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Die Wahrheit


Als Mulla Nasruddin am Hof Timurs lebte, beklagte sich dieser eines Tages, seine Untertanen würden nicht redlich mit der Wahrheit umgehen.

„O großer Herrscher“, sagte der Mulla, „es gibt eben die eine Wahrheit und die andere Wahrheit. Die Menschen müssen erst üben, mit der echten Wahrheit umzugehen, bevor sie die relative Wahrheit anwenden können, aber sie versuchen es immer andersherum.Folglich nehmen sie es mit der Wahrheit, die wir Menschen geschaffen haben, nicht so genau, denn sie wissen intuitiv, dass sie nur Erfindung ist.“

„Eine Sache muss entweder wahr oder unwahr sein“, entgegnete ihm Timur. „Ich werde die Leute so lange dazu zwingen, die Wahrheit zu sagen, bis sie sich daran gewöhnt haben, sich nur nach ihr zu richten.“


Nun wurden Galgen vor den Toren der Stadt aufgestellt, an denen ein hoher Gefolgsmann aus Timurs Garde Wache hielt. Jedem, der die Stadt betreten wollte, wurde verkündet, dass er zunächst eine Frage des Wachhabenden mit der Wahrheit beantworten musste.


Mulla Nasruddin begab sich vor das Stadttor und meldete sich dort gleich, um die erste Frage zu beantworten.

„Wohin gehst du?“, fragte der Soldat. “Wenn du nicht die Wahrheit sagst, wirst du sofort aufgehängt.“

„Ich gehe zu diesem Galgen, um daran aufgehängt zu werden“, teilte ihm der Mulla mit.

„Das glaube ich dir nicht!“, bekam er zur Antwort.

„Nun, wenn ich gelogen habe“, sagte er, „dann hängt mich doch auf.“

„Aber dadurch würde ich ja das, was du geantwortet hast, zur Wahrheit machen.“

„Genau“, stimmte ihm der Mulla zu, „und zwar zu deiner Wahrheit.“


Aus „Mulla Nasruddin“ – Lebensphilosophie vom weisen Narren

 
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