Der Derwisch
Einst hatte sich Mulla Nasruddin, da er Geschäfte in einer östlich gelegenen Stadt zu besorgen hatte, einer Karawane angeschlossen, die darüber sehr erfreut war, weil er den Teilnehmern durch seine Schwänke und lustigen Erzählungen die Zeit angenehm zu vertreiben wusste.
Auf ihrer Fahrt lagerten sie nahe einer größeren Stadt, in der Mulla Nasruddin zu übernachten beschloss, um sich dann in der Frühe der draußen lagernden Karawane wieder anzuschließen. Da aber in der Stadt gerade großer Markt abgehalten wurde, waren alle Gasthäuser überfüllt, so dass er nirgendwo Unterkunft finden konnte, bis ihm endlich der Verwalter des Khans, bei dem er zuletzt vorsprach, sagte: „Gewiss, du kannst hier schlafen, aber du musst dein Lager mit einem Derwisch teilen.“
Obwohl der Mulla diese Leute wegen des ihnen anhaftenden Geruchs nicht mochte, war er damit einverstanden und streckte sich neben dem Mönche nieder, nachdem er zuvor dem Verwalter eingeschärft hatte, ihn um die zweite Morgenstunde zu wecken.
Seinem Wunsch gemäß wurde er pünktlich zur betreffenden Zeit geweckt. Da es jedoch noch dunkel war, griff er auf der Suche nach seiner Kleidung daneben, nahm statt seines eigenen Kaftans den seltsam geformten Mantel des Derwischs, hängte sich denselben um und rannte davon.
Gerade als er bei der Karawane vor dem Stadttor ankam, begann es hell zu werden, und als seine Bekannten ihn in diesem merkwürdigen Aufzug ankommen sahen, fingen sie an laut zu lachen und riefen: „Mulla, wie siehst du denn aus, du hast dich ja in einen Derwisch verwandelt!“
Jetzt erkannte er seinen Irrtum, schlug sich mit der Hand vor die Stirn und sagte: „Dieser Esel von einem Verwalter. Habe ich dem Kerl doch gesagt, er solle mich wecken, und nun hat er den Derwisch geweckt!“
Aus „Quellen der Weisheit – Lebensphilosophie vom weisen Narren“
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