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Ist die Philosophie tot?

Wie man die Schwächen zeitgenössischen Philosophierens vermeiden kann

 

Noch nie hat es so viele Philosophie-Professoren und gleichzeitig so wenig neue, interessante und nützliche Philosophie gegeben. Tatsächlich hat sich seit dem Ende des zweiten Weltkrieges die Zahl der berufsmäßigen Philosophen mindestens verzehnfacht. Dieser Zuwachs ging einher mit einer ganzen Reihe von Kongressen, Büchern und Zeitschriften über Philosophie. Die überwiegende Mehrzahl der Philosophen jedoch bringt keine neuen Ideen hervor. Sie unterrichten, kommentieren oder kritisieren die Ideen von anderen, seien sie lebend oder tot, oder sie beschäftigen sich mit Spitzfindigkeiten oder Wortspielereien.

 

Die Bedeutung der gegenwärtigen Krise der Philosophie kommt in der übertriebenen Verehrung zweier bekannter „Antiphilosophen" zum Ausdruck: Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger. Beide waren von der Sprache besessen, ignorierten aber die wissenschaftli­chen Umwälzungen, die sich vor ihrer Nase abspielten, und keiner von beiden löste auch nur ein philosophisches Pro­blem.


Aber sowohl der Begründer der Philoso­phie der gewöhnlichen Sprache als auch der Vater des modernen Existentialismus schlugen Wege ein, die vom akademi­schen Standpunkt aus äußerst gewinn­bringend waren: Zahlreiche Professoren sind damit beschäftigt, die Texte der Klas­siker zu kommentieren, zu interpretieren und nochmals zu kommentieren. Einer der Gründe für die Popularität von Witt­genstein und Heidegger liegt darin, dass für die Lektüre ihrer Bücher keine Vor­kenntnisse notwendig sind.


Wenn aber ein Philosoph wie Wittgen­stein tatsächlich glaubt, dass sowohl die Philosophie als auch er selbst als Philo­soph am Ende sind, dann hat er die mo­ralische Pflicht zu schweigen. Denn er ist ja überzeugt davon, dass er zur Philoso­phie nichts Neues mehr beitragen kann. Wenn einer dagegen nicht an den Tod der Philosophie glaubt oder meint, dass sie zwar angeschlagen ist, aber noch geret­tet werden kann, dann muss er etwas tun, um sie zu retten. Und das Einzige, was er guten Glaubens zur Erneuerung der Phi­losophie beitragen kann, ist, selber ein bisschen zu philosophieren. Denn nach einer alten Volksweisheit gibt es keine schlimmere Schlacht als die, die nicht geschlagen wird.


Welchem von beiden sollen wir Glauben schenken: dem Pessimisten oder dem Optimisten, dem Totengräber oder dem Arzt? Ich meine, dem letzteren, und zwar aus dem einfachen Grund, dass es zahl­reiche philosophische Probleme gibt, die nicht gelöst, oder - schlimmer noch - schlecht gelöst wurden. Solange es noch ein offenes philosophisches Problem gibt sowie einen Geist, der daran arbeiten will, solange bleibt die Philosophie am Leben.


Alles in allem glaube ich, dass die Philo­sophie nicht tot, sondern nur krank ist. Wenn dies zutrifft und wenn wir das Wie­dererstarken der Philosophie anstreben, müssen wir die richtige Diagnose stellen: Wir müssen die Übel beim Namen nen­nen, die der Philosophie den Garaus ma­chen.


Meine Diagnose besagt, dass die Philoso­phie unserer Zeit von den folgenden Wi­drigkeiten gekennzeichnet ist:

 

•1. Verdrängung der eigentlichen „Beru­fung" durch den Beruf.

•2  Keine klare Trennung zwischen Phi­losophie und Geschichtsschreibung.

•3  Keine klare Trennung zwischen Tief­gründigkeit und unverständlicher Ausdrucksweise.

•4  Starke Überbewertung der Sprache.

