Bilder aus Japan
Impressionen aus dem Land der aufgehenden Sonne
In dem Buch „lntroducing Buddhism" von Kodo Matsunami fand ich folgende Passage, die ich diesen japanischen Reiseeindrücken voranstellen möchte:
In einer buddhistischen Schrift wird erzählt, dass sich Sudhana, ein Sucher des Weges, auf eine lange Reise begab, um die Wahrheit zu finden. Er befragte die unterschiedlichsten Menschen, die er alle als seine Lehrer betrachtete, denn er glaubte, dass die Wahrheit weder eine bestimmte Form der Handlung sei, noch dass sie ein bestimmtes Aussehen habe oder an einem besonderen Ort lebe, noch, dass ihr Rettungswerk sich auf ein auserwähltes Volk beschränke. Im Gegenteil, er dachte, dass die Wahrheit in unzähligen Aktivitäten und Körpern sowie an unzähligen Orten anwesend sei, und dass sie immer und überall für die Rettung aller Wesen arbeite. Die Wahrheit sei immanent in uns und gleichzeitig transzendent: Für die Wahrheit gibt es keine Grenzen.
Ich besuchte mit Mio die alte Dame, bei der sie die Teezeremonie erlernte. Soweit ich begriffen habe, ist das ein umfassender Unterricht in Benehmen und traditioneller Kultur und dauert Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Die Ausbildung erstreckt sich auch auf so grundlegende Fragen wie die, wie man eine Schiebetür öffnet: im Knien selbstverständlich. Man fasst in die dafür vorgesehene Vertiefung und öffnet die Tür zuerst einen Spalt, dann mit der einen Hand ungefähr zur Hälfte, den Rest mit der anderen Hand. Die Lehrerin war vom langjährigen Sitzen mit untergeschlagenen Beinen und den vielen Verbeugungen schon ganz klein und rund geworden. Seltsamerweise machte mir das Sitzen mit der Zeit immer mehr Schwierigkeiten. Ob das eine unbewusste Reaktion war? Wenn man in der japanischen Gesellschaft nicht mehr ganz außen steht und die Unwissenheit des Touristen zu bröckeln beginnt, dann merkt man plötzlich, wie viele Regeln es zu beachten gibt. Weil man aber nicht daran gewöhnt ist und ständig aufpassen muss, wird es anstrengend. Aber es stimmt schon, dass das Leben durch das Zeremonielle einen besonderen Ausdruck bekommt.
Am Fuße des Fujiyama, bei Isshiki in der Präfektur Yamanaschi, gibt es einen Wald, ein großes unberührtes Paradies für Tiere. Es führt ein Weg hindurch, auf dem die Leute gerne wandern. Den Weg zu verlassen ist nicht angebracht: Man verläuft sich sehr leicht, und auch ein Kompass ist keine Hilfe, denn er zeigt durch den hohen Eisengehalt des Bodens eine falsche Richtung.
Dieser Wald ist jährlich das Ziel von Hunderten von Selbstmördern, die sicher sein wollen, dass ihre Körper nie gefunden werden. Im Westen sind es wohl mehr berühmte Bauwerke, die als Schauplatz eines Selbstmordes in Frage kommen wie der Eiffelturm oder die Golden Gate Bridge. In Japan werden Selbstmörder eher von Naturphänomenen angezogen. Eine weitere Attraktion ist der Vulkan Mount Mihara auf der Insel Oshima.
Der Wald am Fuße des Fuji heißt Aokigahara. Auch er zieht viele Selbstmörder an, was insbesondere durch das Buch Tower of Waves von Matsumoto Seicho ausgelöst wurde. Da soll noch jemand sagen, Bücher hätten keinen Einfluss auf die Menschen oder seien nicht gefährlich!
In dem Vorortzug saßen mir eine Frau und ihre Tochter gegenüber. Dass der Mann an ihrer Seite zu ihnen gehörte, erkannte ich nur daran, dass die Frau ihn einmal kurz weckte und ihn bat, näher zu rücken, um so für einen weiteren Fahrgast Platz zu machen. Ansonsten schlief er die ganze Zeit über oder tat wenigstens so, kümmerte sich jedenfalls in keiner Weise um Frau und Tochter.
