Aberglaube
Ein Krisenprodukt unserer Zeit
Wenn wir in einem Lexikon die exakte Bedeutung des Wortes Aberglaube
nachschlagen, so finden wir Erklärungen wie: „Glaubensvorstellungen,
die dem religiösen Glauben fremd und nicht mit der Vernunft vereinbar
sind." Zunächst erscheint uns jede Form von Aberglauben ablehnenswert
und als etwas, dem nur unwissende Menschen verfallen, denen die
religiösen Vorschriften unbekannt sind. Es gibt aber viele verschiedene
Religionen, und deshalb geraten die Menschen in Verirrungen, je
nachdem, was ihnen ihre verschiedenen Glaubensformen vorschreiben. Oder
aber es handelt sich um Unwissenheit, die sich in ihrem übersteigerten
Zustand dem logischen Verstand widersetzt, d.h. also, an etwas zu
glauben, das sich in keiner Weise erklären lässt.
So unlogisch und absurd der Aberglaube aber auch
sein mag, so blüht er dennoch überall. Einige seiner Formen sind lokal
bedingt und typisch für eine Region; andere breiten sich so weit aus,
dass sie internationale Wirkung erlangen. Niemand würde sie öffentlich
akzeptieren oder zugeben, ihnen irgendeine Wichtigkeit beizumessen.
Aber... niemand ist ganz frei von ihnen, so als handelte es sich um
eine Urkraft, der es gelingt, selbst den vernünftigsten Menschen
einzufangen.
Krisenzeiten sind der fruchtbarste Boden für den
Aberglauben; Zeiten der allgemeinen Orientierungslosigkeit, der
ständigen Veränderungen, die nicht zu den angestrebten Zielen führen,
der Niedergang von Ideen und Werten - im Grunde eine Epoche, die der
unsrigen sehr ähnlich ist.
Viele behaupten unumwunden, dass unsere Zivilisation
alle Voraussetzungen dafür habe, um auf ein neues Mittelalter
zuzusteuern. Viele sorgen sich aufgrund einer unsicheren Zukunft mit
unklaren Perspektiven. Von vielen Seiten wird die öffentliche Befreiung
von allen Fesseln, die uns die Gesellschaft auferlegt hat, ausgerufen.
Damit bringen sie all jene menschlichen Werte zu Fall, die dem Leben
Sinn und Tiefe gegeben haben.
Die Krise - und damit ist nicht allein die
wirtschaftliche Krise gemeint - verschärft sich auf allen Ebenen, und
die Ungewissheit treibt die Menschen dazu, unbewusst nach
Anhaltspunkten zu suchen. Dabei ist es egal, welcher Art diese sind,
und mögen sie auch manchmal unwürdig oder irrational sein.
Was soll man tun, wenn die Religionen keine
Antworten mehr auf die brennenden inneren Ängste zu geben vermögen, von
denen die Menschen gequält werden? Was soll man tun, wenn die
Philosophie und die Wissenschaft nichts mehr als leere Ideen- und
Worthülsen liefern, die für den Großteil unverständlich sind und keine
praktische Anwendbarkeit besitzen?
Je weniger Glaube, desto mehr Aberglaube.
Je mehr leere Überlegungen, desto mehr Aberglaube.
Je mehr Krise und zivilisatorischer Zusammenbruch,
desto mehr Aberglaube. Leichtgläubigkeit ersetzt andere Arten des
Wissens, des Fühlens, des Glaubens und Vorauswissens, was sich noch
nicht manifestiert hat. Gefallen am Wunderbaren und Geheimnisvollen ist
bei weitem kein metaphysischer und subtiler Ausdruck des Geistes,
sondern erweist sich als eine Widerspiegelung des Wunderbaren und
Geheimnisvollen der Welt an sich.
