Franz von Assisi - Bruder aller Menschen und aller Kreatur
Wie man zu einer neuen Religiosität finden kann
Wie eine Universale Religiosität und ein Universales Christentum auch im nächsten Jahrtausend aussehen kann, das lebte uns der Heilige Franz von Assisi bereits im Mittelalter vor. Er erkannte zu seiner Zeit die Schwächen einer jahrhundertealten Institution, wie sie die christliche Kirche damals darstellte, und versuchte, sie auf aktive und vorbildhafte Weise zu reformieren und den Menschen einen neuen Zugang zu einer „Einheit im Geiste" zu vermitteln.
Der Heilige Franziskus, der im 12./13. Jahrhundert lebte, den man aber heute auch „den wichtigsten Menschen der Neuzeit" nennt; Franz von Assisi - „Bruder aller Menschen und aller Kreatur", d. h., Verkünder einer kosmischen Bruderschaft der ganzen Schöpfung, der ganzen Menschheit, in der wir alle, zu allen Zeiten und in allen Zonen, in allen Rassen und Nationen und Religionen, Kinder eines Vaters sind. Wir alle Pilger und Mitpilger auf diesem Erdenrund - unterwegs zur Harmonie mit dem Unendlichen - mit dem einen Herrn. So lehrt Franz von Assisi eine Universale Religiosität und ein Universales Christentum, wie es nun in unserer Zeit von vielen Menschen gesucht wird, eine Zeit, in der die „Einheit im Geiste" immer tiefer erkannt wird.
Es gibt eine reiche Literatur aus alter und neuer Zeit von und über den Heiligen. Von ihm sei v. a. der Sonnengesang erwähnt, den man auch als „die Nationalhymne der Menschheit" bezeichnet; er beginnt mit der Anrufung „Höchster, allmächtiger, gütiger Herr!". Es ist ein neuer Psalm! Ein Psalm für alle Zeiten, in dem der Mensch Gott mit innigster Begeisterung für die Schöpfung dankt und Ihn lobpreist.
Ja, es liegt eine reiche Überlieferung vor, und doch liegt ein großes Geheimnis über Wesen und Leben des Heiligen: das mystische Geheimnis der Heiligkeit, die sich mit keinerlei Vernunftdenken entschlüsseln und begreifen läßt.
Das andere „Geheimnis" des Heiligen ist die Tatsache, daß er ein Troubadour war und seine damit zusammenhängenden Reisen zu den Sarazenen, das ist zu den Muslimen. Das ist ein Phänomen, über das viel verschwiegen und viel gelogen wird. Darum hier eine Klärung: Was ist ein Troubadour? Ein Minnesänger der Provence! Ein Sänger der mystischen Liebe, einen an strenge höfische Regeln gebundenen Frauendienst. Sie waren lebensbejahend und weltzugewandt, aber keineswegs Gaukler, Gammler und Leichtfüße, wie manche es ihnen und damit auch dem jungen Franz gerne anhängen möchten. Und das Wichtigste: Die Troubadoure standen unter weitgehenden Einflüssen von jenseits der Pyrenäen, also von Seiten der Sarazenen, der Muslime, also von Seiten der Sufi-Orden, deren Struktur nicht nur im Orden des Heiligen Franz, sondern auch in den anderen mittelalterlichen christlichen Orden unschwer zu erkennen ist. Franz von Assisi lebte in jener Zeit, in der unter der Herrschaft der Muslime das sogenannte „Alhambra-Modell" bestand, also die Jahrhunderte währende schöpferische, friedvolle Eintracht von Muslimen, Juden und Christen. Die so segensreiche Eintracht wurde grausam zerstört, als die Reconquista begann, d. h., als die Christen Spanien von Muslimen und Juden „säuberten", sofern sie nicht bereit waren, zum Christentum überzutreten.
1219 pilgerte der Heilige Franz mit seinen waffenlosen Gefährten nach Ägypten zum Sultan Al-Kamil. Man pflegt dies in unserer „Überlieferung" gerne als „Missionsreise" zu bezeichnen, bei der Franziskus den muslimischen Herrscher zum Christentum bekehren wollte. Von anderer Seite aber wird diese Reise, sowie auch Franziskus‘ Reisen nach Spanien und Marokko, als Pilgerreise zu den Wurzeln der Troubadour-Tradition angesehen.