Das Mädchen war vielleicht acht oder neun Jahre alt, hatte einen etwas zu großen Kopf und eine Frisur mit zu hoch abgeschnittenem Pony, eine runde, randlose Brille und eine dicke, herabhängende Unterlippe. Dadurch verlor sich auch bei ihr schon das Kinn, das bei der Mutter völlig verschwunden war. Diese hatte einen dünnen, kleinen, roten Mund in einem weiß geschminkten Gesicht, was dem Schönheitsideal einer japanischen Frau entspricht. Zuerst redete die Mutter leise auf die Tochter ein, dann nickte auch sie ein, die Schultern hochgezogen und die Hände im Schoß, mehr gewunden als verschränkt. Der Kopf war zur Seite gesunken und hing kraftlos auf dem Hals, wie eine welke Blüte auf einem geknickten Stängel. Der ganze schmächtige Körper neigte sich zu ihrer Tochter. Wie wird das Mädchen das verkraften, schoss es mir durch den Kopf.
Wut kam in mir hoch, ja, Wut über diese Frau und dieses Mädchen. Warum macht ihr euch so klein, hätte ich sie anschreien mögen, warum tut ihr so, als müsstet ihr euch für euer Dasein entschuldigen?! Unglücklichsein macht hässlich, wisst ihr das nicht? Leid macht hässlich, Leiden macht hässlich. Warum wehrt ihr euch nicht, warum lebt ihr nicht?! Ich hätte sie anbrüllen können. Als der Zug hielt und sich alle erhoben hatten, sah ich, dass die Frau verkrüppelte Hände hatte und hinkte.
Um heutzutage nach Ohara zu kommen, fährt man von Kyoto aus eine Stunde mit dem Bus. Früher war das ein größeres Unternehmen, denn es gab eine Zeit, wo Ohara für kaltes Klima, Weltabgeschiedenheit und Exil stand. So ganz ist das auch heute nicht vergessen. Man fährt mit dem Bus durch Dörfer und üppige Felder, aber hinter der Endhaltestelle rücken die Berge nahe zusammen. Die dichte dunkelgrüne Belaubung kann an trüben Tagen wohl einen düsteren Eindruck hervorrufen, und es weht auch eine andere Luft als in der Stadt, Gebirgsluft, unverkennbar. Aber heute scheint die Sonne, und die Frische, die vom feuchten Wald und den unter Wasser stehenden Reisfeldern ausgeht, ist willkommen. Man geht zwischen den Feldern hindurch, über kleine Brücken, an verstreut daliegenden, teilweise noch mit Stroh gedeckten Häusern vorbei in einen Seitenarm des Tales hinein. Da, wo der Weg immer schmaler wird - und, auch das ist wahr, immer dichter von Souvenirläden gesäumt ist, führt eine steile, mit Moos bewachsene Treppe den Berg hinauf zum Jakko-in. In der melancholischen Atmosphäre, die diesen kleinen Tempel umgibt, vollendete sich die Geschichte vom Untergang des Geschlechts der Taira. Hier verbrachte Kenrei-mon-in, die ehemalige Kaiserin, den Rest ihres Lebens als Einsiedlerin. Einmal wurde sie unverhofft von Go-Shirakawa besucht, der als Kaiser abgedankt hatte. Zwei vom Himmel gefallene Sterne, die in dieser kurzen Begegnung noch einmal aufflammten und eine Kultur aufleuchten ließen, die mit ihnen für immer verlosch...
Der vierte und letzte Tag des 0-Bon-Festes. Die Seelen der Toten, die zu Besuch gekommen waren, werden am diesen Tag wieder hinweggeleitet. Gleichzeitig findet das Daimonji statt: An fünf Berghängen um Kyoto herum werden riesige Feuer in Form von chinesischen Schriftzeichen entfacht. Ich bin mit Freunden nach Arashiyama gefahren, von wo aus man die Feuer besonders gut sehen kann, und wo Hunderte von brennenden Papierlaternen langsam den Fluss hinunter treiben, um den scheidenden Seelen das Geleit zu geben.