Wenn die echten Kenntnisse verloren gehen
Wenn eine Zivilisation sich entwickelt und dabei
ihren Blick immer nur nach vorne gerichtet hält, nur die Gegenwart
wertschätzt, aus ihren Entdeckungen eine absolute Neuheit macht und die
Vergangenheit ablehnt, so kann es sehr leicht geschehen, dass ihr
Fundament geschwächt wird und sie sich selbst dazu verdammt, so
flüchtig wie die Gegenwart zu sein und so unstet wie die Illusion der
Zukunft. In einem solchen Zustand werden die Kenntnisse unserer
Vorfahren gering geschätzt. Man spricht ihnen die Fähigkeit zum
rationalen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder metaphysischen
Wissen ab, opfert ihre Überlieferungen zugunsten eines angestrebten
unendlichen Fortschritts und verurteilt sie zu einem kindlichen
Geplapper, das man ruhigen Gewissens vergessen kann.
Die Weisheit der Vergangenheit löst sich auf und
verliert ihre Konturen. Vom dem, was einst initiatische und magische
Prin¬zipien waren - magisch im weiteren Sinn der Magie als Magna
Scientia, „große Wissenschaft" -, bleibt nur noch eine vage Erinnerung;
sie findet sich in unzusammenhängenden Resten wieder, die oft im
Volksglauben erhalten geblieben sind, wo systematisch Dinge wiederholt
werden, die zwar niemand mehr versteht, die aber aufgrund ihrer
unerklärlichen Wirkungskraft respektiert werden. Früher lebendige
Wissenschaften und Künste sind heute zu toten Gebilden
zusammengeschrumpft, die als Aberglaube weiter existieren, womit sie
jedoch ihre Integrität verlieren und im Bereich des Unglaubwürdigen und
Absurden versinken.
Doch es gibt keinen Ersatz dafür; es gibt keine
anderen Wissenschaften oder Künste, die in der Lage wären, die
Schrecken zu mildern, durch welche die Menschheit gegeißelt wird; und
es gibt auch keine Götter, die den Krankheiten, dem Elend, dem Alter
oder dem Tod etwas entgegenzusetzen hätten...
Unter solchen Umständen ist es nicht erstaunlich,
dass die Menschen sich wieder seherischen Praktiken zuwenden, in denen
sie Linderung für ihre ständige Unsicherheit suchen. Sie geben sich mit
dem Brotkrumen zufrieden, die einst Brot waren; aber der Hunger braucht
nicht viele Argumente.
Denken wir daran, dass die Kunst des Hellsehens in der Antike nicht
einfach eine Vorhersage der kommenden Geschehnisse war, sondern eine
ganze Reihe von Formeln und Prozessen, durch die man aufgrund der
Vergangenheit und der Gegenwart die Zukunft erkennen konnte. Oder, mit
einem Wort gesagt, es handelte sich um intelligent angewendete
Erfahrung. Doch die Wissenschaften von einst sind heute zu einem
abergläubischen Abglanz degeneriert, und die meisten Menschen gehen
darin konform, dass die Astrologie, die Chiromantie, die Physiognomie,
die Vorhersage durch Träume oder durch verschiedene Naturgeister und
eine Reihe weiterer Praktiken äußert dubios sind. Und dennoch wünschen
sie sich, daran glauben zu können, denn sie brauchen die Absicherung
durch die Vorhersagen.
Zwar würde das kaum jemand zugeben, doch hat wohl
jeder seinen ganz individuellen Fetisch, sein Amulett, seinen
Glücksbringer. Diese Gegenstände sind zwar nicht nach der Regeln der
antiken Kunst hergestellt, besitzen ihren Wert aber dennoch allein
bereits durch den Glauben, den man in sie legt. Alle streben ängstlich
danach, das Böse und den Schmerz zu bannen, sich vor Krankheiten und
nicht beherrschbaren Dingen zu schützen.
Nichts Neues unter der Sonne
Das Phänomen des Aberglaubens ist nicht neu. Dies
hat es immer gegeben, auch wenn man in den besseren zivilisatorischen
Zeiten nicht davon sprechen konnte, dass es im Widerspruch zur Religion
oder zur wissenschaftlich-philosophischen Vernunft steht; vielmehr
taucht das Phänomen hier als eine besondere Art der Interpretation der
Lebensereignisse auf.
