin, dass unser Universum und wir selbst Teile eines „Makrobios” sind, eines Überwesens, das eine Über-Existenz mit wunderbarer Funktionalität erschafft. Und in dieser Existenz sind wir inbegriffen, und sie ist in uns, in allen Aspekten und Bewusstseinsebenen unserer selbst.

 

ALLES IST GOTT

Denn wenn dies nicht so wäre, wenn ein einziges Staubkörnchen ohne Gott wäre, würde dieses Staubkörnchen Gott begrenzen, und das ist eine Abweichung, wo doch die erste notwendigerweise postulierte Eigenschaft Gottes ist, in allem, allen Dingen und Wesen, präsent zu sein. Es ist ja die Gegenwart Gottes, die ihnen ihre Existenz verleiht. Dieses Staubkorn aus unserem Beispiel würde uns unter einem starken Mikroskop ein Mikrouniversum entdecken lassen, das so harmonisch, lebendig und wirkungsvoll ist wie ein Sonnensystem.

Wenn wir die heute fast in Vergessenheit geratene Kunst, Gott zu begegnen, wieder entdecken, dann werden wir uns von vielen unnötigen Begrenzungen, Rassismen und Fanatismen lösen können. Wir werden uns von Angst befreien und werden auf natürliche Weise handlungswillig, gut und gerecht.

Gott ist kein gestrenger Richter, kein Vater, keine Mutter und kein Henker… Gott ist einfach GOTT… Wer ihm begegnet, der weiß es.

 

Autor: Jorge Angel Livraga Rizzi


Jorge Angel Livraga Rizzi war Gründer von Neue Akropolis und erster Internationaler Direktor.

Der Artikel wurde von Maria P. Benito übersetzt.

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 83)

Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 24. August 2008 )
 
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