•5. Subjektivismus. *

•6. Rückzug auf unbedeutende Proble­me und Spitzfindigkeiten.

•7. Formalismus ohne Substanz und Sub­stanz ohne Form.

•8. Geringschätzung von Ordnungsprin­zipien, Überbewertung des Frag­mentarischen.

•9. Loslösung von den geistigen Impulsen der modernen Kultur: Wissenschaft und Technik.

GlG Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Problemen.

 

Schauen wir uns diese Widrigkeiten ein­mal im Detail an.

Das erste der erwähnten Übel ist die übertriebene Professionalisierung. Früher war das Philosophieren eine Angelegen­heit von Menschen mit Liebe zur Sache, von Suchern der Weisheit. Seit einigen Jahrhunderten ist die Philosophie ein Be­ruf wie jeder andere. (Ich kenne jedoch keinen Philosophen, der seinen Beruf als ebensolchen angeben würde.) Außerdem gibt es heute so viele Lehrstühle für Phi­losophie, dass zwangsläufig viele davon von Leuten ohne wahre Berufung besetzt sind. Schlimmer noch, viele von ihnen sind gezwungen zu publizieren, um ei­nen Posten oder eine Beförderung zu be­kommen.


Das zweite Übel ist die Verwischung zwi­schen der Beschäftigung mit Philosophie und der Beschreibung ihrer Geschichte. Zweifellos ist die Kenntnis ihrer Vergan­genheit für den Philosophen wichtiger als für den Chemiker oder Biologen, denn viele philosophische Probleme wurzeln in der Vergangenheit und sind noch un­gelöst. Das heißt, die Geschichte der Phi­losophie ist ein Instrument, das dem Zweck des Philosophierens dient. Aber allzu oft wird das Mittel selber zum Zweck. Das Ergebnis ist, dass wir vorwärts gehen und dabei nach hinten schauen.


Das dritte Übel ist die Verwischung zwi­schen Tiefgründigkeit und Unverständ­lichkeit. In der Tat ist es sehr schwierig, einen tiefgehenden Gedanken zu verste­hen. Andererseits ist es auch sehr ein­fach, eine Binsenwahrheit oder gar eine Absurdität für einen tiefgründigen Gedanken auszugeben. Dafür muss man nur konfuse und verdrehte Ausdrücke verwenden.


Das vierte Übel ist ein übertriebener Kult der Sprache, den man sowohl bei den analytischen Philosophen als auch bei den Existentialisten findet. Natürlich muss auch der Philosoph die Sprache sorgfäl­tig anwenden, aber darin unterscheidet er sich nicht vom Mathematiker, Geolo­gen, Schriftsteller oder Journalisten. Außerdem ist es eine Sache, korrekt und klar zu schreiben und eine andere, die Sprache zum Thema philosophischer Re­flexion zu machen. Schlimmer noch ist es, die Arbeiten der entsprechenden Ex­perten, nämlich der Linguisten, zu igno­rieren. Den Philosophen interessiert es nicht, wie dieses oder jenes Wort in dieser oder jener Sprachgemeinschaft ge­braucht wird.


Das fünfte Übel ist der Subjektivismus. Dieser umfasst alle philosophischen Leh­ren, die die objektive Realität der Welt negieren sowie die Möglichkeit, zu ob­jektiven Wahrheiten zu gelangen. Aktu­elle Beispiele für den Subjektivismus sind die Phänomenologie oder die Egologie (Theorie vom Ego) von Husserl, eine The­se, der zufolge es keine physischen Din­ge, sondern nur Beobachtungen gibt. Da­zu zählt auch die relativistische These, der zufolge jede soziale Gruppe ihre ei­genen Wahrheiten erschafft, ohne die Möglichkeit, zu einer gegenseitigen Übereinkunft zu gelangen. Der Subjektivismus ist äußerst bequem.