In die Großen Mysterien waren nicht alle eingeweiht
- nicht einmal in die religiösen Mysterien. Daher gab es auch immer
Menschen, die sich damit zufrieden gaben, sich regelmäßig wiederholende
Ereignisse als Erklärung für bestimmte Geschehnisse und
Auslösemechanismen heranzuziehen. Dazu waren nicht viele Erklärungen
nötig und es wurden meist viele Beispiele als „Beweise" angeführt.
Der Aberglaube von heute unterscheidet sich nicht
sonderlich vom Aberglauben anderer Zeiten, nur tritt er oft in
verschiedenen neuen Gestalten in Erscheinung. Heute wissen vielleicht
die meisten, wie das Universum aufgebaut ist, aus welchem Material das
Sonneninnere oder das Innere der Planeten besteht - doch was denkt man
über den Sinn des Lebens oder über die Ursache von Existenz und Tod?
Reichen die wissenschaftlichen Diskurse aus, um uns all die Geheimnisse
zu erklären, die sich dem Verständnis der meisten Menschen entziehen?
Nein. Deswegen gibt es weiterhin Aberglaube und Abergläubige und eher
Leichtgläubige als Gläubige; denn kaum jemand kann oder will von sich
behaupten, seine Kenntnisse im oben genannten Bereich vertiefen zu
können.
Wie immer wird auch hier das Wissen auf zwei
verschiedene Weisen gesucht und erlangt: einerseits durch gütige
Überredung und Gewöhnung an jene Elemente, die gut für die Menschen
sind oder andererseits durch gewalttätige Aggressionen gegen das
Mysterium. Der eine Weg ist weiß, der andere schwarz.
Es kann hierbei unserer Aufmerksamkeit nicht
entgehen, dass in unserer Zeit eine besondere Vorliebe für das
Gewalttätige und Makabre vorherrscht sowie eine starke Neigung zu den
niedrigsten Formen von Zauberei und „Satanismus", ein Bund mit dem
Perversen und Bösen. So sieht das allgemeine Umfeld aus, und es
überträgt sich unglücklicherweise auch auf den Aberglauben.
Verschiedene Arten des Aberglaubens
Im Allgemeinen wurden physische Ge¬brechen als
Stigmata angesehen und als Zeichen einer unwürdigen oder
schwergeprüften Seele interpretiert. Insbesonde¬re wurde die Form oder
Verformungen des Kopfes betrachtet, - als heiligster Teil des Körpers;
die Zähne, die Augen, die Ohren und das Haar wurden analysiert... Auch
der Körper in seiner Gesamtheit spielte eine Rolle. Man suchte nach
falschen Proportionen der Glieder; ein Buckel, die Art, sich zu bewegen
oder ob man beim Gehen zuerst den rechten oder den linken Fuß
voransetzte, war ausschlaggebend...
Nicht alle Krankheiten sind auf Fehlfunktionen des
Organismus oder auf den Einfluss der eigenen Psyche oder Geistes
zurückzuführen. Es gibt Krankheiten oder Übel, die durch Zauberei,
Beschwörungen oder andere Formen der Schwarze Magie entstanden sind.
Folglich muss man diesen Übeln auch entsprechend mit Beschwörungen und
Zauberformeln entgegenwirken. Es gibt eine Vielzahl von Rezepten, um
solche Leiden zu heilen, Rezepte, die vielleicht Reste von echtem
Wissen beinhalten, auch wenn sie heute unsinnig erscheinen (und noch
dazu oft tatsächlich zu Ergebnissen führen...), weil sie im Laufe der
Zeit verzerrt und durch Unwissenheit zerstört wurden. Es gibt Sprüche
für Liebe, Reichtum, langes Leben, Gesundheit, gegen Augenleiden und
gegen viele weitere Dinge, die mit Angst und Ehrgeiz, mit Unsicherheit
und unbefriedigten Wünschen zu tun haben.
Wir finden auch Anrufungen in unverständlichen
Sprachen, um die Gunst von Geistern und Gottheiten oder auch von
Dämonen zu erlangen. Es ist alles erlaubt, um zu bekommen, wonach man
erstrebt; dabei ist es egal, ob man damit den anderen schadet.
Und das ist die große Gefahr des Aberglaubens:
Unwissenheit, Schwäche und Leichtgläubigkeit sind ein fruchtbarer Boden
für jemanden, der weiß, wie er die Umstände zu seinem Vorteil zu nutzen
vermag und die Menschen wie bewusstlose Marionetten missbraucht.
