Abenteuer Lebenskunst: Das Zwischenmenschliche und das Geistige
Das Neue Jahr ist angebrochen, und meistens haben wir jetzt eine Menge guter Vorsätze. Die Zeit um den Jahreswechsel, die Zeit "zwischen den Jahren", auch Raunächte genannt, ist eine Zeit des Rückblicks, des Übergangs und Neuanfangs. Die Römer weihten deshalb ihren ersten Monat des Jahres dem Gott Janus mit den zwei Gesichtern. Ein junges, das in die Zukunft blickt, und ein altes, das die Vergangenheit darstellt.
Unsere vergangene Übung - ich hoffe, Sie erinnern sich! - bestand darin, die eigenen Lebensziele anhand der Vorstellungsübung des eigenen Begräbnisses zu entwickeln. Vielleicht erschien Ihnen das etwas makaber. Doch die Beschäftigung mit dem Tod angesichts der Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens ist schon sehr alt. Seneca, der römische Stoiker, sagt in seinem Büchlein "Von der Kürze des Lebens": "Leben aber muss man das ganze Leben hindurch lernen, und worüber du dich vielleicht noch mehr verwundern wirst, auch sterben muss man das ganze Leben lernen."
Diesmal sind Sie eingeladen, ihre eigene Lebensvision zu reflektieren und zu überprüfen, ob Sie auch den philosophischen und geistigen Aspekt mit einbezogen haben. Warum sind diese beiden Aspekte so wichtig?
Im Allgemeinen erachtet man nur die sichtbare Seite des Lebens als wertvoll. Wenn wir handeln, etwas leisten, beschäftigt und im Stress sind, leben wir intensiv. Das aktive Leben mit äußeren, greifbaren Zielen scheint das wahre zu sein. Viele Menschen jagen äußerem Besitz nach, klettern auf der Karriereleiter nach oben, streben nach Ruhm und Anerkennung, verwirklichen sich durch berufliche Erfolge und verlieren sich im äußeren Leben. Bei sich denken sie: "Später werde ich Zeit für mich selbst, für meine Familie, für meine Hobbys haben..."
So dachten schon die alten Römer, denn Seneca schreibt: "Man kann die meisten sagen hören: «Vom fünfzigsten Jahre an will ich mich in den Ruhestand zurückziehen« oder: «Das sechzigste Jahr soll mich von allen Geschäften losmachen.« Und wen bekommst du denn zum Bürgen für ein längeres Leben? Wer soll machen, dass es gerade so geht, wie du es anordnest? Schämst du dich nicht, bloß den Rest des Lebens für dich aufzusparen und für den edlen Geist nur die Zeit zu bestimmen, die zu nichts mehr verwendet werden kann? Wie viel zu spät ist es doch, dann erst zu leben anzufangen, wenn man aufhören soll!"
Seneca spricht hier einen Gedanken an, den auch der Stoiker Marc Aurel, der Philosophenkaiser, geäußert hat: "Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter!"
So müssen wir uns immer und immer wieder fragen: Habe ich die richtigen Prioritäten gesetzt? Sind meine Lebensziele ganzheitlich? Gibt es auch Zeit für mein Innenleben? Kommt die menschliche Komponente nicht zu kurz?
Der amerikanische Arzt Dr. Raymond Moody berichtet in seinen Büchern von Menschen, die ein "Nahtodeserlebnis" hatten, also fast gestorben wären und wieder ins Leben zurückgekehrt sind. Diese Grenzerfahrung hatte folgende Auswirkungen: Jene Menschen hatten keine Angst mehr vor dem Tod, da sie merkten, dass ihre Existenz weiterging und sie Frieden und Geborgenheit finden würden. Außerdem entwickelten sie eine große Liebesfähigkeit und gaben dem zwischenmenschlichen Bereich in ihrem Leben eine viel größere Wichtigkeit als bisher. Und vor allem wurde es ihnen ein Bedürfnis, sich mit geistigen und philosophischen Themen zu beschäftigen.
Für die eigene Lebensvision bedeutet das, dass man sich regelmäßig Zeit nehmen sollte, einerseits für die menschliche Dimension und andererseits für die geistige. Andernfalls entdecken wir vielleicht eines Tages voller Schmerz, dass wir sehr kalt und veräußerlicht leben.