Die Brücke in Arashiyama, die über den Katsura-Fluss führt, ist dafür berühmt, dass man von hier aus besonders gut den Mond sehen kann. Und wirklich kam er auch bald heraus und beleuchtete die Brücke und die vielen Menschen, die auf ihr und zu beiden Seiten des Flusses versammelt waren. Unter der Brücke wurden die Laternen ins Wasser gesetzt, von wo sie leuchtend, still und langsam den Fluss hinunter trieben (weiter unten wurden sie dann wieder herausgefischt). Jedes Laternchen besteht aus einem Holzboden, einer Kerze, einer Papierumhüllung und einem Streifen festen Papiers, auf dem der Name des Toten steht und der Name desjenigen, der an ihn denkt. Wir saßen lange am Ufer, überließen uns diesem magischen Schauspiel und philosophierten. Als der Andrang etwas abgeebbt war, näherte auch ich mich dem Tisch, an dem buddhistische Priester saßen, und bat um eine Laterne. Ich dachte an meinen Großvater und schrieb auf den Papierstreifen: Für Robert Fehlfisch von Savina Jarosch. Damit musste ich vor einen Altar treten, wo ich den Papierstreifen nach einem Weihrauchopfer niederlegte. Alles Weitere konnte ich nicht mehr beeinflussen, aber ich bin sicher, dass das Papier ins Laternchen gesteckt und beides dem Fluss übergeben wurde.
Erinnern Sie sich noch an Tarkowskis Film „Nostalgija"? An die Szene, wo der Hauptdarsteller mit einer brennenden Kerze durch das Wasserbecken geht? Im Shimogamo-Schrein in Kyoto gibt es einen sommerlichen Ritus, der diese starke, symbolträchtige Handlung zum Inhalt hat: Mitarashi Matsuri.
Nachdem man zuerst den Göttern seinen Respekt erwiesen hat, wird man durch gespannte Seile zu einer Art Pforte gebracht, wo man seine Schuhe auszieht und in eine Plastiktüte steckt und gegen 100 Yen eine kleine Kerze bekommt. Dann geht man zu einem Bach hinunter, entzündet dort seine Kerze und watet mit gerafften Röcken oder hochgekrempelten Hosenbeinen in dem knietiefen Wasser bis vor einen Schrein, vor dem man seine Kerze aufsteckt. Dann verlässt man den Bach, zieht sich seine Schuhe wieder an und bekommt (gegen Bezahlung) eine Schale Wasser zu trinken.
Wie alle Shinto-Feste ist auch dies ein Familienfest. Menschen aller Altersstufen - Kinder und alte Leute, Schwangere, denen dadurch eine leichtere Geburt verheißen wird, und Eltern mit Babys - waten durch den Bach, jeder mit einer brennenden Kerze in der Hand. Natürlich gibt es viel Spaß dabei; in Shinto-Schreinen darf gelacht werden.
Dieser Ritus verheißt Genesung von Krankheiten, besonders Beriberi. Diese Krankheit dürfte nicht mehr so häufig vorkommen, hoffen wir also, dass sich die Heilkraft des Wassers auch auf andere Leiden erstreckt. Wie dem auch sei, es ist sehr erfrischend, durch das kühle Wasser zu waten, und hinterher fühlt man sich wirklich wie neugeboren.
Zu beiden Seiten des Kamo-Flusses kann man praktisch von einem Ende der Stadt zum anderen laufen. Ich habe mir angewöhnt, die Strecke zwischen der Bahnstation, wo ich ankomme, und der Bibliothek, die ich jetzt in den heißen und feuchten Monaten besonders häufig aufsuche, zu Fuß zurückzulegen. Der Weg ist angenehm; vom Fluss her weht ein kühler Wind, und man begegnet so vielen Fußgängern und Fahrradfahrern, als wäre das Auto noch nicht erfunden. In dem nur knietiefen Wasser des Flusses stehen regungslos die Angler. Der stadtauswärts gerichtete Blick ist besonders schön: In verschiedenen Schattierungen von Graublau bilden die übereinander gelagerten Hügelketten den Horizont.
Entlang des Flusses finden allerlei Betätigungen statt, für die in den kleinen und hellhörigen japanischen Häusern kein Platz ist. An einer Brücke spielt ein jugendliches Blasorchester. Manche üben gemeinsam; die meisten aber stehen oder sitzen in Abstand von einigen Metern voneinander entfernt, und jeder bläst konzentriert und mit voller Lautstärke in sein Instrument. Unter derselben Brücke haben Obdachlose ihr Lager aufgeschlagen. Sie blicken teilnahmslos in den Fluss, wahrscheinlich hindert die Musik sie am Schlafen. Ein buddhistischer Mönch fährt lautlos auf seinem Fahrrad vorbei.