Franziskus wurde 1181 in Assisi, im Herzen von Italien, geboren und hat dort gelebt. Und dort empfing er bei einer Gebetsandacht in der Kirche San Damiano seine Berufung. Der Herr rief ihn auf: „Franziskus, rette meine Kirche!", diese Kirche, die in weiten Bereichen erschreckend verweltlicht war, beherrscht vom Streben nach Macht und Besitz und Wohlleben. „Franziskus, rette meine Kirche!": Bruder Franz antwortete mit seinem ganzen Wesen und Wollen ein inständiges „Ja, Herr! Hier bin ich!" Anfangs verstand er die Rettungsaktion mehr äußerlich und widmete sich dem Wiederaufbau zerfallender Kirchen, widmete sich Maurerarbeiten und pflegte mit einem Besen auf Wanderschaft zu gehen, um die Kirchen, in denen er Andacht hielt, auszufegen. Bald erreichte ihn aber eine noch tiefer gehende Vision nach den Worten, mit denen Jesus seine Jünger zum Wanderpredigen aussandte: Sie sollten weder Gold noch Reisetasche noch Beutel mit sich nehmen ... (Matth. 10). Und eben das war hinfort sein innigstes und hingebungsvolles Anliegen! In seinem Herzen ereignete sich die mystische Vereinigung mit seiner Frau und Geliebten, der „Frau Armut", und Bruder Franz erntete viel Spott und Hohn wegen seines „Gottesnarrentums".
Sein Vater beschwor den jungen Franz, sich wieder dem normalen Leben zuzuwenden, aber der Sohn warf - mitten auf dem Marktplatz, vor allen Leuten - seine Kleider dem Vater vor die Füße, so daß er splitternackt dastand, und sagte sich auf diese Weise los von seiner Familie, von der Gesellschaft. Bruder Franz gestand später, das Schwerste in seinem Leben sei der Bruch mit dem Vater gewesen, war seinem Herzen doch nicht nur der Entschluß zu einem bedingungslosen Opfergang eingeprägt, sondern auch das vierte Gebot - „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren ...".
Aufgrund seines starken Charismas schlossen sich dem Heiligen bald immer mehr Brüder an. Er gründete drei Orden, die sogenannten Bettelorden. Ihr Ziel war die bedingungslose Nachfolge Jesu in Armut, Askese und apostolischer Mission. Es ging nicht um Theologie und Lehrmeinungen, sondern um wahre Nachfolge, um ein Denken nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen.
Insbesondere dienten Bruder Franz und seine Gefährten auch den Aussätzigen, gingen in ihre Häuser, umarmten und pflegten sie.
Geld erachtete Franz als „Mist", und die Brüder mußten sich in äußerster Strenge nach dem Gebot des Heiligen richten. Damit sie aber leben konnten, verordnete er Arbeit und Betteln. Müßiggang durfte es nicht geben.
Machen wir uns Gedanken über den Befehl „Verkaufe alles und gib es den Armen!" Aber wenn man sein Geld anderen schenkt, belastet man sie dann nicht mit dem angeblich ganz und gar verderblichen Besitz? Das Phänomen „Besitzen" kann man doch in keinem Fall aus der Welt schaffen, und wenn man nichts weiter besitzt als einen „Flickenrock". Man versuche die Lösung des Problems anzuvisieren: „Besitzen als besäße man nicht!" Aller Besitz gelte als anvertrautes Gut, das man verantwortungsbewußt verwalten muß, nicht zu eigenem Profit, nicht aus Gier, Habsucht, Prunksucht, sondern um den Mitmenschen zu dienen - und damit Gott zu dienen -, im Sinne der Worte: „In der Welt leben, aber nicht von dieser Welt sein."
„Poverello" - der kleine Arme, das war und ist der Ehrentitel des Bruders Franz. Aber kann man eine Poverello-Kirche verwirklichen? Ist sie weltfähig, lebensfähig? Ist es nicht eine absolute Utopie? Tatsächlich kam es bald zu einer Verweltlichung des Ordens, unter der der Heilige sehr gelitten hat, so daß er 1220 die Leitung des Ordens niederlegte, auch wenn er innerlich stets ihr anerkannter Leiter blieb. Ja, sein Leben war eine Tragödie, war eine „Kreuzigung", ein Martyrium, so, wie das Leben aller Meister und Heiligen in der irdischen Welt eine Tragödie ist, aber in den inneren Lichtwelten eine Auferstehung, ein Licht, aus dem sie auch über den Tod hinaus segensreich in die Welt hineinwirken.
Schon 1210 hatte Papst Innozenz III. die „Urregel", die Franz von Assisi aufgestellt hatte, bestätigt.
Franziskus, der Heilige: Im Jahre 1224 empfing er in einer überwältigenden Vision die Wundmale des Herrn an Händen und Füßen und an der Seite, die der Heilige stets zu verbergen trachtete, obgleich er große Schmerzen litt und kaum mehr gehen konnte. 1226 starb der Heilige, den Sonnengesang auf den Lippen mit jener letzten Strophe, die er auf dem Sterbebett gedichtet hat: „Lobet und preist meinen Herrn, und dankt Ihm, und dient Ihm in tiefer Demut."
