Plädoyer für das Schöne in der Kunst
Warum Kunst die Frage nach dem Schönen stellen sollte
„Das Pendel hat begonnen, wieder in Richtung Schönheit auszuschlagen", so kommentiert Christoph Vitali in der Einleitung zur Ausstellung „Beauty now" die Rückkehr der Schönheit in die bildende Kunst. Die Ausstellung, die von Februar bis Anfang Mai dieses Jahres im Haus der Kunst in München zu sehen war, trug den Untertitel: „Die Schönheit in der Kunst des ausgehenden 20. Jahrhunderts". Die neue Frage nach dem Schönen, daslange Zeit aus der modernen Kunst verbannt worden war, zeigt, dass Schönheit keine flüchtige Erscheinung in der Geschichte ist. Bereits Platon bezeichnete sie als ein unvergängliches und überzeitliches Urbild, dem alles Leben sich anzunähern sucht.
Ein Bild, das ich im Museum of Modern Art in New York sah, zog sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Ölgemälde, das in vielen Fassetten gemalt war, und erst auf den zweiten Blick erkannte ich eine Frau, die Klavier spielte. Die Klavierspielerin war in hellen und warmen Farben gemalt: Grün und Gelb, die sie in der Form eines Eis umgaben. Außerhalb des Eis hatte der Maler kalte Farben gewählt: Hell-blau und Grau. Die Augen der Klavierspielerin waren geschlossen, und sie schien sich ganz in der Welt ihres Klavierspiels zu befinden.
Ich blieb einige Zeit vor dem Bild stehen und war ganz davon gefangen. Ohne zu überlegen wusste ich, dass der Künstler mir auf eine schöne Weise eine tiefe Wahrheit zeigte. So wie die Klavierspielerin auf dem Bild war auch ich auf einmal in eine Welt entrückt, in der es wohlig warm war: in eine Welt des Gefallens am Schönen. Für einen Moment vergaß ich den Alltag um mich herum. Ich stellte mir vor, dass die Klavierspielerin ein harmonisches Stück spielte. Sie hatte die Augen geschlossen, um „ganz Ohr zu sein". Andere Sinne hätten nur abgelenkt und damit störend gewirkt: In ihrer imaginativen Welt ist sie umgeben von Licht, Wärme und Wohlgefallen.
Harmonie und Stimmigkeit
Da das Schöne etwas mit unseren Sinnen zu tun hat, heißt die philosophische Disziplin, die sich mit dem Schönen beschäftigt Ästhetik, von griechisch aisthestós: sinnlich wahrnehmen. Das Schöne besteht im rechten Maß, in vollkommener Harmonie, im richtigen Verhältnis der Teile zum Ganzen, den richtigen Proportionen und im Zusammenspiel von Farben und Klängen. Als schön wird etwas empfunden, wenn nichts störend wirkt und sich alles im Einklang befindet. Man sagt deshalb auch, „Schönheit liegt im Detail".
Im Gegensatz zum Schönen ist das Hässliche das Unangenehme, der „schlechte" Geschmack, die nicht zusammen passenden Farben der Kleidung, die disharmonischen Töne, das klotzige Gebäude, das alle Maße sprengt, das ausschließlich nach Zweckmäßigkeit eingerichtete Fast-Food-Restaurant, das schmucklose, triste Verwaltungshochhaus, die lieblos in die Landschaft gesetzte Trabantenstadt, der unförmige Körper oder das „kitschige" Gemälde.
Wohlgefallen ohne Interesse
Für Immanuel Kant ist das Schöne das, was „interesselos" gefällt. Das heißt, ich betrachte einen schönen Gegenstand, will diesen nicht besitzen oder konsumieren, sondern erfreue mich nur an seinem Anblick. Für Platon ist das Schöne neben dem Wahren, Guten und Gerechten ein Archetyp, der in der Welt des Geistigen zu Hause ist. Es gehört zu den Ideen, die hinter der Welt der Materie stehen. Alles Schöne gleicht sich an die Welt der Ideen an. Ein Künstler, der eine schöne Frau malt, schafft durch sein Kunstwerk die Schönheit nicht selbst, sondern ahmt die Schönheit nach, die als Ausdruck des Geistigen bereits in der Natur enthalten ist. Nach Platon hängt die Idee des Schönen sehr eng mit dem Wahren zusammen, denn das Schöne zeigt gleichzeitig das Wahre.
Die Sonne - Quelle des Schönen
Eine besondere Rolle spielt die Sonne als Quelle des Lichts und des Schönen. Sie ist es, durch die die Dinge sichtbar werden und ihren Glanz erhalten. So sagt der mittelalterliche Philosoph Pseudodionysios Areopagita in seinem Werk De divinis nominibus: „Überschönheit aber heißt die Schönheit darum..., weil sie aller Dinge Ebenmaß und Glanz bewirkt und weil sie nach Art des Lichts in allen Dingen einen Widerschein ihres eigenen Strahls, dessen Quelle sie ist, auffunkeln lässt."
Die Sonne bzw. das Licht sind gleichzeitig Symbol für das Göttliche. Diese Vorstellung reicht zurück zu dem ägyptischen Amon Ra über den persischen Ahura Mazda bis zur Sonne im platonischen Höhlengleichnis. Das Licht wirkt unmittelbar auf unsere Stimmung: Während uns z.B. der Sonnenuntergang in eine melancholische Stimmung versetzen kann, können wir ihre Rückkehr am Morgen als beglückend empfinden.