Die Verteilung der jungen Musiker auf der Uferböschung und die von ihnen hervorgerufene Kakophonie wirken leicht absurd. Wenn die Obdachlosen auf ihren Pappendeckeln einen Aspekt der leidvollen Realität darstellen, dann verkörpert der vorbeiradelnde Mönch vielleicht den lautlosen Einbruch der Transzendenz.
Ebenso lautlos und unbemerkt hat sich inzwischen der Himmel verdunkelt, und Mount Hiei ist mit Wolken bedeckt. Als die ersten Tropfen fallen, nehmen die jungen Musiker ihre gold- und silbern schimmernden Instrumente und flüchten unter die Brücke. Die Obdachlosen sitzen bereits im Trockenen. Dem Mönch kann man nur wünschen, dass er einen Regenschirm bei sich hatte.
In Kyoto läuft gerade eine Reihe von Filmen über den berühmten Meister der Schwertkunst und Zen-Maler Miyamoto Musashi, der von 1582 bis 1645 lebte. Die besseren Filme sind unterhaltend, die schlechteren sind langweilig. Leider weiß man das nie vorher. Im Allgemeinen wird Musashi als eine Art japanischer Westernheld dargestellt, der an jeder Straßenecke in Kampfgetümmel verwickelt wird und am liebsten dreinschlägt.
Der historische Musashi war wohl in Wirklichkeit etwas anders. Er selbst nannte sich „Niten-Doraku" 'was soviel bedeutet wie „Zwei-Himmel-Weg-Genuss".
Der „Weg-Genuss" heißt im Buddhismus auch Dharma-Genuss oder Samadhi des Spiels und wird folgendermaßen erklärt: Wer nur durch Fleiß und Anstrengung auf dem „Weg" gehalten werden kann, ist noch ganz am Anfang. Wird der Weg erkannt, kommt zur Anstrengung der Weg-Genuss hinzu, ist das ein Vorzeichen des großen Erreichens. Wenn der Weg zur inneren Notwendigkeit wird, dann ist die Stufe des Meisters erreicht, und alles ist Weg-Genuss.
Was aber sind Musashis „Zwei Himmel"? Normalerweise verhalten sich die Japaner als Autofahrer - oder Motorradfahrer - sehr rücksichtsvoll. Als ich heute durch Kyoto schlenderte, brausten mehrmals Motorräder mit höllischem Lärm und einer irrwitzigen Geschwindigkeit an mir vorbei. Auf den Motorrädern saßen jeweils zwei junge Männer ohne Sturzhelm. Sie hielten an keiner Ampel und verlangsamten nur unwesentlich die Geschwindigkeit.
Ich überlegte mir gerade, ob ich noch zur Meditation ginge, wenn ich jetzt Zeuge eines Unfalls würde, da hörte ich Bremsen quietschen und sah ein Motorrad auf ein quer stehendes Auto zurasen. Ich presste die Hände automatisch auf die Ohren und drehte den Kopf zur Seite. Als ich wieder hinsah - es können nicht mehr als fünf Sekunden vergangen gewesen sein - sah ich das Motorrad auf der Straße liegen. Die beiden jungen Männer rannten davon, als wäre der Teufel hinter ihnen her... Es konnte ihnen also nichts passiert sein. Das Seltsame war nur, dass vom Auto keine Spur mehr zu sehen war. Es musste sofort weitergefahren sein.
Als die Jungs merkten, dass ihnen niemand folgte, rannten sie zurück und versuchten, das Motorrad von der Straße zu schieben. Vergebens, es ließ sich nicht bewegen. Daraufhin ließen es die beiden mitten auf der Fahrbahn liegen und verschwanden in einer Nebenstraße.
Viele Leute sahen diesen Unfall. Ich wartete lange, um zu sehen, was passieren würde. Aber nichts geschah, außer dass der ganze Verkehr plötzlich abbremsen musste, weil nachfolgende Autos auf das Hindernis aufgefahren waren.
Nach langer Zeit bin ich wieder einmal zu einer Teezeremonie gegangen. Was ich - neben der drei Formen der Verbeugung und der richtigen Art, die Tokonoma-Nische zu betrachten - gelernt habe, ist, auf buchstäblich wie viel Schmerz diese ganze Schönheit gegründet ist.
