Die wahre Poesie
Wie die Poesie das Schöne zum Ausdruck bringt
Poesie wird heutzutage oft mit Selbstdarstellung verwechselt. Die wahre Poesie will jedoch die Wirklichkeit verschönern und beleben. Deshalb liegt jeder echten Dichtung Wahrheit und Magie zugrunde.
Poesie ist wie alle wichtigen Dinge im Leben schwierig zu definieren. Dieser Artikel nähme kein Ende, würden wir versuchen, von Anbeginn unserer bekannten historischen Zeit alle Merkmale anzuführen, die für die Poesie als richtig oder falsch bezeichnet wurden. Heute wissen wir, daß die Ägypter, die Sumerer und die Chinesen - um nur wenige Beispiele der ältesten Vergangenheit anzuführen - diese Kunst ausübten und ihr einen wesentlichen Platz einräumten. Im tausendjährigen Indien waren die ältesten Texte ursprünglich in Versform verfaßt, wie z.B. das Mahabharata, das als Kernstücke die unsterbliche Bhagavad Gita und Uttara Gita enthält.
Die Kulturen der Antike verstanden das Universum als harmonisches Ganzes, das von Zahlen sowie den Proportionen des goldenen Schnitts regiert wird. Ihre Widerspiegelung findet sich in der Ordnung der Töne, die in Verbindung mit Pausen die Musik, den Gesang und die Lyrik entstehen ließen. Sie alle sind Ausdrucksformen, die von jeher versuchten, den geheimnisvollen Samen, den die Götter in die Seele des Menschen legten, zum Keimen zu bringen, um ihn besser und gerechter werden zu lassen und ein größeres Verständnis seiner selbst, der Natur und Gott zu ermöglichen. Die Klassik besitzt als eine ihrer Eigenschaften - wie Platon sagte - das Streben nach dem Guten, Schönen und Gerechten. Die Rhythmen und Reime haben jedoch auch die sehr praktische Aufgabe, das Gedächtnis zu unterstützen, sich an die archaischen Lehren zu erinnern. Noch vor einigen Jahren lernten Kinder die Multiplikationsreihen oder die Tage der Woche durch gesungene Reime, und in einigen Ländern ist dies immer noch der Fall.
Die Tradition der Rosenkreuzer, die druidischen Ursprunges sind und sich zwischen den Insel- und Festlandkelten niederließen, verbreitete sich durch den Untergang des römischen Reiches zunächst in Irland und danach in ganz Europa. Sie bringt die alten von einer Lyra begleiteten Verse wieder sowie den gallischen Gesang (ohne Worte) - Elemente, die schon verloren zu sein schienen. Seit dem 5. Jahrhundert inspiriert sie die Tradition der Barden und Troubadoure, von denen sich vor allem letztere damit beschäftigten, die alten Mythen, Lehren und Geschichten wieder bekannt zu machen. Ihr Einfluß war so stark, daß das Christentum ihre Formen übernahm, um die neue „Häresie" zu bekämpfen, die sich im Hochmittelalter über das gesamte Europa verbreitete. Es entstanden die Mönchssänger, welche die Matrosen und Bauern begleiteten und ihnen so die Verse des Neuen Testaments näherbrachten.
Das aktuelle Sprachlexikon der Akademie der Sprachwissenschaften definiert Poesie als „künstlerischer, schöner Ausdruck der Sprache, die in einen Rhythmus und Versmaß gebracht wurde." Der Ursprung des Wortes „Poesie" ist lateinisch, das Wort „poiesis" stammt aus dem Griechischen. Wie zu erwarten, gibt es unzählige Definitionen von Poesie, und viele von ihnen verschweigen mehr als sie sagen.
Für Aristoteles besteht Poesie darin, Schönheit der Natur nachzuahmen. Francis Bacon ergänzt, daß Vorstellungskraft notwendig sei, um die Natur zu imitieren, dabei jedoch oft übertrieben wird und Wesen hinzugefügt werden, die nicht in ihr enthalten sind. Marquis de Santillana nimmt die alte platonische Idee wieder auf und bezeichnet Poesie als die Kunst, die Wirklichkeit zu verschönern und zu beleben, indem sie sie in Fabeln und Vorspiegelungen verwandelt. Tatsächlich steht für Platon die Poesie in Verbindung mit dem Schönen und dem Glanz der Wahrheit. Deshalb liegt jeder echten Dichtung Wahrheit und Magie zugrunde.
Royer-Collard sagte einmal: Das Schöne kann man nicht definieren, sondern nur fühlen. Es befindet sich überall: in uns und außerhalb von uns, in der Vollkommenheit der Natur und in den Wundern der wahrnehmbaren Welt, in der unabhängigen Energie eines einzelnen Gedankens und in der öffentlichen Ordnung der Gesellschaften, in den Tugenden und in den Leidenschaften, in der Freude und in den Tränen, im Leben und im Tod.