Und wieder zwei Jahre später - 1226 - wurde Franziskus von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Das Grab des Heiligen befindet sich in Assisi in San Francesco. Im Herbst 1997 ereignete sich das furchtbare Erdbeben in mehreren schweren Schüben, dem die herrliche gotische Basilika des Heiligen zum Opfer fiel - einer der zentralen Wallfahrtsorte der Christenheit, wohin man nun auch nach der Katastrophe weiterhin ehrfurchtsvoll pilgert.
Denn der Heilige Franziskus lebt! So ereignete sich 1986 der Weltgebetstag für den Frieden, zu dem Papst Johannes Paul II. - selber ein Apostel und unermüdlicher Reisender für den Frieden - die Vertreter aller Religionen und Kirchen eingeladen hatte, miteinander für den Frieden zu beten. Und sie alle kamen! Der Papst sagte: „Entweder lernen wir, in Frieden und Harmonie miteinander zu gehen, oder wir werden vom Wege abgetrieben und zerstören uns selbst und die anderen." Dieser Weltgebetstag für den Frieden im Zeichen des Heiligen Franziskus ist ein Jahrhundertsignal!
„Franziskus hat die Kirche vor dem Untergang bewahrt, aber vermochte nicht, sie in eine franziskanische umzuwandeln." Und doch! Franziskus lebt! Sein Impuls und sein heiliges Wirken ist durch die Jahrhunderte lebendig. Auch wenn es keine genauen Zahlen geben kann, sei hier zitiert, daß der 1209 vom Bruder Franz gegründete Orden der Minderbrüder (OFM) heute 18 300 Mitglieder zählt und mit 113 Provinzen in 109 Ländern in allen Erdteilen präsent ist.
Franziskus lebt! Der Heilige und Helfer unserer Zeit! Dank seiner brüderlichen Liebe zu aller Kreatur ist er heute Patron moderner Tierschutzbewegungen, und Johannes Paul II. erklärte ihn 1979 zum Schutzpatron der Ökologen.
Bruder Franz - sie nannten ihn auch „Bruder Immerfroh"! Trotz aller Leiden und Schmerzen in und an der Welt ... Immerfroh? Sonnige Heiterkeit und ekstatische Freude mitten in den Tränenfluten, an denen seine Augen erblindeten - das ist nicht weltlicher Frohsinn, sondern die seraphische Heiterkeit, die aus dem Herzen aufsteigt - auch mitten im Leid -, wenn es unablässig Gott lobt und preist - wieder dieses unbegreifliche Mysterium der Heiligkeit.
Bruder Franz sagte: „Wenn du im Gemüt verwirrt bist und nicht weißt, was tun, hülle dich in den Mantel des Gebets und verweile so lange vor dem leuchtenden Antlitz Gottes, bis dein Herz wieder freudig ist ... Von der Freude hängt dein Heil ab. Denn solange Trauer in dir ist, wächst das Übel und richtet dauernden Schaden an." Das möchte man den Depressiven unserer Tage sagen, denn die Ursache für ihr Leiden ist in den meisten Fällen letztlich, daß sie nicht mehr anbetend vor dem „leuchtenden Antlitz" knien, mit anderen Worten: Die Ursache ist Gottferne. Und weiter mit den Worten des Heiligen: „Solange ihr die innere und äußere Heiterkeit bewahrt, jene Fröhlichkeit, die aus der Reinheit des Herzens und der Kraft des Gemütes entspringt, kann das Böse euch nichts anhaben."
Und der Poverello sagt: „So viel ein Mensch vor Gott ist, so viel ist er wirklich. Und mehr ist er nicht." Nur wenn man sich einem Übergeordneten, einer absoluten Instanz gegenüber verantwortlich fühlt, kann man genesen, kann man zur Lösung der heute so unlösbar scheinenden Probleme beitragen, zur Verhinderung des moralischen Zusammenbruchs, der heute als Gespenst in allen Bereichen des Lebens aufsteigt.
Franziskus lebt! Zum Abschluß die erste Zeile seines berühmten Gebetes, das auch Mutter Teresa mit ihren Schwestern zu beten pflegte, und das auch Johannes Paul II. beim Weltgebetstag für den Frieden gesprochen hat: „O Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens..."
Literatur
König, Kommentar Hans Waldenfels, Herder 1987
1975
Heilbronn 1988
Kreatur, Verlag Heilbronn 1994
newald 1992
Revolutionär, Hohenstaufen 1982
ding, Insel 1957
zärtliche Umgang mit der Schöpfung, Fotokunst-Verlag Groh 1989
Blütenlegenden, Josef Keller 1955
Autorin: Inge von Wedemeyer
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 76)
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