 


Das sechste Übel ist die übertriebene Aufmerksamkeit, die man unbedeuten­den Problemen und akademischen Spie­lereien widmet. Dazu gehören auch Spe­kulationen über mögliche Welten.


Das siebte der erwähnten Übel ist der Missbrauch des Formalismus ohne Sub­stanz sowie sein Gegenstück, die Sub­stanz ohne Form. Ersteres bezieht sich auf die Leute, die ihrer logischen Denk­weise so sehr verhaftet sind, dass sie die formale Logik nicht nur für notwendig er­achten, sondern diese auch als Grundla­ge für das Philosophieren für ausreichend halten. Das zweite trifft auf die Leute zu, die nicht wahrhaben wollen, dass man für die exakte Behandlung tiefgründiger Probleme formal-logische oder gar ma­thematische Instrumente braucht.


Das achte Übel ist die Geringschätzung philosophischer Systeme unter dem Vor­wand, dass alle früheren Systeme, wie die von Leibniz und Hegel, gescheitert sind. Das ist genauso, als wolle man die Er­kenntnisse der Physik leugnen, da sich al­le Theorien der Physik bisher als mangelhaft erwiesen haben. Das Übel ist nicht das Bestreben nach Systematisierung an sich, sondern nur bestimmte Er­gebnisse selbiger. Wir müssen unsere Ideen systematisieren, weil isolierte Ideen kaum verständlich sind und weil die Welt selbst eher ein System als eine Ansammlung isolierter Objekte ist. Eine beliebige Idee zieht andere Ideen an, ebenso wie ein Körper andere Körper an­zieht. Die Idee von Verhandlungen bei­spielsweise kann man nicht ohne die Ideen von Vorschlag und Annahme ver­stehen. Und seit Einstein ist die Idee der Zeit unverständlich, wenn man sie los­gelöst sieht von den Ideen über Ereignis, Zeit und Raum. Aus diesen Gründen brauchen wir konzeptionelle Systeme be­ziehungsweise Theorien, die wir mitein­ander verbinden müssen. Die Philoso­phie braucht die Systematisierung.


Das neunte Übel ist das Desinteresse für Wissenschaft und Technik. Dieses Desin­teresse führt zu haarsträubenden anachronistischen Spekulationen.


Als letzter Punkt bleibt die Feststellung, dass die Mehrzahl der Philosophen im El­fenbeinturm wohnt, ohne sich für die so­zialen Probleme zu interessieren. Die Philosophen der Ethik beispielsweise ig­norieren die moralischen Probleme, die durch Tyrannei und Krieg aufgeworfen werden, durch Armut und Umweltver­schmutzung.

 


Alles in allem glaube ich, dass die Philo­sophie unserer Zeit von zehn Übeln aus­gehöhlt wird. Jedes einzelne davon wür­de ausreichen, um ihr den Garaus zu ma­chen. Durch alle zehn zusammen ist sie in einen schlimmen Krankheitszustand geraten. Aber Krankheit bedeutet nicht gleich Tod. Ja, eine zutreffende Diagno­se ist die Vorbedingung für eine wirksa­me Behandlung und kann deshalb schon die erste Phase der Gesundung sein. Die Philosophie wird nicht sterben, solange wissbegierige Menschen sich mit allge­meinen Problemen befassen, deren Lö­sung nur den Zweck hat, uns beim Er­kennen der Wahrheit zu helfen. Dass nicht alle diese Menschen einen Lehr­stuhl für Philosophie innehaben, spielt auf lange Sicht keine große Rolle. Des­cartes hatte auch keinen Lehrstuhl und war trotzdem der Vater der modernen Philosophie. Für das Erstarken der Philo­sophie muss das Interesse für die allge­meinen Probleme wach gehalten werden. Wie der Volksmund sagt: Der, der kämpft, ist nicht tot. 


Autor:  Christoph Sternburg

(aus: Zeitschrift von Neue Akropolis Nr. 67, 1997)

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 18. Juni 2008 )
 
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