Von Homer bis heute haben sich die Formen sehr verändert. Das Einzige, das ihnen allen zugrunde liegt, könnten wir als „poetische Absicht" bezeichnen. Doch... reicht die poetische Absicht alleine aus, um Poesie hervorzubringen?
Seit meiner Jugend bin ich Dichter und weiß, daß die wirklich authentischen Gedichte bereits vorgefertigt zu uns gelangen; wir müssen sie nur überarbeiten, um ihnen ihre endgültige Form zu geben. Der Vorgang des Dichtens ist ein fast mediales Phänomen, das den Dichter in den scheinbar ungünstigsten Situationen überrascht und sich ihm dafür oft in geeigneten Momenten verschließt bzw. in Situationen, die für eine musische Inspiration prädestiniert erscheinen. Deshalb glaube ich - mit der größten Achtung für jene, die in diesem Punkt mit mir nicht übereinstimmen -, daß die Gedichte geboren und nicht gemacht werden.
Ich erinnere mich auch an einige sehr komische Situationen meiner Kommilitonen, die ihrer Angebeteten einige Verse widmen wollten und in ihrer pseudo-poetischen Anstrengung, einen Reim auf „göttlich" zu finden, immer nur auf „schröcklich" kamen. Dies passiert allen, die sich zu sehr an die Form binden. Sie können keine wahre Poesie hervorbringen.
Aber auch jenen wird es nicht gelingen, die nur eine poetische Absicht besitzen, die Prosa nach Belieben kürzen und vorgeben, dies sei Poesie. Noch weniger gelingt es jenen, die weder das eine noch das andere vermögen: Sie schreiben auch nicht um der Kunst willen, sondern um mit ihren Kollegen zu streiten, indem sie ihre Umwelt mit unzusammenhängenden und manchmal sogar deftigen Worten überraschen. Sie machen sich über die wahre Lyrik lustig und bezeichnen alles als Kitsch, was von Anfang bis zum Ende einer harmonischen Linie folgt.
Die wunderbare Strophe von Gustavo Adolfo Besquer: „Was ist Poesie? fragst du, während du deine blauen Augen tief in meine versenkst. Was ist Poesie? - Das fragst DU mich? - DU bist Poesie." - wird von einem zeitgenössischen Autor wie folgt parodiert: „Was ist Poesie? fragst du, während sich deine wilden Pupillen an meine heften. Was ist Poesie? - Das fragt du mich? - ICH bin Poesie".
Offengestanden überzeugt mich die fast esoterische Erklärung dieser Parodie nicht, die der großzügigen Haltung von Jose Garcia Nieto entspringt: Er interpretiert sie als Identifikation der Poesie mit dem Dichter. Ich glaube vielmehr, daß es einfacher ist, sich über etwas lustig zu machen, als etwas Neues zu schaffen.
Jeder empfindsame Geist wird eher der Schönheit Besquer‘s und seiner Idealisierung der Geliebten folgen, die eine frische und bescheidene Haltung ausstrahlt, als seinem Nachfolger, der im Blick der anderen Person etwas Wildes wahrnimmt, um sich in dem herrschenden Narzißmus und einem Egozentrismus ohne Botschaft zu verstricken. Hätte Homer den Krieg von Troja oder die Reisen des Odysseus nur als seine eigenen beschrieben oder Vergil die Gründung von Rom und die Anwesenheit der Götter auf seine eigene Existenz beschränkt ... der Menschheit wäre viel entgangen. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß wir heute nicht einmal von der Existenz eines Homers oder Vergils wüßten.
Was wir „wahre Poesie" nennen, sollte transzendent, leicht verständlich und schön sein.
Es gibt etwas, das viele meiner Zeitgenossen vergessen haben: Das Leben ist schön und sollte daher auch natürlich und schön beschrieben werden. Und wer dies der Gesellschaft, in der er lebt, nicht geben kann, täte besser daran, andere Ausdrucksmöglichkeiten für sich zu suchen. Was wir jedoch auf allen Ebenen erleben, ist die Vergiftung durch diejenigen, die die Welt verändern wollen, nur um sich selbst darzustellen.
Möge die wahre Poesie, lieber Leser, lieber Freund ohne Gesicht, dein Leben erhellen und veredeln. „Mögest du nur die glücklichen Stunden zählen."
Autor: Jorge Angel Livraga Rizzi
Der Autor war Gründer und erster internationaler Direktor von Neue Akropolis.
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 76)
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