Wer ist nicht schon einmal über Glück oder Pech
bringende Gegenstände oder Taten gestolpert? Es gibt Glückszahlen, gute
Tage, Geschenke oder Gegenstände, die das Glück anziehen; dagegen gibt
es auch schlechte Tage, verbotene Zahlen, Tiere oder Menschen, die sich
uns nicht nähern dürfen, unsichtbare Wesen, die in den Gegenständen
verborgen sind... Ein zerbrochener Spiegel erschreckt, und niemand
würde wissentlich ohne weiteres unter einer Leiter hindurchgehen; es
gibt Hotels, bei denen die Zimmernummer dreizehn fehlt, und Fluglinien,
bei denen bei der Nummerierung der Sitzreihen die dreizehn ausgelassen
wurde... Es gibt Pflanzen, die heilen, und solche, die nicht wieder
gutzumachende Schäden hervorrufen. Der Mond wirkt auf die Menschen, und
seine Strahlen können sich je nach dem Zeitpunkt gut oder schlecht
auswirken...
Die ganze Natur ist voller Bedeutungen, - sowohl für
einen großen Weisen, als auch für einen einfachen Abergläubischen.
Beide haben Recht, nur weiß der erstere, worauf all das beruht, der
letztere aber geht blind seinen Weg.
Glaubensform oder Schwäche?
Beides. Der Aberglaube ist eine Glaubensform, die an
der Stelle eines verloren gegangenen Inhaltes entsteht; doch hat er die
Eigenschaft, immer mehr zu verfallen, bis er zu Situationen führt, die
in Abhängigkeit und Irrationalität münden.
Es ist eine Schwäche, die aus einem Mangel an echtem
Wissen entsteht. Deswegen werden übernatürliche Erklärungen und der
Einfluss von außergewöhnlichen Mächten gesucht, wo jedoch im Grunde
solche Naturgesetze und Mächte eine Rolle spielen, die den reichen
Ausdrucksformen des Lebens entnommen sind.
Was kann man angesichts solcher abergläubischen Überzeugungen tun? Sie verurteilen? Sie verbieten? Sie ablehnen?
Auswüchse, die tatsächlich zu Delikten werden,
müssen selbstverständlich mit den Mitteln, die uns in unseren noch
einigermaßen intakten Gesellschaften zur Verfügung stehen, gebremst und
reduziert werden. Was die anderen betrifft, so wird man ihnen durch ein
Verbot oder eine Verurteilung noch mehr Kraft verleihen.
Das Beste wäre, sich den Wurzeln zuzuwenden, den
Grund für so viele scheinbar grundlose Erscheinungsformen zu finden,
altes Wissen wiederzubeleben, das auch heute noch aktuell ist, und dem
Menschen seinen Platz in der Welt zurückzugeben. Er muss sich wieder
seiner rationalen, empfindsamen, pararationalen und intuitiven
Fähigkeiten gewiss werden. Das sollte ihm durch das Licht einer
Wissenschaft, einer Kunst und einer Philosophie bewusst gemacht werden,
das durch die Überlieferung bereichert ist und das unzählige
Möglichkeiten der Entwicklung eröffnen kann. Wir müssen anerkennen,
dass wir nicht im Besitze aller Weisheit sind, doch dass diese
Erkenntnis keine unüberwindbare Schranke sein darf. Wir sind in der
Lage, sie zu überwinden, indem wir unterscheiden zwischen dem, was noch
nicht bekannt ist, ohne dass die noch zu erobernde Zukunft oder die
vergessene Vergangenheit zwangsläufig mit traurigen, grotesken,
verzerrten oder kaum mehr unterhaltsamen Masken des Aberglaubens
bedeckt werden muss.
Autorin: Delia Steinberg Guzmán, internationale Präsidentin von Neue Akropolis
Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift „Nueva Acrópolis" in Spanien, Nr. 223, 2/94
Übersetzung: Maria Paz de Benito, Brigitte Schrödel.
(aus: Zeitschrift Neue Akropolis Nr. 68 1997)
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