Das Erhabene
Wenn das Schöne mir eine Vorstellung des Unermesslichen - auch des Unerklärbaren, Numinosen - gibt, dann erhebt mich diese Vorstellung und erzeugt in mir das Gefühl des Erhabenen. Das Erhabene können wir mit dem Heiligen, dem Göttlichen gleichsetzen. Dies kann z.B. geschehen, wenn ich vor einem riesigen Gebirgsmassiv stehend die majestätischen Höhen der Gipfel betrachte oder am Strand auf das weite Meer hinaus schaue und meinen Blick zu den unzähligen Sternen am Himmel erhebe. Der Eindruck des Erhabenen entsteht dadurch, dass meine Person gegenüber diesen Naturgrößen verschwindend klein ist. Er kann auch durch Bauwerke hervorgerufen werden, die von Menschenhand geschaffen wurden, wie durch das hohe Gewölbe einer Kathedrale, das mich als Mensch winzig erscheinen lässt.
Eine Frage des Geschmacks?
Ist das Schöne subjektiv oder gibt es auch ein objektiv Schönes? Diese Frage hat über Jahrhunderte die Philosophie beschäftigt. Während die Antike von einem objektiven Schönen ausging, das den Dingen innewohnt, verlegt die Neuzeit das Schöne in die Sicht des Betrachters. Dabei gibt der Künstler seinen Sinn für das Schöne an den Betrachter weiter: Er lässt ihn gewissermaßen die Welt durch seine Augen sehen, bzw. durch sein Ohr hören. Daher ist die Ausbildung des Sinns und die Empfänglichkeit für das Schöne eine wesentliche Aufgabe der ästhetischen Erziehung des Menschen. Die Kunst hat daher eine pädagogische Aufgabe. Nach Platon trägt Schönheit mit zur Bildung des Menschen bei und hängt unmittelbar mit der Idee des Wahren und Guten zusammen. Nach Friedrich Schiller dient das Schöne der Charakterbildung vervollkommnet so den ethischen Menschen. Die Vereinigung von Ästhetik und Ethik im Menschen bezeichnet Schiller auch als „schöne Seele".
Das Schöne und seine Gesetzmäßigkeiten
Man unterscheidet drei verschiedene Arten von Künsten, die nach den Medien unterschieden werden, durch die sie wirken: die bildenden Künste, die einen Stoff formen wie Architektur, Plastik, Bildhauerei, Malerei, die tönenden Künste, die für das Ohr darstellen wie Musik und Poesie, und die mimischen Künste, die zugleich räumlich und zeitlich darstellen wie Tanz und Schauspiel.
Da die Antike davon ausging, dass das Schöne in den Dingen selbst liege, herrschte die Vorstellung vor, dass das Schöne Gesetzmäßigkeiten unterworfen sei. Diese muss der Künstler kennen und sein Werk nach ihnen gestalten. Die antiken ästhetischen Regeln für Malerei, Schauspiel, Architektur und Musik behielten ihre Gültigkeit bis ins 19. Jahrhundert. Zu ihnen gehören auch die Regeln des Aristoteles, durch die Dichtkunst und Schauspiel schön wirken sollen. So hat z.B. die Tragödie die Aufgabe, beim Zuschauer ein Gefühl von Furcht und Mitleid zu hervorzurufen, während eine Komödie das Komische darstellen und den Zuschauer dadurch zum Lachen bringen soll, um eine Reinigung zu bewirken.
Die Rückkehr des Schönen
Die Rückkehr des Schönen in der bildenden Kunst ist ein Zeichen dafür, dass Schönheit keine flüchtige Erscheinung in der Geschichte ist. Nach Platon ist sie ein Archetyp und damit überzeitlich und unvergänglich. Durch alle Zeiten und Kulturen hindurch zeigt sie sich auf unzählige verschiedene Arten in der Musik, Architektur, Kunst, Poesie...
Es liegt an uns - unserer Kreativität und unserer Empfindsamkeit -, Schönheit zu entdecken und zum Ausdruck zu bringen. Obwohl Schönheit in gewisser Weise von den ästhetischen Vorstellungen der jeweiligen Zeit und Umgebung abzuhängen scheint, folgt sie doch bestimmten überzeitlichen Gesetzen. Diese zu kennen und in eine materielle Form zu überführen, ist eine wichtige Aufgabe des Künstler.
„Schönheit ist schwierig", sagt Platon am Ende des Dialogs Hippias Maior.
Kunst ist mehr als die Selbstdarstellung eines Künstlers: Sie soll auf sinnliche Art und Weise die Ideen oder das Geistige hinter unserer sinnlich wahrnehmbaren Welt zeigen. Wenn es dem Künstler gelingt, sich durch sein Kunstwerk dem Archetypen anzunähern, kann er unsere Seele erheben und mit dem Göttlichen in Verbindung bringen: Möge dies vielenmodernen Künstlern auch gelingen!
Literatur
des 20. Jahrhunderts, Hatje Cantz Verlag, 2000, Ausstellung im Haus der
Kunst, München vom 12.2.-30.4.2000
Autor: Norbert Völlmecke
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 81)
|