Im Nebenzimmer, durch eine dünne Abtrennung hindurch, sah ich die vier oder fünf amerikanischen Tee-Lehrer der Schule, die eine Zeremonie für sich selbst abhielten: wie sie in ihren Kimonos entspannt und ruhig im Raum verteilt saßen und leise sprachen. Dies war ein Hinweis darauf, was eine Teezeremonie sein kann. Die vorgeschriebenen Formen füllten sich nicht nur mit Leben, nein, sie zeigten auch, dass sie ein überaus natürlicher Ausdruck höchster Harmonie im Menschen waren. Jedes Anzeichen von Anstrengung war verschwunden.
Die Teezeremonie ist eine Kunst, die vielleicht mit der alten Malerei verglichen werden kann, wo ja auch ein bestimmter Kanon zu beachten war, der im besten Fall eine Ordnung höherer Art durchscheinen ließ, im schlechtesten Fall den Ausführenden selbst der Lächerlichkeit preisgab. Und noch eine Parallele fällt mir ein: Der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Teezeremonie ist wie der Unterschied zwischen Buchstabenglauben und der geistigen Durchdringung eines Gesetzes. Hier wie überall gilt, dass der Geist lebendig macht, aber selten wird dies so deutlich wie bei einer gelungenen Teezeremonie.
Ich habe mich gut im Hause Fukuda eingelebt, oder sollte ich sagen in der „Kirche"? Denn obwohl Frau Fukuda, eine energische Witwe, mit ihren beiden jüngeren Töchtern und einer Hausangestellten hier wohnt, ist dieses Haus eigentlich eine Art Kirche, deren Glaubensbekenntnis Johrei heißt. Soweit ich verstehe, ist Johrei eine göttliche Kraft, dem Licht vergleichbar, das Krankheiten und Sünden, also körperliche und geistige Gebrechen, heilen kann. Der Glauben ist mit einer individuellen Religion vereinbar. Stifter ist der 1955 verstorbene Japaner Mokichi Okada. Außer in Japan und Korea ist die Kirche insbesondere in Sao Paolo vertreten, was mich nicht weiter wundert, denn dort gedeihen viele Sekten. Ich war nie bei einer ihrer Feiern; ich weiß nur, dass Johrei durch Handauflegen übertragen wird.
Es war wie das heisere Keuchen eines Wolfshundes. Als ich dieses Furcht einflößende Geräusch, das sich in kurzen Abständen wiederholte, zum ersten Mal hörte, war in der Kirche gerade eine Feier, und ich nahm an, dass diese Laute von einem Menschen stammten. Früher wäre das ein Fall für den Exorzisten gewesen. Ich hoffte, dass Johrei schnell seine Wirkung tun möge. Ich habe dieses Geräusch noch mehrmals gehört, immer abends oder nachts. Ich sprach mit einer Amerikanerin darüber, die vor mir im Hause Fukuda gelebt hatte. Sie erinnerte sich gut. Einmal hatte sie nach diesen Lauten gefragt. Die Antwort, die sie erhielt, war ausweichend und sollte suggerieren, dass diese Geräusche nur in ihrem Kopf existierten.
Ich bin dem Geheimnis dieses unmenschlichen Keuchens nie auf die Spur gekommen. Bezeichnenderweise habe ich auch nicht versucht, jemand im Haus selbst zu fragen. Ich war mir sicher, keine Antwort zu erhalten. Ein Hund kommt nicht in Frage; es gab weder in unserem Haus noch in der unmittelbaren Nachbarschaft Hunde. Das Heulen eines Werwolfs, das war es.
Was ist das? Man muss sich lange vorher anmelden, bekommt viele Stempel, muss aber nichts dafür bezahlen? Richtig, ein Besuch in der kaiserlichen Villa Katsura.
Leider wird man in einer Gruppe durchgeschleust. Vorne geht ein Führer, der alles auf Japanisch erklärt, und hinten geht einer, der aufpasst, dass niemand zurückbleibt oder sonst wie auf Abwege gerät. Das ist wohl auch nicht anders zu machen, denn ein so fragiles Kunstwerk wie ein japanischer Garten mit seinen Teehäusern ist achtlosen Touristenhorden sicher nicht gewachsen.