Deshalb möchte ich Ihnen nun ein paar Übungen zeigen, mit denen Sie einerseits mehr "Menschlichkeit" und andererseits mehr "Geistigkeit" in Ihren Alltag bringen können:
Tipps für die zwischenmenschliche Dimension
1. Interessieren wir uns ernsthaft für unsere Mitmenschen
Wir leben oft neben dem uns liebsten Menschen dahin, ohne ihn wirklich zu kennen oder kennen zu wollen. Wir haben die Tendenz, nicht wirklich auf den anderen einzugehen, ihm nicht richtig zuzuhören. In Gesprächen kann man oft beobachten, dass man nur wartet, bis jemand zu sprechen aufhört, um endlich selbst wieder etwas sagen zu können. So benutzt man die Worte des Gegenübers nur als Stichwort für die eigenen Anliegen. Des Öfteren beurteilen wir andere nur aus unserer eigenen Autobiografie heraus. Dabei sollten wir sie so verstehen, wie wir selbst verstanden werden wollen, und sie dann auch entsprechend behandeln. Dies eröffnet einen völlig neuen Zugang zu unseren Mitmenschen und kann unser Nebeneinander in ein tiefes Miteinander verwandeln.
2. "Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft"
Leider zermürbt uns der Alltag oft so sehr, dass wir auch vergessen, unsere Zuneigung zu anderen (die sicherlich vorhanden ist) auszudrücken. Wenn wir ihn oder sie wirklich kennen gelernt haben, weil wir uns für sie oder ihn interessieren, so wissen wir, womit wir Freude bereiten können. Kleine Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten sind so wichtig und können ein Klima der Freundlichkeit und Liebe erzeugen. Ein Lächeln, eine freundliche Bemerkung, ein Kompliment kostet uns nichts und kann so viel Positives bewirken! Wenn wir höflich und hilfsbereit sind, schaffen wir eine angenehme Atmosphäre, die uns selbst auch wieder zugute kommt.
Tipps für die geistige Dimension
1. Nehmen wir uns für uns selbst Zeit
Wir brauchen regelmäßig Zeit für uns selbst. Seneca sagt: "Kann es jemand wagen, der für sich selbst nie Zeit hat, über den Stolz eines anderen zu klagen? Jener, wer er auch sei, hat doch wenigstens zuweilen, wenn auch mit übermütiger Miene, nach dir hingeblickt und sein Ohr zu deinen Worten herabgelassen; er hat dich an seine Seite genommen; du aber hast dich noch nie für wert gehalten, dich selbst anzuschauen, dir selbst zuzuhören."
Ein sehr bereicherndes Ritual kann eine "stille Stunde" sein. Im besten Falle einmal täglich, wobei das keine ganze Stunde sein muss, sondern eine kleine Zeitspanne, in der wir ohne Radio, Fernsehen, Handy usw. uns nur mit uns selbst beschäftigen. Hier können wir an unserer eigenen Lebensvision arbeiten und/oder uns mit unserer inneren Achse in Verbindung setzen. Wenn wir ein Tagebuch führen, können wir Erlebnisse und Erfahrungen niederschreiben. Oder einfach nur nachdenken über das Leben, das wir führen, die Pläne, die wir haben, Träume... Wichtig ist, hier nicht abzudriften und unsere Gedanken ziellos schweifen zu lassen, sondern immer ein konkretes Ergebnis unserer Reflexionen zu erreichen. Das schult auch den Willen und die Vorstellungskraft.
2. Bleiben wir geistig aktiv
Viele Leute lassen ihren Geist verdorren, wenn sie nicht mehr für die Schule oder das Studium lesen müssen. Die Versuchung des Fernsehers, Betäubungsdroge Nummer eins, tut ihr Übriges, und oft vertrocknet unser höheres Denken richtig! Die mentale Ebene muss in Bewegung bleiben und immer wieder angeregt werden. So aktivieren wir auch unsere Intuitionen, höheren Gedanken und unser Innenleben. Es ist wichtig, sich mit neuen Gedanken und Kenntnissen auseinander zu setzen, um das eigene Weltbild zu hinterfragen. Man sollte jeden Monat ein bis zwei Bücher lesen. "Wer nicht liest, ist nicht besser dran als der, der nicht lesen kann." Es ist doch wirklich eine Schande, wenn Menschen, die lesen können, dies nicht tun, während es Millionen von Analphabeten gibt, die es gerne können würden... Lassen wir uns nicht selbst zu Analphabeten werden!
Ich hoffe, Sie probieren diese vier Übungen aus! Sie werden sehen, dass das tägliche Leben dadurch mehr Farbe und Tiefe bekommt! Natürlich ist es wichtig, diese Übungen zu echten Lebenshaltungen zu machen, die man nicht wieder ablegt! So kann sich ein philosophisch-geistiger Lebensstil entwickeln, der unseren Tagen mehr Freude und innere Aktivität verleiht - etwas, was wir uns ja selbst immer wünschen...
Alles Gute,
Ihre Gudrun Gutdeutsch
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 83)
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