Die Villa steht nun 350 Jahre und war von allen Verwüstungen auf wunderbare Weise verschont geblieben. Was man zu sehen bekommt, ist wirklich ein Kunstwerk aus geschaffener Natur, das nicht mit Kostbarkeiten prunkt, sondern gerade in seinem entschiedenen Verzicht auf alles Dekorative, in seinem Willen zu äußerster Einfachheit und Zurückhaltung, nur durch Verwendung feinster Materialien seine aristokratische Natur offenbart. Ein Pavillon wurde extra dafür gebaut, damit man den Widerschein des Mondes im See besonders gut beobachten kann.
Solange es noch möglich ist, seine Sinne, seine ästhetischen und verstandesmäßigen Maßstäbe an solchen absoluten Kunstwerken zu erfrischen, kann die Welt nicht ganz der Barbarei anheim fallen!
Ort der Handlung: Der Jasaka-Schrein am Vorabend des Festes Gion Maisuri. Mit Einbruch der Dunkelheit flammten rund um den Schrein Hunderte von Papierlaternen auf. Auf der Bühne begann eine Abfolge von Szenen, die alle ein Thema hatten: den Kampf zwischen Gut und Böse. Die Guten waren Priester oder Helden, die Bösen Menschen oder Dämonen, aber immer waren die Kostüme von überwältigender Pracht. Oft trugen die Akteure mehrere Kostüme übereinander, was eine Verwandlung auf offener Bühne zuließ. Durch einen geschickten Handgriff, durch eine Drehung fiel das Obergewand, das gleich hinter den Vorhang gezogen wurde, und die Handlung setzte sich praktisch ohne Unterbrechung fort.
Den Höhepunkt und Abschluss bildete der Drachentanz. Die Drachen bestanden aus 16 Meter langen Papierkörpern, die jeweils von einem einzigen Mann unter dem Kopf des Drachens bewegt wurde und zwar so, dass dieser Mann nie zu sehen war. Eine einzigartige Leistung, wenn man bedenkt, dass sich die Drachen nicht nur über die Bühne schlängelten, sondern sich auch ineinander wanden, die Schwänze peitschten und sich in Windungen steil aufrichteten, Feuer speiend und mit funkelnden Augen. Der Held kämpfte mit seinem Schwert gegen die Drachen, wurde halb erdrückt, siegte letztlich doch und rettete auch noch die Prinzessin, die schon fast in den Drachenwindungen verschwunden war. Sie hatte während der ganzen wilden Szene unbeweglich in einer Ecke gestanden, nur leicht mit dem Fächer wedelnd, eine No-Maske vor dem Gesicht. Punkt, Kontrapunkt.
Im Westen gibt es nichts Vergleichbares mehr, und das macht die Beschreibung so schwer. Man versuche sich aber die farbenprächtigen Kostüme vorzustellen, die fesselnde Handlung, die vielen Laternen, die Shinto-Schreine im Wald, und man bekommt vielleicht eine Ahnung von der Magie des Augenblicks.
In seinem Prosagedicht „Guadalquivir" erwähnt Yasushi Inoue einen gewissen Rokuemon Hasekura (1571-1622), einen Gefolgsmann des in Sendai residierenden Lehnfürsten Masamune Date. In dessen Auftrag reiste er 1613 über Mexiko nach Spanien und Rom, um Handelsbeziehungen zu knüpfen. In Madrid erhielt er die Taufe, in Rom wurde er von Papst Paul V. empfangen. Seine politische Mission blieb erfolglos. Inoue beendete dieses Gedicht mit den folgenden wunderschönen Worten: "...Erst hier, über die roten Wasser des Guadalquivir gestellt, besaß der Japanische Sendling das dem Frommen eigene bleiche Antlitz und hinter sich den langen Schatten."
Diese Prosagedichte, die in einem Bändchen der Bibliothek Suhrkamp erhalten sind, wurden aus verschiedenen Gedichtbänden zusammengestellt. Inoue sagt, dass sie wohl erst für den Leser zu Gedichten werden. Für ihn seien sie eher „Behältnisse zur Konservierung des Lyrischen", damit all die „kleinen, geheimen Bedeutungen", die er in den Dingen der äußeren Welt entdeckt, nicht irgendwohin entweichen.
Ich fühle mich diesen Gedichten vom Stil und von der Betrachtungsweise her wesensverwandt. Die Poesie im Alltag zu erkennen und sichtbar zu machen, das ist Zen, das ist Kunst, und das ist sehr japanisch - bin ich vielleicht darum hier?
Autorin: Sabina Jarosch
(aus: Zeitschrift Neue Akropolis Nr. 69 1997)
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